{"id":4096,"date":"2020-12-22T06:41:04","date_gmt":"2020-12-22T05:41:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4096"},"modified":"2020-12-24T03:59:18","modified_gmt":"2020-12-24T02:59:18","slug":"marcel-mihalovici-matthew-rubenstein-rumaenisch-franzoesisch-rhapsodisch-streng","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/22\/marcel-mihalovici-matthew-rubenstein-rumaenisch-franzoesisch-rhapsodisch-streng\/","title":{"rendered":"Rum\u00e4nisch, franz\u00f6sisch, rhapsodisch, streng"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics, TOCC 0376; EAN: 5 060113 443762<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mihalovici.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mihalovici.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4097\" width=\"432\" height=\"432\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mihalovici.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mihalovici-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mihalovici-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr Toccata Classics hat Matthew Rubenstein eine repr\u00e4sentative Auswahl der Klavierwerke Marcel Mihalovicis aufgenommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne Marcel Mihalovici war rund sechs Jahrzehnte lang eine der herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten im Musikleben seiner Wahlheimat Frankreich. 1898 in Bukarest geboren, hatte er 21-j\u00e4hrig den Ratschlag seines 17 Jahre \u00e4lteren Landsmannes George Enescu befolgt und sich in Paris niedergelassen, wo er bis 1925 an der Schola Cantorum Komposition bei Vincent d&#8217;Indy, Harmonielehre bei L\u00e9on-Edgar Saint-R\u00e9quier und Paul Le Flem, Gregorianik bei Am\u00e9d\u00e9e Gastou\u00e9 und Violine bei Nestor Lejeune studierte. In K\u00fcnstlerkreisen gut vernetzt, fand er nach dem Ende seines Studiums Anschluss an den Verleger Michel Dillard, der sich auf die Verbreitung von Werken in Paris lebender ausl\u00e4ndischer Komponisten spezialisiert hatte. Die um Dillard versammelten Komponisten, neben Mihalovici u.&nbsp;a. der Tscheche Bohuslav Martin\u016f, der Schweizer Conrad Beck, der Ungar Tibor Hars\u00e1nyi und der Pole Alexander Tansman, sind unter dem Namen \u201e\u00c9cole de Paris\u201c in die franz\u00f6sische Musikgeschichte eingegangen; die Erforschung dieser \u201eSchule\u201c d\u00fcrfte ein ergiebiges Thema f\u00fcr Musikhistoriker sein. In den Zenit seiner Bekanntheit gelangte Mihalovici nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum einen wurde er im Rundfunk viel gespielt, zum andern fand er, au\u00dferhalb Frankreichs bis dahin wenig bekannt, durch seine Bekanntschaft mit Dirigenten wie Hans Rosbaud, Paul Sacher, Erich Schmid, Ferdinand Leitner und Heinz Zeebe, sowie dem Intendanten des SWR Heinrich Strobel Anschluss an das Musikleben Deutschlands und der Schweiz. Regelm\u00e4\u00dfig standen nun, in Frankreich wie in den deutschsprachigen L\u00e4ndern, seine Kompositionen auf Programmen von Festen zeitgen\u00f6ssischer Musik. Die Bestrebungen der deutschen und franz\u00f6sischen Nachkriegsavantgardisten blieben ihm allerdings fremd. Hochgeehrt starb Mihalovici 1985 in Paris.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den genannten Komponisten der \u201e\u00c9cole de Paris\u201c hat bislang nur Martin\u016f eine seiner Begabung angemessene diskographische Repr\u00e4sentation erfahren. Auch das Schaffen Mihalovicis ist, trotz zahlreichen Rundfunkaufnahmen zu Lebzeiten, auf Tontr\u00e4gern bislang nur sp\u00e4rlich vertreten. An vorderster Stelle muss hier der gro\u00dfen Pianistin Monique Haas gedacht werden, der Ehefrau des Komponisten, die mehrere seiner Werke auf LP festgehalten hat (so f\u00fcr Deutsche Grammophon die <em>Ricercari<\/em> op.&nbsp;46 und, prachtvoll im Duo mit Max Rostal, die Violinsonate Nr.&nbsp;2 op.&nbsp;45, beides mittlerweile auf CD \u00fcberspielt). Auch fand immer wieder einmal eines seiner Kammermusik- oder Klavierst\u00fccke in einer Anthologie Platz. Auf eine erste CD-Einspielung wartet allerdings noch sehr viel, denn Mihalovici hinterlie\u00df ein Werkverzeichnis, dessen \u00fcber 100 Opuszahlen nahezu s\u00e4mtliche Gattungen umfassen: F\u00fcnf Symphonien, eine gro\u00dfe Zahl weiterer Kompositionen f\u00fcr gro\u00dfe oder kleine Orchesterbesetzungen, Kantaten, Opern, Ballette, Kammermusik (darunter vier Streichquartette), sowie Werke f\u00fcr Klavier solo.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die letztgenannten hat sich nun der in Berlin lebende amerikanische Pianist Matthew Rubenstein eingesetzt und das erste Klavieralbum aufgenommen, das g\u00e4nzlich Marcel Mihalovici gewidmet ist. Die CD enth\u00e4lt mit den <em>Ricercari<\/em> op.&nbsp;46, der Sonate op.&nbsp;62 und der Passacaglia f\u00fcr die linke Hand op.&nbsp;105 die drei gewichtigsten Beitr\u00e4ge des Komponisten zur Klavierliteratur. Sie werden erg\u00e4nzt durch eine Auswahl seiner k\u00fcrzeren St\u00fccke: Die Sonatine op.&nbsp;11, <em>Quatre Caprices<\/em> op.&nbsp;29 und <em>Quatre Pastorales<\/em> op.&nbsp;62. Ein Blick auf die Opuszahlen verr\u00e4t, dass sich die Werke dieses Programms ziemlich gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber Mihalovicis gesamte Schaffenszeit verteilen: Zwischen der Sonatine und der Passacaglia liegt mehr als ein halbes Jahrhundert. Wir haben mit der CD also auch die geraffte Darstellung eines K\u00fcnstlerlebens vor uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt 66 seiner 87 Lebensjahre verbrachte Mihalovici in Frankreich. Seine rum\u00e4nische Identit\u00e4t hat er dabei nie verleugnet, auch kehrte er bis zum Zweiten Weltkrieg regelm\u00e4\u00dfig in den Sommermonaten nach Rum\u00e4nien zur\u00fcck. Seinem k\u00fcnstlerischen Schaffen l\u00e4sst sich anh\u00f6ren, dass es als Frucht eines best\u00e4ndigen Wanderns zwischen beiden Kulturen entstand. Die Stilmittel der franz\u00f6sischen Impressionisten \u2013 ihre aparten, unaufgel\u00f6sten Dissonanzen, ihre entfunktionalisierte, in klangfarbliche Ph\u00e4nomene hin\u00fcberspielende Harmonik, ihre Vorliebe f\u00fcr modale und pentatonische Melodien \u2013 ber\u00fchren sich in vielerlei Hinsicht mit denjenigen s\u00fcdosteurop\u00e4ischer Volksmusik. Mihalovici setzt gewisserma\u00dfen an diesen Schnittstellen an und kultiviert einen Personalstil, in dem \u00f6stliche und franz\u00f6sische Einfl\u00fcsse zu einer unaufl\u00f6slichen Synthese verschmelzen. In nuce verdeutlicht dies die erste <em>Caprice<\/em> aus op.&nbsp;29: Die Verzierungen der Melodie scheinen rurale Balkanlandschaften zu evozieren, der Walzerrhythmus dagegen die Atmosph\u00e4re eines Pariser Salons zu beschw\u00f6ren \u2013 und die Harmonien, sind sie n\u00e4her an Ravel und Milhaud oder n\u00e4her an Bart\u00f3k und Enescu? Man h\u00f6re selbst! Eine knappe Minute gibt der Komponist uns Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcbrigen Miniaturen sind etwas, aber nicht viel l\u00e4nger: Die <em>Pastorales<\/em> op.&nbsp;19 bewegen sich alle im Rahmen zwischen anderthalb und zwei Minuten, die <em>Caprice<\/em> op.&nbsp;29\/3 ist mit zweieinhalb Minuten die l\u00e4ngste. Auch die drei S\u00e4tze der Sonatine op.&nbsp;11 bleiben unterhalb der Zwei-Minuten-Marke. In allen diesen St\u00fccken herrscht auf kleinem Raum frisches, lebendiges Treiben, in raschen wie in langsamen Tempi. Mihalovici ist gleicherma\u00dfen Rhapsode wie strenger, detailversessener Motivarbeiter. Nicht selten entpuppt sich bei ihm ein Kontrastabschnitt bei n\u00e4herem Hinh\u00f6ren als aus vorangegangenem Material abgeleitet. Das Finale der Sonatine gestaltet er als Fuge, einschlie\u00dflich Engf\u00fchrung, Umkehrung und, zum Schluss, Augmentation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kontrapunktischen K\u00fcnste finden sich in den beiden Variationswerken intensiviert. Obwohl mit 22 bzw. 17\u00bd Minuten nicht besonders lang, kann man die <em>Ricercari<\/em> wie die Passacaglia getrost zu den monumentalen Klaviervariationen des 20.&nbsp;Jahrhunderts z\u00e4hlen. Beide Werke sind \u00e4u\u00dferst dicht gearbeitet und sehr ernsten Charakters. Im Falle der <em>Ricercari<\/em> l\u00e4sst sich dies durchaus auf biographische Hintergr\u00fcnde zur\u00fcckf\u00fchren, denn sie entstanden 1941, w\u00e4hrend der schwierigsten Zeit in Mihalovicis Leben, als sich der j\u00fcdischst\u00e4mmige Komponist vor den deutschen Besatzern nach Cannes gefl\u00fcchtet hatte. Formal ist das Werk h\u00f6chst originell, im wahrsten Sinne des Wortes <em>sucht <\/em>der Komponist stets seinem Hauptgedanken neue Seiten abzugewinnen. Es beginnt mit einer Passacaglia; dieser folgen neun Variationen, faktisch frei gestaltete kontrapunktische Miniaturen \u00fcber die Motive des Passacaglia-Themas; den Schluss bildet eine sich m\u00e4chtig steigernde Fuge, die zum Schluss in sich zusammenf\u00e4llt. Bei der 1975 komponierten Passacaglia, dem letzten Klavierwerk des damals bereits 77-j\u00e4hrigen Mihalovici, handelt es sich um eine Meditation \u00fcber Albrecht D\u00fcrers ber\u00fchmten Kupferstich <em>Melencolia I<\/em>, dessen verschiedene Bildelemente den Komponisten zu einzelnen Variationen inspirierten. Die linke Hand hat eine Vielzahl unterschiedlicher Satztechniken wiederzugeben und wird so virtuos behandelt, dass das Fehlen der rechten kaum zu merken ist. Die Dramaturgie wirkt weniger stringent als die der Ricercari, eher scheint den Variationen die Idee eines unruhigen, konzentrischen Kreisens zugrunde zu liegen. Der Schluss beruhigt das Geschehen durch Neutralisierung aller Affekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Anscheinend verst\u00e4rkten sich in Mihalovicis sp\u00e4terem Schaffen die rum\u00e4nischen Charakteristika. Jedenfalls bezeichnete der Komponist selbst seine 17-min\u00fctige, dreis\u00e4tzige Klaviersonate von 1964 als eines seiner \u201erum\u00e4nischsten\u201c Werke. Tats\u00e4chlich begegnet hier gleich zu Beginn jener eigent\u00fcmlich \u201eheterophone\u201c Tonsatz, wie man ihn auch aus den sp\u00e4ten Werken Enescus kennt. Zigeunermodi kommen ausgiebig zum Einsatz, auch Glockenimitationen (zweiter Satz) und derbe Tanzrhythmen (Finale) fehlen nicht \u2013 alles freilich pr\u00e4sentiert in den Formen franz\u00f6sischer <em>clart\u00e9<\/em>. Dass auch dieses St\u00fcck voller subtiler Zusammenh\u00e4nge steckt, versteht sich bei einem so formbewussten Komponisten wie Mihalovici nahezu von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Matthew Rubenstein ist den St\u00fccken Mihalovicis ein sorgf\u00e4ltig ans Werk gehender Sachwalter. Er meistert alle technischen Herausforderungen und gibt den Werken durch fein abgestufte Dynamik und variantenreichen Anschlag ein scharfes klangliches Profil, das die Vielschichtigkeit der Musik deutlich werden l\u00e4sst. Die Produktion wird abgerundet durch ein au\u00dferordentlich umfangreiches Beiheft, bestehend aus einer kurzen pers\u00f6nlichen Erinnerung des Pianisten Charles Timbrell an Marcel Mihalovici und Monique Haas, und eine ebenso ausf\u00fchrliche wie hilfreiche Beschreibung s\u00e4mtlicher eingespielter Werke durch Lukas N\u00e4f. F\u00fcr die Rezeption Mihalovicis ist diese Ver\u00f6ffentlichung ein gro\u00dfer Gewinn. M\u00f6ge sie weiteren den Weg weisen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics, TOCC 0376; EAN: 5 060113 443762 F\u00fcr Toccata Classics hat Matthew Rubenstein eine repr\u00e4sentative Auswahl der Klavierwerke Marcel Mihalovicis aufgenommen. Der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne Marcel Mihalovici war rund sechs Jahrzehnte lang eine der herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten im Musikleben seiner Wahlheimat Frankreich. 1898 in Bukarest geboren, hatte er 21-j\u00e4hrig den Ratschlag seines 17 Jahre \u00e4lteren Landsmannes &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/22\/marcel-mihalovici-matthew-rubenstein-rumaenisch-franzoesisch-rhapsodisch-streng\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Rum\u00e4nisch, franz\u00f6sisch, rhapsodisch, streng<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3779,3780,277],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4096"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4096"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4107,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4096\/revisions\/4107"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}