{"id":4035,"date":"2020-11-11T19:18:18","date_gmt":"2020-11-11T18:18:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4035"},"modified":"2020-11-11T19:18:20","modified_gmt":"2020-11-11T18:18:20","slug":"vier-pianisten-und-die-konzerte-vladigerovs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/11\/vier-pianisten-und-die-konzerte-vladigerovs\/","title":{"rendered":"Vier Pianisten und die Konzerte Vladigerovs"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio, C8060; EAN: 8 45221 08060 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Vladigerov.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4036\" width=\"461\" height=\"406\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Vladigerov.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Vladigerov-300x264.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In historischen Aufnahmen dirigiert Alexander Vladigerov (1933-1999) das Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalradios mit den f\u00fcnf Klavierkonzerten seines Vaters Pancho Vladigerov (1899-1978). Solist des Konzerts Nr. 1 a-Moll op. 6 ist Teodor Moussev (geb. 1948), Krassimir Gatev (1944-2008) \u00fcbernimmt den Solopart des Zweiten Konzerts c-Moll op. 22 (und spielt quasi als \u201eZugabe\u201c noch die F\u00fcnf Silhouetten f\u00fcr Klavier solo op. 66). Die Klavierkonzerte Nr. 3 b-Moll op. 31 und Nr. 4 G-Dur op. 48 werden von Ivan Drenikov (geb. 1945) dargeboten und beim Konzert Nr. 5 in D-Dur sitzt der Komponist selbst an den Tasten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach dringt der einstige Ruhm Pancho Vladigerovs wieder zu uns nach Zentraleuropa. In seinem Heimatland Bulgarien z\u00e4hlt er klar als legend\u00e4rer Komponist, wobei es bezeichnend ist, dass er sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg dort durchschlagende Erfolge feiern durfte. Gelitten hat durch den Krieg allerdings seine Bekanntheit au\u00dferhalb Bulgariens; er zog sich bereits 1932 g\u00e4nzlich aus Deutschland zur\u00fcck und verlor so eine vorrangige Stellung, geriet in Vergessenheit. Stilistisch zeichnet sich die Musik Vladigerovs durch eine kontinuierliche Verwurzelung in der Tonalit\u00e4t aus, die bereichert wird durch nationales Kolorit und wirkungsstarke Akkorderweiterungen. Er entwickelte fr\u00fch eine eigene Handschrift, die sich zwar vor allem an slawischen Idiomen orientiert, sich jedoch durch ihren oft \u00fcberschw\u00e4nglich t\u00e4nzerischen Gestus und die sanftere Art ihrer Lyrik von ihnen abhebt. W\u00e4hrend bei den Slawen eine Art des entpersonalisierten Weltschmerzes durchdringt, bezieht Vladigerov das Schmerzende seiner Musik auf das menschliche Individuum direkt, verleiht den T\u00f6nen so eine packend pers\u00f6nliche Note.<\/p>\n\n\n\n<p>Es verwundert nicht, dass Vladigerov dem Klavier gleich f\u00fcnf ausladende Konzerte widmete, war er schlie\u00dflich selbst ein gefragter Virtuose: Er selbst hob alle seine Konzerte aus der Taufe. Geboren wurde er in Z\u00fcrich, wuchs aber in Bulgarien auf; sp\u00e4ter siedelte er nach Berlin, wo er sich seit 1912 als Stipendiat aufhielt und eine gl\u00e4nzende Ausbildung unter anderem durch Paul Juon, sp\u00e4ter Friedrich Gernsheim und Georg Schumann genoss. Dort komponierte er 1917\/1918 auch sein Erstes Klavierkonzert op. 6 in a-Moll, das ihm bei der Urauff\u00fchrung in Sofia den Durchbruch bescherte. Seine Landsleute bejubelten die sp\u00fcrbar bulgarische Note in den T\u00f6nen, die in ein gewaltig dimensioniertes Werk eingebunden war. In diesen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war das Publikum schlicht bereit f\u00fcr diese Musik, die traditionsverbunden und doch modern t\u00f6nte, die Altes mit Neuem verband und dazu orchestrale M\u00e4chte entfesselte, die an Leid und Schmerz des Krieges gemahnten. Der Erfolg dieses monumentalen Erstlings bleibt nachvollziehbar; im Bezug auf Vladigerovs sp\u00e4tere Konzerte f\u00e4llt r\u00fcckblickend jedoch auf, dass sich hier noch keine eindeutige Handschrift abzeichnete. Vladigerov h\u00e4lt sich an seine Idole, \u00fcbernimmt viel von Rachmaninoff und Medtner, bedient sich im Finale deutlich bei den Konzerten und dem Totentanz von Franz Liszt. Klanglich \u00fcberfrachtet er das Werk teils haltlos, erschl\u00e4gt den H\u00f6rer mit Wucht und Brutalit\u00e4t. Dies wird gerade in der vorliegenden Aufnahme deutlich, in der Teodor Moussev am Klavier die Gewalt noch unterstreicht und besonders wild in die Tasten greift. Durch sparsamere Krafteinteilung h\u00e4tte man dem Konzert sicherlich mehr entlocken und auch das ethnologische Element besser vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahren untermauerte sich Vladigerovs Ruf als Tonsetzer wie als Pianist, seit 1922 betreute ihn die Universal Edition und die Wiener Philharmoniker f\u00fchrten einige seiner Orchesterwerke auf. 1930 kehrte Vladigerov zum Klavierkonzert zur\u00fcck, schrieb sein Zweites in c-Moll mit der Opuszahl 22. Der kompositorische Fortschritt bleibt un\u00fcbersehbar: Stringenter konzipiert, einheitlicher ausgearbeitet und formal geschlossener als der Erstling belegt es ein gesteigertes Bewusstsein f\u00fcr Wirkung und \u00d6konomie, ohne dabei seinen mit dem a-Moll-Konzert betretenen Pfad zu verlassen. In Krassimir Gratev fand man einen geeigneten Pianisten f\u00fcr die Aufnahme, der eine enorme Anschlagsvielfalt pr\u00e4sentiert, den Kern der Musik erfasst sowie dem H\u00f6rer vermittelt. Er bringt subtile Sinnlichkeit in seinen Part hinein, die nicht nur im Mittelsatz entscheidenden Gewinn bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>1932 ging Vladigerov zur\u00fcck nach Bulgarien, wohl in erster Linie aufgrund der allm\u00e4hlichen Ausbreitung des Nationalsozialismus in Deutschland. Er verfeinerte seinen Stil und setzte gerade mit dem Dritten Klavierkonzert b-Moll op. 31 (1937) einen Meilenstein. Dieses ist das wohl leichtf\u00fc\u00dfigste, luzideste der Konzerte und gleichzeitig das k\u00fcrzeste: Hier beschr\u00e4nkte sich Vladigerov auf ein Minimum, um doch die volle Wirkung zu entfalten. Als H\u00f6hepunkt beschlie\u00dft das b-Moll-Konzert die Trias der drei Mollkonzerte. Im kommenden Jahr wurde Vladigerov als Professor in Sofia berufen, wo ihn entsprechende Pflichten in Schach hielten \u2013 der dadurch entstehende Einschnitt wurde verst\u00e4rkt durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Siebzehn Jahre vergingen bis zum Vierten Konzert in G-Dur op. 48, das er 1953 komponierte. Das Dur wird zwar gerade im Kopfsatz in Frage gestellt und durch wilde Figuren herausgefordert, dennoch bleibt es vorherrschend und schafft einen g\u00e4nzlich anderen Charakter, als er in den ersten drei Konzerten dominierte. Man k\u00f6nnte es freilich so deuten, als dass dies ein kleines \u201eOpfer\u201c gegen\u00fcber dem neu gegr\u00fcndeten kommunistischen Regime war, doch w\u00fcrde ich mich davor h\u00fcten: schlie\u00dflich verschaffte ihm allein sein legend\u00e4rer Status beinahe g\u00e4nzliche Immunit\u00e4t vor den Restriktionen der Regierung \u2013 davon abgesehen, dass seine Musik wohl auch so gut angekommen w\u00e4re aufgrund der Tonalit\u00e4tsbasis und des Einbezugs nationaler Elemente. Das Dritte wie das Vierte Konzert spielt Ivan Drenikov, klar in seinen formalen Vorstellungen und pr\u00e4zise im Anschlag, der vielgestaltig daherkommt und zu keiner Zeit unn\u00f6tig brutal w\u00e4re. Drenikovs Spiel besitzt Volumen und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Kontraste, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die melodi\u00f6sen Linien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein letztes Klavierkonzert komponierte Pancho Vladigerov 1963 in der Tonart D-Dur und gab ihm die Opuszahl 58. Es ist das Strahlendste und Freundlichste aus dem Zyklus, das Dur-Gem\u00fct wird zelebriert. Im Umfang kn\u00fcpft der Komponist nun wieder an seinen Erstling an, doch gerade im direkten Vergleich f\u00e4llt auf, wie unbeschwert er nun die Form erf\u00fcllen kann und wie elegant er innerhalb dessen \u00fcberleitet, moduliert und thematisch vernetzt \u2013 kurz, welch eine Entwicklung sein Talent \u00fcber f\u00fcnf Konzerte und 54 Jahre vollzog. Seine Grundideen, tief verwurzelt in den klassisch-romantischen Traditionslinien, behielt er bei: Im Kopfsatz d\u00fcrfen sich Orchester wie Solist kraftvoll virtuos pr\u00e4sentieren, Kontraste werden ausgekostet und Extrema ausgelotet. Der Mittelsatz lindert durch pure Lyrik, zarte Melancholie und Sentiment \u2013 wenngleich auch er oft Austragungsort f\u00fcr Konflikte ist, die zu regelrechten Eruptionen f\u00fchren. Der Schlusssatz trumpft in t\u00e4nzerischem Gestus auf, gerade hier werden die bulgarischen Elemente deutlich, und f\u00fchrt das Konzert zu einem beschwingten, vers\u00f6hnlichen Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Aufnahme des 5. Klavierkonzerts h\u00f6ren wir den Komponisten Pancho Vladigerov selbst am Klavier. Welch ein Erlebnis! Hier best\u00e4tigt sich Vladigerovs Ruf als einer der ausgezeichnetsten Musiker seiner Generation, ausgestattet mit einmaligen musikalischen Qualit\u00e4ten. Bezeichnend f\u00fcr Vladigerovs Spiel ist die Kompaktheit seiner Akkorde, von denen jeder Ton eigenen Stellenwert erh\u00e4lt und mit den anderen T\u00f6nen des Griffs pr\u00e4zise abgewogen wird. Vladigerov verzichtet vollkommen auf H\u00e4rte, verleiht daf\u00fcr den T\u00f6nen Volumen und \u201ekreist\u201c im Spiel, anstatt anzu\u201cschlagen\u201c: Mit dieser Eigenschaft beschrieb Franz Liszt seinen Kollegen Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin als den vorz\u00fcglichsten Pianisten jener Zeit. In der Linie denkt Vladigerov orchestral, diversifiziert so die Tongebung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, November 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C8060; EAN: 8 45221 08060 4 In historischen Aufnahmen dirigiert Alexander Vladigerov (1933-1999) das Symphonieorchester des Bulgarischen Nationalradios mit den f\u00fcnf Klavierkonzerten seines Vaters Pancho Vladigerov (1899-1978). 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