{"id":4318,"date":"2021-03-28T01:11:00","date_gmt":"2021-03-28T00:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4318"},"modified":"2021-04-04T19:21:04","modified_gmt":"2021-04-04T17:21:04","slug":"wilhelm-altmann-ein-leben-fuer-die-kammermusik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/03\/28\/wilhelm-altmann-ein-leben-fuer-die-kammermusik\/","title":{"rendered":"Wilhelm Altmann \u2013 Ein\u00a0Leben f\u00fcr die Kammermusik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>70 Jahre sind seit dem Tode des Historikers und Bibliothekars Wilhelm Altmann (1862\u20131951) vergangen. Als leidenschaftlicher Kammermusiker unternahm er es, die Literatur f\u00fcr Kammerensembles zu sichten und in mehreren Handb\u00fcchern den Streichquartett-, Klaviertrio-, Klavierquartett- und Klavierquintettspielern vorzustellen. Es ist an der Zeit, an diesen verdienten Mann zu erinnern, dessen B\u00fccher einen Springquell musikalischer Anregungen darstellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Wilhelm_Altmann_1905.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Wilhelm_Altmann_1905.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4319\" width=\"382\" height=\"486\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Wilhelm_Altmann_1905.jpg 550w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Wilhelm_Altmann_1905-236x300.jpg 236w\" sizes=\"(max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/a><figcaption>Wilhelm Altmann 1905 als Oberbibliothekar in Berlin<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wilhelm Altmann wurde als Sohn eines Pfarrers am 4. April 1862 in der Kleinstadt Adelnau geboren, die damals zur preu\u00dfischen Provinz Posen geh\u00f6rte und heute unter dem Namen Odolan\u00f3w Teil der Woiwodschaft Gro\u00dfpolen ist. Seine Eltern waren musikliebende Menschen, denen es selbstverst\u00e4ndlich war, ihren Sohn von klein auf mit der Tonkunst in Ber\u00fchrung zu bringen. Der Junge erlernte Bratsche und Violine, spielte fr\u00fchzeitig Kammermusik und wirkte w\u00e4hrend seiner Primanerzeit in Breslau als Orchestergeiger an Opernauff\u00fchrungen mit. Nach dem Schulabschluss entschied er sich f\u00fcr eine Laufbahn als Historiker und studierte in Marburg und Berlin Geschichte, Philologie und Staatswissenschaften. An der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t, der heutigen Humboldt-Universit\u00e4t, wurde er 1885 Assistent des greisen Leopold von Ranke und promovierte im selben Jahr \u00fcber <em>Die Wahl Albrechts II. zum r\u00f6mischen K\u00f6nige<\/em>. Anschlie\u00dfend war er an den Universit\u00e4tsbibliotheken in Breslau und Greifswald t\u00e4tig. In Greifswald habilitierte er sich 1893 und arbeitete als Privatdozent. Er genoss bald den Ruf eines Spezialisten f\u00fcr die Geschichte des sp\u00e4ten Mittelalters und wurde mit der Herausgabe der <em>Urkunden Kaiser Sigmunds<\/em> betraut, die 1896\u20131900 in der renommierten Reihe <em>Regesta Imperii<\/em> erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend all dieser Jahre hatte Altmann die Musik keinesfalls zur\u00fcckgestellt. Im Gegenteil: Jede sich in seiner Freizeit bietende Gelegenheit zu musikalischer Bet\u00e4tigung wusste er am Schopfe zu packen. Dies beschr\u00e4nkte sich nicht nur auf das Kammermusikspiel. So gr\u00fcndete er 1890 in Greifswald ein Liebhaber-Orchester und dirigierte es bis 1895. Um die Jahrhundertwende schlie\u00dflich begann der musizierende Bibliothekar sich zu dem Musikbibliothekar und Musikschriftsteller zu entwickeln, als der er in bleibender Erinnerung geblieben ist. Regelm\u00e4\u00dfig ver\u00f6ffentlichte er nun Rezensionen neu erschienener Kammermusikwerke, die er zuvor gemeinsam mit befreundeten Amateur-, aber auch Berufsmusikern, aus eigener Praxis kennen gelernt hatte. Im Jahr 1900 wurde Altmann zum Oberbibliothekar der K\u00f6niglichen Bibliothek in Berlin ernannt, seit 1905 durfte er sich Professor nennen. In dieser Position begann er, ein Projekt ins Werk zu setzen, f\u00fcr das er mit seinem 1903 in der <em>Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft<\/em> ver\u00f6ffentlichten Vortrag \u201e\u00d6ffentliche Musikbibliotheken \u2013 Ein frommer Wunsch\u201c warb. Altmanns Ziel war die Einrichtung einer \u201eReichs-Musikbibliothek\u201c, die \u201ezum mindesten alle in Deutschland erschienenen musikalischen Werke in ihrer Urgestalt enth\u00e4lt, damit es endlich einen Ort gibt, wo man die Werke wenigstens jedes deutschen Komponisten, hoffentlich auch der meisten au\u00dferdeutschen, einsehen kann\u201c. Die Musikverleger kamen seinem Aufruf, freiwillig Exemplare der bei ihnen erschienenen Musikwerke nach Berlin zu schicken, in solchem Ma\u00dfe nach, dass Altmann neue bibliothekarische Ordnungssysteme entwickeln musste, um das eingesandte Material effektiver einarbeiten zu k\u00f6nnen. 1906 konnte er die Gr\u00fcndung der \u201eDeutschen Musiksammlung bei der K\u00f6niglichen Bibliothek\u201c am Schinkelplatz verk\u00fcnden. Als die Sammlung 1915 offiziell zur Musikabteilung der Bibliothek wurde, ernannte man Altmann zu ihrem Direktor. Dies blieb er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1927.<\/p>\n\n\n\n<p>Seiner Dienstpflichten ledig, konnte er sich nun ganz auf die Musik konzentrieren und gab noch 1927 in Max Hesses Verlag, Berlin, sein <em>Handbuch f\u00fcr Streichquartettspieler<\/em> heraus. Den beiden B\u00e4nden, die die Quartettliteratur von Johann Sebastian Bach bis zu G\u00fcnter Raphael und Kurt Thomas abdecken, folgte im Februar 1929 ein dritter Band \u00fcber Streichtrios, -quintette, -sextette, und -oktette, Ende 1930 ein vierter zur Literatur f\u00fcr Streicher und Bl\u00e4ser. Zum Teil trug Altmann f\u00fcr diese B\u00fccher Kritiken aus fr\u00fcherer Zeit zusammen, zum Teil sind sie die Frucht des intensivierten Musizierens, das dem Pension\u00e4r nun m\u00f6glich war. \u201eDa\u00df ich schon jetzt diesen [dritten] Band vorlegen kann\u201c, schreibt er 1929, \u201ekommt nicht blo\u00df daher, da\u00df ich seit dem 1. Januar 1928 von allen Amtsgesch\u00e4ften frei bin, sondern da\u00df ich schon fr\u00fcher manche Vorarbeiten erledigt und in der gl\u00fccklichen Lage mich befunden habe, selbst f\u00fcr die Oktette ohne weiteres geeignete Kr\u00e4fte heranziehen zu k\u00f6nnen.\u201c Dem vierten Band schlie\u00dflich gingen eineinhalb Jahre praktische Besch\u00e4ftigung ausschlie\u00dflich mit Musik f\u00fcr Streicher und Bl\u00e4ser voran.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorwort des Handbuchs legt Altmann ausf\u00fchrlich dar, was ihn zu dieser Arbeit bewog, und blickt zugleich auf sein Leben als nicht-berufsm\u00e4\u00dfiger Musiker zur\u00fcck. Diese Ausf\u00fchrungen geben einen solch lebendigen Eindruck von der Pers\u00f6nlichkeit ihres Autors, da\u00df im Folgenden ein l\u00e4ngerer Auszug daraus wiedergegeben werden soll:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSchon als ich in der Untertertia des Elisabeth-Gymnasiums in Breslau sa\u00df, hatte ich im v\u00e4terlichen Hause als Bratschist u.&nbsp;a. s\u00e4mtliche Haydnsche Quartette mitgespielt und mit besonderer Aufmerksamkeit damals und auch die n\u00e4chsten Jahre den Quartettauff\u00fchrungen gelauscht, die der leider sp\u00e4ter eingegangene Verein f\u00fcr klassische Musik vom 1.&nbsp;Oktober bis Ostern regelm\u00e4\u00dfig alle Wochen einmal durch t\u00fcchtige K\u00fcnstler veranstaltete. Wenn ich in der Studentenzeit auch nicht ganz regelm\u00e4\u00dfig zum Quartettspielen gekommen bin, so habe ich es doch nie unterlassen; mitunter, da ich auch allm\u00e4hlich f\u00fcr die erste Geige herangereift war, habe ich das regelm\u00e4\u00dfige Wochenquartett m\u00f6glichst durchgef\u00fchrt, auch als ich 1900 nach Berlin \u00fcbergesiedelt war und mich mehr und mehr als Musikkritiker und Musikschriftsteller bet\u00e4tigte; wenn ich Zeit hatte, habe ich auch gern in anderen Quartetten ausgeholfen. So mancher liebe Quartettgenosse und auch eine K\u00fcnstlerin, die mit gr\u00f6\u00dfter Hingebung bei mir zweite Geige jahrelang gespielt hat, ruht schon im Grabe. Allen aber, die mit mir durch \u201edick und d\u00fcnn\u201c, durch die Klassiker selbst bis zu den Atonalikern gegangen sind, kann ich gar nicht genug dankbar sein. Wir haben auch sehr viele in Vergessenheit geratene Werke gespielt und sind wohl an keinem, das irgendwelche Bedeutung hatte, vorbeigegangen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Wunsch, den zahllosen Dilettanten-Quartettvereinigungen meine Erfahrungen mitzuteilen, ebenso auch K\u00fcnstlerquartette, die oft von der einschl\u00e4gigen Literatur viel weniger Kenntnis als Musikfreunde haben, auf beachtenswerte vergessene Werke hinzuweisen, trieb mich zur Abfassung des vorliegenden Werkes, das keinesfalls als eine wissenschaftliche Leistung angesehen und beurteilt werden darf. Es soll nur ein praktischer F\u00fchrer sein, nicht etwa eine Geschichte des Streichquartetts, wenngleich ich es chronologisch nach dem Geburtsjahr der einzelnen Komponisten geordnet habe. [\u2026]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><em>Meine zum Teil aus ganz verschiedener Zeit stammenden Urteile \u00fcber die einzelnen Werke sollen durchaus als subjektive bewertet werden. Ich bin mir bewu\u00dft, da\u00df manches Quartett, das ich als besonders wertvoll empfehle, von andern als belanglos beiseite geschoben wird. Trotzdem ich daran festhalte, da\u00df die Klassiker, zu denen ich auch Brahms rechne, nach wie vor den gr\u00f6\u00dften Schatz des Quartettspielers bilden, habe ich doch stets den Quartetten wie \u00fcberhaupt den Sch\u00f6pfungen der lebenden Tonk\u00fcnstler gr\u00f6\u00dftes Interesse gewidmet, den Ausw\u00fcchsen der sogenannten Atonalit\u00e4tsapostel gegen\u00fcber mich freilich ablehnend verhalten. Mag man mich deshalb als senil ansehen! Ich will und kann&#8217;s ertragen, umso mehr, als ich andererseits glaube, manchen lebenden Tonsetzer doch gef\u00f6rdert zu haben. [\u2026]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vollst\u00e4ndigkeit zu erstreben lag mir fern, ist auch kaum zu erreichen. Werke, die ich nicht geh\u00f6rt oder selbst gespielt habe, habe ich nur ausnahmsweise nach der Partitur besprochen, obwohl f\u00fcr mich ein blo\u00dfes Lesen, ohne den Klang zu h\u00f6ren, kein richtiges Bild abgibt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dem Streichquartettspieler-Handbuch schlossen sich in den n\u00e4chsten Jahren gleichartige <em>Handb\u00fccher f\u00fcr Klaviertriospieler<\/em> (1934), <em>Klavierquartettspieler<\/em> (1936) und <em>Klavierquintettspieler<\/em> (1937) an. 1935 gab Altmann zudem Albert Tottmanns in letzter Auflage 1902 erschienenen <em>F\u00fchrer durch den Violin-Unterricht<\/em>, den er im <em>Handbuch f\u00fcr Streichquartettspieler<\/em> gelegentlich zitiert, in einer erweiterten Fassung, die auch die seit 1901 neu erschienenen Werke ber\u00fccksichtigt, als <em>F\u00fchrer durch die Violin-Literatur<\/em> neu heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Altmann stand im 71. Lebensjahr, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gelangten. Seine publizistische T\u00e4tigkeit blieb von den ver\u00e4nderten politischen Umst\u00e4nden zun\u00e4chst unber\u00fchrt. So w\u00fcrdigte er nach wie vor in seinen B\u00fcchern die Leistungen von Komponisten j\u00fcdischer Abstammung wie Felix und Arnold Mendelssohn, Friedrich Gernsheim, Robert Kahn, Erich Wolfgang Korngold, wobei er Anton Rubinstein vorsichtigerweise im <em>Handbuch f\u00fcr Klaviertriospieler<\/em> als \u201earischen Sibirier\u201c etikettierte. 1940 allerdings machten die nationalsozialistischen Autoren Herbert Gerigk und Theophil Stengel in ihrem <em>Lexikon der Juden in der Musik<\/em> publik, dass Altmann j\u00fcdische Vorfahren hatte und nach NS-Terminologie als \u201eHalbjude\u201c zu gelten habe. Infolge dessen wurde ihm Publikationsverbot erteilt. Altmann gelang es jedoch zu erreichen, dass der Pr\u00e4sident der Reichskulturkammer, Propagandaminister Goebbels, ihm eine Sondererlaubnis zur weiteren schriftstellerischen Bet\u00e4tigung erteilte, die ihn bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft vor weiteren Repressalien sch\u00fctzte. 1945 siedelte Wilhelm Altmann aus dem zerst\u00f6rten Berlin in das nieders\u00e4chsische Dorf Wesseln \u00fcber. Er starb am 25.&nbsp;M\u00e4rz 1951, kurz vor seinem 89. Geburtstag, in Hildesheim.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4320\" width=\"531\" height=\"708\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Altmann-Handbuch-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 531px) 100vw, 531px\" \/><\/a><figcaption>Altmanns Handbuch f\u00fcr Streichquartettspieler, Ausgabe von Heinrichshofen&#8217;s Verlag 1972<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Musik war die lebensspendende Ader in Wilhelm Altmanns Dasein. \u00dcber Jahre mag sie verdeckt im Untergrund geschlagen haben, doch trat sie nach und nach immer st\u00e4rker hervor, bis sie zuletzt sein Leben voll und ganz bestimmte. So sind auch seine B\u00fccher Zeugnisse innigster Liebe zur Musik und zum Musizieren. Bereits vom Umfang her beeindruckt dieses Textkorpus, und noch gr\u00f6\u00dfer wird die Achtung vor seinem Verfasser, bedenkt man, dass er den allergr\u00f6\u00dften Teil der Werke, die er darin bespricht, aus eigener praktischer Erfahrung kannte. Die Kammermusik-Handb\u00fccher sind somit auch Zeugnis einer lebenslang nie versiegenden Wissbegier. Altmann wollte m\u00f6glichst viel Musik kennen und m\u00f6glichst viel guter Musik helfen, zum Erklingen zu kommen. Die Besprechungen zeigen ihn als grundehrlichen Charakter, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg h\u00e4lt und deutlich ausspricht, was ihm zusagt und was nicht. Oft legt er dabei auch ein gutes Wort f\u00fcr solche Werke ein, die ihm nicht der \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrung wert erscheinen, die er jedoch zum h\u00e4uslichen Musizieren durchaus f\u00fcr geeignet h\u00e4lt \u2013 und mehrfach kann man sein Bedauern sp\u00fcren, wenn er feststellen muss, dass sich ein Meisterwerk neuerer Zeit aufgrund zu hoher spieltechnischer Herausforderungen Dilettantenkreisen nicht mehr empfehlen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Altmanns Interesse erstreckte sich immer auch auf die Musik seiner Zeitgenossen. Der j\u00fcngste im <em>Handbuch f\u00fcr Streichquartettspieler<\/em> besprochene Komponist, Erwin Dressel, war zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung des entsprechenden Bandes 20 Jahre alt, 47 Jahre j\u00fcnger als Altmann selbst. In der Beurteilung zeitgen\u00f6ssischer Werke zeigt sich freilich, dass Altmann keineswegs einem radikalen Avantgardismus das Wort redete. Modernes Empfinden war f\u00fcr ihn unl\u00f6sbar mit der Tradition verbunden, und Musik, in der er diese Verbindung nicht finden konnte, fand vor seinen Ohren keine Gnade. War es ihm allerdings m\u00f6glich, sich in den Stil eines zeitgen\u00f6ssischen Werkes hineinzuversetzen, bejahte er es ausdr\u00fccklich. So gestand er etwa Artur Schnabel zu, in seinem Ersten Streichquartett \u201eharmonische Wege ein[zuschlagen], die m\u00f6glicherweise die Musik und ihre Ausdrucksm\u00f6glichkeiten weiterbringen\u201c. Angesichts des \u201epolytonalen, von Intonationsschwierigkeiten strotzenden\u201c Dritten Quartetts von Frank Bridge fragte er sich zwar: \u201eWas w\u00fcrde wohl Meister Joseph Joachim \u00fcber dieses Quartett zu Bridge gesagt haben, der in seinem Londoner Quartett eine Zeit Bratsche gespielt hat?\u201c, erblickte jedoch \u201eseelische Werte\u201c in dem St\u00fcck und empfahl K\u00fcnstlervereinigungen, nicht daran vor\u00fcberzugehen. Auch \u00fcber Bart\u00f3k, Wellesz, Toch, Milhaud, Jarnach und Hindemith \u00e4u\u00dferte er sich anerkennend, wenngleich nicht in jedem Fall v\u00f6llig zustimmend. Arnold Sch\u00f6nberg, Anton von Webern und Ernst Krenek dagegen blieben ihm fremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Altmann hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er \u00fcber die Kompositionen, die er in seinen B\u00fcchern vorstellt, ganz subjektiv urteilt. Weder bei den \u201emodernen\u201c, noch bei den \u00e4lteren Werken braucht man immer mit ihm einer Meinung zu sein. Aber man nehme seine B\u00fccher als Anregungen, die Werkbesprechungen als Empfehlungen eines ungemein erfahrenen Musikers, der in seinem Leben viel geh\u00f6rt und viel gespielt hat! Darin besteht der immense Wert des Lebenswerkes, das uns Wilhelm Altmann hinterlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit sind das <em>Handbuch f\u00fcr Klaviertriospieler<\/em>, das <em>Handbuch f\u00fcr Klavierquartettspieler<\/em> und das <em>Handbuch f\u00fcr Klavierquintettspieler<\/em> nur antiquarisch oder \u00fcber Bibliotheken verf\u00fcgbar. Keines dieser B\u00fccher wurde bislang neu aufgelegt. Die vier B\u00e4nde des <em>Handbuchs f\u00fcr Streichquartettspieler<\/em> wurden 1972, 45 Jahre nach der Erstausgabe der beiden ersten B\u00e4nde, von Heinrichhofen&#8217;s Verlag, Wilhelmshaven, in zweiter Auflage herausgebracht, und sind heute \u00fcber den Verlag Florian Noetzel GmbH zu beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Nobert Florian Schuck, M\u00e4rz 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>70 Jahre sind seit dem Tode des Historikers und Bibliothekars Wilhelm Altmann (1862\u20131951) vergangen. 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