{"id":4100,"date":"2020-12-27T00:34:00","date_gmt":"2020-12-26T23:34:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4100"},"modified":"2020-12-24T23:17:13","modified_gmt":"2020-12-24T22:17:13","slug":"rudolf-wagner-regeny-johannes-kalitzke-ein-meister-der-aussparung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/27\/rudolf-wagner-regeny-johannes-kalitzke-ein-meister-der-aussparung\/","title":{"rendered":"Ein Meister der Aussparung"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio, C5413; EAN: 8 45221 05413 1<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wagner-Regeny-Genesis.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wagner-Regeny-Genesis.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4101\" width=\"453\" height=\"453\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wagner-Regeny-Genesis.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wagner-Regeny-Genesis-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Wagner-Regeny-Genesis-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Capriccio ver\u00f6ffentlicht ein Portr\u00e4t des Komponisten Rudolf Wagner-R\u00e9geny. Vier seiner Werke werden vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Johannes Kalitzke, Steffen Schleiermacher am Klavier, dem Rundfunkchor Berlin sowie der Altistin Michaela Selinger vorgestellt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche Komponisten der Jahrg\u00e4nge 1880 und aufw\u00e4rts aus dem deutschen Sprachraum sind diskographisch leider nach wie vor eher sp\u00e4rlich erschlossen. Das hat vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde, ist aber zu bedauern, weil es hier sehr viel sehr gute Musik zu entdecken g\u00e4be. In den letzten Jahren hat das Label Capriccio auf diesem Gebiet mit einer Reihe gelungener Ver\u00f6ffentlichungen (etwa mit Musik von Boris Blacher, Victor Bruns, Gottfried von Einem, Hanns Eisler oder Gerhard Frommel) aufgewartet.<\/p>\n\n\n\n<p>In diese Reihe passt die vorliegende CD mit Werken von Rudolf Wagner-R\u00e9geny (1903\u20131969). Wagner-R\u00e9geny wurde im siebenb\u00fcrgischen Sz\u00e1szr\u00e9gen (oder S\u00e4chsisch Regen) geboren, worauf sich der selbstgew\u00e4hlte Namenszusatz bezieht. Einstmals insbesondere als Opernkomponist sowohl im Dritten Reich als auch sp\u00e4ter in der DDR erfolgreich, wird seine Musik heute nur noch selten gespielt. Auf CD ist seine Oper \u201eDie B\u00fcrger von Calais\u201c zu haben, und au\u00dferdem sind zwei Portr\u00e4t-CDs des (nach dem Tod seines Gr\u00fcnders mittlerweile leider inaktiven) Labels Hastedt zu erw\u00e4hnen, das sich um Musik aus der ehemaligen DDR sehr verdient gemacht hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Opern, die als Zentrum seines Schaffens gelten, hat Wagner-R\u00e9geny zahlreiche andere Genres bedient, zun\u00e4chst tendenziell als Nebenprodukt seines B\u00fchnenschaffens, sp\u00e4ter immer st\u00e4rker auch unabh\u00e4ngig davon. Wagner-R\u00e9geny kann grunds\u00e4tzlich als Neoklassizist bezeichnet werden. In etwa ab den sp\u00e4ten 1940er Jahren greift er immer wieder auch auf Dodekaphonie zur\u00fcck, ohne tonale Bez\u00fcge aufzugeben. Es ist nicht schwer, in seiner Musik eine ganze Reihe verschiedener Einfl\u00fcsse (z.B. Hindemith, Blacher, Weill oder Strawinski) auszumachen. Das sollte aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass er eine charakteristische eigene Tonsprache besitzt, die diese Vorbilder nicht kopiert, sondern eher integriert. Bekannt f\u00fcr seine \u201eKunst der Aussparung\u201c, w\u00e4hlt Wagner-R\u00e9geny seine Mittel in aller Regel ausgesprochen \u00f6konomisch und konzentriert und vermeidet die gro\u00dfe Geste zugunsten einer eher herben, k\u00fchlen Expressivit\u00e4t mit besonderem Schwerpunkt auf der melodischen Linie. Seine Musik wirkt transparent und luzide, auch die Orchesterwerke muten meist eher kammermusikalisch an. In seinem Sp\u00e4twerk vereinigt sich dies zuweilen mit einer Atmosph\u00e4re von Abschied und Retrospektive zu einer bei aller Zur\u00fcckgenommenheit eigentlich bemerkenswert ausdrucksstarken Musik, so etwa in seinem orchestralen Meisterwerk, der herrlichen <em>Einleitung und Ode f\u00fcr sinfonisches Orchester<\/em> aus seinen letzten Lebensjahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Beginn der vorliegenden CD steht <em>Genesis<\/em>, eine Kantate (oder Oratorium) f\u00fcr Alt, Chor und kleines Orchester aus den Jahren 1955\/56, die in lateinischer Sprache die biblische Sch\u00f6pfungsgeschichte schildert. Die sechs S\u00e4tze sind mit Ausnahme des letzten eher kurz, es dominieren ruhige, meditative T\u00f6ne, was mit Tempoangaben einhergeht, die nicht \u00fcber Allegretto oder Moderato hinausgehen, und einer generellen Tendenz zu Mollkl\u00e4ngen. So m\u00fcndet das Werk auch am Ende nicht in eine gro\u00dfe Apotheose, sondern klingt mit Reminiszenzen an den Beginn in gravit\u00e4tischer Ruhe aus. Kalitzkes Einspielung betont die Einheitlichkeit des St\u00fccks und seine zur\u00fcckgenommene, fast mystische Grundstimmung. Sicher ist dies eine gute Interpretation. Dass es allerdings m\u00f6glich ist, dieses Werk noch suggestiver und eindrucksvoller zu gestalten, zeigt der Mitschnitt der Urauff\u00fchrung mit Herbert Kegel am Pult, der auf einer Hastedt-CD ver\u00f6ffentlicht wurde (bedauerlicherweise l\u00e4ngst vergriffen und selbst gebraucht kaum noch erh\u00e4ltlich). Kegel bringt die Linien und Spannungskurven dieser Musik deutlicher zur Geltung und erzeugt so st\u00e4rkere Kontraste und eine insgesamt intensivere Deutung. Seine Lesart bleibt somit trotz der klanglichen Defizite, die bei einer Einspielung aus dem Jahre 1956 unvermeidbar sind, die Referenzeinspielung dieser Kantate. <\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt eines von Wagner-R\u00e9genys erfolgreichsten Werken, die <em>Orchestermusik mit Klavier<\/em> aus dem Jahre 1935, eine Art kleines Klavierkonzert, das nach Angaben von Tilo Medek offenbar Bez\u00fcge zu Wagner-R\u00e9genys Schauspielmusik zu Shakespeares <em>Sommernachtstraum<\/em> aufweist. Es handelt sich um ein ausgesprochen attraktives, dankbares Werk, das durch einpr\u00e4gsame, diatonisch gepr\u00e4gte und auf motorischen Impulsen aufbauende Thematik besticht, die teilweise volksliedhaft wirkt, manchmal auch Unterhaltungsmusik anklingen l\u00e4sst. Vieles ist bewusst einfach und spielmusikhaft gehalten. Wie der Titel suggeriert, steht nicht Virtuosit\u00e4t im Vordergrund, sondern das Klavier interagiert mit dem Orchester oder ist sogar in dieses integriert. Einen Kontrast zu den lebhaften Ecks\u00e4tzen (wobei der dritte zweigeteilt ist: dem eigentlichen Finale geht als Einleitung ein kesses Scherzo voran) bildet ein beseelter, liedhafter langsamer Satz, der sp\u00e4ter variiert und in einen langsamen Marsch verwandelt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir sind insgesamt nicht weniger als vier Einspielungen der Orchestermusik bekannt: neben der vorliegenden Neueinspielung sind dies Eleonore Wikarski (Hastedt-CD, Aufnahme von 1967), Amadeus Webersinke (eine Schallplatte des DDR-Labels f\u00fcr neue Musik Nova, Aufnahme von 1981\/82) und schlie\u00dflich Rudolf Wagner-R\u00e9geny selbst am Klavier in einer nicht kommerziell ver\u00f6ffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 1949. Bemerkenswerterweise nimmt die Lesart des Komponisten selbst eine Extremposition ein: insgesamt ist dies die deutlich langsamste Einspielung, dabei mit allerhand Freiheiten in der Tempogestaltung wie auch Rubati, insgesamt eine \u00fcberraschend expressive Deutung. Dagegen wirkt insbesondere Amadeus Webersinkes Interpretation wesentlich klassizistischer und letztlich ein wenig arg gez\u00fcgelt. Schleiermacher w\u00e4hlt eine Art Mittelweg mit eher z\u00fcgigen Tempi (vor allem in den schnellen S\u00e4tzen), aber mehr Temperament als Webersinke. <\/p>\n\n\n\n<p>Speziell im ersten Satz w\u00e4hlen Wagner-R\u00e9geny und auch Wikarski einen merklich breiteren Ansatz, der die Vortragsanweisung \u201eheftig\u201c untermauert, andererseits das parodistische Element des zweiten Themas besonders gut zur Geltung bringt. Im zweiten Satz l\u00e4sst niemand die Melodik so breit aussingen wie Wagner-R\u00e9geny selbst \u2013 so gespielt, mag man etwa in den choralartigen Holzbl\u00e4serpassagen sogar ein wenig an den langsamen Satz des Reger-Konzerts denken. Allerdings vertragen beide S\u00e4tze auch eine z\u00fcgigere Tempowahl sehr gut: im ersten Satz wird so der zupackend-athletische Charakter betont, der zweite wirkt etwas fl\u00fcssiger \u2013 ebenfalls also eine schl\u00fcssige Lesart der <em>Orchestermusik<\/em>. Lediglich im Fugato zu Beginn von Satz 3b erscheint mir Schleiermachers Tempo als einen Hauch zu schnell, um noch \u201eanmutig\u201c zu wirken, aber dabei handelt es sich um Nuancen. Insgesamt ist dies eine sehr gute Neueinspielung, die diesem Werk hoffentlich viele neue Freunde bescheren wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den <em>Mythologischen Figurinen<\/em> aus dem Jahre 1951 handelt es sich um ein orchestrales Triptychon, in welchem (unter Verwendung von Zw\u00f6lftontechnik sowie Blachers \u201evariablen Metren\u201c) drei griechische G\u00f6ttinnen portr\u00e4tiert werden. Interessant ist ein Vergleich mit Wagner-R\u00e9genys <em>Drei Orchesters\u00e4tzen<\/em> (Nova-LP), die ihrerseits als Vorstudie zum Oratorium <em>Prometheus<\/em> gelten, also in gewisser Hinsicht ebenfalls einen Bezug zur griechischen Mythologie besitzen und vielleicht eine Art Schwesterwerk darstellen. Auch in den Orchesters\u00e4tzen verwendet Wagner-R\u00e9geny Dodekaphonie, aber der tonale Bezug erscheint etwas st\u00e4rker. Beispielsweise enden beide Zyklen mit einer Art Apotheose, aber wo die Mythologischen Figurinen in ein abschwellendes Unisono-D m\u00fcnden, l\u00e4sst Wagner-R\u00e9geny seine Orchesters\u00e4tze mit einem kr\u00e4ftigen Dur-Akkord enden. Durch derlei Details wirken die Orchesters\u00e4tze insgesamt ein wenig leichter zug\u00e4nglich als die manchmal etwas sperrigen Figurinen. Kalitzkes Einspielung bewegt sich auf hohem Niveau, insbesondere auch bez\u00fcglich der Orchesterleistung, wenngleich \u00e4hnlich wie im Falle von <em>Genesis<\/em> noch mehr an Spannung und Expressivit\u00e4t aus der Partitur herauszuholen w\u00e4re (exemplarisch seien die langsameren Passagen in der Mitte des ersten St\u00fccks genannt, die recht statisch wirken). Trotzdem zweifelsohne eine erfreuliche Erg\u00e4nzung der Wagner-R\u00e9geny-Diskographie. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der CD steht ein reines Klavierwerk, n\u00e4mlich die <em>F\u00fcnf franz\u00f6sischen Klavierst\u00fccke<\/em>, erneut aus dem Jahre 1951 und ebenfalls unter Verwendung von Zw\u00f6lftontechnik. Diese Miniaturen von jeweils kaum mehr als ein bis zwei Minuten L\u00e4nge sind in <em>Trois Parfums<\/em> und <em>Deux hommages \u00e0 la cuisine<\/em> geteilt. Sie unterstreichen Wagner-R\u00e9genys Tendenz zu Verknappung, Reduktion und Verzicht auf schm\u00fcckendes Beiwerk. Dies wird durch Schleiermachers sehr trockenen, n\u00fcchternen Ansatz noch verst\u00e4rkt. Dadurch allerdings wirkt die Musik insgesamt reichlich blass und spr\u00f6de. Im Vergleich arbeitet Peter Szaunig auf einer vergriffenen, von der Siebenb\u00fcrgisch-S\u00e4chsischen Stiftung herausgegebenen CD die Linien und Farben dieser Musik wesentlich deutlicher heraus. So beginnen auch diese vermeintlich trockenen St\u00fccke zu \u201esprechen\u201c, und die Delikatesse, die sie ja qua Titel besitzen sollten, kommt erst wirklich zum Vorschein. <\/p>\n\n\n\n<p>Klangtechnisch ist die CD vorz\u00fcglich gelungen, die Aufnahmen sind transparent, und in der Orchestermusik ist das Klavier gut in das Klangbild integriert. Christian Heindl informiert im Begleittext ausf\u00fchrlich und auf gewohnt hohem Niveau. <\/p>\n\n\n\n<p>Summa summarum ein willkommenes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Wagner-R\u00e9genys Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C5413; EAN: 8 45221 05413 1 Capriccio ver\u00f6ffentlicht ein Portr\u00e4t des Komponisten Rudolf Wagner-R\u00e9geny. Vier seiner Werke werden vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Johannes Kalitzke, Steffen Schleiermacher am Klavier, dem Rundfunkchor Berlin sowie der Altistin Michaela Selinger vorgestellt. 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