{"id":4235,"date":"2021-02-21T17:12:30","date_gmt":"2021-02-21T16:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4235"},"modified":"2021-02-21T17:12:32","modified_gmt":"2021-02-21T16:12:32","slug":"musik-eines-fast-verschollenen-adolphe-veuve","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/02\/21\/musik-eines-fast-verschollenen-adolphe-veuve\/","title":{"rendered":"Musik eines fast Verschollenen"},"content":{"rendered":"\n<p>Musikverlag M\u00fcller &amp; Schade, M&amp;S 5103\/2; EAN: [-]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4236\" width=\"432\" height=\"428\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Adolphe-Veuve.jpg 1429w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Diese im Musikverlag M\u00fcller &amp; Schade erschienene CD pr\u00e4sentiert mit einer Klaviersonate, zwei Liedern und einer Violinsonate den Gro\u00dfteil des heute noch bekannten Schaffens von Adolphe Veuve (1872\u20131947), einem Schweizer Komponisten, dessen Nachlass nach seinem Tode spurlos verschwand. Es musizieren und singen: die Pianisten Simon Bucher und Alexander Ruef, die Sopranistin Maya Boog und der Geiger Stefan Meier.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie toten Meister heben ihre H\u00e4nde, \/ Sie rufen aus dem Grabe: &#8218;Rette, rette, \/ Ach, wer errettet unsere Musik? \/ [\u2026] \/ Mit unsern Werken schwindet unsre Seligkeit!&#8216; \/ L\u00e4sst Euch das auch in Ruh\u2019?\u201c So fragt in Pfitzners Palestrina der Kardinal Borromeo den Titelhelden, ihm die drohende Entsorgung des Notenbestands der p\u00e4pstlichen Kapelle vor Augen f\u00fchrend. Jedes Mal, wenn ein Kunstwerk unwiederbringlich verloren geht, stirbt mit ihm ein Teil seines Sch\u00f6pfers den zweiten Tod. Namentlich aus \u00e4lterer Zeit wissen wir von vielen Werken selbst hochbedeutender Meister nur noch, dass es sie einst gegeben hat. Es sind freilich genug F\u00e4lle bekannt, in denen ein Werk nach jahrzehntelanger, ja jahrhundertelanger Verschollenheit wieder ans Licht kam. Man denke etwa daran, wie Joseph Haydns C-Dur-Cellokonzert vor 60 Jahren aus dem Reiche der Totgeglaubten ins Leben zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es darf also auch im Falle des Schweizers Adolphe Veuve (*&nbsp;Cernier, 7.&nbsp;Dezember 1872; \u2020&nbsp;Lausanne, 5.&nbsp;August 1947) gehofft werden. Bis vor kurzem war Veuve ein v\u00f6llig vergessener Komponist, einer von jenen, die nur noch eine papierene Existenz in alten Quellen zu f\u00fchren scheinen. Aus diesen kann man erfahren, dass er zu den Gr\u00fcndern des Conservatoire de Neuch\u00e2tel geh\u00f6rte, zu Lebzeiten einer der angesehensten Pianisten der Suisse Romande war und seit 1926 auch Rundfunkkonzerte gab (von denen sich kein Mitschnitt erhalten hat). Bekannt ist, dass er wenigstens ein Klavierkonzert (sein letztes Werk), ein Streichquartett, eine Klaviersonate, mehrere Violinsonaten, Orchestersuiten, Klavierst\u00fccke, Lieder und Chorwerke komponierte. Vier dieser Opera sind durch Drucke auf die Nachwelt gekommen: die Klaviersonate d-Moll op.&nbsp;2, Trois Morceaux pour piano op.&nbsp;3 (Ignacy Jan Paderewski gewidmet), Deux M\u00e9lodies op.&nbsp;4 und eine Gavotte f\u00fcr Klavier ohne Opuszahl. Von den Manuskript gebliebenen Werken tauchte jedoch bislang nur die Erste Violinsonate C-Dur op.&nbsp;5 wieder auf. Was aus den restlichen St\u00fccken wurde, ist unbekannt. \u201eAll seine Kompositionen sind von Originalit\u00e4t und manchmal einer sehr modernen Inspiration gepr\u00e4gt, obwohl mit sehr gro\u00dfem Respekt vor den Formen entworfen\u201c, hei\u00dft es in einem Nachruf, der kurz nach dem Tode des Komponisten in einer franz\u00f6sischsprachigen Neuenburger Zeitung erschien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Berner Musikverlag M\u00fcller &amp; Schade, der auch den Erstdruck der Violinsonate op.&nbsp;5 herausbrachte, hat mit der vorliegenden CD nahezu eine Gesamtaufnahme des verf\u00fcgbaren Schaffens von Adolphe Veuve ver\u00f6ffentlicht. Lediglich die vier k\u00fcrzeren Klavierst\u00fccke fehlen (aus Platzgr\u00fcnden? Die CD dauert 60 Minuten). Die Violinsonate, das einzige datierte Werk, entstand laut Manuskript 1915\/16, womit angesichts der Opuszahlen im Falle der anderen St\u00fccke eine fr\u00fchere Entstehungszeit anzunehmen ist. Wenn der Autor des Nachrufs Veuve als \u201esehr modernen\u201c Komponisten charakterisiert, so muss man sich in Erinnerung rufen, dass damals durchaus noch Musik, die man heute \u201esp\u00e4tromantisch\u201c nennen w\u00fcrde, als \u201emodern\u201c gelten konnte. Veuve ist, den bekannten Werken nach zu urteilen, jedenfalls kein \u201eImpressionist\u201c, \u201eExpressionist\u201c oder \u201eNeoklassizist\u201c. Dass er sich bem\u00fchen w\u00fcrde, im Stile bestimmter Vorbilder zu schreiben, kann man nicht sagen. Wenn der Einf\u00fchrungstext zur CD seiner Tonsprache eine \u201eeigene Pr\u00e4gung\u201c attestiert, so ist das keine Floskel. Er schlie\u00dft sich weder deutschen, noch franz\u00f6sischen Traditionen ganz an, hat aber offensichtlich von beiden gelernt. So mag etwa der kompakte Klaviersatz zu Beginn der Sonate op.&nbsp;2 mit seinen Dreiklangsbrechungen und Oktavierungen an Brahms gemahnen, die Deux M\u00e9lodies op.&nbsp;4 erinnern dagegen eher an franz\u00f6sische Meister der Franck-Schule. Veuves St\u00e4rke liegt vor allem im Harmonischen. Er liebt es, Harmonien schrittweise durch chromatische Stimmf\u00fchrung zu verwandeln, was in Verbindung mit den gern verwendeten synkopischen Rhythmen den Eindruck einer starken Verdichtung der musikalischen Ereignisfolge hervorruft. Der oben erw\u00e4hnte Respekt vor den Formen sorgt daf\u00fcr, dass das Geschehen stets \u00fcberschaubar bleibt. Die viers\u00e4tzige Klaviersonate dauert etwa so lang wie Beethovens op.&nbsp;7 oder op.&nbsp;22, die dreis\u00e4tzige Violinsonate \u00fcberschreitet die Dimensionen einer Brahms-Sonate nicht. Simon Buchers Auff\u00fchrung der Klaviersonate zeichnet sich durch feine Abstufung der Dynamik, sicheres Gesp\u00fcr f\u00fcr den Rhythmus und ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr die gro\u00dfe Form aus. Bucher ist genau der richtige Musiker, diesem Werk neues Leben einzuhauchen. Er ist auch in den beiden Liedern zu h\u00f6ren, die Maya Boog sehr expressiv vortr\u00e4gt. Das dunkle Timbre der Sopranistin passt zudem gut zur melancholischen Stimmung dieser Ges\u00e4nge. Weniger gut gelingt die Auff\u00fchrung der Violinsonate. Zwar steht die Leistung des Pianisten Alexander Ruef derjenigen Buchers nicht nach, doch scheint sich Violinist Stefan Meier weniger gut in seiner Stimme zurechtzufinden als sein Partner am Klavier. Die Phrasen der Violine wirken zu oft blo\u00df aneinandergereiht, gro\u00dfe Entwicklungsz\u00fcge bleiben aus, Steigerungen geraten zu m\u00fchsam. Am besten gelingt insgesamt der letzte Satz, dessen Hauptthema liedhaft schlicht anhebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz diesen Einschr\u00e4nkungen handelt es sich um eine empfehlenswerte CD. Es ist sch\u00f6n zu sehen, dass hiermit einem sympathischen Komponisten, der fast g\u00e4nzlich verschollen schien, wieder eine Stimme gegeben, und damit auch ein weiteres Schlaglicht auf die Musikgeschichte der franz\u00f6sischsprachigen Schweiz geworfen wurde. Gleicherma\u00dfen sollte sie dazu ermahnen, sich auf die Suche nach den verschwundenen Kompositionen Adolphe Veuves zu machen. Der Fund der Violinsonate n\u00e4hrt immerhin die Hoffnung, dass auch die weiteren ungedruckten Werke nicht endg\u00fcltig verloren sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Februar 2021]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikverlag M\u00fcller &amp; Schade, M&amp;S 5103\/2; EAN: [-] Diese im Musikverlag M\u00fcller &amp; Schade erschienene CD pr\u00e4sentiert mit einer Klaviersonate, zwei Liedern und einer Violinsonate den Gro\u00dfteil des heute noch bekannten Schaffens von Adolphe Veuve (1872\u20131947), einem Schweizer Komponisten, dessen Nachlass nach seinem Tode spurlos verschwand. 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