{"id":4120,"date":"2021-01-02T00:59:59","date_gmt":"2021-01-01T23:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4120"},"modified":"2021-01-10T05:32:20","modified_gmt":"2021-01-10T04:32:20","slug":"krzysztof-meisinger-poland-barock-kultivierte-musiker-auf-grand-tour-durch-europa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/02\/krzysztof-meisinger-poland-barock-kultivierte-musiker-auf-grand-tour-durch-europa\/","title":{"rendered":"Kultivierte Musiker auf Grand Tour durch Europa"},"content":{"rendered":"\n<p>Orfeus Music, OMCD-10; EAN: [\/]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Vivaldissimo.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Vivaldissimo.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4121\" width=\"461\" height=\"461\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Vivaldissimo.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Vivaldissimo-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Vivaldissimo-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Titel \u201eVivaldissimo\u201c steht \u00fcber dieser h\u00f6chst bemerkenswerten polnischen Produktion wie ein in die Irre f\u00fchrender Wegweiser. Zwar er\u00f6ffnet Antonio Vivaldi das Programm, doch begeben wir uns, geleitet von dem Gitarristen Krzysztof Meisinger und dem auf historischen Instrumenten spielenden Ensemble Poland baROCK, auf eine zeitlich, geographisch und stilistisch deutlich weiter ausgreifende Reise als die \u00dcberschrift vermuten l\u00e4sst: auf eine veritable musikalische Grand Tour! Sie f\u00fchrt vom Venezianer Vivaldi, vorerst in dessen Zeit bleibend, zu Johann Sigismund Weiss, der als Hoflautenist des Kurf\u00fcrsten von der Pfalz in D\u00fcsseldorf, Heidelberg und Mannheim wirkte, und zu Johann Sebastian Bach nach Mitteldeutschland. Es folgt ein Sprung um eine Generation nach Wien, wo wir Karl Kohaut begegnen. Mit dessen j\u00fcngerem Zeitgenossen Luigi Boccherini landen wir in Spanien, und bleiben dort auch, wenn mit Isaac Alb\u00e9niz die Szene ins sp\u00e4te 19.\u00a0Jahrhundert wechselt. S\u00e4mtliche Werke sind f\u00fcr die Besetzung dieser Aufnahme eingerichtet worden: die Lautenkonzerte Vivaldis und Kohauts, sowie die St\u00fccke von Boccherini und Alb\u00e9niz vom hier spielenden Gitarristen Krzysztof Meisinger, das Lautenkonzert von Weiss von Alice Artz und die Aria aus Bachs Orchestersuite BWV 1068 von Dmitry Varelas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man das Manuskript von Vivaldis D-Dur-Konzert RV\u00a093 (an wohlbekannter Stelle im Netz zu finden), so f\u00e4llt auf, wie wenige Vortragsbezeichnungen der Komponist notiert hat. Meisinger und Poland baROCK haben aus den wenigen Piano- und Forte-Angaben nicht den Schluss gezogen, hier m\u00fcsse strikt zwischen lauten und leisen Abschnitten ohne weitere Differenzierung geschieden werden. Auch schlussfolgerten sie aus der weitgehenden Abwesenheit von Bindeb\u00f6gen und Artikulationszeichen nicht, dass Legatospiel zu vermeiden sei und die Musik m\u00f6glichst monoton vorgetragen werden m\u00fcsse. Nein, die Musiker haben sich h\u00f6rbar in das St\u00fcck vertieft, jede Phrase auf ihre Funktion im Gesamtzusammenhang hin betrachtet, und dadurch den Aufbau der S\u00e4tze verinnerlicht. In jedem Moment behalten sie die \u00dcbersicht \u00fcber das Geschehen und k\u00f6nnen somit den musikalischen Verlauf als Folge einander bedingender Ereignisse darstellen. Nirgends wirken die Kl\u00e4nge unbedacht aneinandergereiht. Die Musik schwingt in gro\u00dfen B\u00f6gen und strahlt in jedem Takt Leben aus, im raschen wie im langsamen Tempo. Die feine Differenzierung in Dynamik und Artikulation sorgt daf\u00fcr, dass der erste Satz, obwohl sehr lebhaft vorgetragen, nirgends gehetzt wirkt, ebenso dass der zweite trotz sehr breitem Zeitma\u00df (er dauert in der vorliegenden Einspielung l\u00e4nger als die Ecks\u00e4tze zusammengenommen) fest zusammenh\u00e4lt. Alle drei S\u00e4tze des Konzerts sind in zweiteiliger (Sonaten-)Form mit Wiederholungsvorschriften f\u00fcr beide Teile geschrieben. Diese werden auch alle ausgef\u00fchrt, aber keineswegs als blo\u00dfe Pflichtschuldigkeit philologischer Ursache, sondern dramaturgisch sinnvoll: Der zweite Durchlauf des zweiten Satzteils schlie\u00dft unmittelbar an den ersten an, nachdem dieser am Schluss nur zu lokaler, aber nicht endg\u00fcltiger Beruhigung gekommen war. So gelingt die \u00dcberraschung, und die Musik st\u00fcrzt sich mit neuer Energie in die zweite Runde. Die Wiederholungen im langsamen Satz gestaltet Krzysztof Meisinger mit geschmackvollen Verzierungen aus, w\u00e4hrend das Orchester noch tiefer in die Musik einzutauchen scheint. Im zweiten Durchlauf des Kopfsatzes erlaubt sich der Solist einen kleinen Scherz, indem er vor dem letzten Tutti in einer kleinen Kadenz die Verwandtschaft des Hauptgedankens mit dem entsprechenden Thema des <em>Fr\u00fchlings<\/em> aus den <em>Vier Jahreszeiten<\/em> offenlegt. Au\u00dferdem leitet Meisinger den langsamen Satz mit einem kurzen improvisierten Vorspiel ein. Wie die Freiheiten, die sich die Musiker beim Vortrag und in der Ausgestaltung der Dynamik nehmen, stets im Einklang mit dem musikalischen Verlauf erscheinen, so f\u00fcgen sich auch diese Zutaten des Solisten passend in den Zusammenhang ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Johann Sigismund Weiss stand zu Lebzeiten im Schatten seines \u00e4lteren Bruders Silvius Leopold Weiss. W\u00e4hrend jedoch dessen Lautenkonzerte bis auf die Solostimmen verloren gingen, hat das Schicksal es in dieser Hinsicht mit Johann Sigismund besser gemeint. Sein Konzert in d-Moll ist viers\u00e4tzig, aber k\u00fcrzer als das Vivaldische. Zweimal wechselt hier ein langsamer mit einem schnellen Satz, wobei der Kopfsatz sich gegen Schluss in einen kurzen schnellen Abschnitt hineinsteigert. Feurig beschwingt in den raschen S\u00e4tzen, gr\u00fcblerisch und herb in den langsamen, stellt das Werk seinem Komponisten ein treffliches Zeugnis aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Kohaut galt Mitte des 18. Jahrhunderts als bester Lautenist Wiens und stand in der Gunst Kaiser Josephs&nbsp;II., der ihn in den Adelsstand erhob. Sein etwa 20-min\u00fctiges Konzert in E-Dur steht stilistisch ungef\u00e4hr in der Mitte zwischen Matthias Georg Monn und dem fr\u00fchen Joseph Haydn, was sich formal darin \u00e4u\u00dfert, dass der Kopfsatz sich gleicherma\u00dfen als Ritornell- wie als Sonatenform beschreiben l\u00e4sst. Ein freundlicher, galanter Tonfall pr\u00e4gt die Ecks\u00e4tze, namentlich das im Menuett-Zeitma\u00df gehaltene Finale. Sie umschlie\u00dfen ein arioses Larghetto in Moll.<\/p>\n\n\n\n<p>Krzysztof Meisinger ist ein souver\u00e4ner Virtuose und zeigt dies \u00fcberall, wo ihm die Komponisten entsprechende Figurationen zu spielen geben. Allerdings ersch\u00f6pft sich sein K\u00fcnstlertum nicht in der technischen Perfektion. Alle langsamen S\u00e4tze des vorliegenden Albums demonstrieren, wie fein er es versteht, die Gitarre singen zu lassen; ebenso, dass er ein gro\u00dfartiger Kammermusiker ist, der auf seine Mitspieler zu h\u00f6ren wei\u00df. Auf den charakteristischen Klang seines Instruments vertrauend, h\u00e4lt er sich mitunter deutlich zur\u00fcck, um den Streichern mehr Raum zu g\u00f6nnen, wenn diese prominent hervorzutreten haben. Der Solist dr\u00e4ngt sich nicht in den Vordergrund, sondern fungiert gleichsam als Schlagader des musikalischen Geschehens. Er mag die markanteste Stimme haben, doch g\u00f6nnt er auch allen anderen Stimmen ihr Recht. Ein besonders inniges Miteinander gelingt auf diese Weise in der Bachschen Air. Ein Reiz eigener Art entsteht durch die Besetzung der Continuo-Gruppe von Poland baROCK mit Theorbe und Cembalo. Gerade in den langsamen S\u00e4tzen, wenn die Musik im allgemeinen recht leise ist, kann man die drei einander \u00e4hnlichen Klangfarben von Solo-Gitarre, Cembalo und Theorbe im Zusammenspiel h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Um f\u00fcr den Schluss des Programms nach Spanien \u00fcberzuleiten, erweist sich der letzte Satz von Boccherinis Gitarrenquintett G.&nbsp;448 bestens geeignet, beginnt doch seine Einleitung im gleichem Rokoko-Geist, der dem vorangegangenen Konzert Kohauts das Gepr\u00e4ge gibt, um letztlich in einen Fandango zu m\u00fcnden. Meisingers Bearbeitung von Alb\u00e9niz&#8216; <em>Asturias<\/em> l\u00e4sst klanglich aufhorchen. Zwar h\u00f6rt man das urspr\u00fcnglich f\u00fcr Klavier geschriebene St\u00fcck oft von einer Gitarre vorgetragen, aber wann einmal mit einem Barockorchester als Begleitung? Das Experiment gelingt pr\u00e4chtig! Im Gegensatz zu Boccherinis Fandango, wo Meisinger noch Erster unter Gleichen ist, \u00fcbernimmt er hier sehr entschieden die F\u00fchrung. Die Streicher schaffen mit langen Orgelpunkten eine weitr\u00e4umige Atmosph\u00e4re, w\u00e4hrend das Cembalo mit harten Arpeggien und St\u00fctzakkorden wie eine gro\u00dfe zweite Gitarre klingt. Dass auch die spanischen St\u00fccke, jedes auf die ihm angemessene Art, h\u00f6chst kultiviert vorgetragen werden, er\u00fcbrigt sich fast zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begleittext beschr\u00e4nkt sich auf ein kurzes Geleitwort Krzysztof Meisingers auf Polnisch. Die Musiker lassen also weitgehend die Musik f\u00fcr sich sprechen. Und das tut sie in ihren H\u00e4nden wahrlich ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orfeus Music, OMCD-10; EAN: [\/] Der Titel \u201eVivaldissimo\u201c steht \u00fcber dieser h\u00f6chst bemerkenswerten polnischen Produktion wie ein in die Irre f\u00fchrender Wegweiser. 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