{"id":4160,"date":"2021-01-22T23:59:00","date_gmt":"2021-01-22T22:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4160"},"modified":"2021-01-23T02:27:04","modified_gmt":"2021-01-23T01:27:04","slug":"lateinamerikanische-vitalitaet-villa-lobos-gaito-saglie-elizondo-nin-ponce-nicole-pena-comas-hugo-llanos-campos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/01\/22\/lateinamerikanische-vitalitaet-villa-lobos-gaito-saglie-elizondo-nin-ponce-nicole-pena-comas-hugo-llanos-campos\/","title":{"rendered":"Lateinamerikanische Vitalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 579; EAN: 4 260052 385791<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/El-Canto-del-Cisne-Negro.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/El-Canto-del-Cisne-Negro.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4161\" width=\"480\" height=\"480\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/El-Canto-del-Cisne-Negro.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/El-Canto-del-Cisne-Negro-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/El-Canto-del-Cisne-Negro-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr Ars Produktion Schumacher haben Nico<\/em><em>le <\/em><em>Pe\u00f1a<\/em><em> Comas (Violoncello) und Hugo Llanos Campos (Klavier) ein abwechslungsreiches Programm mit lateinamerikanischer Kammermusik aufgenommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist traditionell der Zweck von Anthologien, die Leistungen einer Gruppe von Autoren dem Publikum <em>in nuce<\/em> zu pr\u00e4sentieren, ihm die Augen \u2013 bzw. im vorliegenden Fall die Ohren \u2013 f\u00fcr die Reichhaltigkeit eines Bestands kultureller G\u00fcter zu \u00f6ffnen und es auf Weiteres aus diesem Repertoire neugierig zu machen. Das Programm, das die aus der Dominanischen Republik stammende Cellistin Nicole Pe\u00f1a Comas und der chilenische Pianist Hugo Llanos Campos f\u00fcr ihre CD <em>El Canto del Cisne<\/em> <em>Negro<\/em> zusammengestellt haben, erf\u00fcllt diesen Zweck aufs Sch\u00f6nste. Der gemeinsame Nenner dieser gut einst\u00fcndigen Anthologie ist Lateinamerika, und zwar nicht nur dahingehend, dass die dargebotenen St\u00fccke eben von lateinamerikanischen Komponisten stammen: Pe\u00f1a Comas und Llanos Campos haben gezielt Musik aus allen Himmelsrichtungen des lateinamerikanischen Kulturraums zusammengebracht. Auch vereint die CD Werke unterschiedlicher Gattungen vom dreimin\u00fctigen Charakterst\u00fcck bis zur viers\u00e4tzigen Sonate. Zeitlich liegen die Schwerpunkte auf dem fr\u00fchen 20.\u00a0Jahrhundert und der Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kultur Mittel- und S\u00fcdamerikas wurde entscheidend durch das Zusammentreffen verschiedenster Traditionen im Laufe der Geschichte bestimmt, sodass Musiker hier seit jeher mannigfache Anregungen vorfanden, die zu neuen Synthesen inspirierten. Mit der Etablierung eines b\u00fcrgerlichen Musiklebens nach europ\u00e4ischem Vorbild stellte sich f\u00fcr lateinamerikanische Komponisten seit dem sp\u00e4ten 19.&nbsp;Jahrhundert auch verst\u00e4rkt die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zur Alten Welt. Vier der auf der vorliegenden CD versammelten Komponisten wurden in den Jahren um 1880 geboren. In ihren Lebensl\u00e4ufen zeigt sich, auf welch unterschiedliche Weise diese Frage jeweils beantwortet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>So haben Constantino Gaito (1878\u20131945), Joaquin Nin (1879\u20131949) und Manuel Mar\u00eda Ponce (1882\u20131948) den bedeutendsten Teil ihrer Ausbildung in Europa absolviert. Der Argentinier Gaito studierte in Neapel, der Mexikaner Ponce in Bologna und Berlin. Joaquin Nin, in Havanna als Sohn eines Katalanen und einer Kubanerin geboren, wuchs in Barcelona auf und lebte lange Zeit in Paris, starb allerdings in der Stadt seiner Geburt. Hingegen hat Heitor Villa-Lobos (1887\u20131959) \u2013 als Brasilianer der einzige portugiesischsprachige Komponist des vorliegenden Albums \u2013 Europa erstmals als ein Mittdrei\u00dfiger betreten, den man keineswegs mehr einen Studenten nennen konnte: Auf Anregung seines Freundes Darius Milhaud war er nach Paris gereist, um dort seine Werke bekannt zu machen. Auch war Villa-Lobos, anders als Gaito, Nin und Ponce, Autodidakt. So verschieden die Ausbildungswege der einzelnen Komponisten sein mochten: Einig waren sie sich in der Wertsch\u00e4tzung der Folklore als Inspirationsquelle. Ponce und Villa-Lobos hatten bei einer Begegnung in Paris w\u00e4hrend der 1920er Jahre Gelegenheit, dies einander pers\u00f6nlich zu best\u00e4tigen. Auch die beiden zeitgen\u00f6ssischen Komponisten, der Chilene Luis Saglie (* 1974) und der Mexikaner Jos\u00e9 Elizondo (* 1972), sehen sich offensichtlich in dieser Tradition. Zudem hat es beide, wie ihre Kollegen aus der Vergangenheit, in die weite Welt gezogen: Elizondo, der auch als Mathematiker und Ingenieur Ansehen genie\u00dft, studierte in Boston und New York; Saglie wirkte nach Studien in Wien und Los Angeles als Kompositionslehrer und Dirigent in Ecuador und Chile, und ist derzeit in Sidney t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des Programms erklingt das St\u00fcck, das der CD den Namen gab, Villa-Lobos&#8216; <em>O Canto do cisne negro<\/em>. Dieser \u201eGesang des schwarzen Schwans\u201c war urspr\u00fcnglich der Schlussteil der Symphonischen Dichtung <em>Naufr\u00e1gio de Kle\u00f3nikos<\/em> (Der Schiffbruch des Kleonikos), ist jedoch in sich selbst so sehr geschlossen, dass er problemlos als eigenst\u00e4ndiges St\u00fcck aufgef\u00fchrt werden kann. Raffinierte Einfachheit zeichnet diese langgestreckte Moll-Melodie aus, die ihre Frische und Farbigkeit, ihre sanft schwebende Bewegung, durch gezieltes Umgehen konventioneller Funktionsharmonien gewinnt. Fortw\u00e4hrend betont der Komponist die kleine Septime, doch f\u00fchrt nie ein gew\u00f6hnlicher Dominantklang zur Tonika zur\u00fcck. Wenige chromatische Einf\u00fcgungen und Alterationen an entscheidenden Stellen der Melodielinie intensivieren den Ausdruck. So, wie Nicole Pe\u00f1a Comas diese Melodie spielt, kann man tats\u00e4chlich von einem instrumentalen Gesang sprechen. Mit dezentem Vibrato l\u00e4sst sie sie leicht an- und abschwellen, gestaltet die einzelnen Phrasen wie Atemb\u00f6gen eines S\u00e4ngers. Hugo Llanos Campos hat hier zwar nur auf- und absteigende Akkordbrechungen zu spielen, wei\u00df aber, gleich seiner Partnerin, den langen melodischen Atem, der dieses Figurenwerk tr\u00e4gt, herauszuarbeiten. Bezaubernd gelingt ihm das Ritardando \u00fcber dem langen Schlusston des Cellos. Man merkt, dass auch das Klavier ausatmet.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rt man Constantino Gaitos Cellosonate op.\u00a026 und schaut danach auf die Spieldauer, glaubt man kaum, es mit einem Werk von blo\u00df 16 \u00bd Minuten zu tun gehabt zu haben. Der Komponist hat in dieser kurzen Zeit so viele pr\u00e4chtige Einf\u00e4lle untergebracht, dass die Sonate (\u00e4hnlich wie manche Werke von Haydn oder Brahms) deutlich umfangreicher wirkt als sie ist. Gaito ist ein Meister harmonischer Verkn\u00fcpfungen und liebt modale und chromatische Einf\u00e4rbungen, vgl. etwa das dorisch anhebende Hauptthema des langsamen Satzes. Rhythmik und Metrik wei\u00df er stets lebendig zu halten. So intensivieren zahlreiche Synkopen die in den Ecks\u00e4tzen unterschwellig durchweg pr\u00e4sente t\u00e4nzerische Bewegung. Eine einheitliche Haupttonart gibt es nicht: Die drei S\u00e4tze stehen in f-Moll, d-Moll und c-Moll und enden alle in der entsprechenden Dur-Tonart. Den Zusammenhalt stiftet der Komponist durch zyklische Wiederkehr des Kopfsatz-Hauptthemas als Schlussgruppenmotiv des zweiten und, zu quasi-orchestraler Pracht gesteigert, in der Coda des dritten Satzes. Dieses Meisterwerk, das sich vor keiner der gro\u00dfen Sonaten des europ\u00e4ischen Repertoires zu verstecken braucht, ist bei Pe\u00f1a Comas und Llanos Campos optimal aufgehoben. Der dialogisierende Tonsatz Gaitos, der Violoncello und Klavier gleicherma\u00dfen anspruchsvolle Aufgaben stellt, kommt in ihrer Darbietung trefflich zur Geltung, wie auch beider Sinn f\u00fcr kantablen Vortrag jede Melodie des St\u00fcckes belebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Luis Saglies <em>Se juntan dos palomitas<\/em> (Zwei T\u00e4ubchen kommen zusammen) geh\u00f6rt zu den <em>2 Canciones para Violeta<\/em>, einer Hommage an die gro\u00dfe chilenische Volkss\u00e4ngerin Violeta Parra (1917\u20131967). Das gleichnamige Lied Parras arbeitet Saglie zu einer kleinen Fantasie f\u00fcr Cello und Klavier aus. Er f\u00fcgt der Melodie reizvolle Begleitharmonien und Gegenstimmen hinzu, verteilt sie auf beide Instrumente und schafft ein ebenso anmutiges wie durch seine schlichte Sch\u00f6nheit ber\u00fchrendes Duo-St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jos\u00e9 Elizondos <em>Oto<\/em><em>\u00f1o en Buenos Aires<\/em> (Herbst in Buenos Aires), einem St\u00fcck aus seiner Sammlung <em>Danzas latinoamericanas<\/em>, ist Nicole Pe\u00f1a Comas allein zu h\u00f6ren. Sie musiziert gewisserma\u00dfen im Duett mit sich selbst, denn der Komponist erzeugt durch Andeutung polyphonen Satzes und geschickte Lagenwechsel den Eindruck, als spielten mehrere Instrumente. F\u00fcr die Cello-Solo-Literatur ist dieser kleine Tanz mit seinen straffen Tango-Rhythmen, der dennoch den Eindruck innerer Ruhe und Vergeistigung erweckt, jedenfalls ein Gewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Musik seines Freundes Maurice Ravel, der selbst freilich von spanischer Volksmusik deutlich beeinflusst war, einen gro\u00dfen Eindruck bei Joaqu\u00edn Nin hinterlassen haben muss, l\u00e4sst sich aus seiner <em>Seguida Espa\u00f1ola<\/em> (Spanische Suite) heraush\u00f6ren. Die vier kurzen S\u00e4tze, die s\u00e4mtlich auf Volksmelodien basieren, sind der \u00c4sthetik des franz\u00f6sischen Impressionismus verpflichtet und bieten differenzierte Klangkunst bei betont ausgespartem Tonsatz. H\u00e4ufige Quint-Oktav-Parallelen und diatonische Dissonanzen dienen als Farbtupfer in einem musikalischen Plein-air-Gem\u00e4lde. In diesem St\u00fcck ist vor allem das Talent der Musiker gefragt, Atmosph\u00e4re zu erzeugen, Klangr\u00e4ume sich auftun zu lassen. Auch dies gelingt Pe\u00f1a Comas und Llanos Campos vorz\u00fcglich. Die beiden langsamen S\u00e4tze strahlen gro\u00dfe Ruhe aus, die beiden raschen geraten zu Bildern ausgelassenen Volkslebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Manuel Mar\u00eda Ponces viers\u00e4tzige Cellosonate in g-Moll beschlie\u00dft das Programm. An Wert kommt sie der Sonate Gaitos nahe, stilistisch unterscheiden sich beide St\u00fccke betr\u00e4chtlich. Auch Ponce verf\u00fcgt \u00fcber eine bl\u00fchende Erfindungsgabe im Harmonischen. W\u00e4hrend jedoch Gaito die Sonatenform als verdichtete musikalische Handlung auffasst, gestaltet Ponce die einzelnen Perioden seiner S\u00e4tze als ausgedehnte, deutlich voneinander abgesetzte Fl\u00e4chen. Zudem findet sich in seiner Sonate, dem ziemlich ausgedehnten Fugato im Finale zum Trotz, insgesamt weniger polyphones Ineinandergreifen der Stimmen. Viel lieber schichtet Ponce rhythmisch kontrastierende Ebenen \u00fcbereinander und entwickelt seine Formen durch Umschichtung derselben, wie man gleich zu Beginn des ersten Satzes h\u00f6ren kann: Das Klavier wiederholt best\u00e4ndig ein Synkopenmotiv (man geht wohl nicht falsch, darin die Imitation von Kastagnetten zu h\u00f6ren), w\u00e4hrend im Cello das langgestreckte Hauptthema erklingt; nach Abschluss dieser Periode tauschen die Instrumente die Rollen. H\u00f6chst bemerkenswert erscheint in dieser Hinsicht der \u201ein der Art einer Et\u00fcde\u201c geschriebene zweite Satz. Hier haben die Musiker in der Regel drei verschiedene rhythmische Schichten zu beachten, wobei die konsequent durchgehaltenen Sechzehntelquintolen zu den \u00fcbrigen Ebenen scharf kontrastieren. Der langsame Satz bezaubert durch seine schweifende, sich lange einer eindeutigen tonalen Festlegung entziehende Harmonik. Ein Finale, das seiner \u00dcberschrift \u201eAllegro burlesco\u201c alle Ehre macht, bringt die von Pe\u00f1a Comas und Llanos Campos von Anfang bis Ende hingebungsvoll musizierte Sonate zum kr\u00f6nenden Abschluss und beendet damit ein Album, das ohne Einschr\u00e4nkung empfohlen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beiheft beschr\u00e4nkt sich auf die K\u00fcnstlerbiographien und ein kurzes Vorwort von Nicole Pe\u00f1a Comas. Der einzige Sch\u00f6nheitsfehler der Produktion hat nichts mit den Werken selbst und ihrer Auff\u00fchrung zu tun: Einige Pausen zwischen den einzelnen Programmnummern sind zu kurz geraten, sodass die St\u00fccke von Saglie, Elizondo und Nin beinahe attacca aufeinander folgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Januar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 579; EAN: 4 260052 385791 F\u00fcr Ars Produktion Schumacher haben Nicole Pe\u00f1a Comas (Violoncello) und Hugo Llanos Campos (Klavier) ein abwechslungsreiches Programm mit lateinamerikanischer Kammermusik aufgenommen. 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