{"id":4061,"date":"2020-12-10T10:55:00","date_gmt":"2020-12-10T09:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4061"},"modified":"2020-12-24T04:00:18","modified_gmt":"2020-12-24T03:00:18","slug":"talivaldis-kenins-lebensvolles-portrait-eines-lettisch-kanadischen-meisters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/10\/talivaldis-kenins-lebensvolles-portrait-eines-lettisch-kanadischen-meisters\/","title":{"rendered":"Lebensvolles Portrait eines lettisch-kanadischen Meisters"},"content":{"rendered":"\n<p>Ondine, ODE 1350-2; EAN: 0 761195 135020<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Kenins.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4062\" width=\"397\" height=\"397\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Kenins.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Kenins-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Kenins-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Unter der Leitung von Guntis Kuzma und Andris Poga stellt das Lettische Nationale Symphonieorchester drei Orchesterwerke von T\u0101livaldis \u0136eni\u0146\u0161 vor und verdeutlicht dessen Begabung als Symphoniker wie als Komponist konzertanter Musik. Als Solisten sind zu h\u00f6ren: Agnese Egli\u0146a (Klavier), Tommaso Pratola (Fl\u00f6te), M\u0101rti\u0146\u0161 Circenis (Klarinette) und Edgars Saksons (Schlagzeug)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als der 1919 in Liep\u0101ja geborene T\u0101livaldis \u0136eni\u0146\u0161 2008 in Toronto starb, wo er seit 1951 gelebt hatte, verlor das Musikleben Kanadas einen seiner namhaftesten Komponisten. Er hatte mehr als drei Jahrzehnte an der University of Toronto gelehrt, war als Preisrichter bei Wettbewerben gefragt; zahlreiche seiner Kompositionen entstanden als Auftragswerke und wurden an prominenter Stelle uraufgef\u00fchrt; der Rundfunk sendete regelm\u00e4\u00dfig seine Musik und produzierte mehrere Portraits \u00fcber ihn. Nicht zuletzt verdeutlicht die Tatsache, dass bereits zu seinen Lebzeiten in einem Vorort von Ottawa eine Stra\u00dfe nach ihm benannt wurde, welches Ansehen T\u0101livaldis \u0136eni\u0146\u0161 in Kanada genoss. Die geistige Verbindung zu seiner Heimat Lettland, die er 1944 vor dem Einmarsch der Roten Armee fluchtartig verlassen hatte und erst 1989 wiedersah, hielt er dabei \u00fcber all die Jahre aufrecht. Zahlreiche Letten waren infolge des Zweiten Weltkriegs nach Nordamerika ausgewandert. Innerhalb des eigenst\u00e4ndigen Kulturlebens, das sie sich dort aufbauten, nahm \u0136eni\u0146\u0161 einen herausragenden Platz ein, wie sich auch anhand der Urauff\u00fchrungen der drei Werke zeigte, die auf der vorliegenden CD des Lettischen Nationalen Symphonieorchesters zu h\u00f6ren sind: Die Symphonie Nr.&nbsp;1 erklang zum ersten Mal 1960 w\u00e4hrend des Indianapolis Latvian Song Festival; das Concerto da Camera Nr.&nbsp;1 wurde 1981, das Konzert f\u00fcr Klavier, Streichorchester und Schlagzeug 1990 im Rahmen des Latvian Song Festival in Toronto aus der Taufe gehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u0136eni\u0146\u0161 war in erster Linie Instrumentalkomponist und hinterlie\u00df zahlreiche Orchester- und Kammermusikwerke, wobei es zu den charakteristischen Merkmalen seines Schaffens geh\u00f6rt, dass sich die beiden Werkgruppen zuweilen sehr stark einander ann\u00e4hern, und sich in manchen F\u00e4llen ein St\u00fcck nicht eindeutig einer von beiden zuordnen l\u00e4sst. So gibt es von seiner Hand Kammermusik f\u00fcr gro\u00dfe, gemischte Ensembles ebenso wie Kompositionen f\u00fcr Kammerorchester in unterschiedlichen Besetzungen. Angesichts des schier unersch\u00f6pflichen Ideenreichtums hinsichtlich der Gegen\u00fcberstellung unterschiedlicher Klangfarben, der dieses Schaffen pr\u00e4gt, verwundert es nicht, dass \u0136eni\u0146\u0161 seiner Ausbildung in Frankreich gro\u00dfe Bedeutung beima\u00df. Die Einfl\u00fcsse des Musiklebens von Paris, wo er nach Kriegsende bei Tony Aubin, Simone Pl\u00e9-Caussade und Olivier Messiaen studiert hatte, schlagen sich allerdings auf sehr subtile Art in seinen Werken nieder und sind kaum offen zu h\u00f6ren. \u0136eni\u0146\u0161 selbst beschrieb diesen Umstand 1949 in einem Interview dergestalt, dass durch die Interaktion mit franz\u00f6sischen Methoden das nationale Element in der Kunst ausl\u00e4ndischer Komponisten auf neue Grundlagen gestellt, zu neuem Recht gelangen und eine neue Affirmation seiner Existenz gewinnen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf franz\u00f6sische Einfl\u00fcsse l\u00e4sst sich gewiss die knappe Form und wohlproportionierte Strukturierung seiner Werke zur\u00fcckf\u00fchren \u2013 alle drei hier eingespielten St\u00fccke sind nur rund 20 Minuten lang. Im Gegensatz zu Meistern des raffinierten Mischklangs wie Messiaen bevorzugt \u0136eni\u0146\u0161 als Instrumentator jedoch reine Farben, was vor allem damit zusammenh\u00e4ngt, dass sein Denken wesentlich von Polyphonie und vom konzertanten Prinzip bestimmt ist. Die Instrumentation dient ihm zur Verdeutlichung des Zusammenwirkens seiner von vielf\u00e4ltigen modalen Wendungen gepr\u00e4gten Einzelstimmen, das regelm\u00e4\u00dfig zu herben Dissonanzen f\u00fchrt; Kontraste im Tonsatz hebt er gern hervor, indem er das Material auf gegeneinander abgesetzte, klanglich homogene Instrumentengruppen verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Concerto da Camera Nr.&nbsp;1 verdeutlicht beispielhaft die Neigung des Komponisten, Orchester- und Kammermusik flie\u00dfend ineinander \u00fcbergehen zu lassen. Den Klangk\u00f6rper unterteilt er in drei Sektionen: ein Klavier, zwei Holzbl\u00e4ser (Fl\u00f6te und Klarinette) und ein Streichorchester (an dessen Statt auch ein solistisch besetztes Streichquintett verwendet werden darf). Diesem kleinen Ensemble gewinnt \u0136eni\u0146\u0161 mannigfaltige Kombinationsm\u00f6glichkeiten ab, wozu er gelegentlich auch solistische Streicher aus dem Orchester herausl\u00f6st. Schon zu Beginn des Werkes wird klar, dass sich die musikalische Handlung oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielen wird: \u00dcber einer Pizzicato-Basslinie der tiefen Streicher beginnen die beiden Holzbl\u00e4ser mit in sich kreisenden melodischen Figuren, die sich bald imitatorisch verdichten, w\u00e4hrend das Klavier aus der Tiefe aufsteigende Arpeggien spielt. Alle beteiligten Musiker m\u00fcssen hier gut aufeinander h\u00f6ren k\u00f6nnen, immer bereit sein, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen, wie auch begleitend in den Hintergrund zu treten oder zusammen mit anderen in gleicher St\u00e4rke zu musizieren. Diese Aufgaben werden von Tommaso Pratola an der Fl\u00f6te und M\u0101rti\u0146\u0161 Circenis an der Klarinette trefflich gel\u00f6st. Agnese Egli\u0146a, die als Pianistin das am deutlichsten aus dem Gesamtklangbild hervorstechende Instrument spielt, geb\u00fchrt besonderes Lob f\u00fcr die kontrollierte Gestaltung ihrer Partie; sie wei\u00df genau, dass das Werk kein \u201eKlavierkonzert\u201c ist. Im Konzert f\u00fcr Klavier, Streichorchester und Schlagzeug kann Agnese Egli\u0146a dann wirklich Solistin sein. Ihr zur Seite steht Edgars Saksons, der virtuos eine gro\u00dfe Anzahl an Schlaginstrumenten, von der Ratsche bis zur Glocke, zum Einsatz bringt, welche sich, nach den treffenden Worten der Kritikerin Tamara Bernstein, wie ein Schatten an die Spur des Klaviers heften und als dessen Alter Ego fungieren. Wie das Kammerkonzert, so ist auch dieses Werk dreis\u00e4tzig, mit einem zwischen lebhaften und ruhigeren Abschnitten wechselnden Satz zu Beginn, einem langsamen Mittelsatz (im Concerto da camera ein Fugato, im Klavier-Schlagzeug-Konzert eine Passacaglia) und einem rabiaten, irrwitzig agilen Finale. Dirigent Guntis Kuzma beh\u00e4lt in beiden Konzerten einen klaren \u00dcberblick \u00fcber das abwechslungsreiche Geschehen und versteht es, sowohl die kontrapunktische Kunst des Komponisten erlebbar zu machen, als auch die Instrumente in ihren unterschiedlichen Funktionen ausgewogen aufeinander abzustimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur der Aufnahme der Symphonie Nr.&nbsp;1 (\u0136eni\u0146\u0161 schrieb insgesamt acht) tritt Andris Poga an die Spitze des Orchesters, das nun in gr\u00f6\u00dferer Besetzung spielt als im Falle der Konzerte. W\u00e4hrend \u0136eni\u0146\u0161 in diesen St\u00fccken vor allem mit kurzen Motiven arbeitet, die er kaleidoskopisch ver\u00e4ndert, breiten sich in der Symphonie l\u00e4ngere Melodien aus. Der Kopfsatz verl\u00e4uft in m\u00e4\u00dfiger Bewegung als Sonaten- und Variationselemente verkn\u00fcpfende, monothematische Bogenform; der langsame Satz wird ganz beherrscht von einer elegischen Melodie, die im Fagott anhebt und anschlie\u00dfend von verschiedenen anderen Instrumenten fortgesponnen wird. Im Finale kontrastieren ein robuster Haupt- und ein kantabler Nebengedanke scharf zueinander. Die Durchf\u00fchrung, die als Fuge gestaltet ist, zeigt einmal mehr die kontrapunktischen F\u00e4higkeiten \u0136eni\u0146\u0161s. Andris Poga ist dieser Musik ein f\u00e4higer Sachwalter. Sein Sinn f\u00fcr die Ausgestaltung melodischer Entwicklungen l\u00e4sst ihn an jedem Punkt des Verlaufs die Orientierung behalten, sodass die Spannung auch \u00fcber Tempowechsel hinweg ohne Einbu\u00dfen erhalten bleibt. Die verschiedenen Orchestergruppen bringt er in ausgewogene Verh\u00e4ltnisse zueinander. Die Struktur des Tonsatzes und das Zusammenwirken der Instrumente lassen sich durchweg gut nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Produktion wird abgerundet durch einen (nur auf Englisch abgedruckten) Einf\u00fchrungstext von Orests Silabriedis, der ein lebensvolles Portrait des K\u00fcnstlers und Menschen T\u0101livaldis \u0136eni\u0146\u0161 zeichnet. Weitere \u0136eni\u0146\u0161 gewidmete CDs auf diesem Niveau sind durchaus erw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ondine, ODE 1350-2; EAN: 0 761195 135020 Unter der Leitung von Guntis Kuzma und Andris Poga stellt das Lettische Nationale Symphonieorchester drei Orchesterwerke von T\u0101livaldis \u0136eni\u0146\u0161 vor und verdeutlicht dessen Begabung als Symphoniker wie als Komponist konzertanter Musik. Als Solisten sind zu h\u00f6ren: Agnese Egli\u0146a (Klavier), Tommaso Pratola (Fl\u00f6te), M\u0101rti\u0146\u0161 Circenis (Klarinette) und Edgars Saksons &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/10\/talivaldis-kenins-lebensvolles-portrait-eines-lettisch-kanadischen-meisters\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Lebensvolles Portrait eines lettisch-kanadischen Meisters<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3772,3768,3770,3771,3769,3767,1892,3766,3773],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4061"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4061"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4108,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4061\/revisions\/4108"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}