{"id":4067,"date":"2020-12-12T08:08:00","date_gmt":"2020-12-12T07:08:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4067"},"modified":"2020-12-13T01:45:45","modified_gmt":"2020-12-13T00:45:45","slug":"ein-besonderes-geschenk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/12\/ein-besonderes-geschenk\/","title":{"rendered":"Ein besonderes Geschenk"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Auch in Weimar sind \u00f6ffentliche Konzerte durch coronabekr\u00e4nzte Generalpausen ersetzt worden, und bleibt es bis auf Weiteres abzuwarten, wann die Dirigenten das n\u00e4chste Zeichen zum Einsetzen geben werden. In dieser Ausnahmesituation erreichte die Redaktion eine Mitteilung dar\u00fcber, wie die Bewohner eines Pflegeheims dennoch in den Genuss hervorragenden Klavierspiels gekommen sind. Der folgende Beitrag basiert auf Aufzeichnungen von Dr. Karl-Heinz Fr\u00f6hlich, Universit\u00e4tsdozent f\u00fcr P\u00e4dagogik i.\u00a0R., wohnhaft im Marie-Seebach-Stift zu Weimar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Christian Wilm M\u00fcller, der an der Hochschule f\u00fcr Musik Franz Liszt Weimar Kammermusik und Klavier unterrichtet, pflegt seit langer Zeit eine enge Beziehung zur Marie-Seebach-Stiftung, einem Pflegeheim, das urspr\u00fcnglich f\u00fcr B\u00fchnenk\u00fcnstler im Ruhestand gegr\u00fcndet worden war und heute kulturinteressierten \u00e4lteren Menschen jeglicher Herkunft als Wohnst\u00e4tte dient. Das Forum Seebach, der Veranstaltungssaal des Stifts, ist in Weimar als Adresse f\u00fcr Kammerkonzerte, Lieder- und Klavierabende wohlbekannt \u2013 eine fest ins Musikleben der Stadt integrierte Institution. F\u00fcr Studenten der Musikhochschule ist es ein idealer Ort, ihr K\u00f6nnen unter Beweis zu stellen, bevor sie den Schritt in die gro\u00dfen Konzertst\u00e4tten wagen. So sind auch Angeh\u00f6rige der Klassen Christian Wilm M\u00fcllers immer wieder dort zu h\u00f6ren gewesen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4068\" width=\"364\" height=\"546\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328-683x1024.jpg 683w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328-768x1152.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328-1024x1536.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/MG_1328.jpg 1067w\" sizes=\"(max-width: 364px) 100vw, 364px\" \/><figcaption>Ein Bild aus besseren Tagen: Christian Wilm M\u00fcller bei einem Konzert im Forum Seebach (Photo: Bernd Lindig).<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es war kein Konzert, zu dem der Professor am 9. Dezember selbst ins Seebach-Stift kam, denn ein Publikum von au\u00dferhalb war nicht vorgesehen; so hatte es auch keine \u00f6ffentlichen Ank\u00fcndigungen gegeben. Nur die Bewohner des Stifts wussten seit zwei Tagen von dem au\u00dferordentlichen Musikangebot des Pianisten. Die Einhaltung der Hygienevorschriften erforderte, dass die Bewohner, entsprechend den beiden Stiftsh\u00e4usern, in zwei Gruppen nacheinander den Veranstaltungssaal betraten und dort in gro\u00dfen Abst\u00e4nden voneinander Platz nahmen. Prof. M\u00fcller spielte f\u00fcr sie zweimal ein 30-min\u00fctiges Programm mit Kompositionen dreier Klassiker der Klavierliteratur \u2013 jeweils mit wenigen einleitenden Worten des Pianisten: die Sonate e-Moll op.&nbsp;90 von Ludwig van Beethoven, Capriccio g-Moll (Nr.&nbsp;3) und Intermezzo E-Dur (Nr.&nbsp;4) aus den Fantasien op.&nbsp;116 von Johannes Brahms, sowie Franz Liszts Petrarca-Sonett Nr.&nbsp;104 aus den <em>Ann\u00e9es de P\u00e8lerinage<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. M\u00fcllers Klavierspiel zeichnet sich durch ein ausgewogenes Verh\u00e4ltnis zwischen Vorw\u00e4rtsdrang und Tempofreiheit aus. So gelang es ihm ausgezeichnet, im ersten Satz der Beethoven-Sonate die widerstreitenden Affekte darzustellen, ohne dass das St\u00fcck an Schwung verlor. Ebenso sicher f\u00fchrte er seine Zuh\u00f6rer durch die Seelenk\u00e4mpfe der Lisztschen Petrarca-Vertonung. Den H\u00f6hepunkt stellten die beiden St\u00fccke von Brahms dar, f\u00fcr dessen Musik Prof. M\u00fcller offenbar eine besondere Begabung besitzt. Im Capriccio betonte er die einzelnen Abschnitte durch unterschiedlichen Anschlag. Der Mittelteil klang wie ein vielstimmiger Chor, die Eckteile muteten wie zielsichere, kraftvolle Improvisationen an. Die dissonanten Akkorde des Intermezzos baute Prof. M\u00fcller mit viel Freude an den entstehenden Spannungen auf und schuf somit ein ergreifendes Stimmungsbild der Wehmut und Entsagung \u2013 ein Blick zur\u00fcck auf bessere Zeiten?<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Ausf\u00e4lle, mit denen das Musikleben des Stiftes seit Fr\u00fchjahr 2020 zurechtkommen musste, war dieser Abend ein besonderes Geschenk. Die Bewohner nahmen es mit gro\u00dfem Dank entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in Weimar sind \u00f6ffentliche Konzerte durch coronabekr\u00e4nzte Generalpausen ersetzt worden, und bleibt es bis auf Weiteres abzuwarten, wann die Dirigenten das n\u00e4chste Zeichen zum Einsetzen geben werden. In dieser Ausnahmesituation erreichte die Redaktion eine Mitteilung dar\u00fcber, wie die Bewohner eines Pflegeheims dennoch in den Genuss hervorragenden Klavierspiels gekommen sind. 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