{"id":4149,"date":"2021-01-14T02:48:00","date_gmt":"2021-01-14T01:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4149"},"modified":"2021-01-14T11:16:16","modified_gmt":"2021-01-14T10:16:16","slug":"john-luther-adams-become-trilogy-minimalistische-klanglandschaften","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/14\/john-luther-adams-become-trilogy-minimalistische-klanglandschaften\/","title":{"rendered":"Minimalistische Klanglandschaften"},"content":{"rendered":"\n<p>Cantaloupe CA21161 (3CD); EAN: 0713746316129<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4150\" width=\"435\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/J.L.-Adams-Become-Trilogy_cover.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In einer auf 500 Exemplare limitierten Auflage erschien nun John Luther Adams&#8216; (*1953) \u201eBecome Trilogy\u201c als 3CD-Box. Die beiden bereits vor Jahren als Einzel-CDs erschienenen St\u00fccke \u201eBecome Ocean\u201c und \u201eBecome Desert\u201c werden hier also noch um das erste St\u00fcck der Trilogie, \u201eBecome River\u201c, erg\u00e4nzt. Es spielt das Symphonieorchester aus Seattle unter der Leitung von Ludovic Morlot.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wohl aufgrund der limitierten Auflage muss ich mich heute mit der Rezension einer digitalen Kopie begn\u00fcgen, die hoffentlich identisch mit dem CD-Material ist. Nur die Tatsache, dass die jeweils ~40-min\u00fctigen St\u00fccke <em>Become Ocean<\/em> (2013) und <em>Become Desert<\/em> (2018) bereits jeweils einzeln als CD ver\u00f6ffentlicht worden waren, rechtfertigt, dass f\u00fcr das erste St\u00fcck dieser \u2013 als solche gar nicht von vornherein geplanten \u2013 Trilogie, <em>Become River<\/em> (2013), trotz der Dauer von nur knapp 15 Minuten eine eigene CD gepresst wurde. Immerhin gibt es nun im Booklet der Box zumindest knappe Texte des Komponisten \u00fcber die drei Werke \u2013 ihr Fehlen bei besagten Einzelausgaben war etwa von David Hurwitz zu Recht bem\u00e4ngelt worden. Nach wie vor aber kein Wort \u00fcber den Komponisten; insgesamt also nur wenig Information, was anscheinend Adams&#8216; Selbstverst\u00e4ndnis entspricht \u2013 seine Musik will erfahren, nicht zerredet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>John Luther Adams <\/em>\u2013 nicht zu verwechseln mit seinem sechs Jahre \u00e4lteren und ungleich ber\u00fchmteren Fast-Namensvetter <em>John Adams <\/em>\u2013 wurde 1953 in Meridian, Mississippi, geboren, studierte sp\u00e4ter bei James Tenney und Leonard Stein. Zwischen 1978 und 2014 lebte Adams \u00fcberwiegend in Alaska und setzte sich stark f\u00fcr den Umweltschutz ein. In den letzten Jahren pendelt der Komponist zwischen New York und der mexikanischen Desierto de Sonora. Das scheint auch klar die Entstehung der drei hier vorgestellten St\u00fccke beeinflusst zu haben: So verwundert es nicht, dass Adams den Tanana River in Alaska als eine Inspirationsquelle f\u00fcr <em>Become River <\/em>erw\u00e4hnt, w\u00e4hrend das dritte St\u00fcck, <em>Become Desert <\/em>eben bereits in Mexiko geschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Adams zeigt sich \u2013 nicht nur in diesen drei Werken \u2013 als absoluter Vertreter eines puren Minimalismus: Menschliche Gef\u00fchle haben hier keinen Raum und die Musik besteht jeweils nur aus einer einzigen, wabernden Klangfl\u00e4che. Stellen die ber\u00fchmten Vertreter der ersten Generation der amerikanischen <em>minimal music <\/em>(Reich, Riley, Glass) bewusst zur Schau, wie man mit wenigen, einfachen Pattern recht komplexe Strukturen zustande bringt, benutzt der h\u00f6chst erfolgreiche <em>John Adams <\/em>(*1947) bekanntlich verwandte Techniken, haucht ihnen aber \u2013 manchmal recht marktschreierisch \u2013 Leben ein, erf\u00fcllt so jedenfalls gewisse Erwartungshaltungen auch eines konservativeren Publikums. Ganz anders <em>John Luther Adams<\/em>: Hier gibt es weder schlichte, nachvollziehbare Harmonik noch eben eine emotionale Entwicklung. Zudem haben die Pattern, die nat\u00fcrlich unterschwellig unentwegt werkeln \u2013 am ehesten noch direkt herauszuh\u00f6ren in <em>Become Ocean <\/em>(Klavier, Harfe\u2026) \u2013 keinerlei Eigenleben oder signifikante Kontur; lediglich unbewusst pr\u00e4gen sie sich dem H\u00f6rer ein. Dabei verwendet der Komponist einen \u2013 in Folge der drei St\u00fccke vom gro\u00dfbesetzten Kammerorchester mit zweifachen Bl\u00e4sern \u00fcber das klassische bis zum <em>gro\u00dfen Orchester <\/em>plus Chor wachsenden \u2013 im Detail \u00e4u\u00dferst ausgekl\u00fcgelten Klangapparat; hierin also vielleicht noch eher vergleichbar mit Morton Feldmans Sp\u00e4twerk <em>Coptic Light<\/em>. Wenn Adams betont, dass die St\u00fccke der <em>Become Trilogy <\/em>keinesfalls lautmalerisch die Naturph\u00e4nomene Fluss, Ozean bzw. W\u00fcste einfangen m\u00f6chten, sondern nur deren <em>Raum <\/em>in seiner vielf\u00e4ltigen Bedeutung bis hin zur Poesie und Metaphorik, ist dies jedoch immer noch \u00e4u\u00dferlicher als Feldmans reine Meditation. F\u00fcr die Auff\u00fchrung steigert sich die bereits im ersten St\u00fcck geforderte r\u00e4umliche Distanz bis hin zur Aufteilung des Orchesters in drei bzw. f\u00fcnf weit getrennt aufgestellte Gruppen, deren Klangfl\u00e4chen jeweils ihr eigenes Tempo haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem unerfahrenen H\u00f6rer mag sich gerade <em>Become River <\/em>so darstellen wie Wagners <em>Rheingold-<\/em>Vorspiel oder der Sonnenaufgang in Richard Strauss&#8216; <em>Alpensinfonie<\/em>, nur als fast unertr\u00e4glich auf 15 Minuten L\u00e4nge gezogenes Crescendo. Ein Fluss, der anschwillt, w\u00e4hrend es bergab zur M\u00fcndung geht. Wenn man sich darauf einl\u00e4sst, durchaus ein Erlebnis; H\u00f6rer, die eine wie auch immer geartete Entwicklung erwarten oder dass etwas <em>passiert<\/em>, werden mit Sicherheit entt\u00e4uscht sein: Nein, das ist nicht die <em>Moldau<\/em>! Ganz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den beiden 40-Min\u00fctern: <em>Become Ocean<\/em>, wof\u00fcr Adams den Pulitzer-Preis erhielt, besteht aus drei an- und abschwellenden musikalischen \u201eWellen\u201c, mit fast auf die Sekunde genau gleicher L\u00e4nge von ~14 Minuten \u2013 immerhin. Dominieren hier eher dunkle Klangfarben, beginnt <em>Become Desert <\/em>bereits im sehr hellen Register \u2013 insgesamt findet ein vielf\u00e4ltigeres Spiel sozusagen mit Licht und Schatten statt. Dennoch wird die als extreme Langsamkeit wahrgenommene Zeitschichtung ohne irgendein rhythmisches Ger\u00fcst \u2013 wie selbst noch bei Philip Glass&#8216; bekannter Filmmusik zu <em>Koyaanisqatsi<\/em> \u2013 entweder schnell nervig oder aber dieses nicht im Geringsten aufgeraute Kontinuum in Bogenform zieht den H\u00f6rer v\u00f6llig in seinen Bann. Der Chor agiert selbstverst\u00e4ndlich ebenso rein instrumental und bringt bewusst keinerlei menschliche W\u00e4rme ins Geschehen. Ob das ein ad\u00e4quates Bild unerbittlich stattfindender Naturabl\u00e4ufe darstellt, mag der H\u00f6rer selbst entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Seattle Symphony <\/em>unter <em>Ludovic Morlot <\/em>exekutiert die drei Werke jedenfalls \u00fcberzeugend, was eine keineswegs einfache Aufgabe ist. Die sich zeitlupenartig entwickelnde Dynamik erfordert h\u00f6chste Konzentration aller Spieler und gerade bei den Bl\u00e4sern dar\u00fcber hinaus gro\u00dfes Durchhalteverm\u00f6gen. Die Aufnahmetechnik und die Abmischung ist ebenfalls ausgezeichnet, obwohl man sich hier vielleicht wirklich mal Surround-Sound w\u00fcnschte: Die ungew\u00f6hnliche, r\u00e4umliche Aufstellung kann einfacher Stereoton nat\u00fcrlich nicht abbilden. Fazit: Musik f\u00fcr ein sehr spezielles Publikum \u2013 man kann sie nur lieben oder hassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cantaloupe CA21161 (3CD); EAN: 0713746316129 In einer auf 500 Exemplare limitierten Auflage erschien nun John Luther Adams&#8216; (*1953) \u201eBecome Trilogy\u201c als 3CD-Box. Die beiden bereits vor Jahren als Einzel-CDs erschienenen St\u00fccke \u201eBecome Ocean\u201c und \u201eBecome Desert\u201c werden hier also noch um das erste St\u00fcck der Trilogie, \u201eBecome River\u201c, erg\u00e4nzt. Es spielt das Symphonieorchester aus Seattle &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/14\/john-luther-adams-become-trilogy-minimalistische-klanglandschaften\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Minimalistische Klanglandschaften<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3794,3793,1446,1445],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4149"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4149"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4154,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4149\/revisions\/4154"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}