{"id":4278,"date":"2021-03-06T22:49:00","date_gmt":"2021-03-06T21:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4278"},"modified":"2021-02-28T22:57:27","modified_gmt":"2021-02-28T21:57:27","slug":"ein-fenster-ins-studio-friedrich-neumann-crashkurs-musikproduktion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/06\/ein-fenster-ins-studio-friedrich-neumann-crashkurs-musikproduktion\/","title":{"rendered":"Ein Fenster ins Studio"},"content":{"rendered":"\n<p>Schott; ED 22116; ISBN: 978-3-7957-0872-6<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Neumann-Crashkurs-Musikproduktion.jpeg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Neumann-Crashkurs-Musikproduktion.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4279\" width=\"393\" height=\"559\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Neumann-Crashkurs-Musikproduktion.jpeg 456w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Neumann-Crashkurs-Musikproduktion-211x300.jpeg 211w\" sizes=\"(max-width: 393px) 100vw, 393px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>In seinem Einf\u00fchrungswerk \u201eCrashkurs Musikproduktion\u201c bringt uns Friedrich Neumann einem Gebiet n\u00e4her, dass vor allem von klassischen Musikern weitgehend gemieden wird: Aufnahmetechnik. Was f\u00fcr einen Pop- oder Rockmusiker zumindest zu einem gewissen Teil als Alltag erscheint und dem Jazzer immerhin teilweise vertraut wirkt, mag klassische Musiker schon beim ersten Anblick abschrecken: verschiedenartige Kabel, Kn\u00f6pfe, Anschl\u00fcsse, Ger\u00e4te, diffizile Software und viel zu viele technische M\u00f6glichkeiten der Klangbearbeitung. Dabei will man doch nur den Instrumenten- oder Stimmklang so nat\u00fcrlich wie m\u00f6glich festhalten! Doch dass man gerade daf\u00fcr vielseitiges Wissen braucht, erkl\u00e4rt sich wohl von selbst. Und Friedrich Neumanns Buch darf als gl\u00e4nzende M\u00f6glichkeit angesehen werden, die \u00c4ngste vor diesem Gebiet zu \u00fcberwinden und das Interesse an Aufnahmetechnik zu wecken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Egal, ob man sich selbst ins Studio stellen will, oder einfach nur eine \u00dcbersicht \u00fcber die g\u00e4ngigsten Prozesse der Musikproduktion erhalten will, dieses B\u00fcchlein stellt einen idealen Einstieg dar. Wir werden bewahrt vor einer Flut an f\u00fcr den Laien \u00fcberfl\u00fcssigen Informationen, die wir nicht verwerten k\u00f6nnten, sondern lesen ausschlie\u00dflich \u00fcber das, was f\u00fcr den Beginn von N\u00f6ten ist. Nat\u00fcrlich ersetzt der Crashkurs keine entsprechende Ausbildung in dem Bereich und gibt auch keinen Einblick in die tats\u00e4chliche Studioarbeit mit konkreten Programmen oder Ger\u00e4ten \u2013 doch wie Friedrich Neumann dazu schreibt: Soft- wie Hardware entwickeln sich so schnell weiter, dass das Buch veraltet w\u00e4re, bevor es \u00fcberhaupt erscheinen kann. Entsprechend bleibt er bei einem generellen \u00dcberblick und schematisiert vor allem die Softwareoberfl\u00e4chen allgemeinverst\u00e4ndlich, was man sp\u00e4ter in der Praxis gut auf die jeweiligen Programme \u00fcbertragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wissen wird kompakt und gut gegliedert vermittelt: Jedes Kapitel erh\u00e4lt eine andere Grundfarbe als Schema, so dass man auf den ersten Blick das Gesuchte findet. Eine Audio-CD mit einer Laufzeit von knapp f\u00fcnfzehn Minuten zeigt praktisch, was theoretisch beschrieben wird. Schaubilder und schematische Darstellungen verbildlichen jeden Abschnitt, so dass eine vielseitige Informationsaufnahme gew\u00e4hrleistet wird. Auch als technikunerfahrener Leser versteht man jeden Schritt und jede der beschriebenen Funktionen; man muss erstaunlich wenig lesen, sondern kann vieles den Abbildungen entnehmen. Allgemein ist das Buch sehr aufw\u00e4ndig und wohlproportioniert gestaltet, wirkt mit einem Ladenpreis von 15,50 \u20ac im Shop von Schott gar als Schn\u00e4ppchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch beginnt mit einem verknappten Einblick in die Aufnahmegeschichte vom Phonographen und dem Grammophon bis hin zu heutigen digitalen Medien; dabei konzentriert sich Neumann auf die wichtigen, marktf\u00fchrenden Apparaturen und l\u00e4sst einige Versuche auf der Seite, die sich weniger etablieren konnten. Von dort steigen wir ohne Umwege in die Musikproduktion selbst ein, wobei Schritt f\u00fcr Schritt von der Aufnahme zum fertigen Mix vorgegangen wird. Deshalb f\u00e4ngt der Crashkurs mit der Mikrofonisierung an, stellt zun\u00e4chst unterschiedliche Typen von Mikrofonen mit deren Eigenschaften sowie Vor- und Nachteilen vor, und widmet ein weiteres Kapitel den verschiedenartigen Aufstellungsm\u00f6glichkeiten, macht dabei vor allem auf gel\u00e4ufige Fehler aufmerksam. An dieser Stelle h\u00e4tte ich mir noch ein paar CD-Beispiele gew\u00fcnscht, auf dem Begleitmedium h\u00f6ren wir nur je zwei M\u00f6glichkeiten der Mikrofonisierung bei Gitarre und Kontrabass (Steg und Schallloch). F\u00fcr besonders wichtig halte ich die vorgestellten Techniken zur Aufnahme mehrerer Musiker, die auch den Laien sofort vermeiden l\u00e4sst, einen Teil des Klangk\u00f6rpers im Schallschatten aufzustellen. Auch f\u00fcr gesprochenen Text lernen wir unter anderem die richtige Manuskriptaufstellung, die ansonsten wohl kaum bedacht werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter geht es mit der Leitungstechnik. Wer einmal in einem Rockstudio war oder auch den Aufbau eines Stagesets beobachten konnte, wei\u00df, wie viele unterschiedliche Kabel, Verl\u00e4ngerungen und Stecker es gibt. Nach nur vier Seiten dieses Buchs sind alle R\u00e4tsel diesbez\u00fcglich gel\u00f6st, wir kennen alle wichtigen Klinken und Kabeltypen, wissen sogar, welche Kabel gegen m\u00f6glichen Datenverlust eine gewisse L\u00e4nge nicht \u00fcbersteigen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fakten \u00fcber Akustik im Raum d\u00fcrften wohl den meisten Musikern bekannt sein, schlie\u00dflich muss der eigene Probenraum ja zumindest \u00fcber ein paar der akustischen Eigenschaften verf\u00fcgen, die den Klang lebendig werden lassen; dennoch inspiriert die Zusammenstellung der schnell umsetzbaren Kniffe f\u00fcr bessere Akustik, das Probenzimmer noch umzugestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun verlassen wir die greifbare Ebene, denn die Signale werden an dieser Stelle digital umgewandelt, was besonders in Bezug auf das Audio-Interface besonders umfassend besprochen wird. F\u00fcr s\u00e4mtliche Anschl\u00fcsse wird die Leitungstechnik wiederholt, was einen sehr willkommenen R\u00fcckblick darstellt und zugleich einer praktischen Anleitung entspricht. Dem Abh\u00f6ren wird ein eigenes Kapitel gewidmet, wo auch auf Kopfh\u00f6rertypen und die Aufstellung der Boxen im Abh\u00f6rraum eingegangen wird: eine Bereicherung f\u00fcr jeden, der Musik h\u00f6rt und den Genuss durch optimierte Klangqualit\u00e4t erh\u00f6hen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Das digitale Aufnehmen von Tonspuren funktioniert \u00fcber die sogenannte Digital Audio Workstation, der Friedrich Neumann das l\u00e4ngste Kapitel zueignete. Wir lernen von den wichtigsten Bedienelementen, dem Loopen durch Kopier- und Einf\u00fcgefunktionen (f\u00fcr die Popmusik unerl\u00e4sslich), den Funktionen einer Audiospur wie Aussteuerung, Volumen, Panorama und aktuellen Status im Gesamtbild (Solo, Mute, Record). Anschlie\u00dfend bespricht Neumann das Midi-Recording, wobei vor allem das Quantisieren praxisrelevant erscheint, aber entsprechend einen gro\u00dfen Pool an Fehlerquellen bietet. Quantisieren bedeutet, dass man Midispuren automatisch den Takteinheiten anpassen kann, so dass feinste Ungenauigkeiten des Spiels (welche die Darbietung klassischer Musik und besonders das Musizieren in gr\u00f6\u00dferen Ensembles und Orchestern erst definiert) ausgeb\u00fcgelt werden und sogar eine genau taktgetreue Widergabe entstehen kann. In gewissem Ma\u00dfe angewandt ein gro\u00dfartiges Tool, bei welchem man sich jedoch vor \u00dcbertreibungen bewahren sollte. Abschnitte \u00fcber den richtigen Schnitt bei einer digitalen Audiospur und \u00fcber verschiedene Arten des Ein-, Aus- und \u00dcberblendens runden das Kapitel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders aufschlussreich fand ich das Kapitel \u00fcber Abmischung. Gerne h\u00e4lt man diese f\u00fcr rein technische Spielerei, doch steckt viel mehr dahinter und selbst perfekt zusammenwirkende Bands oder Ensembles sind hierauf angewiesen, was die beigef\u00fcgten Klangbeispiele unter Beweis stellen. Das Problem bei Aufnahmen ist, dass sich die Frequenzzentren der einzelnen Instrumente \u00fcberlappen, wodurch gerade die gut h\u00f6rbaren Bereiche \u00fcberlagert werden und so vieles vom Klang verloren geht. Mit Hilfe des Equalizers werden unn\u00f6tige Nebenger\u00e4usche herausgeschnitten und der Klang in den gut h\u00f6rbaren Frequenzen beschr\u00e4nkt, so dass die einzelnen Stimmen entzerrt werden, somit besser herauszuh\u00f6ren sind und der Gesamteindruck erst ausgewogen erscheint. Ein weiteres Augenmerk legt Friedrich Neumann auf verschiedene Filtertypen sowie deren Anwendungsweisen vor allem zur Beseitigung unterschiedlicher Fehlerquellen wie Pfeift\u00f6ne und Netzbrummen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Kapitel widmet sich Signalprozessoren, also Effektger\u00e4ten, die zur Optimierung von einzelnen Klangspuren oder ganzen Aufnahmen dienen. Zun\u00e4chst besch\u00e4ftigt sich Friedrich Neumann mit Regelverst\u00e4rkern, namentlich Kompressoren und Limitern. Der Kompressor dient dazu, die Gesamtspur in den besonders lauten Bereichen dynamisch einzud\u00e4mmen, um schlie\u00dflich die Gesamtlautst\u00e4rke aus dem schwer h\u00f6rbaren Bereich heraus anzuheben. Limiter wirken dem ersten Schritt \u00e4hnlich, nur beschneiden sie den zu lauten, \u00fcbersteuernden Bereich vollkommen. Zuletzt werden Zeitprozessoren thematisiert, also Echo und Hall sowie die k\u00fcnstliche Version des Delays (Verz\u00f6gerung). Auf der CD h\u00f6ren wir hierzu den gleichen Ausschnitt eines Musikst\u00fccks mit Hall aus unterschiedlichen R\u00e4umen: Einem Wohnzimmer mit etwa 0,4 Sekunden Nachhall, der Semperoper mit 1,6 und der Berliner Philharmonie mit 2 Sekunden sowie schlie\u00dflich dem K\u00f6lner Dom mit 13 Sekunden Nachhall. W\u00e4hrend die erste Aufnahme klar und deutlich klingt, wirkt das Instrument in den gr\u00f6\u00dferen R\u00e4umen recht verloren; im Gotteshaus schlie\u00dflich versinkt die zu h\u00f6rende Gitarre vollkommen im Nachhall.<\/p>\n\n\n\n<p>So lernen wir nicht nur \u00fcber die Aufnahme- und Umwandlungsprozesse, sondern auch \u00fcber die Notwendigkeit verschiedener Nachbearbeitungsmethoden, die den allgemeinen Eigenschaften der digitalen Aufnahme geschuldet sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schott; ED 22116; ISBN: 978-3-7957-0872-6 In seinem Einf\u00fchrungswerk \u201eCrashkurs Musikproduktion\u201c bringt uns Friedrich Neumann einem Gebiet n\u00e4her, dass vor allem von klassischen Musikern weitgehend gemieden wird: Aufnahmetechnik. 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