{"id":4058,"date":"2020-12-07T16:47:50","date_gmt":"2020-12-07T15:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4058"},"modified":"2020-12-16T13:28:52","modified_gmt":"2020-12-16T12:28:52","slug":"dinescus-anknuepfungen-an-bachs-cellosuiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/07\/dinescus-anknuepfungen-an-bachs-cellosuiten\/","title":{"rendered":"Dinescus Ankn\u00fcpfungen an Bachs Cellosuiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Kaleidos KAL 6344-2; EAN: 4 260164634428<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Suites-Roses-Deserno-Kaleidos-1024x934.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4059\" width=\"431\" height=\"393\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Suites-Roses-Deserno-Kaleidos-1024x934.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Suites-Roses-Deserno-Kaleidos-300x274.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Suites-Roses-Deserno-Kaleidos-768x700.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Suites-Roses-Deserno-Kaleidos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Frankfurter Cellistin Katharina Deserno kombiniert auf ihrer neuen CD \u201eSuites &amp; Roses\u201c auf faszinierende Weise Bachs erste beiden Cellosuiten mit drei Werken der rum\u00e4nischen Komponistin Violeta Dinescu: \u201eSieben Rosen\u201c, der \u201eKleinen Suite\u201c und \u201eAbendandacht\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Noch im 19. Jahrhundert verschm\u00e4ht oder lediglich als Unterrichtsmaterial abgetan \u2013 \u00e4hnlich erging es lange auch dem <em>Wohltemperierten Klavier \u2013<\/em>, sind Bachs sechs Suiten f\u00fcr Cello solo heute genauso Standardrepertoire und h\u00f6chste Herausforderung wie die Sonaten und Partiten f\u00fcr Violine. Wenn die aus Frankfurt stammende \u2013 und mittlerweile dort lehrende \u2013 Cellistin <em>Katharina Deserno <\/em>die beiden ersten Suiten (BWV 1007 und 1008) nun mit zwei gleichfalls zyklischen St\u00fccken der seit langem schon hier ans\u00e4ssigen, rum\u00e4nischen Komponistin <em>Violeta Dinescu <\/em>(*1953) umrahmt, fragt man sich nat\u00fcrlich gleich, inwieweit diese fast 300 Jahre auseinander liegenden Werke tats\u00e4chlich in Beziehung treten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dinescus <em>Sieben Rosen<\/em> (2014\/18), zun\u00e4chst f\u00fcr Fl\u00f6ten geschrieben, beziehen sich auf Bertolt Brechts gleichnamiges Gedicht aus den <em>Vier Liebesliedern<\/em>, und die sieben kurzen S\u00e4tze beleuchten verschiedene Charaktere von Werden und Vergehen. Dinescus eigentliche St\u00e4rken \u00e4u\u00dferten sich vor allem in Ensemblest\u00fccken mit mittlerer Besetzung, wie sie typischerweise von auf Neue Musik spezialisierten Formationen nachgefragt werden \u2013 darunter etwa die geniale Filmmusik zu Friedrich Murnaus letztem Stummfilm <em>Tabu<\/em>. Die Konzentration auf ein Soloinstrument ger\u00e4t klanglich und ausdrucksm\u00e4\u00dfig jedoch keineswegs weniger farbig: In der Diktion \u00e4u\u00dferst frei, bewegt sich diese Musik \u2013 wie immer bei Dinescu mit einigen folkloristischen Allusionen aus ihrer Heimat \u2013 \u00fcberzeugend atmend durch vielf\u00e4ltige Stimmungen. Direkte Bez\u00fcge zu Bachs Cellosuiten finden sich dann, meist gut versteckt, in der <em>Kleinen Suite<\/em> (2018), die \u2013 wenngleich nur f\u00fcnfs\u00e4tzig \u2013 schon formal an den Aufbau der Bach-Werke erinnert und bereits im Hinblick auf die programmatische Verbindung entstand. Katharina Deserno gestaltet dies mit \u00fcberaus differenziertem Klangsinn, aber h\u00e4lt sich dabei stets in einer sehr intimen Atmosph\u00e4re \u2013 auch die stellenweisen, kurzen gesanglichen Einlagen, die die Komponistin fordert, kann sie dabei \u00fcberzeugend integrieren: als tief der Seele entsprungenes Bed\u00fcrfnis, das den Instrumentalklang reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bach-Suiten spielt Deserno ebenfalls eher zur\u00fcckhaltend, beachtet die Spielweisen historisch informierter Auff\u00fchrungspraxis und erreicht dabei immer enorme Klangsch\u00f6nheit wie pr\u00e4ziseste, sprechende Artikulation. Die erstaunliche Tempokonstanz bewirkt allerdings in einigen S\u00e4tzen \u2013 besonders den Pr\u00e9ludes \u2013 ein wenig die Gefahr des Kippens in Richtung Langeweile. Die schnellen Tanzs\u00e4tze der G-Dur-Suite sind agil und lebendig; \u00fcberraschend dann allerdings, wie Frau Deserno fast die gesamte d-Moll-Suite \u2013 bis auf die Gigue \u2013 aus der Sicht eines gebrechlichen, alten Mannes (?) interpretiert, f\u00fcr den Tanz wohl nur noch als schemenhafte, schmerzliche Erinnerung existiert. Das ist zwar durchaus spannend, zwingt zum Hinh\u00f6ren \u2013 aber dieses St\u00fcck in eine derartige Todesn\u00e4he zu stellen, ist dennoch eigenwillig und l\u00e4sst sich allein durch die Tonart kaum rechtfertigen. Immerhin gelingt so die Sarabande in desolater Verzweiflung, die wirklich bewegt. Umso vers\u00f6hnlicher danach Dinescus <em>Abendandacht <\/em>mit balkan-typischen Intervallverbindungen als quasi sehnsuchtsvolle Hoffnung. Insgesamt eine gelungene Zusammenstellung, die ihre Wirkung nicht verfehlt und eine beeindruckend bewusst agierende K\u00fcnstlerin zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaleidos KAL 6344-2; EAN: 4 260164634428 Die Frankfurter Cellistin Katharina Deserno kombiniert auf ihrer neuen CD \u201eSuites &amp; Roses\u201c auf faszinierende Weise Bachs erste beiden Cellosuiten mit drei Werken der rum\u00e4nischen Komponistin Violeta Dinescu: \u201eSieben Rosen\u201c, der \u201eKleinen Suite\u201c und \u201eAbendandacht\u201c. Noch im 19. 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