{"id":4103,"date":"2020-12-24T03:57:13","date_gmt":"2020-12-24T02:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4103"},"modified":"2020-12-24T04:33:54","modified_gmt":"2020-12-24T03:33:54","slug":"olivier-messiaen-pi-hsien-chen-20-blicke-in-guten-haenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/24\/olivier-messiaen-pi-hsien-chen-20-blicke-in-guten-haenden\/","title":{"rendered":"20 Blicke in guten H\u00e4nden"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 015; EAN: 9 003643 980150<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Messiaen-Vingt-Regards.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Messiaen-Vingt-Regards.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4104\" width=\"441\" height=\"398\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Messiaen-Vingt-Regards.jpg 400w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Messiaen-Vingt-Regards-300x271.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was liegt n\u00e4her, als sich \u00fcber die Weihnachtstage mit Musik zu besch\u00e4ftigen, die Demjenigen Ehre erweist, dessen Geburt den Anlass bot, das Weihnachtsfest ins Leben treten zu lassen? P\u00fcnktlich zum Fest hat Aldil\u00e0 Records Olivier Messiaens Klavierzyklus <\/em>Vingt Regards sur l&#8217;Enfant-J\u00e9sus<em> herausgebracht. Es handelt sich um den Mitschnitt eines Konzerts, das die Pianistin Pi-Hsien Chen 2005 in der K\u00f6lner Kirche St. C\u00e4cilien gegeben hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Jesuskind in der Krippe: ein kleiner Mensch, gerade erst auf die Welt gekommen, noch ganz hilflos und schutzbed\u00fcrftig \u2013 und zugleich Gottes Sohn, der <em>filius Dei unigenitus<\/em>, von einer Substanz mit dem Vater, also Gott, der ewige und allm\u00e4chtige, selbst. Nirgendwo sonst ist die Spannweite der ungetrennten zwei Naturen Jesu Christi so deutlich sp\u00fcrbar wie in diesem Bild. Mannigfaltige Assoziationen k\u00f6nnen dem entspringen und zu k\u00fcnstlerischer Gestaltung anregen. Olivier Messiaen, als dezidiert katholischer Komponist, lie\u00df sich zu einem Zyklus von 20 Klavierst\u00fccken inspirieren, deren jedes einen Blick auf das Jesuskind unter einem bestimmten Gesichtspunkt musikalisch verdeutlicht. Begonnen wird mit dem Blick Gottvaters. Gleich zu Beginn dieses ersten St\u00fcckes erscheint das wichtigste Thema des Werkes, von Messiaen selbst als \u201eThema Gottes\u201c bezeichnet, das im Verlauf des Zyklus immer wieder auftaucht und wie ein Wegweiser hilft, sich im musikalischen Geschehen zu orientieren. Es beschlie\u00dft, in einer au\u00dferordentlich langen Coda, auch den letzten Satz, in welchem Jesus aus Sicht der \u201eKirche der Liebe\u201c betrachtet wird. Au\u00dfer dem \u201eThema Gottes\u201c hat Messiaen im Vorwort der Partitur noch auf das \u201eThema des Sterns und des Kreuzes\u201c (zuerst in Satz&nbsp;2 zu h\u00f6ren) und das \u201eAkkord-Thema\u201c (ein Strukturelement ohne spezielle symbolische Bedeutung) hingewiesen. Weitere Themen, das \u201eThema der Liebe\u201c etwa, kennzeichnet der Komponist ebenso in der Partitur wie die eingestreuten Vogelrufe. F\u00fcr Messiaen spricht Gott aus den Stimmen der V\u00f6gel. Durchaus naheliegend erschien es somit, dass er sie u.&nbsp;a. als Symbole f\u00fcr Mariae Verk\u00fcndigung im vierten und elften Satz verwendete.<\/p>\n\n\n\n<p>Messiaens musikalische Umsetzung seiner religi\u00f6sen Empfindungen ist unverwechselbar. Die <em>Vingt Regards <\/em>sind meditative Musik; auf Stilmittel zur Dramatisierung des musikalischen Geschehens verzichtet der Komponist gezielt. An Stelle eines Spannungsaufbaus anhand klarer tonaler Verh\u00e4ltnisse tritt ein elaboriertes Modussystem, das tonale Zentren zwar als Nebenprodukte ausbildet, aber ihr Wechselspiel gerade nicht in den Mittelpunkt des Geschehens r\u00fcckt. Entsprechend entstehen auch keine rhythmischen Pulse. Die Rhythmik selbst ist au\u00dferordentlich vielgestaltig, zumal Messiaen in vielen St\u00fccken keine festen Metren vorschreibt, sondern durch Verk\u00fcrzung und Verl\u00e4ngerung einzelner T\u00f6ne Takte unterschiedlicher Ausdehnung einander folgen l\u00e4sst. Der Tonsatz kommt nahezu ohne kontrapunktische Techniken aus. Statt des Aufeinandereinwirkens mehrerer Stimmen, das ja selbst bei Palestrina etwas von dramatischer Aktion, von gegenseitigem Antreiben, an sich hat, bevorzugt Messiaen eine homophone Satzgestaltung, gepr\u00e4gt von Akkordfolgen. Sein Einfallsreichtum in der Gestaltung aparter, raffinierter, milder Dissonanzen \u2013 oft mit Zusatzt\u00f6nen angereicherte Dur- oder Mollkl\u00e4nge \u2013 verdient besondere Erw\u00e4hnung. Gezielt eingesetzte Funktionsharmonik begegnet selten: Ein Beispiel sind die kindlich anmutenden Dominante-Tonika-Kadenzen in Satz 15, <em>Le baiser de l&#8217;Enfant-J\u00e9sus<\/em>, wobei die Tonika regelm\u00e4\u00dfig mit einer hinzugef\u00fcgten Sexte verziert wird. Im Gro\u00dfen und Ganzen kultiviert Messiaen eine enorm farbenreiche, aber statische Harmonik. Seine musikalische Dramaturgie wird von pr\u00e4gnant formulierten, bildhaften Momenten bestimmt, die einander abwechseln. Diese Musik zu h\u00f6ren, verschafft das Gef\u00fchl, alle Zeit der Welt zu haben, denn eine Gestaltung des Dr\u00e4ngens der Zeit interessiert Messiaen schlicht nicht. Er wollte nach eigenen Worten Musik schaffen, die das Ende der Zeit zum Ausdruck bringt. So schweben die <em>Vingt Regards<\/em> gleichsam zeitlos vor\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vom WDR aufgezeichnete Konzert, in dem Pi-Hsien Chen sich am 4.&nbsp;Juli 2005 den enormen technischen und musikalischen Herausforderungen stellte, die eine Darbietung des kompletten Zyklus mit sich bringt (er dauert unter ihren H\u00e4nden \u00fcber 130 Minuten), muss gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Pianistin wie f\u00fcr das Publikum eine Sternstunde gewesen sein. Der Mitschnitt l\u00e4sst jene Atmosph\u00e4re erahnen, die entsteht, wenn vortreffliche Musiker ihre Zuh\u00f6rer zu fesseln verstehen und, von ihrer Aufmerksamkeit angespornt, sich zu H\u00f6chstleitungen steigern. Der Darbietung selbst merkt man an, wie sehr sich die Pianistin in diese Musik vertieft haben muss. Nirgends wirkt Messiaens demonstrative Zeit(ma\u00df)losigkeit angestrengt oder erm\u00fcdend. Pi-Hsien Chens sorgf\u00e4ltiges Herausarbeiten der dynamischen Abstufungen und der klangfarblichen Gestaltung der verschiedenen Abschnitte bewirkt ebenso wie ihre Gabe, tonale Schwerpunkte in der nicht-tonal konzipierten Musik aufzusp\u00fcren, dass die \u00dcbersichtlichkeit \u00fcber die musikalischen Ereignisse stets gewahrt bleibt und die Musik sich mit einer Nat\u00fcrlichkeit entfaltet, als k\u00f6nnte es nicht anders sein. Wer mit Messiaen 20 Blicke auf das Jesuskind werfen m\u00f6chte, kann sich bedenkenlos Pi-Hsien Chen anvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 015; EAN: 9 003643 980150 Was liegt n\u00e4her, als sich \u00fcber die Weihnachtstage mit Musik zu besch\u00e4ftigen, die Demjenigen Ehre erweist, dessen Geburt den Anlass bot, das Weihnachtsfest ins Leben treten zu lassen? 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