{"id":4127,"date":"2021-01-05T00:00:00","date_gmt":"2021-01-04T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4127"},"modified":"2021-01-02T02:22:41","modified_gmt":"2021-01-02T01:22:41","slug":"alexander-mossolow-mosolov-avantgarde-repression-und-ruckschau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/05\/alexander-mossolow-mosolov-avantgarde-repression-und-ruckschau\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Avantgarde, Repression und R\u00fcckschau"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.574102; EAN: 7 47313 41027 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4130\" width=\"417\" height=\"414\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-1.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-1-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Mossolow-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 417px) 100vw, 417px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Naxos pr\u00e4sentiert Ersteinspielungen von Alexander Mossolows Sinfonie Nr. 5 und seinem Harfenkonzert. Es spielen das Moskauer Sinfonieorchester unter der Leitung des niederl\u00e4ndischen Dirigenten Arthur Arnold, Harfenistin ist die junge Amerikanerin Taylor Ann Fleshman.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der markantesten Figuren der musikalischen Avantgarde der jungen Sowjetunion war Alexander Mossolow (Mosolov in der englischen Umschrift; 1900\u20131973). Anfangs noch durch Prokofjew und (in der Klaviermusik) Skrjabin gepr\u00e4gt, machte sich er sich in den 1920er Jahren durch oft bemerkenswert radikale Werke wie seinen Klaviersonaten, dem ersten Klavierkonzert oder dem ersten Streichquartett auch international einen Namen. Besondere Verbreitung fand sein kurzes, eigentlich als Teil eines Balletts konzipiertes Orchesterst\u00fcck <em>Die Eisengie\u00dferei<\/em>, ausgesprochen suggestive Maschinenmusik aufbauend auf Honeggers <em>Pacific 231<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende der 1920er Jahre geriet Mossolow immer st\u00e4rker in kulturpolitische Konflikte, die sich in den 1930er Jahren versch\u00e4rften, war seine Tonsprache doch mit der \u00c4sthetik des sozialistischen Realismus nur schwer in Einklang zu bringen. Schlie\u00dflich wurde er Ende des Jahres 1937 verhaftet und wegen \u201ekonterrevolution\u00e4rer Aktivit\u00e4ten\u201c (ein Standardvorwurf jener Tage, der in der Regel aus der Luft gegriffen war) zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Auf Intervention seiner fr\u00fcheren Lehrer Mjaskowski und Gli\u00e8re wurde er zwar nach acht Monaten wieder entlassen, aber selbstverst\u00e4ndlich bedeutete die Haft einen Einschnitt gewaltigen Ausma\u00dfes, der sich auch in seiner Musik \u00fcberdeutlich niederschlug: der Komponist Mossolow nach der Inhaftierung hat mit dem Avantgardisten der 1920er Jahre nichts mehr gemein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Problem bei der Rezeption von Mossolows Schaffen ist, dass die Quellenlage ziemlich d\u00fcnn ist. Konsultiert man verschiedene Werkverzeichnisse, so wird man immer wieder auf Inkonsistenzen sto\u00dfen, manche Werke sind verschollen, und erst vor wenigen Jahren wurde in den Archiven des Moskauer Rundfunks eine ganze Reihe bislang unbekannter Fr\u00fchwerke Mossolows wiederentdeckt, darunter eine auch als <em>Antireligi\u00f6se Sinfonie<\/em> bezeichnete Sinfonische Dichtung mit Chor aus dem Jahre 1931. Dennoch ist das Fr\u00fchwerk Mossolows insgesamt recht gut auf CD dokumentiert, oft sogar in mehrfachen Einspielungen. Anders sieht es mit den nach Mossolows Inhaftierung entstandenen Werken aus: hier ist bislang lediglich eine kleine Auswahl erschlossen, unter anderem auf einer CD des Petersburger Labels Northern Flowers das (zweite) Cellokonzert und eine Sinfonie in E-Dur aus dem Jahre 1944 (die eventuell als Sinfonie Nr. 1 zu betrachten ist), daneben Suiten, Ch\u00f6re und Gelegenheitswerke. Daher ist die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung sehr willkommen, stellt sie doch zwei weitere gro\u00dfformatige Werke aus Mossolows sp\u00e4terem Schaffen erstmals vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fr\u00fchere der beiden Opera ist das <em>Harfenkonzert<\/em>, ein dezidiert lyrisches Werk aus dem Jahre 1939, das f\u00fcr Wera Dulowa komponiert wurde, die es freilich nur einmal auff\u00fchrte (unter Auslassung des kurzen dritten Satzes). In vielerlei Hinsicht handelt es sich um ein typisches Werk Mossolows aus der Zeit nach seiner Inhaftierung: die Musik ist schlicht gehalten (selbst f\u00fcr ein Werk, das den Erwartungen der sowjetischen Kulturpolitik jener Jahre zu entsprechen hatte), uneingeschr\u00e4nkt tonal (e-moll in diesem Fall), weitgehend unter Verzicht auf Chromatik, und sogar Kontrapunktik wird nur \u00e4u\u00dferst sparsam eingesetzt. Stattdessen steht einfache, (volks-)liedhafte Melodik im Zentrum, oft von der Harfe mit Figurationen und Arpeggien umspielt, wobei das Orchester insgesamt sehr sparsam eingesetzt wird. \u00c4hnlich wie das Cellokonzert oder das zweite Streichquartett besitzt das Harfenkonzert eher den Charakter einer (ausgedehnten) Suite von Genrest\u00fccken; so sind die S\u00e4tze zwei bis vier explizit als Nocturne, Gavotte (mit einem Trio, das entfernt an das \u201ePoljuschko Pole\u201c aus Knippers Sinfonie Nr. 4 erinnert) und Toccata bezeichnet. Mit der Sinfonie in E-Dur teilt das Harfenkonzert die ausgedehnten Proportionen; mit rund 37 Minuten Spieldauer d\u00fcrfte es einer der l\u00e4ngsten Vertretung seiner Gattung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles zusammen wirkt das Harfenkonzert wesentlich zu lang; \u00fcber weite Strecken passiert im Grunde genommen eher wenig. So bewegen sich die beiden Eingangss\u00e4tze (d.h. die ersten \u00fcber 26 Minuten des Konzerts!) im Wesentlichen im Adagio-Tempo, ohne dass dies zum Beispiel mit einer besonderen Intensit\u00e4t oder Variabilit\u00e4t des Ausdrucks einhergehen w\u00fcrde. Am gelungensten erscheint das Finale, weil es farbiger wirkt und einen willkommenen Kontrast liefert. In Kommentar zur CD wird die Behauptung vertreten, dieses Werk geh\u00f6re ins Standardrepertoire. Davon kann aus meiner Sicht keine Rede sein. Bereits ein Vergleich mit dem Gli\u00e8re-Konzert, das ein Jahr fr\u00fcher entstand und Mossolow offenbar zu seinem eigenen Konzert anregte, bekommt dem Werk schlecht, denn Gli\u00e8res Konzert ist wesentlich vielgestaltiger und reichhaltiger. Sucht man dar\u00fcber hinaus speziell im fr\u00fcheren Ostblock nach weiteren lohnenswerten Harfenkonzerten, so k\u00f6nnte man etwa Boris Tischtschenkos Harfenkonzert (\u00fcbrigens noch l\u00e4nger als Mossolows Gattungsbeitrag, aber erheblich facettenreicher), das expressive, dramatisch akzentuierte Konzert von Ernst Hermann Meyer oder, sucht man ein eher lyrisch gepr\u00e4gtes St\u00fcck, das Konzert des slowenischen Klangmagiers Lucijan Marija \u0160kerjanc nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das interessantere der beiden Werke ist die dunkel-elegisch get\u00f6nte, dreis\u00e4tzige <em>Sinfonie Nr. 5<\/em>, entstanden 1965 (als Tonart wird in vielen Quellen e-moll angegeben, was in der Tat auf weite Teile der Ecks\u00e4tze zutrifft, die Sinfonie endet allerdings in festlichem A-Dur). Im Vergleich zu den um 1940 entstandenen Werken hat sich Mossolows Tonsprache gewandelt; man wird in der F\u00fcnften immer wieder Ankl\u00e4nge an den sp\u00e4ten Prokofjew finden. Nicht immer geschieht dies so explizit wie in Teilen des Mittelsatzes, wenn deutlich der Beginn von Prokofjews Siebter Sinfonie anklingt, aber mindestens sp\u00fcrbar bleibt der Einfluss meistens doch, etwa in der Orchestrierung (man beachte etwa die Behandlung der tiefen Register). Der episodische Charakter der Sinfonie, teilweise eher an eine Abfolge von Szenen erinnernd, l\u00e4sst insbesondere an Prokofjews Ballettmusik denken. Dagegen ruft die elegische, br\u00fctend-verhangene Grundstimmung, aber auch die Harmonik Mjaskowski in Erinnerung. \u00c4hnlich wie im Harfenkonzert dominieren langsame Tempi, die hier aber freier, variabler und kontrastreicher ausgestaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bemerkenswertes Detail ist, dass Mossolow in dieser Sinfonie recht ausgiebig seine eigene Klaviersonate Nr. 2 aus den Jahren 1923\/24 zitiert. Dies gilt speziell f\u00fcr den langsamen Satz, der mit einer Reminiszenz an den Beginn der Sonate beginnt, dann aber vor allem ihren zweiten Satz verwendet. Sp\u00e4ter wird relativ zu Beginn des Finales (1:34 in der vorliegenden Aufnahme) wiederum der Beginn der Klaviersonate zitiert, nun wortw\u00f6rtlich. Also doch noch einmal ein R\u00fcckbezug auf den fr\u00fchen Mossolow! Freilich kann eher nicht von einer Wiederaufnahme seiner Tonsprache aus jungen Jahren die Rede sein, denn in beiden S\u00e4tzen h\u00f6rt man auch den sp\u00e4teren, \u201ediatonischen\u201c Mossolow, und immer wieder scheint zudem seine Tendenz zu einem recht ausged\u00fcnnten Satz bis hin zur Einstimmigkeit durch. Dies wirkt nicht immer einheitlich, und im Vergleich zur Sonate zeigt sich insbesondere, dass Mossolow weder die atmosph\u00e4rische Dichte noch die Stringenz seines fr\u00fchen Werks erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine sowjetische Sinfonie des Jahres 1965 ist Mossolows F\u00fcnfte eher konservativ; zu jener Zeit war die stilistische Bandbreite in der Sowjetunion bereits erheblich gr\u00f6\u00dfer als in Stalins letzten Jahren, und auch Atonalit\u00e4t war keine Ausnahme mehr. In ihrer elegisch-retrospektiven Grundhaltung ist Mossolows Sinfonie vergleichbar mit Schebalins F\u00fcnfter (1962) oder Wladimir Jurowskis F\u00fcnfter (1971), wobei Letztere ebenfalls Material aus den jungen Jahren ihres Sch\u00f6pfers zitiert. Wenn man an Komponisten denkt, die in den 1930er Jahren in \u00e4hnliche Konflikte wie Mossolow gerieten (und nicht gleich Schostakowitsch nennen will), ist auch ein Vergleich mit Gawriil Popows Sechster (1969) reizvoll; diese Sinfonie, auch <em>Festliche<\/em> genannt, ist ein in Teilen beinahe irrwitzig \u00fcberdrehtes Werk, fast eher die Persiflage einer Festlichkeit. Mossolows F\u00fcnfte erreicht nicht das Niveau dieser Sinfonien, nicht zuletzt, weil sie insgesamt zu uneinheitlich ist. Dennoch handelt es sich um das bislang interessanteste Werk Mossolows aus seinem Schaffen nach der Inhaftierung, auch wenn einige der besten Passagen wesentlich auf der fr\u00fchen Klaviersonate beruhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Moskauer Sinfonieorchester spielt insgesamt solide, einige Intonationsprobleme hier und da sind letztlich nicht so gravierend, dass sie ein gr\u00f6\u00dferes Problem darstellen w\u00fcrden. \u00c4rgerlicher ist, dass die Interpretation der Sinfonie recht pauschal ger\u00e4t: zum Beispiel wirkt die gro\u00dfe Kulmination kurz vor Schluss des ersten Satzes vorwiegend laut und wenig differenziert. So aber ereignet sich die Musik nur Takt f\u00fcr Takt; Linienf\u00fchrung, Dramaturgie und Steigerungen kommen zu kurz. Gerade bei einem Werk wie dieser Sinfonie, das schon an und f\u00fcr sich nicht immer ganz koh\u00e4rent wirkt, w\u00e4re ein stringenterer, nuancierterer Ansatz wichtig. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das Harfenkonzert, dessen lyrische Ausrichtung stark betont wird, was seine erheblichen L\u00e4ngen noch deutlicher erscheinen l\u00e4sst und auf die Dauer eint\u00f6nig wirkt. Nat\u00fcrlich gibt es keine Vergleichseinspielung, aber Wera Dulowa hat eine Aufnahme einer kurzen <em>Tanzsuite<\/em> f\u00fcr Harfe allein von Mossolow hinterlassen. Obwohl diese Suite eigentlich nicht sonderlich interessant ist (ihre Thematik besteht im Wesentlichen aus Allgemeinpl\u00e4tzen), zeigt die Nuanciertheit und Lebendigkeit von Dulowas Interpretation auf, dass auch aus dem Harfenkonzert noch mehr herauszuholen w\u00e4re. Der Klang der Aufnahmen ist ordentlich, aber etwas matt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ganz zufriedenstellend ist auch das (ausschlie\u00dflich in englischer Sprache gehaltene) Beiheft: auf zwei Seiten wird vorwiegend Mossolows Biographie geschildert, auf die beiden Werke auf dieser CD wird dagegen nur sp\u00e4rlich eingegangen (und teilweise ist die Auswahl der Informationen nicht recht nachvollziehbar \u2013 zum Beispiel wird verschwiegen, dass im Rahmen des im Beiheft erw\u00e4hnten Konzerts am 26. Januar 2019 offenbar auch die Sinfonie uraufgef\u00fchrt wurde). Es soll dabei nat\u00fcrlich nicht abgestritten werden, dass gerade im Falle Mossolows biographische Details von wesentlicher Bedeutung sind. Wenn aber das Beiheft zum Beispiel die Bez\u00fcge zwischen der Sinfonie und der Zweiten Klaviersonate nicht einmal erw\u00e4hnt, dann ist das schade, von einer gr\u00fcndlicheren Analyse der eingespielten Werke ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem ist diese CD-Ver\u00f6ffentlichung verdienstvoll, denn sicherlich ist Mossolow als Ph\u00e4nomen interessant genug, um auch seinem sp\u00e4teren Schaffen Aufmerksamkeit zu schenken. Dar\u00fcber hinaus besitzt die F\u00fcnfte Sinfonie durchaus reizvolle Passagen und zeigt, dass auch in Mossolows sp\u00e4terem Schaffen noch gewisse Entwicklungen zu beobachten sind, teilweise im Sinne einer R\u00fcckschau auf seine Anf\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.574102; EAN: 7 47313 41027 9 Naxos pr\u00e4sentiert Ersteinspielungen von Alexander Mossolows Sinfonie Nr. 5 und seinem Harfenkonzert. 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