{"id":426,"date":"2016-01-17T00:17:21","date_gmt":"2016-01-16T23:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=426"},"modified":"2016-01-17T00:18:06","modified_gmt":"2016-01-16T23:18:06","slug":"solosonaten-vom-geiger-zar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/17\/solosonaten-vom-geiger-zar\/","title":{"rendered":"Solosonaten vom Geiger-Zar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe (1858-1931)<br \/>\nSechs Sonaten f\u00fcr Violine solo op. 27<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Frederieke Saeijs<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Linn Records CKD536<br \/>\n6 90162 05362 4<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Ulrich0012.jpg\" rel=\"attachment wp-att-427\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-427 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Ulrich0012-291x300.jpg\" alt=\"Ulrich0012\" width=\"291\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Ulrich0012-291x300.jpg 291w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Ulrich0012.jpg 381w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als der Komponist und \u00fcberragende Geiger seiner Generation Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe den jungen ungarischen Geiger Joseph Szigeti Bach spielen h\u00f6rte, war das der entscheidende Impuls f\u00fcr die Komposition seiner sechs Solosonaten op. 27. Nat\u00fcrlich bezog er sich dabei auch auf die sechs Bach\u2019schen Solo-Sonaten und -Partiten, allerdings verwendete er in den 1923-24 entstandenen Werken alle bis dahin bekannten und von ihm selber bis an die Grenzen des damals M\u00f6glichen ausgeloteten musikalischen und kompositorischen Mittel. Jede einzelne Sonate ist einem bedeutenden zeitgen\u00f6ssischen Geiger gewidmet und auf dessen Eigenarten zugeschnitten. So entstand ein Kosmos, der bis heute, und heute mehr denn je, Geiger aller Schattierungen herausfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch vor kurzem war mir ein Abend mit Violine allein schwer vorstellbar \u2013 aber seit einem Konzert mit dem jungen Geiger Lucas Brunnert mit Kompositionen von Heinz Schubert, Eduard Erdmann, Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe und Sergej Prokofieff bin ich ganz anderer Meinung \u2013 auch wenn so ein Solo-Abend oder in diesem Fall eine Solo-CD eine ganz besondere Herausforderung darstellt, nicht nur an die Musikerin, auch an den H\u00f6rer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die holl\u00e4ndische Geigerin Frederieke Saeijs spielte diese sechs Solo-Sonaten f\u00fcr Linn auf einer Guarneri-Geige von 1725 ein. (Sie schreibt auch, mit welchem Bogen \u2013 einem Eug\u00e8ne Sartory \u2013 sie spielt, eine Seltenheit, aber sehr begr\u00fc\u00dfenswert.) Und Saeijs verf\u00fcgt \u00fcber die geigerischen, aber auch die musikalischen und geistigen M\u00f6glichkeiten, um diesen gigantischen Herausforderungen ad\u00e4quat zu begegnen.<br \/>\nVom zartesten Pianissimo bis zum wilden Ausbruch im Fortissimo stehen ihr alle Klangschattierungen zur Verf\u00fcgung, aber was noch wichtiger ist: Nie geht der Zusammenhang verloren, jede Sonate ist eingebunden in einen gro\u00dfen gestalterischen Bogen, das Ende ist im Anfang enthalten, der Bogen schlie\u00dft sich wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu den einzelnen Sonaten:<br \/>\nSonate op. 27 No. 1 \u2013 gewidmet Joseph Szigeti in g-moll mit den S\u00e4tzen Grave (Lento assai), Fugato (molto moderato), Allegretto (amabile) und\u00a0 Finale con brio (allegro fermo).<br \/>\nVor mir liegen die Noten, so dass neben dem H\u00f6ren auch das Sehen der Strukturen hilft, diese so avancierte und ungeheuer komplexe Musik zu begreifen. Denn mit dem H\u00f6ren allein \u2013 vor allem, wenn man die Sonaten zum ersten Mal h\u00f6rt \u2013 ist es hier nicht getan. Nat\u00fcrlich ist der zweite Satz, das Fugato, am leichtesten zu verfolgen, was an der polyphonen Struktur liegt, die sich leicht mitvollziehen l\u00e4sst. Aber immer wieder erstaunt doch der fast grenzenlose Reichtum \u2013 und die Beherrschung der komplexen Kompositionen durch die junge\u00a0 Geigerin (geboren 25. Januar 1979) \u2013 der Tonsprache Eug\u00e8ne Ysa\u00ffes. Wo es doch nur 12 Halbt\u00f6ne in einer Oktave gibt, auch wenn der Umfang der Geige \u00fcber mehr als vier Oktaven gebietet.\u00a0 Und jede der sechs Solosonaten ist einem anderen zeitgen\u00f6ssischen Geiger und seiner Art zu spielen verpflichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sonate op.27 No. 2 \u2013 gewidmet Jacques Thibaud in a-moll mit den S\u00e4tzen Pr\u00e9lude \u2013 Obsession (poco vivace),\u00a0 Maliconia (poco lento), Danse des ombres (Sarabande \u2013 lento), les furies (allegro furioso).<br \/>\nDiese Sonate erschlie\u00dft sich \u2013 nicht zuletzt wegen der Bach\u2019schen Zitate im ersten Satz \u2013 leichter, was sicher auch an den Titeln der einzelnen S\u00e4tze liegt. Sie deuten ja eine Art Programm an, nehmen sicher auch Bezug auf die Art des Thibaud\u2019schen Geigenspiels, von dem im Programmheft \u2013 leider nur in Englisch, aber sehr aufschlussreich &#8211;\u00a0 der rum\u00e4nische Geiger George Enescu (1881-1955) aufs \u00c4u\u00dferste schw\u00e4rmt: \u201eMir tut es leid f\u00fcr alle jungen Geiger, die Thibaud nie h\u00f6ren konnten&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sonate op. 27 No. 3 &#8211;\u00a0 gewidmet George Enescu in d-moll in einem einzigen Satz: Ballade (Lento molto sostenuto, molto moderato quasi lento, allegro in tempo giusto e con bravura, tempo poco pi\u00f9 vivo e ben marcato).<br \/>\nMit einem geheimnisvollen Rezitativ beginnt diese Sonate, die sich \u00fcber eine Melodie im F\u00fcnfviertel-Takt in ein Allegro und zum Schluss in ein \u00fcbersch\u00e4umendes Tempo steigert. Erstaunlich, was an Kl\u00e4ngen aus so einem \u201ekleinen\u201c Instrument wie einer einzelnen Geige sich entfalten kann, wenn eine K\u00f6nnerin wie Frederieke Saeijs souver\u00e4n \u00fcber ihr Instrument und die Komposition verf\u00fcgt. In allen Bereichen, pianississimo fast an der H\u00f6rgrenze bis schnellst im Fortississimo stehen ihr und ihrer Guarneri-Geige alle Mittel aufs \u00dcberzeugendste zu Gebote \u2013 was mich beim wiederholten H\u00f6ren diesem \u201eGeigen-Kosmos\u201c n\u00e4her und n\u00e4her bringt. (Und nichts Geringeres wollte Ysa\u00ffe mit diesen sechs Solosonaten schaffen.) Es ist die Bekanntschaft mit einer Musik, von deren Existenz ich bis dahin nur wusste, aber bis auf die vierte Sonate noch nichts geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sonate op. 27 No. 4 \u2013 gewidmet Fritz Kreisler in e-moll mit den S\u00e4tzen Allemanda (lento maestoso), Sarabande (quasi lento) und Finale (presto ma non troppo).<br \/>\nFritz Kreisler, auch heute noch als\u00a0 d e r\u00a0 Wiener Geigen-K\u00f6nig bekannt und geliebt mit seinen h\u00f6chst eing\u00e4ngigen Kompositionen, die damals oft f\u00fcr die Spielzeit einer Schellack-Scheibe ausgelegt waren, gab dieser vierten Sonate die Patenschaft, was sich in ihrem kompositorischen Kalk\u00fcl durchaus bemerkbar und h\u00f6rbar macht. Auch hier zieht Ysa\u00ffe alle Register seines kompositorischen K\u00f6nnens, schnellste Arpeggien bis in die allerh\u00f6chsten Lagen, Doppelgriffe auf allen Saiten, aber auch langsame melodische Abschnitte in der Sarabande und nat\u00fcrlich alle auf der Geige m\u00f6glichen Stricharten geben dieser Sonate ihren Charakter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sonate op. 27 No. 5 in G- Dur \u2013 gewidmet\u00a0 Mathieu Crickboom mit den S\u00e4tzen L\u2019aurore (Lento assai) und\u00a0 Danse rustique (allegro giocoso molto).<br \/>\nMathieu Crickboom war der zweite Geiger im Ysa\u00ffe-Quartett, und so ist sein Name nicht nur als Geiger, sondern auch als Widmungstr\u00e4ger der f\u00fcnften Solosonate erhalten geblieben. Dass er als zweiter Geiger durchaus solistisch t\u00e4tig war oder sein konnte, merkt man diesem St\u00fcck an, das ganz einfach mit der leeren Quinte G-D beginnt; aus dieser \u201eEinfachheit\u201c entwickelt sich eine simple Melodie, die dann aber mit gro\u00dfen Arpeggien \u00fcber den ganzen Tonumfang der Geige ausschwingt. Dem zweiten Satz \u2013 im F\u00fcnfviertel-Takt \u2013 liegt ein kleines t\u00e4nzerisches Thema zugrunde, das sich ins\u00a0 dreifache Forte und mit vierstimmigen Akkorden steigert. Im Mittelteil, bevor das Thema noch einmal einsetzt und in einem schnellen Lauf \u00fcbers gesamte Griffbrett zum h\u00f6chsten g und auf der tiefen G-Saite endet, werden verschiedene M\u00f6glichkeiten auch mit dem Daumen der Bogenhand zu spielender L\u00e4ufe gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sonate op.27 No.6 in E-Dur \u2013 gewidmet Manuel Quiroga mit dem einzigen Satz Allegro giusto non troppo vivo.<br \/>\nDiese Sonate, die der Widmungstr\u00e4ger \u2013 wie das Booklet informiert \u2013 nie selbst \u00f6ffentlich gespielt hat, macht aus ihrem spanischen Einfluss \u2013 Quiroga war Spanier \u2013 keinen Hehl, selbst der Tango wird im zweiten Teil des eins\u00e4tzigen St\u00fcckes \u201ebem\u00fcht\u201c, was das ganze St\u00fcck nat\u00fcrlich etwas leichter zug\u00e4nglich\u00a0 f\u00fcr die H\u00f6rerin, den H\u00f6rer macht als zum Beispiel op. 27 No. 1.<br \/>\nAuch auf diese Art kann man etwas f\u00fcr seinen Nachruhm tun, denn ohne Ysa\u00ffes letzte Solosonate w\u00e4re der hochbegabte Manuel Quiroga heute wohl l\u00e4ngst vergessen. Terzenl\u00e4ufe und L\u00e4ufe in Oktaven, rhythmisch Vertracktes, Ankl\u00e4nge an spanische Folklore oder argentinischen Tango ert\u00f6nen, und im Fortissimo und mit zwei Sechzehntel-L\u00e4ufen bis in die h\u00f6chsten Lagen und zum tiefen e \u2013 wie sich das f\u00fcr einen Grundton in E-Dur geh\u00f6rt \u2013 geht dieses Geigen-Universum zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Selbst wenn alle m\u00f6glichen Dissonanzen die Tonalit\u00e4t ab und an aufzul\u00f6sen scheinen, bewegen sich die St\u00fccke alle im tonalen Rahmen, was die Tonartenbezeichnungen am Beginn jeder Sonate unterstreichen. Auch als in anderen Musikbereichen die Tonalit\u00e4t l\u00e4ngst verp\u00f6nt war und die Gleichberechtigung aller 12 Halbt\u00f6ne gefordert und erstrebt wurde, ist es nach den sechs Solopartiten f\u00fcr Geige von Johann Sebastian Bach (1685-1750) dem Komponisten und Geiger-Zar (diesen Ehrennamen bekam Ysa\u00ffe in Russland zuerkannt) gelungen, einen ebensolchen Kosmos zu komponieren, an dem sich seit seiner Entstehung Geigerinnen und Geiger aller Schattierungen messen und wie im vorliegenden Fall die holl\u00e4ndische Geigerin Frederieke Saijs in souver\u00e4ner Gelassenheit dieses Riesenwerk vor unseren Ohren und Augen entstehen lassen kann. Wie sch\u00f6n, dass diese wunderbare Musik damit f\u00fcr mich kein unbekanntes Neuland mehr ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe (1858-1931) Sechs Sonaten f\u00fcr Violine solo op. 27 Frederieke Saeijs Linn Records CKD536 6 90162 05362 4 Als der Komponist und \u00fcberragende Geiger seiner Generation Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe den jungen ungarischen Geiger Joseph Szigeti Bach spielen h\u00f6rte, war das der entscheidende Impuls f\u00fcr die Komposition seiner sechs Solosonaten op. 27. 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