{"id":4303,"date":"2021-03-12T23:28:43","date_gmt":"2021-03-12T22:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4303"},"modified":"2021-03-13T11:51:25","modified_gmt":"2021-03-13T10:51:25","slug":"der-schmale-pfad-hindurch-graham-waterhouse-skylla-und-charybdis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/12\/der-schmale-pfad-hindurch-graham-waterhouse-skylla-und-charybdis\/","title":{"rendered":"Der schmale Pfad hindurch"},"content":{"rendered":"\n<p>Farao Classics, B 108108; EAN: 4 25438 081083<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4305\" width=\"461\" height=\"461\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Waterhouse-Skylla-uns-Charybdis.jpg 1414w\" sizes=\"(max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Hinter dem Titel \u201eSkylla und Charybdis\u201c steckt eine Aufnahme von Kammermusikwerken des Komponisten und Cellisten Graham Waterhouse. Zu h\u00f6ren sind seine Rhapsodie Macabre f\u00fcr Klavier und Streichquartett, Bei Nacht op. 50 f\u00fcr Klaviertrio, Trilogy f\u00fcr Klavierquintett, Bells of Beyond f\u00fcr Klaviertrio, Kolomyjka op. 3a und Skylla und Charybdis je f\u00fcr Klavierquartett. Es spielen Katharina Sellheim am Klavier, David Fr\u00fchwirth und Namiko Fuse an den Violinen, Konstantin Sellheim an der Viola und der Komponist selbst am Violoncello.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kammermusik spielte f\u00fcr den 1962 in London geborenen und in Deutschland lebenden Komponisten und Cellisten Graham Waterhouse seit dem Beginn seiner Laufbahn eine wichtige Rolle. Die wechselnden Verh\u00e4ltnisse der Stimmen, das Changieren von F\u00fchrungsrollen, die gegenseitige Orientierung und das generelle Wachsen aneinander inspirieren ihn zu Werken unterschiedlichster Ausrichtung. Mit dem Titel der CD \u201eSkylla und Charybdis\u201c thematisiert er sein eigenes Ringen um den Kompositionsprozess. Hinter den Namen verbergen sich die Meeresungeheuer aus der Odysseus-Sage der griechischen Mythologie, zwischen denen der Seefahrer hindurchschiffen muss, ohne einem dieser zu nahe zu kommen und dadurch von ihnen in die Tiefe gerissen und verschlungen zu werden. Als Redewendung etablierte sich \u201eDu hast die Wahl zwischen Skylla und Charybdis\u201c als \u201eDu musst dich f\u00fcr eines von zwei \u00dcbeln entscheiden\u201c. F\u00fcr Graham Waterhouse stehen diese beiden bedrohlichen Ufer f\u00fcr verschiedene, jeweils gegens\u00e4tzliche Aspekte des Komponierens in der heutigen Zeit: Tradition und Fortschritt, Tonalit\u00e4t und Atonalit\u00e4t, Regel und Freiheit. Wie Odysseus schifft er nun zwischen den gewaltigen Ungeheuern und bahnt sich seinen Weg. Dabei arten seine Werke vollkommen unterschiedlich aus, jedem Werk verleiht er eine andere Richtung und geht vollkommen unbefangen an es heran. Seinem facetten- und farbenreichen Kompositionsstil entspringen so ganz verschiedenartige Werke voll Frische und Lebendigkeit, die das H\u00f6ren nie erm\u00fcden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch seine eigene rege Konzertt\u00e4tigkeit als Cellist kommt Graham Waterhouse auch viel in Kontakt mit f\u00fchrenden Musikerinnen und Musikern, was die (f\u00fcr eine CD mit zeitgen\u00f6ssischer Musik erstaunlich) prominente Besetzung erkl\u00e4rt: David Fr\u00fchwirth, seit diesem Monat Violinprofessor in Wien, ist ein gefragter Geigensolist und brachte durch Konzerte und Aufnahmen immer wieder auch seltenes Repertoire zu den H\u00f6rern. Die Geschwister Katharina und Konstantin Sellheim treten regelm\u00e4\u00dfig als Duo in Erscheinung, spielen altes wie neues Repertoire f\u00fcr Viola und Klavier; Katharina Sellheim ist zudem eine renommierte Liedbegleiterin. Namiko Fuso spielt zweite Geige bei den M\u00fcnchner Philharmonikern und tritt ebenso als Kammermusikerin in Erscheinung, vor allem als Mitglied des Parnass-Quartetts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die CD beginnt mit der f\u00fcnfs\u00e4tzigen <em>Rhapsodie Macabre<\/em>, einer Art \u201eDialog-Klavierkonzert\u201c mit Streichquartett. In der Konzeption dieses Werks spiegelt sich Waterhouses Fahrt durch die Meerenge der Ungeheuer wider: Er sieht sich einerseits als Bestandteil der Tradition der Totentanzkomponisten inklusive des Einwebens der ber\u00fchmten Dies-Irae-Melodie, andererseits beschreitet er innerhalb dieser g\u00e4nzlich neue Wege. Als Grundelement dienen markante Motive und auch Klangfarben, die Waterhouse gegeneinander ausspielt, dynamisch aufl\u00e4dt und kulminieren l\u00e4sst. Ein treibend rhythmisches Element zieht in seinen Bann. Interessanterweise wirkt der Tod bei aller Wildheit und Ungez\u00fcgeltheit selten furchteinfl\u00f6\u00dfend, sondern bisweilen gar sympathisch; er scheint schelmisch zu lachen und sich diabolisch zu am\u00fcsieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso d\u00fcsterer erscheint <em>Bei Nacht<\/em> op. 50, das mit dem Genre der Nocturne nichts mehr gemein hat. Inspiriert durch Kandinskys \u00d6lgem\u00e4lde <em>Die<\/em> <em>Nacht<\/em> mit deren gespenstischen Figuren schafft Graham Waterhouse eine imagin\u00e4re, furchteinfl\u00f6\u00dfenden Szenerie. Nicht eine Sekunde kommt Ruhe oder gar Behaglichkeit in der dunklen Landschaft auf, immer wieder \u00fcberraschen fl\u00fcchtige, unstete Figuren den H\u00f6rer und treiben durch ihre Unregelm\u00e4\u00dfigkeit die Spannung trotz der niedrigen Grunddynamik und der durchgehenden Introversion auf die Spitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein aufheiterndes Zwischenspiel stellt <em>Trilogy<\/em> f\u00fcr Klavierquintett dar, in welchem Graham Waterhouse anl\u00e4sslich eines deutsch-franz\u00f6sischen Galakonzerts die Nationalhymnen dieser beiden L\u00e4nder als Material verwendet und sie in ein eintr\u00e4chtiges Miteinander verschmelzen l\u00e4sst. Und pl\u00f6tzlich funkt auch die Hymne seines Heimatlandes England mit hinein und erg\u00e4nzt das St\u00fcck zu einer Trilogie, einem harmonischen Zusammenspiel dreier L\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bells of Beyond<\/em> (Glocken des Jenseits) komponierte Waterhouse zum Angedenken an Dafydd Llywalyn, der 2013 verstarb. Es handelt sich um ein misteri\u00f6s-gruseliges, dabei fl\u00e4chig schwebendes Werk, das die Schwingungen von Glockenkl\u00e4ngen zum Stillstand zu zwingen scheinen. Obgleich es durch erweiterte Spieltechniken und ger\u00e4uschhafte Passagen als \u201estilistisch modernstes\u201c Werk dieser Einspielung wirkt, basiert es auf melodi\u00f6s-thematischem Material und f\u00fchrt auch die Klangfl\u00e4chen wie Themen durch. Erneut begibt sich Graham Waterhouse auf den schmalen Pfad zwischen den beiden Polen, zwischen Skylla und Charybdis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Intermezzo stellt <em>Kolomyjka<\/em> op. 3a dar, bereits 1980 komponiert, als Graham Waterhouse gerade einmal 18 Jahre alt war. Im direkten Kontrast zu <em>Bells of Beyond<\/em> ist dies das tonalit\u00e4tsgebundenste Werk dieser Einspielung, beschwingt durch seine heitere Stimmung und den t\u00e4nzerischen Duktus, der die Stimmung eines polnisch-ukrainischen Tanzes evoziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das titelgebende Werk <em>Skylla und Charybdis<\/em> f\u00fcr Klavier und Streichtrio steht an finaler Stelle dieser CD. Obgleich dem viers\u00e4tzigen (jedoch in Einheit ohne Pausen vorzutragenden) Werk kein Programm zugrunde liegt, tun sich allein aufgrund des Titels sogleich abstrakte Bilder auf: Als H\u00f6rer sieht man das abgrundtiefe Meer, die sich schl\u00e4ngelnden Ungeheuer aufb\u00e4umen und um Vorherrschaft ringen, sp\u00fcrt die Gischt auf der Haut und die Furcht der Seefahrer aufw\u00fchlen. Jenseits dieser Bilder ist es vor allem die Bewegung, die den H\u00f6reindruck ausmacht; die Musik steht nie still, sondern kriecht, schl\u00e4ngelt, richtet sich auf, st\u00fcrzt hinab, in stetigem Fluss. Dabei w\u00e4gte Waterhouse pr\u00e4zise die Proportionen ab und schuf ein in sich v\u00f6llig stimmiges, kompaktes Werk von \u00fcberbordender Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Facettenreichtum der St\u00fccke spiegelt sich auch im Spiel der Musiker wider, die hingebungsvoll auf den vielseitigen Personalstil von Graham Waterhouse eingehen. In s\u00e4mtlichen zu h\u00f6renden Konstellationen vom Trio bis zum Quintett agieren die Musiker im einheitlichen Atem und klanglich wohl austariert. Besonders die <em>Rhapsodie Macabre<\/em> und das Titelst\u00fcck stellen das Zusammenspiel aufgrund der stetigen F\u00fchrungswechsel und der vertrackten Dialogbeziehung zwischen den einzelnen Instrumenten auf eine harte Probe, welcher die f\u00fcnf Instrumentalisten jedoch spielend gewachsen sind. Gerade das Klavier mischt sich fein mit dem kontrastierenden Streicherklang. Und auch die Streicher verlassen sich nicht rein auf einen homogenen Klang, sondern nutzen gerade die verschiedenartige Physionomie der Instrumente zur Herausmei\u00dfelung feinster Kontraste, die das Vielseitige im Einheitlichen hervorheben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2021]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qStrfnxkEuc\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Link zum gestreamten Konzert mit CD-Pr\u00e4sentation und anderen Werken von Graham Waterhouse<\/a>]<br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Farao Classics, B 108108; EAN: 4 25438 081083 Hinter dem Titel \u201eSkylla und Charybdis\u201c steckt eine Aufnahme von Kammermusikwerken des Komponisten und Cellisten Graham Waterhouse. 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