{"id":4140,"date":"2021-01-10T05:13:10","date_gmt":"2021-01-10T04:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4140"},"modified":"2021-02-06T01:48:55","modified_gmt":"2021-02-06T00:48:55","slug":"beth-levin-hammerklavier-live-haendel-anders-eliasson-beethoven-des-jahres","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/10\/beth-levin-hammerklavier-live-haendel-anders-eliasson-beethoven-des-jahres\/","title":{"rendered":"Beethoven des Jahres"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 011; EAN: 9 003643 980112<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Hammerklavier-live.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Hammerklavier-live.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4142\" width=\"435\" height=\"403\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Hammerklavier-live.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Hammerklavier-live-300x278.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Beth Levin spiele am 29. Juni 2019 ein denkw\u00fcrdiges Konzert, welches aufgenommen wurde und nun bei Aldil\u00e0 Records als CD erschien. Auf dem Programm dieser live-CD steht die Dritte Suite f\u00fcr Clavier in d-Moll HWV 428 von Georg Friedrich H\u00e4ndel, Carosello (Disegno Nr. 3) von Anders Eliasson und die Klaviersonate op. 106 in B-Dur von Ludwig van Beethoven, welche als Hammerklaviersonate Geschichte schrieb.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben, das Beethovenjahr 2020 war recht entt\u00e4uschend. Wo Konzerte fehlen, mangelte es nicht an Aufnahmen vor allem im Bereich der Klaviermusik. Einige wagten sich an Gesamtzyklen, die wie so meist nur selten vollst\u00e4ndig befriedigen; andere spielten kleinere Auswahlen, die aber doch meist aus den altbekannten Werken bestehen. Es gab zwar unter den Aufnahmen viel Gutes, nicht aber wirklich Neues, was unseren Blick auf den Jubilar nachhaltig pr\u00e4gen w\u00fcrde. Man blieb bei den Konventionen, beim Bew\u00e4hrten, und nahm es nicht auf sich, \u00fcber den Tellerrand hinauszublicken. Die gro\u00dfe Ausnahme stellt die CD mit Beth Levin dar, welche die Hammerklaviersonate B-Dur op. 106 in einer Liveaufnahme pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Werk wie die Hammerklaviersonate in unserer heutigen Zeit als Liveaufnahme herausgeben zu wollen, wirkt beinahe wie Irrsinn. Denn wie soll man dieses Mammutwerk mit einer L\u00e4nge von etwa 45 Minuten und gespickt mit technischen wie musikalischen H\u00fcrden durchgehend auf reproduktionsw\u00fcrdigem Niveau bew\u00e4ltigen? \u2013 Oder sollten wir es umgekehrt sehen: Muss man es sogar auf eben diese Weise aus einem Guss entstehen lassen, um Geschlossenheit zu erreichen und gesamtmusikalischen Sinn zu entfalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Beth Levin zeigt sich vom ersten Ton an als eine der eigenst\u00e4ndigsten, temperamentvollsten und souver\u00e4nsten Pianistinnen unserer Zeit. Sie hat eine eigene Stimme am Klavier und bleibt stets sie selbst, so kann man sie beim H\u00f6ren unmittelbar identifizieren \u2013 und dies ist heute mehr als au\u00dfergew\u00f6hnlich. Levin durchdringt die Musik intellektuell wie menschlich, fokussiert sich dabei auf die Einmaligkeit der Darbietung und des Erlebens der Musik. Sie gibt die Musik nicht wieder als Nacherz\u00e4hlung oder als Berichterstattung, sondern &#8211; selbst vollst\u00e4ndig involviert &#8211; als im Moment passierendes, unwiederbringbares, und auf diese Weise atemberaubendes Geschehen. Sofern es dabei n\u00f6tig ist, greift sie in den Notentext ein; doch ist keine der Ab\u00e4nderungen willk\u00fcrlich, sondern dient nur der Stimmigkeit und Gesamtheit der Darbietung. Jede Note spr\u00fcht vor Innbrunst und Lebendigkeit, von pers\u00f6nlicher Aussage. Technik, Fingerfertigkeit und Virtuosit\u00e4t stehen dabei im Hintergrund, sind lediglich n\u00f6tige (wenngleich perfekt gelenkte) Transportmittel f\u00fcr den Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ein impulsives Werk wie die Hammerklaviersonate projiziert, offenbaren sich ganz neue Facetten und Aspekte dieses Meisterwerks, die sich einer Beschreibung entziehen und nur h\u00f6rbar verstanden werden k\u00f6nnen. Unvorstellbare Magie verstr\u00f6mt vor allem der Adagiosatz, in dem wir teilweise vollst\u00e4ndig das Gef\u00fchl von Zeit und Raum wie den Boden unter unseren F\u00fc\u00dfen verlieren und nur getragen werden durch den fragilen Duktus der Musik. \u201eVerweile doch, du bist so sch\u00f6n\u201c, Mephisto h\u00e4tte Faust nur diesen Satz vorzuspielen brauchen \u2013 doch schon ist die Musik fortprozessiert und der Moment vergangen, was hier wie kaum woanders f\u00fcr eine gewisse mitschwingende Melancholie verantwortlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weniger nehmen die raschen S\u00e4tze gefangen. Die Rands\u00e4tze packen durch impulsive Akzente, wild aufb\u00e4umende und doch im Zaum gehaltene Klangkaskaden und herbe Kontraste, die Beth Levin fein austariert und bis an die Grenzen spannt, nie jedoch dar\u00fcber hinaus. Fast zu kurz erscheint dagegen das kleine Scherzo, doch eben in der Fl\u00fcchtigkeit liegt der Witz und Beth Levin triumphiert \u00fcber diese Wirkung des allzu Verg\u00e4nglichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Komplettiert wird das Programm durch zwei kontr\u00e4re Werke anderer Epochen: H\u00e4ndels d-Moll-Suite und Eliassons Disegno Nr. 3 mit dem Titel \u201eCarosello\u201c. Die d-Moll-Suite wirkt ganz schlicht, klar und offen, Levin spielt die Musik des unterrepr\u00e4sentierten Bach-Zeitgenossen in tiefster Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Weit weniger st\u00fcrmisch als bei Beethoven zaubert sie so einen g\u00e4nzlich anderen Glanz auf die f\u00fcr das Cembalo konzipierte Musik, sonor und doch zerbrechlich in ihrer Zartheit. Bei Eliasson zeigt Beth Levin unerh\u00f6rtes Gesp\u00fcr f\u00fcr Harmonik: der 2013 verstorbene schwedische Komponist schuf ein ganz eigenes Tonalit\u00e4tsmodell, undurchdringbar komplex und nicht intellektuell zu verstehen \u2013 wohl aber musikalisch zu durchdringen, wie hier bewiesen wird. Und tats\u00e4chlich wird die Partitur beim H\u00f6ren pl\u00f6tzlich verst\u00e4ndlich und wie ganz selbstverst\u00e4ndlich folgen wir dem Lauf der harmonischen Strukturen. Mit vollendet verfeinertem Anschlag holt Beth Levin auch die dezentesten Zwischent\u00f6ne aus den Tasten hervor, farbenreich und vielseitig. Die Gesamtheit des St\u00fccks hat sie stets im Sinn und so geleitet sie uns sicher durch die vielen Verstrickungen jedes dieser St\u00fccke, so dass wir sie hinrei\u00dfend in G\u00e4nze erleben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 011; EAN: 9 003643 980112 Beth Levin spiele am 29. Juni 2019 ein denkw\u00fcrdiges Konzert, welches aufgenommen wurde und nun bei Aldil\u00e0 Records als CD erschien. 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