{"id":4053,"date":"2020-11-30T18:48:49","date_gmt":"2020-11-30T17:48:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4053"},"modified":"2020-11-30T18:48:52","modified_gmt":"2020-11-30T17:48:52","slug":"verblueffende-jugendwerke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/30\/verblueffende-jugendwerke\/","title":{"rendered":"Verbl\u00fcffende Jugendwerke"},"content":{"rendered":"\n<p>Orfeo, C 763 093 D; EAN: 4 011790 763323<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mendelssohn.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4054\" width=\"428\" height=\"430\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mendelssohn.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mendelssohn-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mendelssohn-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Stuttgarter Kammerorchester unter Michael Hofstetter nimmt alle dreizehn Kammersymphonien von Felix Mendelssohn auf drei CDs auf. Die Box erschien bei Orfeo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Streichersymphonien von Felix Mendelssohn sind weit mehr als blo\u00dfe Studienwerke oder Kompositions\u00fcbungen, es ist von der allerersten an eigenst\u00e4ndige und auf ihre Art abgeschlossene Konzertliteratur von handwerklicher Beherrschung und geistiger Inspiration, wie sie viele Kollegen seiner wie unserer Zeit selbst in ihrer Reifephase nicht erreichen. Gedacht waren sie f\u00fcr die Auff\u00fchrung im h\u00e4uslichen Bereich, heute sollten sie jedoch auch \u00f6ffentlich erklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine strenge Ausbildung pr\u00e4gte die Kindheit Felix Mendelssohns, der ab seinem sechsten Lebensjahr in Deutsch und Franz\u00f6sisch, Mathematik, Kunst und Musik ausgebildet wurde, ein Jahr sp\u00e4ter (1816) Violin- und Klavierunterricht erhielt. Ab 1818 erhielten Felix und seine Schwester Fanny Privatunterricht in mehreren F\u00e4chern. Die Kinder mussten in allen Bereichen hohe Bildung vorweisen k\u00f6nnen, wurden stets zum Lernen angehalten. Die musikalische Ausbildung legten die Eltern in die H\u00e4nde von Carl Friedrich Zelter (1758-1832), selbst Autodidakt und hauptberuflicher Maurermeister, der jedoch durch intensive Forschung an alter Musik technische Meisterschaft entwickelte und in hohen Kreisen, vor allem mit Johann Wolfgang von Goethe, verkehrte, was ihm gesellschaftliche Prominenz sicherte. Die Meinungen \u00fcber Zelter gehen weit auseinander: Als wichtigster musikalischer Bezugspunkt f\u00fcr Felix Mendelssohn nimmt er auf jeden Fall eine Vorrangstellung bez\u00fcglich dessen musikalischer Entwicklung ein, auch wenn das Genie des Jungen sich wohl auch \u201evon selbst\u201c (?) entwickelt haben w\u00fcrde. Die Streichersymphonien entstanden unter seiner Aufsicht und zumindest die fr\u00fchen spiegeln die Haupteinflusspunkte Zelters (CPE Bach, H\u00e4ndel etc.) deutlich wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcberschaulichkeit halber ordne ich die Symphonien in drei Gruppen ein, die allerdings nur gedachten Kategorien entsprechen und der organischen Entwicklung einer jeden einzelnen im Kontext nicht im Wege stehen sollten. Die erste Gruppe umfasst die ersten sechs Streichersymphonien, die alle 1821 komponiert wurden und in konsequenter Dreis\u00e4tzigkeit schnell \u2013 langsam \u2013 schnell konzipiert wurden. In der Entwicklung dieser sechs Symphonien kann manch eine Gemeinsamkeit zu derjenigen der ersten sechs Klaviersonaten von Mozart gesehen werden (Mozart z\u00e4hlte neunzehn Jahre, als er diese Sonaten komponierte, Mendelssohn schrieb die ersten Streichersymphonien zw\u00f6lfj\u00e4hrig). Im Umfang sind die sechs 1821 komponierten Symphonien noch recht gering, daf\u00fcr dicht in der musikalischen Textur. Von der ersten Symphonie an zeigt sich fundiertes technisches K\u00f6nnen besonders auf kontrapunktischer Ebene: Insgesamt neigt Mendelssohn noch dazu, seinen Satz zu \u00fcberfrachten. Allein von der ersten zur dritten Symphonie zeigt sich eine beachtliche klangliche Verfeinerung, die sein unaufhaltsames Streben wie sein eigenes Reflektieren versinnbildlicht. Jedes einzelne Werk experimentiert mit neuen Elementen und Charakteristika. In der vierten Symphonie probiert er eine langsame Einleitung aus (was er ab der Achten dann zum Standard macht) und l\u00e4sst im Andantesatz erstmalig Elemente seiner sp\u00e4teren, romantischeren Tonsprache durchschimmern. Mendelssohn begann allm\u00e4hlich, seinen Satz aufzukl\u00e4ren, was in der Sechsten schlie\u00dflich zu klanglichen Erfolgen f\u00fchrte. In dieser entdeckte er zudem das Menuett als Zwischensatz f\u00fcr sich, was die Tore \u00f6ffnete f\u00fcr viers\u00e4tzig konzipierte Formen.<\/p>\n\n\n\n<p>In eine zweite Gruppe ordne ich die Symphonien 7-9, diese bestehen nun je aus vier S\u00e4tzen, wobei zu der bisherigen Form an dritter Stelle je ein Menuett oder im Falle der 9. Symphonie ein Scherzo hinzutritt. Im Gegensatz zu dem Menuett der Sechsten, das als alleiniger Mittelsatz gr\u00f6\u00dferen Umfang ben\u00f6tigt und so zwei Trios besitzt, haben die der Symphonien aus der zweiten Gruppe je nur ein Trio. Zudem wachsen die Symphonien in ihrer Gesamtl\u00e4nge deutlich an, verdoppeln bis verdreifachen ihre Spieldauer. Die gesamte Konzeption wirkt nun symphonischer, es gibt deutlichere Kontraste und nachvollziehbarere Wechselspiele zwischen den Stimmen: Mendelssohn operiert sparsamer mit seinen Mitteln, verteilt sie \u00f6konomischer. Allgemein verfeinert sich sein Gesp\u00fcr f\u00fcr Klang; dies f\u00fchrt unter anderem dazu, dass er beginnt, die Stimmen aufzuf\u00e4chern, um den Gesamtklang weiter auszudifferenzieren. In der siebten Symphonie begn\u00fcgt er sich damit, lediglich Celli und Bass eigenst\u00e4ndiger zu f\u00fchren. Ab der Achten experimentiert er mehr: Im Adagiosatz kommen nur Bratschen und tiefe Streicher zum Einsatz, die Bratschen jedoch unterteilt er in drei Sektionen. In der Neunten kn\u00fcpft er hieran an und teilt die Bratschen in zwei Sektionen, im Andante gibt es zudem insgesamt vier Violinstimmen. Die Zweiteilung der Bratschen etablierte sich von nun an als Standard f\u00fcr ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Da von der zehnten wie der dreizehnten Symphonie je nur ein Kopfsatz \u00fcberliefert ist, k\u00f6nnen diese formal nicht eingeordnet werden. Eine dritte Gruppe bilden daher lediglich die elfte und zw\u00f6lfte Symphonie, welche ich als experimentale Symphonien bezeichnen w\u00fcrde: Mendelssohn geht vollends an oder gar \u00fcber die Grenzen des Genres, experimentiert mit neuen Formmodellen und Ideen; er ist bereit f\u00fcr das volle Orchester. Mit f\u00fcnf S\u00e4tzen und einer Spieldauer von 40 Minuten erreicht die Elfte ganz neue Dimensionen \u2013 im Scherzo nimmt der Komponist zudem Schlagwerk (Pauken, Triangel und Becken) hinzu, schreit also f\u00f6rmlich nach dem Symphonieorchester. Er bleibt dabei, die Bratschen in zwei Teile zu separieren, was die Mittellage facettenreicher ausgestaltet. Die Faktur wird noch luzider und er behandelt seine Mittel noch sparsamer bis hin zur Einstimmigkeit, wodurch er ein gr\u00f6\u00dferes Spektrum an Klangfarben erh\u00e4lt. Die Besonderheit der g-Moll-Symphonie Nr. 12 liegt vor allem im Kopfsatz, welcher nach einer langsamen Einleitung in einer gro\u00dfen Fuge zwei Themen durchf\u00fchrt. Hier kehrt Mendelssohn wieder zur dreis\u00e4tzigen Form zur\u00fcck, wobei das Finale die H\u00e4lfte der L\u00e4nge ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stuttgarter Kammerorchester liefert eine formidable Gesamteinspielung dieser insgesamt dreizehn Streichersymphonien ab, die besonders durch ihren luftig-leichten Klang begeistert. Dirigent Michael Hofstetter verzichtet auf gro\u00dfe Geste, sondern h\u00e4lt die Musik schlicht und geradlinig. Er verfolgt die Entwicklung musikalisch mit und passt sein Orchester den Gegebenheiten der Musik an \u2013 vor allem behalten die Symphonien dadurch die ausgelassene Jugendlichkeit, die sie charakterisiert, trotz der grandiosen handwerklichen Leistung. \u00dcberschw\u00e4nglich lebendig pr\u00e4sentiert Hofstetter die fr\u00fchen Symphonien, verleiht den sp\u00e4teren dann mehr Kontrast, differenziert deutlicher aus und gibt ihnen allgemein gewisse Reflexion ganz im Sinne des reifenden Mendelssohn. Ich bewundere den heute selten anzutreffenden Mut, einige der Wiederholungen auszusparen, die in den Noten vermerkt sind: Wenn sich die Musik zu weit vom Ausgangspunkt entfernt hat, macht die R\u00fcckkehr ebendorthin oft keinen Sinn mehr, was auf Kosten der Formverst\u00e4ndlichkeit geht. Gerade in den umfangreicheren, sp\u00e4teren Werken h\u00e4tte ich sogar auf noch ein paar mehr Wiederholungen verzichtet. Die Tempi \u00fcbersteigert das Orchester teils, so dass die Allegri vor allem der fr\u00fcheren Symphonien zu rasch davoneilen und fast durchgehend Alla Breve-Stimmung evozieren, w\u00e4hrend die Andante-S\u00e4tze schleppen: Hier w\u00e4re Mut zu subtileren Kontrasten w\u00fcnschenswert, sich auf die Gratwanderung einzulassen, die Tempi zu relativieren, ohne dass dabei die Gegens\u00e4tze verschwimmen oder die Musik in den Rands\u00e4tzen stockt. Technisch bewundernswert gelingen die Unisonostellen, die brillant aufeinander abgestimmt erklingen, sowie die mehrfach separierten Stimmen, wo die Stimmgruppen auch ihr Miteinander im Gegeneinander beweisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, November 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orfeo, C 763 093 D; EAN: 4 011790 763323 Das Stuttgarter Kammerorchester unter Michael Hofstetter nimmt alle dreizehn Kammersymphonien von Felix Mendelssohn auf drei CDs auf. Die Box erschien bei Orfeo. 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