{"id":422,"date":"2016-01-15T16:15:26","date_gmt":"2016-01-15T15:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=422"},"modified":"2016-01-15T16:16:13","modified_gmt":"2016-01-15T15:16:13","slug":"interview-beth-levin-2015","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/15\/interview-beth-levin-2015\/","title":{"rendered":"Interview Beth Levin 2015"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Die neueste CD der amerikanischen Konzertpianistin Beth Levin mit dem Titel &#8222;Inward Voice&#8220; und Musik von Robert Schumann, Anders Eliasson und Franz Schubert wird ab 8. Januar auch in Amerika erh\u00e4ltlich sein. F\u00fcr &#8222;The New Listener&#8220; spreche ich mit ihr \u00fcber sie, die einzigartige Art ihres Klavierspiels und ihre Neuerscheinung.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-136\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-136\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-001-300x266.jpg\" alt=\"2-001\" width=\"300\" height=\"266\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-001-300x266.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/2-001-1024x909.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/06\/the-new-listener-international-interview-beth-levin-2015\/\" target=\"_blank\">[Zum englischsprachien Original]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke:]<\/strong><br \/>\n<strong>Zun\u00e4chst w\u00fcrde ich gerne etwas \u00fcber Ihre Grundlagen sprechen sowie \u00fcber Ihre Einfl\u00fcsse. Ihre Art des Klavierspiels ist nicht die \u00fcbliche, wie wir sie meist zu h\u00f6ren bekommen, Sie entwickelten einen komplett einzigartigen Stil, der eher mit den gro\u00dfen Meistern der fr\u00fchen zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist als mit zeitgen\u00f6ssischen Pianisten. Was waren Ihre wichtigsten Lehrer und sonstige musikalische Einfl\u00fcsse f\u00fcr Ihren Stil? Und wie beziehungsweise warum kamen Sie zu dem Entschluss, etwas Neues auszuprobieren, anstatt lediglich wohlbekannte und vor allem erfolgreiche Gewohnheiten des Spiels zu kopieren?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[Beth Levin:]<br \/>\nIch habe das Gef\u00fchl, meine eigene Stimme am Klavier zu haben und wenn das so unverwechselbar ist, bin ich froh darum, aber ich habe mich nicht darum bem\u00fcht, anders zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Lehrer Marian Filar, Rudolf Serkin und Leonard Shure und deren Klangpalette, mit der ich aufgewachsen bin, hatten nat\u00fcrlich einen Einfluss auf mein Spiel. Aber noch einmal, jede\/r von uns hat seine\/ihre eigene Stimme auf dem Instrument. Ob gut oder schlecht, wir k\u00f6nnen es nicht \u00e4ndern. Ich denke, wir versuchen alle, den Anforderungen der Musik gerecht zu werden und wir nutzen dazu alles, was wir haben &#8211; Ohr, Technik, Kenntnis, Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das hei\u00dft, wir sind nicht in der Lage, unseren naturgegebenen Klang zu ver\u00e4ndern, der jedem unver\u00e4nderlich gegeben ist. Aber wenn nicht daran, woran dann k\u00f6nnen wir arbeiten, um unser Spiel zu verbessern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ich bin der Ansicht, dass Begierde eine gro\u00dfe Rolle in der Entwicklung unserer Technik und Kunstfertigkeit am Klavier spielt. Je mehr wir von und f\u00fcr die Musik wollen, desto mehr werden wir daran wachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei nie zu sehr zufrieden. Bem\u00fche dich, zu erreichen, was du dir in der Musik ausmalst und erhoffst in Begriffen wie Klang, Struktur, Phrasierung, Gef\u00fchl, Farbe &#8211; und du wirst, denke ich, als K\u00fcnstler daran reifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leonard Shure h\u00f6rte in seinen Stunden eine oder zwei Phrasen der Musik und fragte: &#8222;Warum?&#8220;. Das war oft befremdlich f\u00fcr den Studenten. Er erkl\u00e4rte niemals &#8211; du musstest selber Gr\u00fcnde f\u00fcr jede einzelne Phrase der Musik finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch glaube ich, dass H\u00f6ren sehr wichtig ist &#8211; h\u00f6re S\u00e4nger, Streicher und nat\u00fcrlich Pianisten, besonders die alten Aufnahmen. Eine einzelne Phrase einer Maria Callas kann komplett richtungs\u00e4ndernd f\u00fcr dein eigenes Spiel sein. Und lass dich von allem beeinflussen &#8211; Natur, Kunst, Literatur &#8230; Lege all dies in das Instrument.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es ist sehr interessant, dass Sie die Meinung teilen, alte Schallplattenaufnahmen seien wichtiger als heutige Einspielungen, denn f\u00fcr mich wirkt Ihr pers\u00f6nlicher Klang auch wesentlich eher wie aus jener Zeit. Warum beeindrucken Sie die alten Aufnahmen am meisten? Was machten fr\u00fchere Pianisten &#8222;besser&#8220; als heutige Musiker?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag ein Mangel an mir selbst sein, aber diese alten Aufnahmen ziehen mich sehr stark an. F\u00fcr mich ist die Darbietung meist wesentlich freier im Ganzen, mit tiefem Gef\u00fchl, und auch \u00fcbermitteln sie das Gef\u00fchl, dass die Werke als Ganzes aufgenommen wurden anstatt zusammengest\u00fcckelt worden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich haben wir auch jetzt brillante Musiker, aber der Druck der Perfektion dominiert manchmal die Kunstfertigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist das der Grund &#8211; &#8222;Kunst&#8220; zu machen anstelle von kopfloser &#8222;Perfektion&#8220; &#8211; warum Sie so lange gez\u00f6gert haben, internationale Konzerte und Ruhm zu erlangen? Oder ist der Grund daf\u00fcr eher die Angst, neben all den weltweiten Konzertverpflichtungen kein Leben mehr f\u00fcr sich selbst zu haben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht &#8230; Lassen Sie mich etwas l\u00e4nger dar\u00fcber nachdenken &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht bin ich einfach schon gl\u00fccklich, wenn ich ein bevorstehendes Konzert oder irgendein Musikprojekt habe, auch wenn es um die Ecke stattfindet. Wissen Sie, was ich meine? Ich suche keinen internationalen Ruhm, aber bin allerdings auch befl\u00fcgelt von der Aufmerksamkeit, die ich derzeit erhalte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe das Gef\u00fchl, ein gro\u00dfartiges musikalisches Leben zu haben, auch wenn es in einer kleineren Dimension stattfindet. Au\u00dferdem wollte ich unbedingt Kinder und errichtete mir ein Leben, das sowohl erlaubt, in der Musik zu sein, als auch Mutter zu sein. Ich glaube, das k\u00f6nnte mein Musikleben ein wenig in den Grenzen gehalten haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie nannten bereits drei Namen Ihrer wichtigsten Lehrer. Ist es m\u00f6glich, den Fokus einmal darauf zu legen, was Sie von diesen gelernt haben, was sie so bedeutungsvoll f\u00fcr Ihre Art des Spielens macht? Vielleicht k\u00f6nnen Sie etwas \u00fcber sie sagen, wer sie waren und warum Sie ausgerechnet sie ausgew\u00e4hlt haben.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marian Filar war seinen Studenten gegen\u00fcber wie ein Vater und erm\u00f6glichte es uns, aufzubl\u00fchen. Er war so ein feinf\u00fchliger K\u00fcnstler, und wenn er spielte, hatte er eine hinrei\u00dfende Gesangslinie und eine besondere Finesse. Seinem Spiel zuzuh\u00f6ren war eine Ausbildung. Er und ich hatten denselben Geburtstag!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er betonte Intonierung, Stil, Fingersatz und er pflegte die tiefste Musikalit\u00e4t in einem. Als ich am Curtis Institut vorspielte, war ich von Filar brillant vorbereitet gewesen. Au\u00dferdem f\u00fchrte ich mit dem Philadelphia Orchester zwei Beethovenkonzerte unter seiner Leitung auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Zeit mit Rudolf Serkin war wie eine Art musikalische &#8222;Pubert\u00e4t&#8220;, denn ich entdeckte neues Repertoire und Kammermusik. Ich ver\u00e4nderte mich als junge K\u00fcnstlerin und war nicht einmal sicher, was ich gerade tat. Meine Technik war vollkommen nat\u00fcrlich, aber jetzt analysierte ich sie und wollte mehr von ihr, um einem gr\u00f6\u00dferen, anspruchsvolleren Repertoire zu entsprechen. Er war ein gro\u00dfer Inspirator am Curtis Institute und in Music from Marlboro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6rte bereits von Freunden vom brillanten Musiker Leonard Shure und wusste, dass er in Boston lehrte. Ich klopfte buchst\u00e4blich an seine T\u00fcr und bat ihn, f\u00fcr ihn spielen zu d\u00fcrfen. Er akzeptierte und nahm mich als Studentin an. Er hatte eine \u00e4sthetische N\u00e4he zu Serkin, aber war noch fordernder. Ich wusste von einigen, die in den Stunden niemals \u00fcber vier Takte hinauskamen. F\u00fcr mich war die Struktur, welche er in seinen Darbietungen errichtete, unvergesslich und eine gro\u00dfe Lektion f\u00fcr uns, als wir Werke von Beethoven, Schubert, Schumann und anderen studierten. Au\u00dferdem war er ein gro\u00dfartiger Kammermusikcoach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dorothy Taubman lebte in meiner Nachbarschaft in Park Slope, Brooklyn, und ich wurde ihre Studentin, nachdem ich nach New York gezogen bin. Damals waren meine Kinder sehr jung. Sie war ein Guru mit einer Technik, zu welcher wir unsere glaube ich alle ausweiten und wachsen lassen wollen. Sie konnte ihren Studenten ein tolles Gef\u00fchl von Freiheit, Abenteuer und Neugier einfl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es scheint, als h\u00e4tten Sie gro\u00dfartige Lehrer f\u00fcr Ihren pers\u00f6nlichen Weg hin zur Musik gefunden. Ihren Ausf\u00fchrungen zufolge wirkt es, als h\u00e4tten Sie die M\u00f6glichkeit bekommen, sowohl in Kontakt mit etabliertem Repertoire als auch mit komplett neuen und unbekannten St\u00fccken zu kommen. Auf Ihrem neuen Album, Inward Voice, h\u00f6ren wir einen dieser (noch) unbekannten Komponisten, den schwedischen Meister Anders Eliasson. Wo und wann h\u00f6rten Sie erstmals von ihm, war es mit Rudolf Serkin?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dirigent Christoph Schl\u00fcren f\u00fchrte mich an Eliasson heran &#8211; ich kannte seine Musik vorher nicht. Mittlerweile habe ich zwei seiner Klavierwerke eingespielt und hoffe, ein drittes n\u00e4chstes Jahr folgen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich zieht der spirituelle Aspekte dieser Musik an, die rhythmische Vitalit\u00e4t, die expressiven Ideen, und ihre hintergr\u00fcndige Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum war es ausgerechnet Anders Eliasson, der Sie so begeistern konnte? Was macht ihn so besonders und einzigartig?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bereitet mir gro\u00dfe Freude, neue Komponisten zu entdecken, und Eliasson ist beides: sowohl einfach als auch schwierig zu verstehen. Diese Herausforderung ist die eine Sache, warum mich seine Musik anzieht. Mir gef\u00e4llt es, dass seine Sprache so modern ist und trotzdem in den westlichen Musiktraditionen wurzelt, was es dem Spieler erm\u00f6glicht, sich heimisch zu f\u00fchlen, obwohl die Musik ungewohnt ist. Ich habe eine Zeit lang gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich ausdrucksstark sein kann, eine lange Linie machen kann und mir meine Zeit in den Noten nehmen kann. Eigentlich bin ich noch immer auf der Reise mit Eliasson, wenn ich an seinem Disegno 3 arbeite. Ich habe gro\u00dfen Respekt vor seinem symphonischen Werk und hoffe sehr, mehr von seinem Schaffen zu h\u00f6ren. Heute arbeite ich an seiner Musik und sp\u00fcre dabei eine unausweichliche, organische, omnipr\u00e4sente Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Amerika sind Sie vor allem daf\u00fcr bekannt, zeitgen\u00f6ssische Musik aufzuf\u00fchren. Sind Sie der Ansicht, es ist alles in allem einfacher, mit dem Spiel von moderner Musik bekannt zu werden (in einem entsprechenden, speziellen Kreis)? Und welche Art der neuen Klangkunst bevorzugen Sie am meisten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe das gro\u00dfe Gl\u00fcck, viele ausgezeichnete Komponistenfreunde zu haben, deren Musik ich gerne auff\u00fchre. Es hat etwas tolles, ein neues Werk in der Post zu erhalten, bei welchem die Tinte kaum trocken ist. Und die M\u00f6glichkeit zu haben, das Werk mit dem Komponisten zu erarbeiten und die Musik von erster Hand zu diskutieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfolg ist nichts, was man vorhersagen kann oder was zu entschl\u00fcsseln w\u00e4re. Man sollte einfach nach den besten Absichten arbeiten, immer mit den reinsten Impulsen, und einige Aufmerksamkeit kann daraus folgen. Oder auch nicht. Wenn es die Musik des 21. Jahrhunderts ist, was du am meisten liebst, dann solltest du diesem Pfad folgen. Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass es unbedingt Ruhm mit sich bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, ich spiele das, was ich am besten spiele &#8211; aber experimentiere manchmal mit dem Unbekannten und sehe dann, wohin es f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Neben Ihrer Ausrichtung zu zeitgen\u00f6ssischen Komponisten wie Scott Wheeler, Andrew Rudin, Yehudi Wyner, David Del Tredici, Mohammed Fairouz oder dem bereits genannten Anders Eliasson haben Sie auch eine Leidenschaft f\u00fcr einige etablierte Meister, vor allem Komponisten des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts wie Ludwig van Beethoven, Franz Schubert oder Robert Schumann. Warum ist es ausgerechnet diese Epoche, die Sie so sehr gefangen nimmt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe ebenso auch viel russisches und franz\u00f6sisches Repertoire, aber habe es nicht aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber manchmal denke ich, ich tue am besten daran, wenn es eine gro\u00dfartige Struktur und Disziplin in der Musik gibt wie bei Schubert, Beethoven, Brahms und Schumann. Ich mag es, wenn pers\u00f6nliche Gef\u00fchle in einem strengen Rahmen funktionieren. Das Ergebnis kann ergreifend und m\u00e4chtig sein. Meine Lehrer, vor allem die gro\u00dfen K\u00fcnstler Serkin und Shure, lebten in diesem Repertoire und konnten ein Gesp\u00fcr f\u00fcr diese spezielle Epoche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Haben Sie denn vor, auch einmal russische oder franz\u00f6sische Musik aufzunehmen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Haupts\u00e4chlich haben Sie au\u00dfergew\u00f6hnlich lange Werke eingespielt wie Bachs Goldberg-Variationen, oder Beethovens Diabelli-Variationen ebenso wie seine letzten drei umfangreichen Sonaten. Bedeuten diese Werke ein besonderes Wagnis der Form f\u00fcr Sie, das Sie inspiriert und anzieht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja &#8211; ich hoffe, mehr und mehr einzuspielen und franz\u00f6sisches und russisches Repertoire einzubeziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, ich bin unbewusst der Art der Programme meiner Lehrer gefolgt, die immer lange Werke eingeschlossen haben. &#8211; Ich mag die &#8222;Mount Everest&#8220;-Werke als Herausforderung und das allumfassende Gef\u00fchl, das man von Werken wie den Goldberg- oder Diabelli-Variationen empf\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gibt es einen bevorzugten &#8222;Mount Everest&#8220; f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wage weiterhin, Beethovens Op. 106 zu studieren, die Hammerklavier-Sonate. Aber manchmal muss man einfach gl\u00fccklich sein, dass andere es so gut gemacht haben und es loslassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzert in B-Dur von Brahms ist ein anderer &#8222;Mount Everest&#8220; f\u00fcr mich &#8211; ich w\u00fcrde es unglaublich gerne eines Tages auff\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich halte auch einige unentdeckte neue Musik f\u00fcr einen Mount Everest. Ich hoffe, es wird einige bisher ungeschriebene Werke geben, die in der Zukunft auf mich warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlussendlich, nichts ist einfach. Sagen wir, eine Mozart-Fantasie &#8211; die Einfachheit und Ehrlichkeit zu erreichen, ist eine andere Art von Everest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das ist ein Schl\u00fcsselsatz, jedes kleine St\u00fcck Musik kann ein Mount Everest sein. Wenn es mir erlaubt ist zu fragen, was ist f\u00fcr Sie der h\u00e4rteste Gipfel, den es zu erreichen gibt, f\u00fcr welche Art der Technik oder des musikalischen Anspruchs haben Sie am meisten zu \u00fcben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Generell gesprochen strebe ich nach einem musikalischen Ziel in jeder gegebenen Phrase und wenn die Technik nicht hinreicht, worauf ich aus bin, suche ich wirklich nach L\u00f6sungen. Ich denke nicht viel an Technik &#8211; das kann ein Makel sein. Ich wei\u00df es nicht. Ich verlange nach Dingen in der Musik und strebe nach einem technischen Weg, diese zu erreichen. Niemals anders herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Technik ist in Wahrheit unser Diener, aber ohne sie k\u00f6nnen wir nicht viel tun. Ich bewundere Technik bei anderen Spielern, aber niemals mehr als das Erreichen eines musikalischen Ziels. Lieber h\u00f6re ich falsche Noten, wenn jemand offensichtlich nach etwas G\u00f6ttlichem strebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das ist nat\u00fcrlich eine gute Position. K\u00f6nnten Sie mir bitte ein Beispiel dazu geben: Also wenn Sie an Beethovens Sonate Op. 111 arbeiten, was macht es so schwierig und so besonders? Was w\u00e4re denn Ihr musikalisches Ziel beim Spielen der Sonate?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Op. 111 von Beethoven beispielsweise ist die Musik mehr ein Entwurf. Du musst darauf hinarbeiten, die Gesamtheit der Noten zu erreichen oder seine Anspr\u00fcche zu treffen. Schaue hinter die Noten (nimm die vollen H\u00e4nde im Finalsatz) hin zu Farbe, Bewegung und Struktur, die die Noten erzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Werk wie Op. 111 reist Beethoven an einen besonderen Ort und der Pianist muss ebenfalls die Reise auf sich nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine gro\u00dfe Herausforderung und eine Freude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin der \u00dcberzeugung, in Werken wie Op. 111 f\u00fchrt die Auff\u00fchrung selber zu neuen Ideen und \u00f6ffnet neue T\u00fcren zum Klang &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute dachte ich, eigentlich nichts Bestimmtes betreffend, was f\u00fcr eine wichtige Idee die Eloquenz doch in der Musik ist. Sehr wie beim Schauspiel &#8211; wenn du einem gro\u00dfartigen Schauspieler zuschaust, wie eloquent er oder sie eine Seite umbl\u00e4ttert, aufsteht oder seine\/ihre Stimme und Mimik benutzt. Und wie er\/sie etwas abbildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der Musik m\u00fcssen wir etwas abbilden &#8211; nimm die Noten und Phrasen und sage etwas. Ich erinnere mich, wie ich die Appassionata von Beethoven als junge Person gespielt habe und mich ihr so nahe f\u00fchlte &#8211; ich wusste, ich konnte sie abbilden, weil ich diese Gef\u00fchle in mir hatte. Wir m\u00fcssen ein gro\u00dfes Repertoire an Emotionen haben, denke ich, um ein St\u00fcck Musik abzubilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch immer, wie wir eine Musikphrase spielen, ist wichtig &#8211; wie eloquent wir sie aussagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerade sprachen wir \u00fcber eine technisch wirklich schwierige Sonate von Beethoven, aber was ist mit einem technisch wesentlich einfacheren Werk von Mozart? Schlagen Sie den selben Weg ein, solch ein St\u00fcck zu lernen, oder \u00e4ndert das etwas &#8211; oder alles?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied gibt &#8211; Du h\u00e4ltst danach Ausschau, was die Musik macht, nach Richtung, Gef\u00fchlskontext, Struktur. Einfaches f\u00fchrt einen \u00fcblicherweise in die Irre, ist tr\u00fcgerisch einfach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das letzte St\u00fcck auf &#8222;Inward Voice&#8220; ist Franz Schuberts Sonate Nr. 19 in c-moll D 958. Es ist eine der drei letzten gro\u00dfen Sonaten des fr\u00fch verstorbenen Komponisten, die eine Art Zyklus bilden, obwohl jede Sonate f\u00fcr sich schon sehr lange ist. Warum haben Sie diese Sonate aus der Dreiergruppierung ausgew\u00e4hlt? Und w\u00fcrden Sie dem zustimmen, dass die Sonaten eine besondere Verbindung untereinander und eine bezwingende zyklische Form aufweisen? Oft kann man lesen, der letzte Satz von D 958 sei viel zu lang, eine zehnmin\u00fctige Hetzjagd ohne Sinn, die den H\u00f6rer verwirrt \u00fcber das Geschehen zur\u00fcckl\u00e4sst \u2013 w\u00fcrden Sie dieser Anschuldigung zustimmen? Was sehen Sie hinter dieser Hatz und was ist Ihre Aussage?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich arbeite derzeit an D 959 &#8211; vielleicht werde ich die Erfahrung machen, alle drei zu spielen und die Verbindung klar zu sehen. Wie Sie wissen, habe ich die drei letzten Beethovensonaten aufgenommen und dies w\u00e4re f\u00fcr mich ein perfekter n\u00e4chster Schritt, ein perfektes Gegenst\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Einfluss Beethovens scheint stark &#8211; bis hin zur Tonart c-Moll. Vielleicht beeinflusste der Tod Beethovens Schubert tief und \u00f6ffnete ihm den Weg, diese drei Sonaten so zu schreiben, wie er es tat. Ich denke, hier ist der meiste Kontrast &#8211; hell und dunkel &#8211; und der letzte Satz geht im Galopp. Die richtige Tempowahl k\u00f6nnte den Schl\u00fcssel darstellen, Erfolg in dieser Tarantella zu haben. Ich stimme nicht zu, dass er zu lang sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schubert starb vier Monate nach der Fertigstellung dieser letzten drei Sonaten \u2013 eine Dunkelheit durchdringt D 959, also vielleicht wusste er, dass er nicht mehr lange auf dieser Erde hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Neben Schubert und Eliasson gibt es ein drittes Werk auf &#8222;Inward Voice&#8220;, Robert Schumanns zyklische &#8222;Kreisleriana. Fantasien Op. 16&#8220;. Mit diesem machten Sie etwas, was wirklich besonders und ungew\u00f6hnlich ist: Sie nahmen den ganzen Zyklus in einem langen Take auf, anstatt ihn in die einzelnen S\u00e4tze aufzuteilen. Was war der Grund daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, wenn du beginnst, die Kreisleriana zu studieren, f\u00fchlst du, dass bestimmte St\u00fccke zusammengeh\u00f6ren und dass das Timing zwischen den S\u00e4tzen ausschlaggebend f\u00fcr die Auff\u00fchrung ist. Als ich Kreisleriana live auff\u00fchrte, war das Timing die Quintessenz und ich wollte versuchen, dies in der eingespielten Version zu behalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr all Ihre Antworten, Frau Levin. Als letztes m\u00f6chte ich noch fragen, was Sie gerne K\u00fcnstlern von heute sagen m\u00f6chten. Gibt es etwas, was Sie kritisieren wollen in unserem Musikleben, haben Sie Ratschl\u00e4ge f\u00fcr aufsteigende K\u00fcnstler und f\u00fcr ihren Weg oder gibt es etwas, das Sie gerne einfach aussprechen m\u00f6chtest?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verliere niemals deinen Sinn f\u00fcr Besessenheit und Bescheidenheit. Ich bin der Ansicht, heutige junge Musiker suchen meist ausschlie\u00dflich Ruhm und Geld und enden schnell darin, vom Gesch\u00e4ftsleben gefangen genommen zu werden. Als ich mit Shure und Serkin studiert habe, waren unsere Vorbilder anders. Wir gingen nach der Kunst und danach, gro\u00dfartige Musik zu machen, und weniger nach \u00e4u\u00dferlicher Belohnung. Sei immer ein guter Beobachter und Zuh\u00f6rer. Befrage die Musik und nutze jeden Einfluss in Natur, Kunst und Leben, um als Musiker besser zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker, die ich am meisten mag, sind die dem\u00fctigsten. Ich meine, ich sah Rudolf Serkin ein Rezital geben und dann in einen Proberaum gehen, um an den Sachen zu arbeiten, von denen er f\u00fchlte, sie h\u00e4tten besser gehen k\u00f6nnen. Stellen Sie sich das vor!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem am Klavier &#8211; entwickle dein Ohr! H\u00f6ren ist fast alles, und auf etwas H\u00f6ren ist gar noch besser &#8211; die Sehnsucht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Interview und \u00dcbersetzung: Oliver Fraenzke<\/strong><br \/>\n<strong>Alle Antworttexte: Beth Levin<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">Beth Levin: Inward Voice<br \/>\nAldil\u00e0 Records ARCD 005<br \/>\nEAN: 9 003643 980051<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/09\/24\/beth-levins-gesamtkunstwerk\/\">[zur Rezension der CD]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neueste CD der amerikanischen Konzertpianistin Beth Levin mit dem Titel &#8222;Inward Voice&#8220; und Musik von Robert Schumann, Anders Eliasson und Franz Schubert wird ab 8. Januar auch in Amerika erh\u00e4ltlich sein. F\u00fcr &#8222;The New Listener&#8220; spreche ich mit ihr \u00fcber sie, die einzigartige Art ihres Klavierspiels und ihre Neuerscheinung. [Zum englischsprachien Original] [Oliver Fraenzke:] &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/15\/interview-beth-levin-2015\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Interview Beth Levin 2015<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[361],"tags":[7,91,375,87,374,86,372,93,373,184],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/422"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=422"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/422\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4936,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/422\/revisions\/4936"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}