{"id":4204,"date":"2021-02-10T20:53:43","date_gmt":"2021-02-10T19:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4204"},"modified":"2021-02-10T20:53:46","modified_gmt":"2021-02-10T19:53:46","slug":"john-thomas-duo-praxedis-formvollendete-eleganz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/02\/10\/john-thomas-duo-praxedis-formvollendete-eleganz\/","title":{"rendered":"Formvollendete Eleganz"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics, TOCC 0561; EAN: 5 060113 445612<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/John-Thomas-Duo-Praxedis.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/John-Thomas-Duo-Praxedis.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4206\" width=\"459\" height=\"459\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/John-Thomas-Duo-Praxedis.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/John-Thomas-Duo-Praxedis-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/John-Thomas-Duo-Praxedis-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Duo Praxedis \u2013 Praxedis Hug-R\u00fctti (Harfe) und Praxedis Genevi\u00e8ve Hug (Klavier) \u2013 legt bei Toccata Classics die erste Folge der s\u00e4mtlichen Duos f\u00fcr Harfe und Klavier von John Thomas vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Waliser John Thomas (1826\u20131913) war einer der Gro\u00dfen in der Geschichte des Harfenspiels. Die in ihrer Ausf\u00fchrlichkeit vorbildliche Kurzbiographie, die Martin Anderson, der Gr\u00fcnder von Toccata Classics, nach Vorarbeiten der Harfen-Historikerin Ann Griffiths f\u00fcr die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung geschrieben hat, l\u00e4sst deutlich werden, welch vielseitige K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit Thomas gewesen sein, und welchen Eindruck er bei seinen Zeitgenossen hinterlassen haben muss. Der Sohn eines Schneiders und Amateurmusikers erlernte fr\u00fchzeitig die Walisische Tripelharfe. Mit einem seiner ersten \u00f6ffentlichen Konzerte zog er die Aufmerksamkeit der Mathematikerin Ada Lovelace, auf sich, deren finanzielle Unterst\u00fctzung ihm mit 14 Jahren ein Studium an der Royal Academy of Music in London erm\u00f6glichte. Dadurch nun auch mit der Pedalharfe vertraut geworden, wurde er nach Abschluss seiner Ausbildung Harfenist an der Royal Italian Opera sowie am Theater Ihrer Majest\u00e4t und unterrichtete selbst an der Akademie. Konzertreisen durch \u00d6sterreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Russland machten Thomas international bekannt. Kenner r\u00fchmten ihn wegen seiner in beiden H\u00e4nden gleicherma\u00dfen gut entwickelten Technik \u2013 letztlich eine Folge seiner Herkunft von der Tripelharfe, die seitenverkehrt zur Pedalharfe gespielt wird. Ihren \u00e4u\u00dferen H\u00f6hepunkt erreichte seine Laufbahn, als ihn K\u00f6nigin Viktoria 1872 zum Hofharfenisten ernannte. F\u00fcr Hector Berlioz stellte John Thomas schlichtweg das Ideal eines Harfenspielers dar. 1854 bekannte der Gro\u00dfmeister der Klangfarben in einem Zeitungsartikel, dass er, w\u00e4re er reich, sich den Luxus leisten w\u00fcrde, einen Virtuosen wie Thomas zu besch\u00e4ftigen, dessen ebenso nobles wie leidenschaftliches Spiel ihn magnetisiert hatte. Nicht nur als Virtuose, Komponist, Bearbeiter und P\u00e4dagoge stellte Thomas sein Leben in den Dienst seines Instrumentes, sondern auch als Historiker: 1901 trat er mit einer <em>History of the Harp: From the Earliest Period Down to the Present Day<\/em> hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas&#8216; internationaler Ruhm, sein Wirken als Hofmusiker und Akademie-Professor \u2013 mithin als offizieller Repr\u00e4sentant des institutionalisierten britischen Musiklebens \u2013, sollten nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass er zeit seines Lebens ein Grenzg\u00e4nger zwischen zwei Welten blieb. Weder bei Hofe, noch in den mond\u00e4nen Salons und Konzerts\u00e4len der Gro\u00dfst\u00e4dte verga\u00df er je seine Wurzeln in der Volksmusik. Seine ersten Erfolge hatte er auf <em>eisteddfodau<\/em>, j\u00e4hrlichen Wettbewerben der walisischen Barden und Spielleute, errungen, und er lie\u00df es sich auch nicht nehmen, sich auf den Musikfesten seiner alten Heimat h\u00f6ren zu lassen, als er schon l\u00e4ngst in der \u201egro\u00dfen Welt\u201c lebte und wirkte. Auf dem <em>eisteddfod<\/em> von Aberdare 1861 wurde ihm schlie\u00dflich den Titel eines <em>Pencerdd Gwalia<\/em> verliehen. Damit hatten ihn seine Kollegen ganz offiziell als Obersten Musiker von Wales anerkannt. Seine herausgehobene Stellung im englischen wie im walisischen Musikleben wusste er v\u00f6lkerverst\u00e4ndigend einzusetzen. So kam es, dass in einer Zeit, als die Waliser von Seiten der dominierenden Engl\u00e4nder einem enormen Assimilationsdruck ausgesetzt wurden, welcher sich beispielsweise in einem gezielten Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der walisischen Sprache in den Schulen \u00e4u\u00dferte, der Londoner Hofharfenist und Professor John Thomas in England f\u00fcr die Verbreitung walisischer Volkslieder sorgte, die er in vier B\u00e4nden mit walisischem und englischem Text herausbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der Kompositionen von John Thomas ist f\u00fcr Harfe und Klavier geschrieben und stellt damit ideale Originalliteratur f\u00fcr das Duo Praxedis dar, das es sich seit gut zehn Jahren zur Aufgabe macht, Werke dieser Besetzung ins allgemeine Bewusstsein der musikalischen Welt zur\u00fcckzurufen. Die Harfenistin Praxedis Hug-R\u00fctti und ihre Tochter, die Pianistin Praxedis Genevi\u00e8ve Hug, haben nun die erste Folge einer Gesamtaufnahme der Thomasschen Duos bei Toccata Classics herausgebracht. Die aufgenommenen St\u00fccke teilen sich in drei Gruppen: das <em>Grand Duet<\/em>, eine dreis\u00e4tzige Sonate in es-Moll, mit knapp 20 Minuten Spieldauer das umfangreichste Werk, ist die einzige Komposition, in der Thomas nur eigene Melodien verarbeitet; dazu kommen Bearbeitungen von Beethovens <em>Adelaide<\/em>, einer Gigue aus H\u00e4ndels <em>Wassermusik<\/em> und Gounods <em>Marche solenelle<\/em>, sowie f\u00fcnf Werke, in denen Thomas gleicherma\u00dfen Bearbeiter wie Komponist genannt werden kann. <em>Souvenir du Nord<\/em>, geschrieben nach einer Russland-Reise, besteht aus brillanten Variationen \u00fcber Alexander Aljabjews beliebte Romanze <em>Die Nachtigall<\/em>, das Duett \u00fcber Themen aus Bizets Carmen ist dem damals sehr beliebten Genre der Opernfantasien und -potpourris zuzuordnen. Bei den drei <em>Welsh Duets<\/em> handelt es sich um jeweils dreis\u00e4tzige Suiten \u00fcber walisische Volkslieder.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese St\u00fccke sind Salonmusik, d.&nbsp;h. sie verdanken ihre Entstehung der Salonkultur des 19.&nbsp;Jahrhunderts. Und Salonkultur, auf die Musik bezogen, ist Vortragskultur. Schon die Strophenlieder Reichardts und Zelters, die ganz wesentlich von der Vortragskunst des S\u00e4ngers leben, zeugen davon. Auch John Thomas denkt in seinen Duos eine bestimmte Anschlags- und Klangkultur immer mit. Zwar war Thomas ein technisch enorm beschlagener Virtuose, aber an allen hier eingespielten Werken zeigt sich, dass ihm Fingerfertigkeit nie Selbstzweck gewesen ist. Dass sein Ideal \u201eKantabilit\u00e4t\u201c hie\u00df, kam nicht von ungef\u00e4hr: Er entstammte einer Volksmusiktradition, die selbstverst\u00e4ndlich auf dem Gesang gr\u00fcndete, und war sp\u00e4ter eng mit dem Opernbetrieb der Weltstadt London verbunden, wo er Gelegenheit hatte, gro\u00dfe S\u00e4nger aus aller Welt zu h\u00f6ren. Seine Liebe zur Oper \u00e4u\u00dferte sich nicht zuletzt in mehreren eigenen Opernkompositionen.<\/p>\n\n\n\n<p>An seiner intensiven Hinwendung zur Besetzung Harfe und Klavier mag der Umstand seinen Anteil haben, dass damals ein Klavier in jedem Salon stand, Thomas also mit derartig besetzten Duos nahezu \u00fcberall auftreten konnte. Aber er sah offensichtlich auch eine Herausforderung darin. Bekanntlich geh\u00f6ren Harfe und Klavier nicht zu denjenigen Instrumenten, die hinsichtlich ihrer Klangerzeugung der menschlichen Stimme besonders \u00e4hnlich sind. Die gro\u00dfe Kunst des Harfenisten John Thomas, die Urteile wie dasjenige von Berlioz erst m\u00f6glich machte, d\u00fcrfte vor allem darin bestanden haben, dass er die Harfe zum Singen zu bringen vermochte. Es reizte ihn somit wohl auch, Musik zu schreiben, die den Interpreten Gelegenheit gibt, ihre Kunst der Fingerfertigkeit zu zeigen, wie Belcanto-S\u00e4nger ihre Kehlfertigkeit unter Beweis stellen, und ihnen gleichzeitig die Aufgabe stellt, deutlich zu machen, dass Singen (mit Telemann gesprochen) \u201edas Fundament der Musik in allen Dingen\u201c ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dies tats\u00e4chlich die Intention des John Thomas war, so h\u00e4tte er wohl an den Darbietungen des Duos Praxedis seine Freude gehabt. Dass beiden der vokale Hintergrund der Thomasschen Kompositionen bewusst ist, h\u00f6rt man daran, dass sie, auch wenn brillante Figurationen zu spielen sind, die gro\u00dfen Linien nicht vergessen. Besonders r\u00fchmen muss man die Achtsamkeit, mit der Mutter und Tochter aufeinander reagieren. Thomas hat seine musikalischen Einf\u00e4lle durchaus so auf die Instrumente verteilt, dass sie, im \u201eSingen\u201c wie im Brillieren, als gleichberechtigte Partner zusammenwirken. Das Klavier fungiert als Begleiter der Harfe, wird aber auch oft von ihr begleitet. Da das Klavier der deutlich tonst\u00e4rkere Partner ist, muss stets darauf geachtet werden, dass die Harfe nicht \u00fcbert\u00f6nt wird, wo sie dominieren, und noch zu h\u00f6ren sein muss, wo sie untermalen soll. Die hervorragende Durchh\u00f6rbarkeit der Kompositionen ist in der vorliegenden Einspielung nicht nur auf eine tadellose Aufnahmetechnik zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern vor allem darauf, dass Pianistin und Harfenistin durch kluge R\u00fccksichtnahme aufeinander alle Balanceprobleme meistern. Dabei entsteht der Eindruck formvollendeter Eleganz, den der Komponist nur gew\u00fcnscht haben kann, nahezu von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics, TOCC 0561; EAN: 5 060113 445612 Das Duo Praxedis \u2013 Praxedis Hug-R\u00fctti (Harfe) und Praxedis Genevi\u00e8ve Hug (Klavier) \u2013 legt bei Toccata Classics die erste Folge der s\u00e4mtlichen Duos f\u00fcr Harfe und Klavier von John Thomas vor. Der Waliser John Thomas (1826\u20131913) war einer der Gro\u00dfen in der Geschichte des Harfenspiels. 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