{"id":4076,"date":"2020-12-14T08:17:00","date_gmt":"2020-12-14T07:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4076"},"modified":"2020-12-14T09:28:44","modified_gmt":"2020-12-14T08:28:44","slug":"formidable-sinfonik-aus-bulgarien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/14\/formidable-sinfonik-aus-bulgarien\/","title":{"rendered":"Farbenpr\u00e4chtige Sinfonik aus Bulgarien"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio, C8050 ; EAN: 8 45221 08050 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wladigerow.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4080\" width=\"373\" height=\"370\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wladigerow.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wladigerow-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wladigerow-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 373px) 100vw, 373px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Capriccio setzt seine Pantscho-Wladigerow-Edition mit den beiden Sinfonien und Konzertouvert\u00fcren fort. Erneut dirigiert Alexandar Wladigerow das Bulgarische Nationale Rundfunk-Sinfonieorchester.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Musik Bulgariens auf eine uralte Tradition bis ins erste Jahrtausend zur\u00fcckblickt, beginnt die Geschichte der bulgarischen Kunstmusik westeurop\u00e4ischer Pr\u00e4gung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Entscheidende Bedeutung (sowohl durch ihre eigene Musik als auch durch ihre Lehrt\u00e4tigkeit) kam einer Generation formidabler Komponisten zu, die rund um die Wende zum 20. Jahrhundert geboren und im Ausland ausgebildet wurden. Zu nennen sind hier Petko Stajnow, Wesselin Stojanow, Dimitar Nenow, Ljubomir Pipkow und zuvorderst Pantscho Wladigerow (in englischer Umschrift Pancho Vladigerov; 1899\u20131978), der als bulgarischer Nationalkomponist gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wladigerows Musik fu\u00dft auf der Sp\u00e4tromantik und bulgarischer Folklore und verbindet diese mit impressionistischen und in Ma\u00dfen auch neoklassizistischen Einfl\u00fcssen. Sie ist tonal bzw. oft eher modal gehalten, die Harmonik ist \u00fcppig und immer wieder mit Dissonanzen gew\u00fcrzt, die meist sehr einpr\u00e4gsame Melodik bulgarischen Volksthemen nachempfunden oder diese abwandelnd, auch die f\u00fcr die bulgarische Folklore typischen ungeraden Taktma\u00dfe treten h\u00e4ufig auf. Hervorzuheben ist Wladigerows Sinn f\u00fcr Klangfarben, er ist ein gl\u00e4nzender Orchestrator, aufbauend auf Richard Strauss und vergleichbar mit Joseph Marx, der die gro\u00dfe Geste ebenso wie feine Nuancierungen beherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang war lediglich eine kleinere Auswahl aus dem Schaffen Wladigerows auf CD erh\u00e4ltlich (u.a. CPO, Naxos sowie einige bulgarische CDs). Einige seiner zentralen Werke, insbesondere seine f\u00fcnf Klavierkonzerte (mit Ausnahme des dritten) und die beiden Sinfonien, blieben dabei bedauerlicherweise au\u00dfen vor. In diese L\u00fccke st\u00f6\u00dft nun das Label Capriccio, das Aufnahmen, die das bulgarische Staatslabel Balkanton in den 1970er Jahren auf Schallplatte herausbrachte, auf CD wiederver\u00f6ffentlicht. Nach der ersten 3 CD-Box mit den Klavierkonzerten (<a href=\"http:\/\/the-new-listener.de\/index.php\/2020\/11\/11\/vier-pianisten-und-die-konzerte-vladigerovs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">auf dieser Seite bereits von Oliver Fraenzke rezensiert<\/a>) ist soeben als n\u00e4chstes eine Doppel-CD mit den beiden Sinfonien und Konzertouvert\u00fcren auf den Markt gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Komposition von Sinfonien hat sich Wladigerow vergleichsweise viel Zeit gelassen; seine <em>Sinfonie Nr. 1 d-moll op. 33<\/em> entstand 1939 \u2013 ein reifes Werk von 45 Minuten Dauer, das Wladigerow bereits auf dem Zenit seiner kompositorischen Meisterschaft zeigt. Gleich der Beginn, eine Allegro vivace-Einleitung in D-Dur, ist elektrisierend: was f\u00fcr eine Welle der Euphorie, die den H\u00f6rer hier \u00fcberrollt! Nach und nach ebbt die Hochstimmung allerdings ab, und der folgende ausladende Sonatensatz wie auch der zweite, langsame Satz sind eher konflikthaft und k\u00e4mpferisch gepr\u00e4gt. Wenn am Ende des Kopfsatzes doch wieder ein (leicht verfremdetes) D-Dur erreicht wird, dann klingt das eher hart errungen denn als Konfliktl\u00f6sung. Einen Wendepunkt beschreibt das volkstanzhafte, leicht rustikale Scherzo, denn wenn im Finale hinsichtlich Dramaturgie und musikalischen Materials der Bogen zur\u00fcck zum Kopfsatz geschlagen wird, dann nun deutlich zuversichtlicher. So endet die Sinfonie \u00e4hnlich triumphal, wie sie begonnen hat. Ein gro\u00dfartiges, faszinierendes Werk.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist die Erste Sinfonie heroisch-dramatisch akzentuiert, so deuten bereits die reduzierte Besetzung der zehn Jahre sp\u00e4ter entstandenen <em>Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 44<\/em> (f\u00fcr Streichorchester) sowie der Beiname \u201eMaisinfonie\u201c darauf hin, dass der Charakter dieses Werks ein anderer ist. Hier dominieren lyrische, entspanntere, auch versponnen-nostalgische T\u00f6ne, Letzteres speziell in den beiden Mittels\u00e4tzen, die im Grunde genommen beide langsam sind: auf ein kantables, elegisch angehauchtes Adagio folgt ein langsamer Walzer mit einem dorisch gef\u00e4rbten Hauptthema. Die Ecks\u00e4tze und ganz speziell das Finale sind dagegen insgesamt hell, aktiv und kraftvoll gehalten und unterstreichen, dass Wladigerow diese Sinfonie auch als Jugendsinfonie verstanden wissen wollte. Trotzdem handelt es sich keinesfalls um eine Art Sinfonietta, was allein schon die erneut umfangreiche Konzeption (mit wiederum einer Dreiviertelstunde Spieldauer) unterstreicht. Faszinierend ist, wie sich Wladigerow auch im Umgang mit dem Streichorchester als brillanter Orchestrator mit einem gro\u00dfartigen Gesp\u00fcr f\u00fcr Klangfarben erweist. Exemplarisch sei der \u201estrahlende\u201c, fl\u00e4chig-panoramahafte Beginn der Sinfonie genannt, aber auch deutlich intimere Passagen etwa in den Mittels\u00e4tzen, zum Teil unter Einbeziehung von Soli.<\/p>\n\n\n\n<p>Begleitet werden die beiden Sinfonien durch Wladigerows Konzertouvert\u00fcren, eine Kombination, die in vielerlei Hinsicht stimmig erscheint, nicht zuletzt, da beide in relativer zeitlicher N\u00e4he zu den Sinfonien entstanden (1933 bzw. 1949) und es sich um gro\u00df angelegte Werke von sinfonischem Anspruch handelt. In der <em>\u201eErde\u201c op. 27<\/em> \u2013 zu verstehen als Heimaterde oder Heimatland \u2013 entwirft Wladigerow ein buntes Panorama: die in der langsamen, rhapsodisch wirkenden Einleitung vorherrschenden dunkleren Farben werden im Allegro von einem pr\u00e4gnanten, burschikos anmutenden Hauptthema zur Seite gewischt, kontrastiert durch lyrisch-kantabel aufbl\u00fchende Melodik. Die <em>Heroische Ouvert\u00fcre op. 45<\/em> ist auch unter dem Titel \u201eDer neunte September\u201c bekannt; sie entstand zur F\u00fcnfjahrfeier der kommunistischen Macht\u00fcbernahme in Bulgarien. Das Resultat ist ein ungemein farben- und klangpr\u00e4chtiges Orchesterwerk, das unter anderem vom Kontrast zwischen einem ernst dahinflie\u00dfenden, schwerm\u00fctigen Thema und appellhafter, marschartiger Motivik lebt und schlie\u00dflich in einen ausgesprochen wirkungsvollen, monumentalen Schluss m\u00fcndet, der einer hellen Zukunft entgegenzustreben scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Art Zugabe befindet sich schlie\u00dflich noch Wladigerows <em>Herbstelegie op. 15 Nr. 2<\/em> in dieser Zusammenstellung, die 1937 erfolgte Orchestrierung eines 15 Jahre zuvor entstandenen Klavierst\u00fccks. Diese rund siebenmin\u00fctige, bogenf\u00f6rmig aufgebaute Stimmungsmalerei mit H\u00f6hepunkt in der Mitte baut auf einem um einen Orgelpunkt pendelnden Motiv auf, das das gesamte St\u00fcck \u00fcber pr\u00e4sent bleibt, ebenso wie die Grundtonalit\u00e4t C niemals weit entfernt ist, was der Musik eine schwere, lastende Atmosph\u00e4re verleiht. Wechsel zwischen Moll und Dur sorgen dabei f\u00fcr ein reizvolles Spiel von Schattierungen. Eine bezaubernde Miniatur voller aparter Farben, sehr delikat orchestriert.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen Werken dirigiert Alexandar Wladigerow (1933\u20131993), der Sohn des Komponisten, das Nationale Bulgarische Rundfunk-Sinfonieorchester. Es handelt sich durchwegs um sehr engagierte, \u00fcberzeugende Interpretationen auf ausgesprochen hohem Niveau, die Charakter und Flair dieser Musik exzellent zur Geltung kommen lassen. Dass sie noch zu Lebzeiten des Komponisten (in den 1970er Jahren) entstanden, verleiht ihnen zus\u00e4tzliche Authentizit\u00e4t. Die Einspielungen sind allesamt Stereoaufnahmen, die f\u00fcr diese Produktion sehr gut aufbereitet wurden. Nat\u00fcrlich entsprechen die klangtechnischen Standards dennoch nicht immer denjenigen unserer Zeit: hier und da brummt es im Hintergrund etwas (Herbstelegie), andere Aufnahmen sind recht hallig (Sinfonie Nr. 2). Insgesamt aber sind diese Abstriche niemals so stark, dass sie den H\u00f6rgenuss entscheidend schm\u00e4lern w\u00fcrden. Alles zusammen werden mit diesen Einspielungen interpretatorische Standards gesetzt, die auch neuere Produktionen nicht selbstverst\u00e4ndlich erreichen d\u00fcrften.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfes Lob geb\u00fchrt dem Beiheft, in dem Christian Heindl ausf\u00fchrlich und detailliert \u00fcber Wladigerow, die Musik auf dieser CD und allerlei Hintergr\u00fcnde informiert. In meiner Ausgabe kommt es auf einigen Seiten zu drucktechnischen M\u00e4ngeln (der Text erscheint leicht versetzt doppelt). Inwiefern es sich dabei um ein generelles Problem handelt, wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht, und es soll auch den ausgesprochen positiven Gesamteindruck nicht beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Capriccio zu dieser Wladigerow-Edition nur gratulieren und darf gespannt auf die n\u00e4chsten Folgen warten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C8050 ; EAN: 8 45221 08050 5 Capriccio setzt seine Pantscho-Wladigerow-Edition mit den beiden Sinfonien und Konzertouvert\u00fcren fort. Erneut dirigiert Alexandar Wladigerow das Bulgarische Nationale Rundfunk-Sinfonieorchester. W\u00e4hrend die Musik Bulgariens auf eine uralte Tradition bis ins erste Jahrtausend zur\u00fcckblickt, beginnt die Geschichte der bulgarischen Kunstmusik westeurop\u00e4ischer Pr\u00e4gung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 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