{"id":4041,"date":"2020-11-14T19:12:29","date_gmt":"2020-11-14T18:12:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4041"},"modified":"2020-11-14T19:13:04","modified_gmt":"2020-11-14T18:13:04","slug":"verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/14\/verdraengte-musik-juedischer-meister-zu-neuem-leben-erweckt\/","title":{"rendered":"Verdr\u00e4ngte Musik j\u00fcdischer Meister zu neuem Leben erweckt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Weimar, Festsaal F\u00fcrstenhaus, 13. November 2020, 20 Uhr: Jascha Nemtsov, Klavier, und Tehila Nini Goldstein, Sopran, stellten zum Abschluss einer Tagung \u00fcber \u201eVerfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen\u201c Lieder und Klavierwerke dreier wiederentdeckenswerter Komponisten j\u00fcdischer Herkunft vor: Gustav Lewin (1869\u20131938), Joachim Stutschewsky (1891\u20131982) und Hans Heller (1898\u20131969).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Fr\u00fchjahr 2019 besch\u00e4ftigte sich in Weimar eine Ausstellung mit dem Thema <em>Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen<\/em>. Sie wurde begleitet von einer wissenschaftlichen Tagung, deren Beitr\u00e4ge von den Projektleiterinnen Prof. Dr. Helen Geyer und Dr. Maria Stolarzewicz mittlerweile in Buchform herausgegeben worden sind (<em>Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen. Eine Spurensuche<\/em>, K\u00f6ln: B\u00f6hlau-Verlag 2020). Nicht nur hinsichtlich der Beleuchtung zahlreicher Einzelschicksale ist diese Ver\u00f6ffentlichung bedeutsam, wird doch hiermit auch erstmals die Einflussnahme der nationalsozialistischen Ideologie auf das Musikleben eines Landes im historischen Zusammenhang dargestellt, das f\u00fcr den Weg der NSDAP zur Macht von eminenter Bedeutung gewesen ist: Drei Jahre vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hatte sich 1930 in der damaligen th\u00fcringischen Landeshauptstadt Weimar erstmals eine Regierung mit nationalsozialistischer Beteiligung gebildet. Th\u00fcringen galt den Nazis als \u201eMustergau\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Th\u00fcringer Musikern, die nach 1933 wegen ihrer j\u00fcdischen Abstammung oder politischen Haltung von den NS-Machthabern um ihr Wirken und in vielen F\u00e4llen um Heimat und Leben gebracht wurden, eine zweite Tagung zu widmen, lag angesichts der F\u00fclle noch ungesichteter Dokumente in der Natur der Sache. Zwar forderte die Covid-19-Pandemie den Tribut, dass die am 12. und 13.&nbsp;November stattfindende Veranstaltung in den virtuellen Raum verlegt werden musste, doch ist es Maria Stolarzewicz zu danken, dass immerhin alles soweit realisiert werden konnte, wie unter den aktuellen Bedingungen eben m\u00f6glich. So kam am Abend des 13.&nbsp;November im Festsaal des Weimarer F\u00fcrstenhauses, des Hauptgeb\u00e4udes der Musikhochschule Franz Liszt, auch das Abschlusskonzert zustande, das der Musik der auf der Tagung behandelten Komponisten zu erneuter klingender Existenz verhalf. Aufgrund der Pandemieschutzma\u00dfnahmen war die Zuschauerzahl im Saal auf wenige Hochschulangeh\u00f6rige begrenzt; Interessierte konnten die Auff\u00fchrungen jedoch als Direkt\u00fcbertragung im Internet verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es handelte sich um einen Klavier- und Liederabend. Als Pianist war Jascha Nemtsov zu h\u00f6ren, der in Weimar als Professor f\u00fcr die Geschichte der j\u00fcdischen Musik lehrt und sich seit Jahren um die Wiederentdeckung von Komponisten verdient macht, die im nationalsozialistischen Deutschland bzw. in der Sowjetunion verfolgt und verdr\u00e4ngt worden sind. Wie sehr ihm diese Arbeit am Herzen liegt, wurde anhand der Einf\u00fchrungen deutlich, die er zu jedem der vorgetragenen Werke gab: Mit wenigen pr\u00e4gnanten S\u00e4tzen gelang es ihm, dem Publikum profilierte Lebensskizzen der Komponisten Gustav Lewin, Joachim Stutschewsky und Hans Heller darzulegen. Nemtsov zur Seite stand die Sopranistin Tehila Nini Goldstein, deren abwechlungsreicher Vortrag den dargebotenen Liedern sehr zu Gute kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdische Abstammung der Komponisten, ihr Wirken in Th\u00fcringen und das Verbot ihrer Werke durch den Nationalsozialismus bildeten das einigende Band des Programms. Stilistisch unterschieden sich die vorgetragenen Werke jedoch stark voneinander, was nicht zuletzt auf Generations- und Herkunftsunterschiede ihrer Autoren zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav Lewin, 1869 geboren, assimilierte sich der Gesellschaft des kurz nach seiner Geburt gegr\u00fcndeten Deutschen Reiches und f\u00fchlte sich voll und ganz als Deutscher. Gegen seine rassistisch motivierte Entlassung aus dem Dienst an der Weimarer Musikhochschule, wo er 32 Jahre lang als Klavierlehrer, Gesangsp\u00e4dagoge und Dirigent des studentischen Orchesters gewirkt hatte, protestierte er mit einem Brief an das Th\u00fcringer Volksbildungsministerium, in dem er bekannte: \u201eDeutschsein im Sinne Richard Wagners war f\u00fcr mich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.\u201c Zerm\u00fcrbt von antisemitischen Schikanen hungerte er sich 1938 zu Tode. Die dargebotenen St\u00fccke, eine quirlige Caprice f\u00fcr Klavier und f\u00fcnf Lieder, zeigen ihn als einen handwerklich tadellosen, formsicheren und klanglich abwechslungsreich gestaltenden Komponisten der Kaiserzeit, dessen Wagner-Verehrung in den Liedern immer dann deutlich wird, wenn er rezitativisch gestaltete Takte einbaut. Geschickt versteht er es, diese mit den umgebenden melodiebetonten Abschnitten zu verkn\u00fcpfen, und auch in der Harmonik begegnet manch feine Wendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen starken Kontrast zu Lewins von traditionellem Dur und Moll bestimmter Musik boten die <em>Vier j\u00fcdischen Tanzst\u00fccke<\/em> von Joachim Stutschewsky, der 1891 in der heutigen Ukraine zur Welt kam. Stutschewsky wuchs in einer Familie von Klezmer-Musikern auf, bevor er mit 18 Jahren nach Deutschland ging. Er lie\u00df sich als Cellist in Jena nieder und begr\u00fcndete dort ein Streichquartett. Nach l\u00e4ngeren Aufenthalten in Z\u00fcrich und Wien, floh er in Folge der Annexion \u00d6sterreichs 1938 nach Palestina, wo er 1982 starb. Neben seinem Wirken als schaffender und nachschaffender Musiker bet\u00e4tigte sich Stutschewsky auch als Musikwissenschaftler und verfasste grundlegende Schriften \u00fcber die Volksmusik der osteurop\u00e4ischen Juden \u2013 es ist die Zeit, in der sich in Russland die Komponistengruppe der \u201eNeuen j\u00fcdischen Schule\u201c formiert, und in der auch Ernest Bloch beginnt, in seiner Musik eine j\u00fcdische Identit\u00e4t zu kultivieren. Wie sehr sich Musikethnologie und k\u00fcnstlerisches Schaffen in Stutschewskys Werk erg\u00e4nzen, konnte man anhand der <em>Tanzst\u00fccke<\/em> nachvollziehen. \u00dcber einfachen, rhythmischen B\u00e4ssen entfalten sich in ihnen stufenreiche, melismatische Melodien, in denen sich Affekte des Frohsinns und der Traurigkeit in jener f\u00fcr die Musik der Klezmorim typischen Weise mischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu dem nur wenig \u00e4lteren Stutschewsky konnte sich der 1898 in Greiz geborene Hans Heller vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als Musiker profilieren. Achtzehnj\u00e4hrig zum Kriegsdienst eingezogen, kehrte er mit einer schweren Armverletzung zur\u00fcck, die ihm eine Pianistenlaufbahn unm\u00f6glich machte. Er wandte sich daraufhin ganz der Komposition zu und wurde in Berlin Sch\u00fcler Franz Schrekers. Gerade als er anfing, als Komponist zu gr\u00f6\u00dferer Bekanntheit zu gelangen, kam Hitler an die Macht. Heller floh nach Frankreich, wo ihn der Nationalsozialismus nach dem deutschen Sieg 1940 einholte. Er wurde inhaftiert und zur Zwangsarbeit gepresst. Unmittelbar bevor er nach Auschwitz deportiert werden sollte, gelang ihm die Flucht. Mitglieder der Resistance versteckten ihn bis Kriegsende. 1946 versuchte er einen Neuanfang in den Vereinigten Staaten, kehrte aber 1959 nach Deutschland zur\u00fcck. Dass das Vergessen, das sich nach seinem Tode 1969 \u00fcber ihn breitete, g\u00e4nzlich unverdient war, zeigt seine Musik deutlich. Zwar erscheint der auf Gedichte von Anton Wildgans komponierte Liederzyklus <em>Vom kleinen Alltag<\/em>, dessen reimlose Verse in Hellers Vertonung erst recht prosaisch anmuten, eher als Dokument der in den 1920er Jahren beliebten Sachlichkeits- und Spr\u00f6digkeitsmode \u2013 Hellers Klaviersonate op.&nbsp;3 jedoch kann man getrost ein Meisterwerk nennen. Das knapp gefasste St\u00fcck in drei ineinander \u00fcbergehenden S\u00e4tzen zeigt seinen Komponisten als k\u00fchnen, expressionistisch angehauchten Harmoniker und souver\u00e4nen kontrapunktischen Gestalter. Angesichts eines solchen Werkes fragt man sich, welche Entdeckungen eine weitere Sichtung von Hellers Nachlass noch zu Tage f\u00f6rdern wird? Man liest von einem pazifistischen Oratorium aus seiner amerikanischen Zeit, von Symphonien, Kammermusik f\u00fcr Streicher, Klavierfugen. Offenbar haben wir hier eine bedeutende Stimme vor uns, die mehr Geh\u00f6r verdient als sie aufgrund widriger Umst\u00e4nde zu Lebzeiten gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert machte deutlich, welch verschiedene Wege j\u00fcdische Komponisten im Deutschland des fr\u00fchen 20.&nbsp;Jahrhundert einschlugen, und dass Werke, die jahrzehntelang nicht erklungen sind, bl\u00fchendes Leben ausstrahlen k\u00f6nnen, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt. M\u00f6gen Jascha Nemtsovs Forschungen weiterhin von solch sch\u00f6nen Erfolgen gekr\u00f6nt sein!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, November 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weimar, Festsaal F\u00fcrstenhaus, 13. November 2020, 20 Uhr: Jascha Nemtsov, Klavier, und Tehila Nini Goldstein, Sopran, stellten zum Abschluss einer Tagung \u00fcber \u201eVerfolgte Musiker im nationalsozialistischen Th\u00fcringen\u201c Lieder und Klavierwerke dreier wiederentdeckenswerter Komponisten j\u00fcdischer Herkunft vor: Gustav Lewin (1869\u20131938), Joachim Stutschewsky (1891\u20131982) und Hans Heller (1898\u20131969). 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