{"id":4248,"date":"2021-02-27T23:55:00","date_gmt":"2021-02-27T22:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4248"},"modified":"2021-02-28T01:52:43","modified_gmt":"2021-02-28T00:52:43","slug":"kontrapunktische-delikatessen-fuer-streichtrio-mozart-bach-paul-buettner-reinhard-schwarz-schilling-heinz-schubert-trio-montserrat-aldila","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/02\/27\/kontrapunktische-delikatessen-fuer-streichtrio-mozart-bach-paul-buettner-reinhard-schwarz-schilling-heinz-schubert-trio-montserrat-aldila\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich\u00a01] Kontrapunktische Delikatessen f\u00fcr Streichtrio"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 014; EAN: 9 003643 980143<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover-1024x914.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4251\" width=\"439\" height=\"391\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover-1024x914.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover-300x268.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover-768x686.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/German-Counterpoint-Trio-Montserrat-Aldila_cover.jpg 1102w\" sizes=\"(max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Eine CD mit drei ph\u00e4nomenalen Streichtrios, zwei davon als Erstaufnahme, hat das Label Aldil\u00e0 zu seinem zehnj\u00e4hrigen Bestehen herausgebracht: Die Triosonate von Paul B\u00fcttner, die Kammersonate von Heinz Schubert sowie den sp\u00e4ten Gattungsbeitrag von Reinhard Schwarz-Schilling. Als Ausgangspunkt solcher kontrapunktischen Meisterschaft muss nat\u00fcrlich Bach gelten: Drei Bearbeitungen von Fugen aus dessen Wohltemperiertem Klavier durch Mozart (KV 404a) erweisen ihm anfangs die Referenz. Es spielt das Trio Montserrat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6chste Konzentration von den Ausf\u00fchrenden verlangen die beiden hier als Ersteinspielungen vorgestellten Streichtrios: die <em>Triosonate <\/em>des notorischen Sammlern allenfalls als Symphoniker bekannten Dresdner Komponisten <em>Paul B\u00fcttner<\/em> (1870\u20131943) sowie die <em>Kammersonate<\/em> des Kaminski-Sch\u00fclers <em>Heinz Schubert <\/em>(1908\u20131945). Um es gleich vorwegzunehmen: Obwohl sich die drei spanischen Streicher <em>Joel Bardolet <\/em>(Violine), <em>Miquel C\u00f3rdoba <\/em>(Viola) und <em>Bruno Hurtado <\/em>(Cello) f\u00fcr diese Entdeckungsreise mehr oder weniger spontan als <em>Trio Montserrat<\/em> zusammengefunden haben, kann man ihre Leistung nicht hoch genug loben. Bei dieser zwar tonalen, dabei kontrapunktisch enorm komplexen Musik ben\u00f6tigt allein die richtige Intonation ein derart perfektes Verst\u00e4ndnis des momentanen harmonischen Geschehens, dass man nur staunen kann, wie vollkommen nat\u00fcrlich hier alles gelingt, wie man sich in Sekundenbruchteilen entsprechend anpasst, aber auch insgesamt die \u00dcbersicht f\u00fcr die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge und die innere Logik beh\u00e4lt, und wie dezidiert die drei Musiker mit Hingabe zu einem sprechenden Ausdruck finden, der jeden H\u00f6rer ber\u00fchren muss.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fcttner war der bedeutendste Sch\u00fcler Felix Draesekes, kam erst relativ sp\u00e4t \u2013 ab ca. 1915 \u2013 als Symphoniker zu durchschlagendem Erfolg, war aber nach 1933 als bekennender Sozialist faktisch mit einem Berufsverbot belegt. Seine Musik wurde in der DDR zwar ein wenig gepflegt \u2013 die einzige derzeit greifbare CD-Aufnahme einer seiner Symphonien auf Sterling stammt von 1967; auf YouTube findet man zum Gl\u00fcck etwas mehr. Wie bei vielen Komponisten, deren rein tonale Musik vielleicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg als ein wenig aus der Zeit gefallen erschien, liegt sein Werk heute zu Unrecht im Dornr\u00f6schenschlaf. Die um 1930 entstandene <em>Triosonate<\/em>, bestehend aus sieben Miniaturen von insgesamt nur 16 Minuten Dauer, konnte also erst posthum gedruckt werden. Hier werden \u2013 oberfl\u00e4chlich betrachtet \u2013 vor allem kontrapunktische Finessen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts wiederbelebt; sozusagen unter der Motorhaube werkelt jedoch elaboriertes Kunsthandwerk vom Feinsten. Zugleich gelingen B\u00fcttner hinrei\u00dfend direkte Charakterstudien, die dann gar nicht so untypisch f\u00fcr die Zeit zwischen den Weltkriegen sind \u2013 jede f\u00fcr sich eine kleine Preziose! Faszinierend etwa, wie im gerade mal halbmin\u00fctigen 4. Satz eine Glasharmonika imitiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche \u00dcberraschung der Ver\u00f6ffentlichung ist ohne jeden Zweifel die <em>Kammersonate <\/em>des viel zu jung 1945 im Oderbruch gefallenen <em>Heinz Schubert<\/em>. Der Dessauer studierte 1926\u201329 in M\u00fcnchen bei Siegmund von Hausegger und Joseph Haas und brachte es als Dirigent bis zum Rostocker Musikdirektor \u2013 was die Nazis nicht hinderte, ihn im \u201eVolkssturm\u201c zu opfern. Seine offensichtliche Inspirationsquelle war jedoch die hochverdichtete Linearit\u00e4t Heinrich Kaminskis. Wer dessen Chorwerke kennt, wei\u00df, dass diese einen absoluten H\u00f6hepunkt einer langen historischen Entwicklung tonalen Kontrapunkts markieren. Heinz Schuberts Kammersonate von 1934\/37 setzt hier aber fast noch eins drauf und erweist sich als echtes Meisterwerk: \u201eDie Dichte der essenziellen Ausdruckskraft, die energetische Aufladung von Struktur und Ausdruck dr\u00e4ngt best\u00e4ndig danach, die Grenzen des Fasslichen zu \u00fcberschreiten\u201c schreibt <em>Christoph Schl\u00fcren<\/em>, dem wir auch als Produzent diese staunenswerte Wiederentdeckung zu verdanken haben, in seinem vorz\u00fcglichen Booklettext. Was f\u00fcr eine starke Musik, die das Trio Montserrat auch emotional absolut \u00fcberzeugend her\u00fcberbringt!<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alterswerk des engsten Sch\u00fclers Kaminskis muss sich das Streichtrio (1983) von <em>Reinhard Schwarz-Schilling<\/em> (1904\u20131985) naturgem\u00e4\u00df nichts mehr beweisen. Abgekl\u00e4rtheit und eine \u00fcberragende Klangvorstellung kennzeichnen ein St\u00fcck, das nochmal die Hochphase gro\u00dfartiger Kammermusik des Komponisten in Erinnerung ruft.<\/p>\n\n\n\n<p>Schl\u00fcren begr\u00fcndet zwar, warum zu Beginn des Programms drei Bearbeitungen von Fugen aus Bachs <em>Wohltemperierten Klavier<\/em>durch Mozart 1782 stehen: quasi als Visitenkarte. Daf\u00fcr komponierte dieser statt der zugeh\u00f6rigen Pr\u00e4ludien jeweils langsame Einleitungen. Der Rezensent h\u00e4tte sich vielleicht eher ein St\u00fcck gew\u00fcnscht, das die deutsche Kontrapunkttradition weise ironisiert: z.B. die in Theresienstadt entstandene Passacaglia und Fuge von <em>Hans Kr\u00e1sa <\/em>\u2013 der in Schl\u00fcrens Aufz\u00e4hlung zahlreicher Komponisten, die f\u00fcr Streichtrio geschrieben haben, keineswegs vergessen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade, weil sich hier wohl f\u00fcr die meisten g\u00e4nzlich Unbekanntes als musikalischer Hochgenuss herausstellen d\u00fcrfte, bekommt dieses fr\u00fche Kammermusik-Highlight des Jahres 2021 sofort einen Extraplatz im Regal. Die CD wird nicht nur der Rezensent ganz sicher noch \u00f6fters h\u00f6ren: eindeutige Empfehlung!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Februar 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 014; EAN: 9 003643 980143 Eine CD mit drei ph\u00e4nomenalen Streichtrios, zwei davon als Erstaufnahme, hat das Label Aldil\u00e0 zu seinem zehnj\u00e4hrigen Bestehen herausgebracht: Die Triosonate von Paul B\u00fcttner, die Kammersonate von Heinz Schubert sowie den sp\u00e4ten Gattungsbeitrag von Reinhard Schwarz-Schilling. 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