{"id":4190,"date":"2021-02-05T23:56:00","date_gmt":"2021-02-05T22:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4190"},"modified":"2021-02-14T15:09:34","modified_gmt":"2021-02-14T14:09:34","slug":"faszinierende-chor-briefe-aus-dublin-tarik-o-reagan-david-fennessy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/02\/05\/faszinierende-chor-briefe-aus-dublin-tarik-o-reagan-david-fennessy\/","title":{"rendered":"Faszinierende Chor-\u201eBriefe\u201c aus Dublin"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574287; EAN: 7 4731342877 9<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4191\" width=\"476\" height=\"476\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Letters-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Unter der \u00dcberschrift \u201eLetters\u201c hat Naxos in Dublin zwei interessante, neue Chorwerke von je halbst\u00fcndiger Dauer eingespielt. \u201eA Letter of Rights\u201c des britischen Komponisten Tarik O\u2019Regan (*1978) und \u201eTriptych\u201c des Iren David Fennessy (*1976). Paul Hillier leitet den Chamber Choir Ireland und das Irish Chamber Orchestra.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von den beiden hier vorgestellten, nahezu gleichaltrigen Komponisten d\u00fcrfte der 1978 in London geborene <em>Tarik O\u2019Regan<\/em> zweifellos der mittlerweile deutlich bekanntere sein \u2013 auch auf Tontr\u00e4gern bereits gut dokumentiert. Vom musikalischen Sp\u00e4tentwickler \u2013 er lernte erst mit dreizehn Jahren das Notenlesen \u2013 mauserte sich der Sch\u00fcler u.a. von Robin Holloway in erstaunlich kurzer Zeit zu einem der meistgespielten, j\u00fcngeren Komponisten Gro\u00dfbritanniens. 2019 wurde in Houston seine Oper <em>The Phoenix<\/em>, die sich mehr fiktiv mit dem ja sp\u00e4ter nach Amerika ausgewanderten Librettisten Lorenzo Da Ponte besch\u00e4ftigt, mit Thomas Hampson als Hauptfigur uraufgef\u00fchrt: ein bemerkenswertes Pastiche, nat\u00fcrlich weitgehend im Mozart-Stil.<\/p>\n\n\n\n<p><em>A Letter of Rights <\/em>war ein Auftragswerk anl\u00e4sslich des 800-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der <em>Magna Charta <\/em>von 1215, der zentralen Quelle des englischen Verfassungsrechts. Den Text der Chorkantate mit kleinbesetztem Kammerorchester schrieb <em>Alice Goodman<\/em>, die schon die Libretti f\u00fcr John Adams\u2018 Opern <em>Nixon in China <\/em>und <em>The Death of Klinghoffer <\/em>verfasst hat. In dem systematisch als Palindrom angelegten Werk werden so geschickt Klauseln aus dem historischen Vertragswerk in einen Rahmen gestellt, der dessen Entstehung beschreibt \u2013 bereits blutig beginnend mit der T\u00f6tung von Schafen zur Herstellung des ben\u00f6tigten Pergaments. O\u2019Regans Musik ist \u00fcberwiegend tonal und\/oder modal; oft verschwimmen die Chorkl\u00e4nge wie in einem unscharfen Panorama. Das Orchester (Streicher und sensibel eingesetztes Schlagzeug) grundiert fast nur mit recht gleichm\u00e4\u00dfigen, rhythmisch pulsierenden Patterns, wie man sie aus der amerikanischen <em>Minimal Music<\/em> kennt: klanglich beeindruckend, aber vielleicht etwas lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Triptych <\/em>(2014-18) des irischen Komponisten <em>David Fennessy <\/em>\u2013 nicht zu verwechseln mit Michael Finnissy \u2013 besteht aus drei Chorst\u00fccken <em>a cappella<\/em>: <em>Letter to Michael <\/em>bezieht sich auf einen Brief \u2013 vielmehr eine <em>Art brut <\/em>\u2013 der Heidelberger Schizophreniepatientin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunsttherapie#\/media\/Datei:Herzensschatzikomm.jpg\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunsttherapie#\/media\/Datei:Herzensschatzikomm.jpg\">Emma Hauck<\/a>. <em>Ne Reminiscaris <\/em>versucht, den als \u201apermanent present tense\u2018 beschriebenen Geisteszustand von Amnesie-Betroffenen zu evozieren \u2013 in Form der \u00dcbermalung einer quasi in Endlosschleife ablaufenden Psalmvertonung <em>Orlando di Lassos<\/em>. <em>Hashima Refrain <\/em>verwendet altjapanische Graffiti und Fragmente des <em>Sarashina Nikki <\/em>aus dem 10. Jahrhundert. Fennessys Anforderungen an den Chor sind weitaus h\u00f6her und differenzierter als bei O\u2019Regan, die Musik ungleich komplexer. Hier bedarf es pr\u00e4zisester Intonation bis in die Mikrotonalit\u00e4t \u2013 und die absolut faszinierenden Klangfelder, in denen sich Archaik mit kaleidoskopartig, dicht eingesprengten Einzelereignissen mischt, ben\u00f6tigen perfekte Abstimmung. Fennessy gelingt mit diesem Triptychon jedenfalls eine staunenswerte Reise in die Abgr\u00fcnde menschlicher Psyche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Chamber Choir Ireland <\/em>unter <em>Paul Hillier<\/em>, dem Gr\u00fcndungsmitglied des ehemaligen <em>Hilliard-Ensembles<\/em>, das freilich vor allem auf Vokalmusik vor 1600 spezialisiert war, pr\u00e4sentiert f\u00fcr beide Werke \u00fcberzeugende Darbietungen. Sowohl der mehr fl\u00e4chige Klang bei O\u2019Regan als auch der \u2013 vor allem dynamisch \u2013 nerv\u00f6se Gestus f\u00fcr Fennessy werden kongenial umgesetzt. Die Artikulation und der schnelle Wechsel von Klangfarben sind hinrei\u00dfend. Hier passt musikalisch wirklich alles; und die Aufnahmetechnik setzt den mit 17 bzw. 16 S\u00e4nger(inne)n eher kleinen Chor gekonnt in einen gro\u00df wirkenden Raum mit ordentlicher Tiefensch\u00e4rfe. Allerdings hat man bei Naxos schon informativere Booklets gesehen. Aufgeschlossene Freunde neuer Chormusik sollten diese inspirierende Produktion keinesfalls verpassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Februar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574287; EAN: 7 4731342877 9 Unter der \u00dcberschrift \u201eLetters\u201c hat Naxos in Dublin zwei interessante, neue Chorwerke von je halbst\u00fcndiger Dauer eingespielt. \u201eA Letter of Rights\u201c des britischen Komponisten Tarik O\u2019Regan (*1978) und \u201eTriptych\u201c des Iren David Fennessy (*1976). Paul Hillier leitet den Chamber Choir Ireland und das Irish Chamber Orchestra. 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