{"id":406,"date":"2016-01-10T18:36:01","date_gmt":"2016-01-10T17:36:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=406"},"modified":"2016-01-10T18:36:01","modified_gmt":"2016-01-10T17:36:01","slug":"identitaeten-des-umbruchs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/10\/identitaeten-des-umbruchs\/","title":{"rendered":"Identit\u00e4ten des Umbruchs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ars Produktion Schumacher, ARS 38 189; EAN: 4 260052 381892<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0021.jpg\" rel=\"attachment wp-att-407\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-407\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0021-300x264.jpg\" alt=\"0021\" width=\"300\" height=\"264\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0021-300x264.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0021-768x677.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/0021-1024x903.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sonaten f\u00fcr Violine und Klavier aus der gro\u00dfen Umbruchszeit um 1900 sind auf der neu erschienenen CD &#8222;Identity&#8220; von No\u00e9 Inui und Mario H\u00e4ring zu h\u00f6ren. Auf dem Programm stehen Werke von Karol Szymanowski, Claude Debussy, Erwin Schulhoff und Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange Zeit war der Sonate eine recht klar definierte Form zugesprochen, doch irgendwann schien das alte Formmodell ausgesch\u00f6pft und nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df &#8211; so wurden neue Wege gesucht. Den ber\u00fchmten Umsturz initiierte wohl die h-Moll-Sonate f\u00fcr Klavier von Franz Liszt, die erstmals die zyklische Eins\u00e4tzigkeit erprobte, welche sp\u00e4ter vielfach weitergef\u00fchrt wurde, beispielsweise von Alexander Scriabin und Dmitri Schostakowitsch. Andere M\u00f6glichkeiten bieten die hier pr\u00e4sentierten Komponisten: Karol Szymanowski schuf ein eher klassisch anmutendes, hoch virtuoses Sonatenmodell mit drei S\u00e4tzen, dessen Kopfsatz der l\u00e4ngste und gewichtigste ist. Claude Debussy arbeitete an sechs dezidiert &#8222;franz\u00f6sischen&#8220; Sonaten, die sich von der &#8222;deutschen&#8220; Form absetzten, unter denen die Violinsonate die dritte und zugleich das letzte Werk vor seinem Tode war, ohne dass er sein Projekt h\u00e4tte vollenden k\u00f6nnen. Erwin Schulhoffs zweite Violinsonate entzieht sich einer klaren Beschreibung, sie steht wie so manches seiner Werke zwischen den Stilen und weist gleichsam intensive Auseinandersetzung mit Komponisten wie Richard Strauss oder B\u00e9la Bart\u00f2k auf wie auch einschl\u00e4gige Volksmusikelemente, wohingegen der bei Schulhoff oft festzustellende Jazzeinfluss hier fast vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgedr\u00e4ngt ist. Die vielleicht eigensinnigste Sonate dieser Aufnahme ist diejenige von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek, der uns heute bedauerlicherweise nur mit sehr wenigen Werken vertraut ist wie der depressiven Klaviersonate 1. X. 1905, von welcher nach der Vernichtung durch den Komponisten zwei der drei S\u00e4tze rekonstruiert werden konnten, der Sinfonietta dank der einzigartigen Besetzung mit 14 Trompeten, dem eigenwilligen Concertino f\u00fcr Klavier und Kammerensemble und nat\u00fcrlich einigem aus seinem gro\u00dfen Opernschaffen. Seine einzige Violinsonate sucht vollst\u00e4ndig neue Wege des Zusammenspiels der Duopartner, der Komponist spielt neben der mehr als ungewohnten und vorzeichenreichen Tonartenwahl mit minuti\u00f6sen Verschiebungen, ungewohnten Motiv\u00fcbernahmen, intensivem Mit- und Gegeneinander der Melodielinien sowie solistischer Behandlung, was alles im furiosen Finale aufgipfelt und ein wahrhaft einzigartiges Modell der Formbew\u00e4ltigung zeugt. Zuletzt folgen Notturno e Tarantella Op. 28 von Szymanowski, was einen virtuos-repr\u00e4sentativen und auch eing\u00e4ngigen Abschluss der CD bildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Identity&#8220; wurde nach h\u00f6chsten technischen Standards aufgenommen und besticht mit einem nahezu wie ein Liveerlebnis wirkenden Klangbild von gr\u00f6\u00dfter Unmittelbarkeit. Dem pr\u00e4gnant-informativen Booklettext sind Zitate der Musiker im Gespr\u00e4ch mit Sarah Grossert eingeflochten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Violinist No\u00e9 Inui erweist sich als ein technisch ausgezeichneter Solist mit farben- und nuancenreichem Ton. Sein Klang ist recht robust. Er kann durchaus kr\u00e4ftig und bestimmt spielen mit Hang zur akzentuierten Rhythmisierung, vernachl\u00e4ssigt aber auch nicht die zarten Linien. Das Vibrato verwendet er zwar relativ h\u00e4ufig, und konsequent auf langen T\u00f6nen, jedoch macht er es sehr dezent mit kleinem Ambitus, so dass es zu keiner Zeit als essentiell st\u00f6rend oder aufdringlich empfunden wird. Sehr \u00fcberzeugend bei Inui ist sein voller und strahlender Ton mit klarer Aussagekraft. An seiner Seite wirkt der durch enorme Anpassungsf\u00e4higkeit \u00fcberzeugende Pianist Mario H\u00e4ring mit \u00e4u\u00dferst klarem und feinem Anschlag. Sein Spiel ist leicht und schillernd, wobei auch er gegebenenfalls durchaus &#8222;in die Vollen&#8220; gehen kann, ohne dadurch jedoch die Geige zu \u00fcberdecken. Auff\u00e4llig bei ihm ist eine enorme F\u00e4higkeit, die Oberstimme \u00fcber der anspruchsvollen linken Hand herauszumei\u00dfeln und auszugestalten, was ihr herrliche Singkraft verleiht. Darunter leidet jedoch in manchen F\u00e4llen leider die Unterstimme, die eigentlich auch vielerorts bemerkenswerte melodische Wertigkeit besitzt und von den hohen Lagen vollst\u00e4ndig \u00fcbert\u00f6nt wird, wodurch einiges an wesentlicher Kontrapunktik verloren geht. Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist seine Makellosigkeit an den extrem leisen Stellen, wo jeder Akkord sauber abgestimmt und jede rasche Begleitbewegung noch immer huschend und rhythmisch exakt erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Duett sind die beiden Musiker minuti\u00f6s aufeinander abgestimmt und k\u00f6nnen sich gegenseitig gut zuh\u00f6ren, was ihre Stimmen vielerorts verschmelzen l\u00e4sst. Das Zusammenspiel ist meist ideal, nur an wenigen Passagen im Kopfsatz der Debussy-Sonate und in der bis auf 32stel-Ebene agierenden Jan\u00e1\u010dek-Sonate sind die Instrumente rhythmisch minimal auseinander. Inui und H\u00e4ring nehmen sich einige Freiheiten in der Partitur, was Dynamik &#8211; gerade bei Szymanowski &#8211; und Rubato angeht. Alle Ver\u00e4nderungen im Notenbild wirken aber nat\u00fcrlich und passen in den Kontext, ohne als Willk\u00fcrlichkeiten aufzufallen. Insgesamt nehmen die Solisten den Titel &#8222;Identity&#8220; sehr ernst und bringen auch ihre Pers\u00f6nlichkeit stark in die Aufnahme ein &#8211; alle St\u00fccke sind mit einer individuellen Note aufgenommen und verstr\u00f6men das Gef\u00fchl des innerlich Empfundenen, auf dass dem H\u00f6rer sogleich bewusst wird, wie sehr die Werke den Musikern am Herzen liegen. Das Streben nach H\u00f6herem und nach etwas &#8222;hinter&#8220; der Musik wird deutlich und l\u00e4sst das H\u00f6ren zu einer sehr interessanten Entdeckungstour werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke; Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 189; EAN: 4 260052 381892 Sonaten f\u00fcr Violine und Klavier aus der gro\u00dfen Umbruchszeit um 1900 sind auf der neu erschienenen CD &#8222;Identity&#8220; von No\u00e9 Inui und Mario H\u00e4ring zu h\u00f6ren. Auf dem Programm stehen Werke von Karol Szymanowski, Claude Debussy, Erwin Schulhoff und Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek. 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