{"id":4196,"date":"2021-02-07T23:55:03","date_gmt":"2021-02-07T22:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4196"},"modified":"2021-02-10T03:37:10","modified_gmt":"2021-02-10T02:37:10","slug":"boris-tschaikowskij-zum-25-todestag-tschaikowski-tschaikowsky-tchaikovsky","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/02\/07\/boris-tschaikowskij-zum-25-todestag-tschaikowski-tschaikowsky-tchaikovsky\/","title":{"rendered":"Boris Tschaikowskij zum 25. Todestag"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij1.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4197\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij1.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ich halte ihn f\u00fcr ein Genie. [\u2026] Und ich glaube, eines Tages werden die Leute bemerken, da\u00df es zwei gro\u00dfe Komponisten gibt, die den gleichen Namen tragen.\u201c Der Name, von dem Mstislaw Rostropowitsch hier spricht, lautet \u201eTschaikowskij\u201c. Der eine der beiden Komponisten ist der ber\u00fchmte Tonsetzer aus dem 19. Jahrhundert. Der andere ist Boris Alexandrowitsch Tschaikowskij, dessen Todestag sich heute zum 25. Male j\u00e4hrt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Vierteljahrhundert seit seinem Tode ist Boris Tschaikowskij, dessen erste gr\u00f6\u00dfere Werke Mitte der 1940er Jahre entstanden, zu einem der international bekanntesten russischen Komponisten des 20.&nbsp;Jahrhunderts geworden, und geh\u00f6rt mittlerweile zu den diskographisch am besten erschlossenen. Bis auf wenige Nebenwerke liegt nahezu sein ganzes Instrumental- und Vokalschaffen auf CD vor. Zu Produktionen aus sowjetischer Zeit treten dabei zahlreiche Einspielungen j\u00fcngeren Datums. Die seit der Jahrtausendwende rasch ansteigende Ver\u00f6ffentlichung von Aufnahmen seiner Musik trug wesentlich dazu bei, dass auch f\u00fcr Musikfreunde au\u00dferhalb Russlands das Bild der K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit Boris Tschaikowskij immer st\u00e4rker an Kontur gewann. Man konnte nun erkennen, dass dieser Komponist, der zun\u00e4chst vor allem als Schostakowitsch-Sch\u00fcler oder -Nachfolger wahrgenommen wurde und in seinen letzten Lebensjahren, was \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit betraf, im Schatten der etwas j\u00fcngeren Avantgardisten um Alfred Schnittke stand, einer der begabtesten und auch eigenst\u00e4ndigsten Meister seiner Zeit gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Boris Tschaikowskij wurde am 10.&nbsp;September 1925 als Sohn eines Wirtschaftsgeographen und einer Medizinerin in Moskau geboren. Im Alter von neun Jahren begann er seine musikalische Ausbildung an der Gnessin-Musikschule und wurde 18-j\u00e4hrig Sch\u00fcler des hervorragenden Symphonikers Wissarion Schebalin am Moskauer Konservatorium. Als Dmitrij Schostakowitsch 1946 begann, am Konservatorium zu unterrichten, empfahl ihm Schebalin, Tschaikowskij in seine Kompositionsklasse aufzunehmen. 1947 vollendete Tschaikowskij seine Erste Symphonie, die Schostakowitsch so begeisterte, dass er sie Jewgenij Mrawinskij zur Auff\u00fchrung empfahl. Die bereits angesetzte Premiere kam 1948 jedoch nicht zustande. Als im Zuge der \u201eantiformalistischen\u201c Kampagne von Stalins rechter Hand Andrej Shdanow auch Schebalin und Schostakowitsch \u00f6ffentlich scharf kritisiert und ihrer Lehr\u00e4mter am Moskauer Konservatorium enthoben worden waren, weigerte sich Tschaikowskij, der Aufforderung nachzukommen, sich von seinen Lehrern zu distanzieren. Sein bisheriges Schaffen wurde deshalb ebenfalls als \u201ekontaminiert\u201c betrachtet, die Urauff\u00fchrung der Symphonie Nr.&nbsp;1 erst 1962 nachgeholt. Weitgehend unbeachtet schloss Tschaikowskij 1949 sein Studium bei Nikolai Mjaskowskij ab und wurde dadurch zu einem der letzten Sch\u00fcler des Begr\u00fcnders der sowjetischen Symphonik. Folgendes Zeugnis Mjaskowskijs belegt, dass Tschaikowskij auch der Stolz dieses Lehrers war: \u201eBoris Tschaikowskij ist ein sehr begabter junger Komponist mit guter Kompositionstechnik und einer unzweifelhaft bedeutenden sch\u00f6pferischen Individualit\u00e4t.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem dramatisch abgebrochenen Beginn seiner Laufbahn f\u00fchrte Tschaikowskij zun\u00e4chst ein unauff\u00e4lliges Leben als Mitarbeiter in der Musikabteilung des All-Unions-Rundfunks. 1952 gab er diese Stelle auf, um nur noch als freischaffender Komponist zu arbeiten. Seine besondere Fertigkeit auf dem Gebiet der angewandten Musik sprach sich herum und wurde offensichtlich hoch gesch\u00e4tzt, sodass er seinen Lebensunterhalt zum gro\u00dfen Teil aus den mehr als ein halbes Hundert Theater-, H\u00f6rspiel- und Filmmusiken bestreiten konnte, die er bis 1987 komponierte. Als nach Stalins Tod 1953 die staatliche G\u00e4ngelung der K\u00fcnstler nach und nach gelockert wurde, begann auch Boris Tschaikowskij, im sowjetischen Musikleben allm\u00e4hlich bekannt zu werden, wobei er sich der Unterst\u00fctzung namhafter Dirigenten und Solisten wie Alexander Gauk, Kirill Kondraschin, Rudolf Barschai, Wladimir Fedossejew, Mstislaw Rostropowitsch und Viktor Pikaisen erfreuen konnte. 1968 wurde er, auf Empfehlung Schostakowitschs, von Georgij Swiridow ins Komitee des Russischen Komponistenverbandes berufen, eine Position, die er bis 1973 \u2013 auf eigenen Wunsch ehrenamtlich \u2013 einnahm. In \u00e4hnlicher Funktion war er w\u00e4hrend der 1980er Jahre auch im Sowjetischen Komponistenverband t\u00e4tig. Durchaus von Seiten des Staates geehrt (Staatspreis der UdSSR 1969 f\u00fcr die Symphonie Nr.&nbsp;2, Volksk\u00fcnstler der UdSSR 1985), geh\u00f6rte er jedoch nie zu den bevorzugt von der Partei gef\u00f6rderten Komponisten. Auch liegen keine politisch konnotierten Kompositionen von ihm vor. 1989 erhielt Tschaikowskij eine Kompositionsprofessur an der Russischen Gnessin-Musikakademie in Moskau, die er bis zu seinem Tode am 7.&nbsp;Februar 1996 inne hatte. Der Pflege seines Andenkens und der Verbreitung seiner Werke widmet sich die 2002 auf Initiative seiner Witwe, der Musikwissenschaftlerin Janina Tschaikowskaja-Moschinskaja, gegr\u00fcndete Boris-Tschaikowskij-Gesellschaft (Russisch: <em>\u041e\u0431\u0449\u0435\u0441\u0442\u0432\u043e \u0411\u043e\u0440\u0438\u0441\u0430 \u0427\u0430\u0439\u043a\u043e\u0432\u0441\u043a\u043e\u0433\u043e<\/em><em>;<\/em> Englisch: <em>The Boris-Tchaikovsky-Society<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij2.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4198\" width=\"402\" height=\"402\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij2.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij2-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 402px) 100vw, 402px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Tschaikowskij geh\u00f6rt \u2013 wie Qara Qarayev, Alexander Lokschin, Arno Babadschanjan, Eduard Mirsojan, German Galynin, Revol Bunin, Michail Nossyrew, Weniamin Basner, Andrej Eschpai, Boris Parsadanjan, Sulchan Zinzadse (auch der geb\u00fcrtige Pole Mieczys\u0142aw Weinberg ist hier zu nennen) \u2013 zu einer Generation von Komponisten, die im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution zur Welt kamen. Die entscheidenden Jahre ihrer k\u00fcnstlerischen Entwicklung fallen somit in eine Zeit, die wesentlich vom Schaffen Dmitrij Schostakowitschs bestimmt wurde. Schostakowitsch hatte selbst Mitte der 30er Jahre eine stilistische Metamorphose vollzogen und sich von den avantgardistischen Experimenten seines Fr\u00fchwerks abgewendet. Seine \u00f6ffentliche Dem\u00fctigung als \u201eFormalist\u201c und \u201eVolksfeind\u201c durch die stalinistische Kulturpolitik im Jahr 1936 mag diese Entwicklung besiegelt haben; Werke wie die bereits zuvor entstandene Cellosonate, aber auch die <em>Lady Macbeth von Mzensk<\/em>, zeigen indessen, dass die Ursachen der Wandlung k\u00fcnstlerischer Art gewesen sein m\u00fcssen. In der F\u00fcnften und Sechsten Symphonie trat dann zum ersten Mal jener Stil zu Tage, der sich mit dem Namen Schostakowitsch fortan verbinden sollte: ein melodiebetonter Stil aus dem Geiste eines typisch russischen Modusempfindens (<em>lad<\/em>), linear gedacht, von den mannigfaltigen Anreicherungsm\u00f6glichkeiten der hergebrachten Tonleitern intensiv Gebrauch machend; dabei im Tonsatz sparsam, eher zur Kargheit als zur \u00dcppigkeit neigend; alles gekleidet in eine Instrumentation, die die Orchestergruppen oft getrennt, in \u201ereinen Farben\u201c, sprechen l\u00e4sst. All diese Eigenschaften lassen sich auch an Tschaikowskijs Musik feststellen, dennoch findet sich bei ihm kaum ein St\u00fcck, das man f\u00fcr ein Werk Schostakowitschs halten k\u00f6nnte. F\u00fcr Tschaikowskij (wie auch f\u00fcr manchen anderen Sch\u00fcler Schostakowitschs) gilt das Wort Charles Koechlins: \u201eManchmal reicht ein einziger Takt eines genialen Kollegen aus, um uns das Tor zu den verzauberten G\u00e4rten zu \u00f6ffnen, in denen wir dann vielleicht ganz andere Blumen pfl\u00fccken d\u00fcrfen als er selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Von Anfang an hat Tschaikowskijs Musik einen ganz anderen \u201eGrundcharakter\u201c als diejenige Schostakowitschs. Es ist eine Musik, die ihre Kraft aus einer unersch\u00fctterlichen inneren Ruhe sch\u00f6pft. Tschaikowskij war (neben seinem Altersgenossen Revol Bunin) der vielleicht feierlichste russische Komponist seiner Zeit; nicht feierlich im Sinne l\u00e4rmender offizi\u00f6ser Festmusik, auch nicht im Sinne orthodoxer Kirchenmusik, sondern auf eine frappierend an Franz Schubert oder Anton Bruckner gemahnende Art. Wie bei diesen lie\u00dfe sich von einer Musik transzendenter Naturfr\u00f6mmigkeit sprechen. Entsprechend geht ihr auch die Weltschmerz- und Anklagerhetorik Schostakowitschs ab. An deren Stelle tritt bei Tschaikowskij das freie Spiel musikalischer Elementarereignisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Das motivische Material Tschaikowskijs ist in der Regel entwaffnend einfach. Wenige T\u00f6ne \u2013 ein Tonleiterausschnitt, eine rhythmische Formel, ein Intervall \u2013 werden ihm Anla\u00df zu mannigfachen Ver\u00e4nderungen, die ganz allm\u00e4hlich geschehen, wobei er ausgiebige Wiederholungen nicht scheut, wenn sie ihm angebracht erscheinen. Die Lakonik und Pr\u00e4gnanz der Motive mag gelegentlich an Mussorgskij oder Jan\u00e1\u010dek erinnern, doch strebt Tschaikowskij im Gegensatz zu diesen Komponisten offenbar keine Ann\u00e4herung der Musik an gesprochene Sprache (und die damit verbundene K\u00fcrze der musikalischen Sinneinheiten) an. Er ist ein geborener Symphoniker, den es nach Gestaltung langer Strecken und weiter R\u00e4ume verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tschaikowskijs melodische Begabung sei hier kurz anhand eines extremen Beispiels erl\u00e4utert, das selbst im Schaffen dieses Komponisten einzigartig dasteht: der Kopfsatz seines Klavierkonzerts aus dem Jahr 1971. Er beginnt im Klavier mit einem 32mal von der rechten Hand angeschlagenen g&#8216;, durchweg Achtelnoten. Die linke Hand spielt daraufhin die 32 Achtel eine Oktave tiefer, sodass in den ersten acht Takten des St\u00fcckes keine Harmoniefortschreitung, ja nicht einmal ein Akkord zu h\u00f6ren ist. In Takt 9 gehen die Achtelrepetitionen wieder auf g&#8216; weiter, wobei zu Beginn des Taktes die Streicher mitspielen. Am Anfang von Takt 11 erscheint erstmals mit b&#8216; ein neuer Ton, mit dem zweiten Achtel folgt a&#8216;, das bis zum Ende von Takt 12 wiederholt wird. Sp\u00e4testens hier wird klar, dass man es nicht mit schwungloser Repetitionsmusik, sondern mit der Er\u00f6ffnung einer gewaltigen melodischen Entwicklung zu tun hat, die erst am Ende des Satzes zum Stillstand kommt. Haupts\u00e4chlicher Handlungstr\u00e4ger der Musik sind (wie \u00fcbrigens auch in Beethovens F\u00fcnfter Symphonie) nicht die unabl\u00e4ssig repetierten Achtel, sondern die von ihnen ausgef\u00fcllten, mehrere Takte langen Perioden, die mit ihren Harmoniewechseln die Atembewegungen einer ganz gro\u00dfen Melodie markieren. Wie es den Komponisten reizte, diesen Satz mit einer Folge unabl\u00e4ssiger Achtelnoten zu f\u00fcllen, so hat er \u00fcberhaupt eine Vorliebe f\u00fcr von obstinaten Rhythmen durchzogene Klangfl\u00e4chen. Gern l\u00e4sst er diese durch Gegeneinandersetzen rhythmischer Schwerpunkte fluktuieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn kontrapunktische Passagen in seinen Werken selten sind, so pr\u00e4gt lineares Denken Tschaikowskijs Harmonik stark. Die Polyphonie erscheint meist in aufs \u00e4u\u00dferste reduzierter Form, n\u00e4mlich als Akkordfortschreitung, aber sie ist nichtsdetoweniger da. Im Allgemeinen liebt Tschaikowskij das Kunstmittel der Reduktion: So kommen in seinen Werken immer wieder Abschnitte vor, in denen die melodief\u00fchrende Stimme nur von wenigen Basst\u00f6nen gest\u00fctzt wird, oder sich \u00fcber Orgelpunkten ausbreitet; mitunter verzichtet der Komponist ganz auf Begleitungen und schafft Abwechslung, indem er die Melodie von einer Instrumentengruppe zur n\u00e4chsten wanden l\u00e4sst. Der sparsame Tonsatz bewirkt, da\u00df in dieser Musik jeder Ton zu einem Ereignis wird. Unterst\u00fctzt wird dies von einer die ganze Farbpalette der Orchesters ausnutzenden Instrumentation, wobei Tschaikowskijs Gesp\u00fcr f\u00fcr intensive klangliche Ausleuchtung auch seine Kammermusikwerke pr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij3.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4199\" width=\"402\" height=\"406\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij3.jpg 495w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij3-297x300.jpg 297w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/BorisTschaikowskij3-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 402px) 100vw, 402px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Verglichen mit Schostakowitsch oder seinem direkten Zeitgenossen Mieczys\u0142aw Weinberg (dessen Todestag sich am 26. 2. 2021 ebenfalls zum 25. Male j\u00e4hrt) mutet Tschaikowskijs Werkverzeichnis relativ schmal an. Sein Schaffen umfasst an Orchestermusik: vier Symphonien, zwei Symphonische Dichtungen, je eine Kammersymphonie und Sinfonietta, Konzerte f\u00fcr Klavier, Violine, Violoncello und Klarinette, sowie verschiedene kleinere Orchesterwerke; an Kammermusik: sechs Streichquartette, ein Klavierquintett, ein Klaviertrio, ein Sextett, Sonaten f\u00fcr Violine und Violoncello, Suiten unterschiedlicher Besetzungen; dazu kommen verschiedene Kantaten und Liederzyklen; die zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Werkgruppe stellt die Film-, Radio- und Theatermusik dar. Letztere mag Tschaikowskij vor allem zum Gelderwerb geschrieben haben, es finden sich allerdings auch hier zahlreiche Preziosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen guten Eindruck von Tschaikowskijs k\u00fcnstlerischer Entwicklung vermitteln seine vier Symphonien, von denen keine der anderen gleicht. Die Erste, seine 1947 vollendete Abschlussarbeit am Konservatorium, aber in keinem Takt unsicher oder sch\u00fclerhaft, folgt als einzige dem konventionellen viers\u00e4tzigen Typus, wobei das Finale als Mischung aus Variationssatz und Rondo angelegt ist. Charakteristisch f\u00fcr das ganze St\u00fcck ist ein fortw\u00e4hrender Wechsel von Dur und Moll auf engem Raum. Vielleicht schrieb Tschaikowskij aufgrund des Schocks von 1948 nach diesem Werk lange Zeit keine gro\u00dfe Symphonie mehr. Die Erste fand jedoch 1953 in der Sinfonietta f\u00fcr Streicher einen in den Dimensionen zwar kleineren, in der k\u00fcnstlerischen Vollendung jedoch ebenb\u00fcrtigen Nachfolger.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 53 Minuten Spieldauer stellt die 1967 uraufgef\u00fchrte Zweite Symphonie Tschaikowskijs umfangreichstes Werk dar, eine Monumentalkomposition, in der der Tonsetzer alle Register seines K\u00f6nnens zieht. Das St\u00fcck besteht aus drei umfangreichen S\u00e4tzen. Der Kopfsatz, sehr lebhaft bewegt mit vereinzelten ruhigen Episoden, beginnt mit einem originellen Instrumentationseinfall: Die Exposition wird w\u00f6rtlich wiederholt, doch ist Tschaikowskij der blo\u00dfe Doppelstrich mit zwei Punkten zu wenig; so gibt er die Musik im ersten Durchgang an Streicher und Harfe und l\u00e4\u00dft sie beim zweiten Mal von Bl\u00e4sern und Pauken spielen. Vor der Coda erscheint ein retardierender Abschnitt, in dem sich die Themen des Satzes in Ankl\u00e4nge an St\u00fccke von Mozart, Bach, Beethoven und Schumann verwandeln. Einem sehr langsamen, verinnerlichten Mittelsatz schlie\u00dft sich ein Finale an, das durchweg einen m\u00e4\u00dfig bewegten Schreitduktus aufrechterh\u00e4lt und nach einigen Steigerungsverl\u00e4ufen in einen Dur-Moll-Mischklang m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem \u00fcber zehnj\u00e4hrigen Arbeitsprozess vollendete Tschaikowskij 1980 seine Dritte, die <em>Sewastopol-Symphonie<\/em>, kein explizit programmmusikalisches Werk, jedoch inspiriert von der wechselvollen Geschichte der Hafenstadt am Schwarzen Meer (die der Komponist nie besucht hatte, bevor er das Werk schrieb). Die Symphonie besteht aus einem einzigen halbst\u00fcndigen Satz, der zun\u00e4chst drei Themenkomplexe exponiert, dann aber anstatt die Themen durchzuf\u00fchren, ihre Bestandteile umbildet, soda\u00df im weiteren Verlauf aus dem alten Material immer neue Themen geformt werden, bis schlie\u00dflich doch eine \u2013 deutlich ver\u00e4nderte \u2013 Reprise einsetzt. Hier k\u00fcndigt sich eine Art der musikalischen Verlaufsgestaltung an, wie sie in Tschaikowskijs sp\u00e4teren Werken immer dominanter wird \u2013 in der Sewastopol-Symphonie allerdings noch im Kontext eines gro\u00dfen Satzes, w\u00e4hrend der Komponist in der Folge eine suitenartige Reihung kurzer S\u00e4tze aus gemeinsamem Material bevorzugt (etwa der siebens\u00e4tzigen <em>Musik f\u00fcr Orchester<\/em> von 1987).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies kommt auch in der letzten, 1993 vollendeten Symphonie des Komponisten zum Tragen, die er wegen der charakterisitischen Harfen-Soli <em>Symphonie mit Harfe<\/em> nannte. Dieses Werk, das seine letzte gr\u00f6\u00dfere Arbeit bleiben sollte, ist eine musikalische Reflexion \u00fcber das Alter. Einen integralen Bestandteil der Symphonie, gleichsam die Wegmarken ihres Verlaufs, bilden f\u00fcnf Pr\u00e4ludien, Tschaikowskijs erste Kompositionen, die er als Elfj\u00e4hriger f\u00fcr Klavier geschrieben hatte und nun, 68-j\u00e4hrig, vollst\u00e4ndig in der Vierten Symphonie zitiert. Die \u00fcbrigen drei S\u00e4tze des Werkes tragen die Titel \u201ePoem\u201c, \u201eHerbst\u201c und \u201eEpilog\u201c und k\u00f6nnen als typische Beispiele eines konzentrierten, ausgesparten Sp\u00e4tstils gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte in dieser Weise den Streifzug durch Tschaikowskijs Schaffen fortsetzen. Man m\u00fcsste noch einiger anderer Orchesterwerke gedenken, etwa des aus einem riesigen Satz von 40 Minuten bestehenden Violinkonzerts, oder der Tondichtung <em>Sibirischer Wind<\/em> \u2013 vielleicht das gro\u00dfartigste musikalische Portrait ungeb\u00e4ndigter Natur seit Sibelius&#8216; <em>Tapiola<\/em>. Man m\u00fcsste auch die Kammermusik ber\u00fccksichtigen, beispielsweise die Cellosonate, die der Komponist zusammen mit Rostropowitsch einspielte; vor allem aber die sechs Streichquartette, von denen, wie im Falle der Symphonien, jedes anders ist als die \u00fcbrigen (Nr.&nbsp;3 von 1967 besteht aus sechs langsamen S\u00e4tzen und gilt als Vorbild f\u00fcr Schostakowitschs \u00e4hnlich gestaltetes F\u00fcnfzehntes Streichquartett). Dass auch die Vokalwerke Meisterleistungen des russischen Repertoires sind, sei ebenfalls noch erw\u00e4hnt. \u2013 Kurzum: Boris Tschaikowskijs Gesamtwerk gleicht einer Schatzkiste, nahezu jede seiner Kompositionen einem bezaubernd funkelnden Edelstein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch halte ihn f\u00fcr ein Genie. 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