{"id":4288,"date":"2021-03-09T23:58:00","date_gmt":"2021-03-09T22:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4288"},"modified":"2021-03-10T19:38:27","modified_gmt":"2021-03-10T18:38:27","slug":"frederic-rzewski-setzt-der-musik-des-widerstands-erneut-ein-denkmal-songs-of-insurrection-thomas-kotcheff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/09\/frederic-rzewski-setzt-der-musik-des-widerstands-erneut-ein-denkmal-songs-of-insurrection-thomas-kotcheff\/","title":{"rendered":"Rzewski setzt der Musik des Widerstands erneut ein Denkmal"},"content":{"rendered":"\n<p>Coviello, COV 92021; EAN: 4 039956 920212<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4289\" width=\"459\" height=\"459\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/COV92021_cover.jpg 1440w\" sizes=\"(max-width: 459px) 100vw, 459px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Erneut hat sich der amerikanische Komponist Frederic Rzewski (*1938) in einem gro\u00dfen Klavierzyklus mit Liedern des politischen Protests auseinandergesetzt. Die 2016 entstandenen sieben \u201eSongs of Insurrection\u201c kn\u00fcpfen bei allen Unterschieden doch klar an Rzewskis Erfolgsst\u00fcck \u201eThe People United Will Never Be Defeated!\u201c an und bieten immer auch ausdr\u00fccklich Raum f\u00fcr Improvisation. Die Ersteinspielung des in Los Angeles wirkenden Pianisten Thomas Kotcheff ist meisterhaft, auch wenn die \u201eImprovisationen\u201c zweifelsfrei im Vorhinein einstudiert waren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Frederic Rzewski, 1938 in Massachusetts geboren, hatte als schon in jungen Jahren ausgezeichneter Pianist ein Faible f\u00fcr die Avantgarde; so war er auch einer der ersten, die regelm\u00e4\u00dfig Stockhausens <em>Klavierst\u00fcck X <\/em>im Konzert spielten. Als Komponist bei keinen Geringeren als Walter Piston, Roger Sessions und Milton Babbitt ausgebildet, wurde er allerdings kein dogmatischer Serialist, sondern hat \u2013 gepr\u00e4gt durch sein Interesse f\u00fcr Philosophie und die starke Empathie f\u00fcr alles gegen Unterdr\u00fcckung Aufbegehrende \u2013 nicht selten auch weitgehend tonale Musik geschrieben, die dann selbst bei eher konservativem Publikum ihre unmissverst\u00e4ndlichen, politischen Botschaften her\u00fcberbringen konnte. Musterbeispiel hierf\u00fcr sind sicher seine gewaltigen, hochvirtuosen <em>36 Variations on<\/em> \u201e<em>The People United Will Never Be Defeated!\u201c<\/em> (1975) \u2013 mittlerweile ein vielgespielter Klassiker des modernen Klavierrepertoires. Die hatte er \u00fcber einen damals \u2013 und mit den unterschiedlichsten Textierungen bis heute \u2013 hochaktuellen Song des chilenischen Stra\u00dfenprotests gegen die Pinochet-Diktatur f\u00fcr die Pianistin Ursula Oppens komponiert: als Programm-Erg\u00e4nzung zu Beethovens <em>Diabelli-Variationen <\/em>auf Augenh\u00f6he!<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch ohne R\u00fcckgriff auf Fremdmaterial finden sich bei Rzewski immer wieder Zeugnisse politischen Protests: etwa in <em>Stop the War! (Mile 61 aus \u201eThe Road\u201c) <\/em>die spontan ausgedr\u00fcckte Wut \u00fcber den 2003 angezettelten Irak-Krieg. Der 2016 komponierte und 2017 vom belgischen Pianisten <em>Daan Vandewalle<\/em> aus der Taufe gehobene Zyklus <em>Songs of Insurrection <\/em>kn\u00fcpft insofern wieder mehr an <em>The People United\u2026 <\/em>an, als dass hier erneut \u2013 zumindest in den jeweiligen Ursprungsl\u00e4ndern auch sehr bekannte \u2013 historische Lieder des Widerstands eindrucksvoll nicht nur k\u00fcnstlerisch \u00fcberh\u00f6ht werden: Vielmehr werden sie durch Rzewskis intelligentes Vorgehen, das vom neobarocken Kontrapunkt, Atonalit\u00e4t, amerikanischem Blues und Jazz, akkordischem Choral bis hin zur reinen Improvisation stilistisch immer passende, auf alle F\u00e4lle \u00e4u\u00dferst wirkungsvolle Verarbeitungsvorg\u00e4nge findet, gewisserma\u00dfen zu allgemeinverst\u00e4ndlichen Symbolen menschlichen Freiheitsdrangs.<\/p>\n\n\n\n<p>Das verwendete Material reicht quasi um den gesamten Globus: Von den <em>Moorsoldaten <\/em>politischer Gefangener des NS-Konzentrationslagers B\u00f6rgermoor f\u00fchrt uns Rzewski zu <em>Katjuscha<\/em>, das die russischen Soldaten im Kampf gegen die Wehrmacht anfeuerte, aber auch von italienischen Antifaschisten gesungen wurde, \u00fcber das Spiritual <em>Ain&#8217;t Gonna Let Nobody Turn Me Around <\/em>der US-B\u00fcrgerrechtler, <em>Foggy Dew <\/em>aus dem Osteraufstand der irischen Republikaner von 1916, dem vom portugiesischen Salazar-Regime verbotenen <em>Gr\u00e2ndola, Vila Morena <\/em>und <em>Los Cuatros Generales <\/em>des spanischen Widerstands bis zu <em>Oh Bird, oh Bird, oh Roller <\/em>des koreanischen Bauernaufstandes von 1894. Anders als in <em>The People United\u2026, <\/em>wo der Komponist nur nach den 36 Variationen als Kadenz eine Improvisation vorschl\u00e4gt, gibt es hier in jedem der sieben St\u00fccke Raum daf\u00fcr \u2013 meist gegen Ende. Nun fordert Rzewski, dass das Improvisieren optional ist und niemals geplant werden sollte, einschlie\u00dflich der \u201eEntscheidung, zu improvisieren oder es zu lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge US-Pianist <em>Thomas Kotcheff<\/em>(Jahrgang 1988) nutzt  diese Improvisationsangebote recht unterschiedlich; von ganz kurzen \u00dcberleitungen von kaum 15 Sekunden bis hin zu ausufernden \u201eEigenkompositionen\u201c \u2013 gut vier Minuten Blues im Spiritual (No. 3), und gar 6 Minuten im abschlie\u00dfenden St\u00fcck, wo Rzewski auch ausdr\u00fccklich eine l\u00e4ngere Impro samt der Verwendung von Vogelstimmen w\u00fcnscht. Das passt alles blendend, ist h\u00e4ufig auch pianistisch eindrucksvoll virtuos \u2013 aber, wie so oft in solchen F\u00e4llen (inklusive St\u00fccken, wo Komponisten <em>Aleatorik<\/em>, also <em>Zufalls<\/em>entscheidungen fordern), sind das keine \u201eechten\u201c Improvisationen: Wie der Vergleich der CD-Aufnahme vom Februar 2020 mit einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GUaSXJa-Whc\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GUaSXJa-Whc\">Live-Konzert des Pianisten vom M\u00e4rz 2019<\/a> zweifelsohne beweist, spielt Kotcheff beide Male fast \u201ew\u00f6rtlich\u201c dasselbe, hat seine \u201eGew\u00fcrze\u201c wohl brav auswendig gelernt. Wie sagte doch bereits der erste deutsche Fernsehkoch: \u201eDa hab\u2018 ich schon mal was vorbereitet\u2026\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sei\u2019s drum \u2013 nicht nur dies ger\u00e4t Kotcheff \u00e4u\u00dferst geschmackvoll, sondern die Intensit\u00e4t seines Spiels insgesamt, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die musikalischen Prozesse, auch sein Sinn f\u00fcr die Passagen, wo nicht auf der Tastatur gespielt wird, sondern Saiten gezupft oder Holz bzw. Metallverstrebungen im Fl\u00fcgel bearbeitet werden \u2013 auch so ein Markenzeichen Rzewskis \u2013 ist wunderbar entwickelt. Die Musik des neuen Zyklus ist zwar nicht so vordergr\u00fcndig virtuos wie in <em>The<\/em> <em>People United\u2026, <\/em>dennoch pianistisch h\u00f6chst anspruchsvoll. Klanglich gelingt Kotcheff stets, die gro\u00dfen, oft abrupten Dynamikunterschiede als besondere Spannungsmomente zu genie\u00dfen. Und immer schwingt die Empathie nicht nur f\u00fcr die Musik, sondern auch f\u00fcr deren urspr\u00fcngliche Sch\u00f6pfer in krisenhaften Situationen mit \u2013 das ist mehr als nur sch\u00f6n, sondern von tiefem Humanismus gepr\u00e4gt, der sich so unmittelbar dem H\u00f6rer vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft wird zeigen, ob Rzewski mit seinen <em>Songs of Insurrection <\/em>abermals ein Klassiker gelungen ist. Von der Wirkung her haben die St\u00fccke durchaus das Zeug dazu; dar\u00fcber hinaus kann man sie sicher auch einzeln auff\u00fchren, obwohl praktisch alle Widerstandslieder \u2013 sicher nicht zuf\u00e4llig  \u2013 unter anderem als kleine, aber sehr auff\u00e4llige Gemeinsamkeit einen zum Ausgangston zur\u00fcckkehrenden Quartsprung abw\u00e4rts beinhalten, der den Zyklus zudem als Ganzes irgendwie zusammenh\u00e4lt. Kotcheffs Ersteinspielung kann jedenfalls schon mal \u00fcberzeugen; dazu muss man \u00fcbrigens absolut kein \u201eAvantgarde-H\u00f6rer\u201c sein; diese Musik ist sofort verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Coviello, COV 92021; EAN: 4 039956 920212 Erneut hat sich der amerikanische Komponist Frederic Rzewski (*1938) in einem gro\u00dfen Klavierzyklus mit Liedern des politischen Protests auseinandergesetzt. 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