{"id":4281,"date":"2021-03-18T10:10:00","date_gmt":"2021-03-18T09:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4281"},"modified":"2021-03-12T23:30:20","modified_gmt":"2021-03-12T22:30:20","slug":"schubert-depressiv-lyrisch-und-dann-doch-wieder-versoehnt-elena-margolina","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/18\/schubert-depressiv-lyrisch-und-dann-doch-wieder-versoehnt-elena-margolina\/","title":{"rendered":"Schubert: depressiv, lyrisch und dann doch wieder vers\u00f6hnt"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 312; EAN: 4 260052 383124<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schubert-Margolina.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schubert-Margolina.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4283\" width=\"461\" height=\"461\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schubert-Margolina.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schubert-Margolina-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schubert-Margolina-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Drei Sonaten in A von Franz Schubert werden durch die Pianistin Elena Margolina f\u00fcr die Ars Produktion eingespielt. Sie beginnt mit der Klaviersonate a-Moll D 784 aus dem Jahr 1823, kontrastiert mit der pastoralen A-Dur-Sonate D 664 (1819) und schlie\u00dft mit der umfangreichen, weitschweifenden a-Moll-Sonate D 845, die Schubert 1825 den Weg wies in Richtung seiner monumentalen, bedauerlicherweise letzten Sonaten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer unbefangen dem Klavierschaffen von Franz Schubert gegen\u00fcbersteht, mag zun\u00e4chst verdutzt sein von den weiten Formen, dem scheinbar kontrastlosen Themengebrauch und den damit verbundenen teils eigenwillig erscheinenden Proportionen. Die Noten wirken geradezu kahl, wenn man Mozart und Beethoven gewohnt ist. So verwundert nicht, dass die bedeutenden Werke dieses Meisters erst im 20. Jahrhundert voll zur Bl\u00fcte kamen, im gro\u00dfen Stile vor allem entdeckt durch die Pianisten Eduard Erdmann und Artur Schnabel, die zudem mit die vollendetsten Aufnahmen schufen. Und bis heute werden die meisten der Werke nur selten gespielt, h\u00f6chstens die Impromptus und die letzten drei Sonaten finden regelm\u00e4\u00dfigeren Einzug in Konzertprogramme; von den pianistisch gr\u00f6\u00dftenteils undankbaren, schwer greifbaren und noch schwieriger auswendig zu lernenden fr\u00fcheren Sonaten halten die meisten Abstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfred Brendel nannte Schubert einen komponierenden Schlafwandler, was die formalen Konstruktionen durchaus griffig beschreibt: anders als Beethoven, der ein architektonisches Ger\u00fcst schuf und mit den Kontrasten jonglierte, scheint sich Schubert in seinen Kompositionsprozess zu verlieren, prozessiert sein Material immer weiter durch und f\u00fchrt es geradlinig fort. Mit Willk\u00fcr hat das Konzept dabei nichts zu tun, die Musik schreitet geradlinig und zusammenh\u00e4ngend voran, spannt dabei gro\u00dfe B\u00f6gen und wirkt in der Gesamtheit doch stimmig ausproportioniert. Nichtsdestoweniger stellt eine Ad\u00e4quate Darbietung dieser Werke eine enorme Herausforderung dar: schnell k\u00f6nnen die, wie Schumann es bezeichnete, \u201ehimmlischen L\u00e4ngen\u201c langatmig wirken oder die aneinandergereihten Elemente auseinanderfallen. Schuberts Werke erscheinen als epische Erz\u00e4hlungen, die in die Ferne blicken und doch jedes Detail w\u00fcrdigen. Dies pianistisch umzusetzen, geht an die Grenzen des mental Erfassbaren.<\/p>\n\n\n\n<p>Elena Margolina widmet sich schon lange dem Klavierschaffen Schuberts und brachte bei der Ars Produktion bereits mehrere Alben mit dessen Musik heraus. Entsprechend vertraut wirkt sie in dieser Aufnahme nicht nur mit den St\u00fccken an sich, sondern mit der allgemeinen Stimmung und der doppelb\u00f6digen Aura, die Schuberts Musik umgibt. So handelt es sich allgemein um eine wirklich gelungene Einspielung der drei Sonaten in A, welche die Formen bew\u00e4ltigen und den erz\u00e4hlerischen Gestus stimmig vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine bei Schubert komplexe Frage ist die nach den Expositionswiederholungen: Selbst bin ich der Auffassung, der vorw\u00e4rtstragende Duktus und die melodi\u00f6se Geradlinigkeit verweigern das erneute Beginnen von vorne, unterstrichen durch die enorme harmonische Fortschreitung. (Den Extremfall stellt die letzte Sonate, in B-Dur, dar, bei welcher Schubert f\u00fcr die Wiederholung eine viele Takte umspannende R\u00fcckf\u00fchrung komponieren musste, um harmonisch zum Ausgangspunkt zur\u00fcckzukehren: Es darf die Behauptung aufgestellt werden, diese Takte inklusive der Wiederholung d\u00fcrfen getrost weggelassen werden, da sie nur dem Formideal der auslaufenden Wiener Klassik geschuldet sind und sich Schubert schlicht nicht traute, dieses auf dem Papier zu durchbrechen, w\u00e4hrend seine Musik doch nach ganz anderen Wegen schrie. Ausschlie\u00dflich in den Impromptus wagte er, angespornt von der hierin erlangten formellen Freiheit, den Ausbruch.) Die munter-spritzige A-Dur-Sonate D 664 erlaubt es durchaus, die Exposition zwei Mal zu spielen, schwieriger wird es bei der umfangreicheren Sonate a-Moll D 845, wo durch die Wiederkehr ein deutlicher Bruch entsteht. Klar erscheint es schlie\u00dflich bei der Sonate a-Moll D 784, die zum Ende der Exposition so weit prozessiert ist, dass eine Umkehr wie fehl am Platz wirkt: Hier h\u00e4tte Elena Margolina eher das Tempo (Moderato!) ein kleines St\u00fcck herunterfahren, vom Alla Breve auf den vorgeschriebenen 4\/4-Puls zur\u00fcckkehren, und daf\u00fcr die Form durch Auslassen der Wiederholung straffen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Kopfsatz der Sonate D 784 nimmt Margolina rasch und lebendig, beh\u00e4lt stets die drohenden Elemente im Hinterkopf und bringt so eine intensive Darbietung hervor. Die Kontraste l\u00e4sst sie durchaus aufklaffen, ohne dabei \u2013 und dies sei besonders hervorgehoben \u2013 im Anschlag H\u00e4rte zu zeigen. Zu keiner Zeit l\u00e4sst sie die Akkorde und selbst die Akzente knallen, sondern beh\u00e4lt immer eine weiche Note, die Schuberts von der menschlichen Stimme herr\u00fchrender Kompositionsweise entspricht. Schubert sprach selbst aus: \u201e[W]eil ich das vermaledeyte Hacken, welches auch ausgezeichneten Clavierspielern eigen ist, nicht ausstehen kann.\u201c Damals wie heute wahre Worte, und so erfreut Elena Margolinas abgerundete Tongebung umso mehr. Auch ihr Pianissimo, namentlich gegen Ende des Kopfsatzes und im Mittelsatz, \u00fcberzeugt durch lyrische Klanggestaltung und vielschichtige Dynamikabw\u00e4gung. Das Finale braust voran und auf, Elena Margolina nimmt es als st\u00fcrmisch-unruhige Fantasie und nimmt sich einige kleine Freiheiten, die aber der Musik sehr zugute kommen. Einzig st\u00f6rt die durch Pausen unterbrochene Linie nach den Fortissimo-Doppell\u00e4ufen: denn sie wirkt wie auf den Taktschwerpunkt komponiert und nicht, wie in den Noten steht, eben dagegen. Gleiches f\u00e4llt teils in der anderen a-Moll-Sonate auf. Solch synkopische Wendungen sind freilich nur schwerlich umzusetzen, daf\u00fcr frappieren sie dann umso mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sp\u00e4teste der drei hier zu h\u00f6renden Sonaten, die in a-Moll D 845, besticht unter den Fingern von Elena Margolina durch unerbittlichen Zug nach vorne ohne Rast und Halt, was eine enorme Wirkung erzielt. Besonders die brodelnden Crescendopassagen seien hervorzuheben, die sich nie voll entladen, sondern in volumin\u00f6se Forti und Fortissimi m\u00fcnden, was den Ausdruck unterstreicht. Der Andantesatz singt f\u00f6rmlich und wirkt auch in den virtuosen Variationen schlicht und z\u00e4rtlich. Innerlich aufw\u00fchlend braust das Scherzo auf, das uns packt und bis zum Ende nicht mehr losl\u00e4sst, obgleich es mit siebeneinhalb Minuten Spielzeit ein f\u00fcr das knappe thematische Material recht langer Satz ist. Ein finales Rondo rundet die Sonate ab, auch dieses dr\u00e4ngt nach vorne, basiert auf rein introvertiertem Effekt ohne jegliche \u00c4u\u00dferlichkeit. Elena Margolina nimmt es in einem gro\u00dfen Zug, spannt einen einzigen Bogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber den beiden d\u00fcsteren Mollsonaten fungiert die A-Dur-Sonate wie ein vers\u00f6hnlicher Gegenpol: eines der ganz wenigen wirklich durchgehend friedlichen Werke Schuberts. Ein unscheinbarer Moment muss an dieser Stelle erw\u00e4hnt werden, n\u00e4mlich die Oktavenpassage des Kopfsatzes, die selten so stringent und lyrisch zu h\u00f6ren ist wie in dieser Einspielung Elena Margolinas.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 312; EAN: 4 260052 383124 Drei Sonaten in A von Franz Schubert werden durch die Pianistin Elena Margolina f\u00fcr die Ars Produktion eingespielt. Sie beginnt mit der Klaviersonate a-Moll D 784 aus dem Jahr 1823, kontrastiert mit der pastoralen A-Dur-Sonate D 664 (1819) und schlie\u00dft mit der umfangreichen, weitschweifenden a-Moll-Sonate &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/18\/schubert-depressiv-lyrisch-und-dann-doch-wieder-versoehnt-elena-margolina\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Schubert: depressiv, lyrisch und dann doch wieder vers\u00f6hnt<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1024,2434,388,3851,87],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4281"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4281"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4286,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4281\/revisions\/4286"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}