{"id":4112,"date":"2020-12-29T20:14:50","date_gmt":"2020-12-29T19:14:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4112"},"modified":"2020-12-29T20:28:01","modified_gmt":"2020-12-29T19:28:01","slug":"gordon-sherwood-masha-dimitrieva-hommage-und-selbstverwirklichung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/29\/gordon-sherwood-masha-dimitrieva-hommage-und-selbstverwirklichung\/","title":{"rendered":"Hommage und Selbstverwirklichung"},"content":{"rendered":"\n<p>Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610069<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sherwood-Klavierwerke.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"446\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sherwood-Klavierwerke.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4115\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sherwood-Klavierwerke.png 446w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sherwood-Klavierwerke-300x269.png 300w\" sizes=\"(max-width: 446px) 100vw, 446px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf dem zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Klavierwerke Gordon Sherwoods von Masha Dimitrieva h\u00f6ren wir St\u00fccke, die eine gewisse Hommagefunktion erf\u00fcllen: Die \u201eAir\u201c der \u201eSieben beschreibenden Klavierst\u00fccke\u201c op. 6 steht im Zeichen Bart\u00f3ks, die zwei \u201eRondos im klassischen Stil\u201c op. 4 greifen die Musik Haydns und Schuberts auf, die \u201eDrei St\u00fccke op. 22\u201c bekennen sich zu Hindemith. Komplexer werden solche Zuordnungen bei den l\u00e4ngeren Werken dieser CD: Die Sonate op. 111+11 bezieht sich auf Beethoven, ist aber in Motto und Klang in buddhistischen Sph\u00e4ren errichtet. Die abschlie\u00dfenden Blues-Variationen op. 33 konzipierte Sherwood auf ein Thema von Peter Heaton, widmete das Werk Fats Waller \u2013 in seinem Innersten ist es jedoch eine Hommage auf die gesamte Ragtime-, Blues und Barpiano-Szene.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Unglaubliche in der Musik Gordon Sherwoods ist seine F\u00e4higkeit, in jedem Stil er selbst zu bleiben. M\u00fchelos, gar schwerelos, m\u00e4andert er zwischen Bach, Wiener Klassik, Romanik und Moderne bis hin zum Jazz, nimmt sich dabei das Beste aus jedem Stil heraus und fusioniert es zu einer eigenen, vielseitigen wie facettenreichen Tonsprache. Nie gleichen sich zwei Werke Sherwoods bez\u00fcglich ihrer Tonsprache und doch erkennt man eines seiner St\u00fccke sofort anhand mancher Harmonieabfolgen, Muster oder Figurationen, die er favorisiert. In meiner Rezension \u00fcber den ersten Teil der Einspielung seiner Klavierwerke vermerkte ich noch: \u201eCharakteristisch f\u00fcr ihn ist lediglich, dass sein Schaffen keinen verfestigten Stil aufweist.\u201c [Zitat: siehe den Beitrag <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/19\/weltbuerger-und-bettler\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/19\/weltbuerger-und-bettler\/\" target=\"_blank\">&#8222;Weltb\u00fcger und Bettler&#8220;<\/a>] Heute w\u00fcrde ich erg\u00e4nzen, dass er trotz aller Divergenzen doch einen Funken aufweist, die ihn unverkennbar macht in seiner Kompositionsweise. Wie genau sich dieser niederschl\u00e4gt, das w\u00e4re ein spannender Ausgangspunkt f\u00fcr die Musikforschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was seine Biographie angeht, so k\u00f6nnte man alleine viele Seiten f\u00fcllen, denn Sherwood f\u00fchrte ein filmreich anarchisches, von allen hiesigen Konventionen befreites Leben. Er opferte eine geordnete Lebensf\u00fchrung als Komponist (den Erfolgen seiner fr\u00fchen Jahre nach zu urteilen sicherlich als gefeierter Star der zeitgen\u00f6ssischen Musik) seinem Drang nach Freiheit; so das Geld es zulie\u00df, reiste er und lie\u00df sich in Afrika oder Asien zu neuer Musik inspirieren. Wo es finanziell fehlte, ging er nach Paris, um dort \u201eSelf-Sponsoring\u201c zu betreiben, also Passanten auf der Stra\u00dfe um eine Bezahlung f\u00fcr seine Musik zu bitten. Wer von den Passanten h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen, dass einer der Meistersch\u00fcler Coplands, Jarnachs und Petrassis, dessen Symphonie op. 3 durch Mitropoulos durchschlagenden Erfolg feierte, gerade um Gaben bettelte. Nur wenige Freunde und Verehrer seiner Kunst wussten um das wahre Genie Sherwoods; erst der Film <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9p3gTOkQL3I\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9p3gTOkQL3I\">\u201eDer Bettler von Paris\u201c<\/a>  verlieh ihm in Deutschland kurzzeitig Aufmerksamkeit \u2013 auch Masha Dimitrieva sah diesen Film und versuchte sogleich, diesen wundersamen Mann zu kontaktieren. \u00dcber mehrere Ecken klappte dies schlie\u00dflich und f\u00fchrte zu beidseitig inspirierenden Begegnungen: Gordon Sherwood erhielt den Funken, sein lang geplantes Klavierkonzert gemeinsam mit Masha Dimitrieva in die Tat umzusetzen; auch widmete er ihr andere seiner Kompositionen. Unter anderem steht sie in der Widmung der hier zu h\u00f6renden Sonate op. 111+11. Masha Dimitrieva ist es auch, die nach dem Tod Sherwoods sein geistiges Erbe verwaltet und sich als Leitfigur f\u00fcr seine Musik einsetzt. Nicht nur s\u00e4mtliche seiner Klavierwerke spielt sie aktuell ein, sondern auch alle Lieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe Herausforderung liegt in diesem Unterfangen auf der Hand: Die Musik Sherwoods verlangt eine souver\u00e4ne Beherrschung s\u00e4mtlicher Stile verschiedener Epochen oder gar von Personalstilen einzelner Komponisten, dar\u00fcber hinaus das Verst\u00e4ndnis, hinter diese oberfl\u00e4chlichen Eigent\u00fcmlichkeiten zu sehen und den Sherwood eigenen Kern zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt nach seiner neut\u00f6nerischen Symphonie op. 3, durch welche er zu einem der spannendsten jungen Tonsetzer gek\u00fcrt wurde, schrieb er die Zwei Wiener Rondos op. 4. Auf den ersten Blick m\u00f6gen sie wie Studienwerke klingen, geschrieben um sich den Stilen der gro\u00dfen Meister anzun\u00e4hern, doch es steckt mehr dahinter: Sherwood pr\u00e4sentiert nicht nur meisterliche Beherrschung der Handschriften von Haydn und Schubert, sondern kann sie auf unvergleichliche Weise eigenst\u00e4ndig weiterf\u00fchren. Bereits hier bricht er mit den Konventionen und schreibt wissentlich wider die Art der Musik, die ihn neulich noch bekannt machte. Leichter kann man auch als Sherwood-unerfahrener H\u00f6rer seine kompositorischen Eigent\u00fcmlichkeiten in den Sieben beschreibenden Klavierst\u00fccken op. 6 und den sp\u00e4ter entstandenen Drei St\u00fccken op. 22 durchh\u00f6ren. Beide n\u00e4hern sich zwar ebenso anderen Komponisten an, mit Hindemith und Bart\u00f3k zwei Meistern der Moderne, doch k\u00f6nnen in den hier freieren, dissonanteren Tonr\u00e4umen mehr von Sherwoods favorisierten Wendungen auftreten. Besondere Beachtung verdienen die Zw\u00f6lf Variationen auf ein Blues-Thema op. 33. Sherwood arbeitete lange Zeit als Barpianist und machte sich so mit den tanzbaren Rhythmen vertraut, mit den Eigenheiten des Blues, aber auch damit, wie man ihn durchbrechen kann. In den Variationen nimmt er den Blues in seine Mikroteilchen auseinander und durchdringt die Form bis ins kleinste Detail, um sie auf teils gar widerborstige Weise neu zusammenzusetzen. Manche der Variationen k\u00f6nnten ohne Weiteres in einer Bar erklingen, andere strotzen vor Dissonanzen und gespannten Momenten, wieder andere gl\u00fchen vor rhythmischer (Tanz-)Energie. Halsbrecherisch virtuos spielt Sherwood genau mit der Bruchstelle zwischen sogenannter ernster und leichter Musik, zeigt verstohlen heimlich beiden die lange Nase. Hier h\u00f6rt man am deutlichsten, welche Harmoniewendungen Sherwood pr\u00e4feriert, welche Motivschnipsel ihn besch\u00e4ftigen und was seine Handschrift ausmacht. Den H\u00f6hepunkt der CD macht die halbst\u00fcndige Sonate op. 111+11 aus, die in zweis\u00e4tziger Faktur einen gewaltig gro\u00dfen Aufbau zeichnet, wie man ihn in dieser Stringenz selten in der Musikgeschichte erlebt. Die S\u00e4tze beschreiben zwei buddhistische Entwicklungsstadien: Sotapanna (Vorbereitendes Stadium des buddhistischen Heilsweges. Brodelnd vor Wut, Bitterkeit und gerechtem Zorn. Gier und Selbstsucht sind \u00fcberwunden, aber noch nicht \u00c4rger und Angst) und Arahat (Endg\u00fcltiges Stadium des buddhistischen Heilsweges. Bes\u00e4nftigt durch tiefen inneren Frieden, Gelassenheit und Behagen. \u00c4rger, Bitterkeit und Angst sind \u00fcberwunden). Diesen Weg der Reinigung zeichnet Sherwood \u2013 selbst praktizierender Buddhist \u2013 in der Musik nach und f\u00fchrt uns hin zu einem verhei\u00dfenden H\u00f6hepunkt. Der Weg wirkt m\u00fchsam, voller Verlockungen und Hindernissen, doch die Erleuchtung lockt und zieht uns das St\u00fcck entlang. Erz\u00e4hlend, beschreibend, verhei\u00dfend bannt uns die Musik und l\u00e4sst uns nicht los, ehe wir einen kurzen Blick auf die Freuden werfen konnten, welche der Heilsweg verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Masha Dimitrieva f\u00fchrt uns durch diese Musik, angetrieben von der tiefen Zuneigung zu jedem der St\u00fccke und von ihrer Mission, die Musik des \u201eBettlers von Paris\u201c erstmalig und vollst\u00e4ndig zug\u00e4nglich zu machen. Nicht nur technisch meistert sie jede H\u00fcrde mit Bravour, sondern auch musikalisch durch tiefes Verst\u00e4ndnis zu jedem Stil und zum Kern, Sherwoods omnipr\u00e4sente Handschrift. Perlend klar und heiter klingen die Wiener Rondos, swingend leichtf\u00fc\u00dfig die Blues-Variationen, verhaltener die Air und perkussiv fokussiert die St\u00fccke op. 22. Aus der Sonate holt Dimitrieva alles heraus, was man sich als H\u00f6rer w\u00fcnschen kann. Durch den allm\u00e4hlichen Aufbau und die Beibehaltung eines kontinuierlichen Stroms nach vorne, der \u00fcber s\u00e4mtliche Abbiegungen und Ausschweifungen der Musik hinweg sp\u00fcrbar bleibt, bannt sie uns in die Musik und zelebriert die buddhistische Philosophie durch ihr Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610069 Auf dem zweiten Teil der Gesamteinspielung aller Klavierwerke Gordon Sherwoods von Masha Dimitrieva h\u00f6ren wir St\u00fccke, die eine gewisse Hommagefunktion erf\u00fcllen: Die \u201eAir\u201c der \u201eSieben beschreibenden Klavierst\u00fccke\u201c op. 6 steht im Zeichen Bart\u00f3ks, die zwei \u201eRondos im klassischen Stil\u201c op. 4 greifen die Musik Haydns und Schuberts auf, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/12\/29\/gordon-sherwood-masha-dimitrieva-hommage-und-selbstverwirklichung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Hommage und Selbstverwirklichung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2345,2346,2398],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4112"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4112"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4119,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4112\/revisions\/4119"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}