{"id":4124,"date":"2021-01-05T00:01:00","date_gmt":"2021-01-04T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4124"},"modified":"2021-01-02T02:18:04","modified_gmt":"2021-01-02T01:18:04","slug":"alexander-mossolow-mosolov-zwei-gewichtige-mossolow-ausgrabungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/05\/alexander-mossolow-mosolov-zwei-gewichtige-mossolow-ausgrabungen\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Zwei gewichtige Mossolow-Ausgrabungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574102; EAN: 7 4731341027 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4125\" width=\"404\" height=\"401\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 404px) 100vw, 404px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Vom in der Stalinzeit schwer gebeutelten ehemaligen Avantgardisten Alexander Mossolow (1900-1973) hat Naxos nun mithilfe des Dirigenten Arthur Arnold und des Moscow Symphony Orchestra zwei Werke der Reifezeit wiederentdeckt. Neben seiner letzten Symphonie (Nr. 5) von 1965 erklingen auf der neuen Naxos-CD auch erstmals alle vier S\u00e4tze des Harfenkonzerts aus dem Jahre 1939. Die Solistin ist Taylor Ann Fleshman &#8211; eine vorz\u00fcgliche Produktion.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hatte Dmitri Schostakowitsch ja einfach nur Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Abgesehen vom Verbot \u2013 bzw. dem vorsorglichen Zur\u00fcckhalten \u2013 von kaum einer Handvoll Werken sp\u00fcrte der Komponist zwar lange die Repressionen Stalins als konkrete Bedrohung, konnte aber trotzdem mehr oder weniger frei komponieren; seine Werke wurden gesch\u00e4tzt und vor allem auch in der Sowjetunion regelm\u00e4\u00dfig gespielt. Andere traf es da schlimmer: Sie wurden aus dem Komponistenverband ausgeschlossen \u2013 was einem Berufsverbot gleichkam \u2013, ihre Musik wurde nicht mehr gedruckt und aufgef\u00fchrt, oder sie landeten gleich im Gulag. Zu diesen Musikern geh\u00f6rten u.a. Nikolai Roslawez, Wsewolod Saderazki, aber ebenso Alexander Mossolow, der nur durch massive F\u00fcrsprache seiner Lehrer Gli\u00e8re und Mjaskowski 1938 bereits nach acht Monaten \u2013 statt f\u00fcnf Jahren \u2013 wieder aus dem Arbeitslager kam und dann f\u00fcnf Jahre in der inneren Verbannung zubringen musste. Danach war er definitiv ein anderer Komponist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte Mossolow in den Zwanzigerjahren durch recht konstruktivistische, avantgardistische und teilweise provokante Werke auf sich aufmerksam gemacht, darunter zwei Klaviersonaten und ein Klavierkonzert \u2013 im Westen war lange nur das kurze, lautmalerische Orchesterst\u00fcck <em>Sawod <\/em>(\u201eEisengie\u00dferei\u201c) bekannt, das man dem musikalischen Futurismus zuordnete \u2013, wirkte der K\u00fcnstler ab Ende der 1930er total angepasst. Den Forderungen des Sozialistischen Realismus gerecht zu werden, half dabei sein schon fr\u00fcher bestehendes Interesse etwa an der Volksmusik des Kubans, Kirgisiens oder Turkmenistans; bei seiner 1. Symphonie E-Dur von 1944 sp\u00fcrt man jedoch die Angst im Nacken: Sie steht ganz im Zeichen des <em>Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges, <\/em>verherrlicht den kommenden Sieg des Milit\u00e4rs und ist konformistisch bis ins Mark; Mossolows Eigenst\u00e4ndigkeit scheint v\u00f6llig verflogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zum Gl\u00fcck bei der 5. Symphonie (1965) nicht mehr so. Sie wurde zu Lebzeiten nie aufgef\u00fchrt und erst 1991 gedruckt. Die vielen Fehler dieser Partitur konnte der aus den Niederlanden stammende Dirigent <em>Arthur Arnold<\/em>, der seit 2012 das ab seiner Gr\u00fcndung 1989 eng mit Naxos verbundene Moskauer Symphonieorchester leitet, in m\u00fchevoller Arbeit korrigieren und legt nun ein abwechslungsreiches, ausdrucksstarkes und fein instrumentiertes Werk vor. Nat\u00fcrlich vermisst man auch hier die wilden, fast aufr\u00fchrerischen Elemente des jungen Mossolow \u2013 aber nur, wenn man diese kennt und zum Ma\u00dfstab macht. Mossolows dreis\u00e4tzige <em>F\u00fcnfte<\/em> ist dennoch absolut seri\u00f6s und von ansprechender Reife, dabei keineswegs allzu retrospektiv. Lediglich der unmittelbare Schluss: <em>Maestoso, trionfale <\/em>streift die N\u00e4he zum sozialistischen Kitsch. Arnold nimmt hier jedes Detail ernst; vor allem gelingt ihm eine stringente musikalische Entwicklung des Materials, sowohl innerhalb der einzelnen S\u00e4tze wie der gesamten Symphonie. Die Tontechnik leistet zudem ihr Bestes \u2013 enorme Dynamik und hervorragende Durchsichtigkeit ergeben ein tolles, angenehmes Klangbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Unrecht in Vergessenheit geriet auch Mossolows gewaltiges <em>Harfenkonzert<\/em>, das er 1939 f\u00fcr Vera Dulova schrieb \u2013 eine unmittelbare Antwort auf den nur ein Jahr zuvor aus der Taufe gehobenen Gattungsbeitrag Gli\u00e8res f\u00fcr wiederum Dulovas Lehrerin Ksenia Erdely. Obwohl Harfenkonzerte in Russland bis heute eine gewisse Tradition haben, wurde dieses Konzert danach nicht mehr gespielt. Die Urauff\u00fchrung der kompletten Fassung fand tats\u00e4chlich erst 2019 mit der hier fabelhaft aufspielenden <em>Taylor Ann Fleshman<\/em> statt. Ihre Klangsch\u00f6nheit ist fantastisch, die Tongebung differenziert und bei den lyrischen Stellen geradezu feenhaft geheimnisvoll. Desgleichen beherrscht sie den heiteren Zugriff, vor allem in der abschlie\u00dfenden Toccata, die bewusst nur gehobene Unterhaltungsmusik sein will, vollendet. Das Konzert krankt jedoch an seiner L\u00e4nge (37 Minuten!), die das zum Teil sp\u00e4rliche Material bis an die Grenzen des Leerlaufs ausreizt, gerade auch in besagtem Finale. Der erste Satz zerf\u00e4llt durch \u00fcberlange, unbegleitete Soli bzw. Kadenzen, im Tutti f\u00e4llt dem Komponisten f\u00fcr die Harfe oft nicht wirklich \u00dcberzeugendes ein: Arpeggien rauf, Arpeggien runter; Erm\u00fcdung ist so streckenweise vorprogrammiert. Dies ist nat\u00fcrlich zu keinem Zeitpunkt den Interpreten vorzuwerfen, die eine unter jedem Aspekt optimale, ber\u00fchrende Darbietung abliefern: Arnold begleitet mit seinem Orchester aufmerksam und mit Hingabe. Das sch\u00f6ne Konzert darf man trotz kleinerer Schw\u00e4chen aber f\u00fcr eine repertoiref\u00e4hige Entdeckung erachten. Die intelligente Orchestrierung Mossolows h\u00e4tte alleine schon daf\u00fcr gesorgt, dass das Orchester hier die Harfe akustisch nicht erdr\u00fcckt \u2013 das Soloinstrument ist leider deutlich zu hoch ausgesteuert. Man h\u00f6rt so nat\u00fcrlich jedes Detail, aber die Balance wird dadurch unrealistisch. Fazit: Eine l\u00e4ngst f\u00e4llige Rehabilitierung zweier gewichtiger Mossolow-Werke mit hervorragend agierenden Musikern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574102; EAN: 7 4731341027 9 Vom in der Stalinzeit schwer gebeutelten ehemaligen Avantgardisten Alexander Mossolow (1900-1973) hat Naxos nun mithilfe des Dirigenten Arthur Arnold und des Moscow Symphony Orchestra zwei Werke der Reifezeit wiederentdeckt. 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