{"id":432,"date":"2016-01-18T18:00:24","date_gmt":"2016-01-18T17:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=432"},"modified":"2016-01-17T02:23:15","modified_gmt":"2016-01-17T01:23:15","slug":"eine-positive-ueberraschung-aus-ungarn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/18\/eine-positive-ueberraschung-aus-ungarn\/","title":{"rendered":"Eine positive \u00dcberraschung aus Ungarn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Eugene Zador<br \/>\nFestouvert\u00fcre (1963)<br \/>\nVariationen \u00fcber ein ungarisches Volkslied (1919)<br \/>\nTanz-Symphonie (1936)<br \/>\nBudapest Symphony Orchestra M\u00c1V<br \/>\nMariusz Smolj<br \/>\nNaxos 8.573274, EAN: 747313327478<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Grete0005.jpg\" rel=\"attachment wp-att-433\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-433 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Grete0005-300x294.jpg\" alt=\"Grete0005\" width=\"300\" height=\"294\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Grete0005-300x294.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Grete0005.jpg 583w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben vielen anderen Vorz\u00fcgen, ist das Sch\u00f6ne am Label Naxos, dass es einen immer wieder auf erstaunlich gute Musik von erstaunlich unbekannten Komponisten aufmerksam macht. Mir ging es zuletzt so mit diesem Album mit Musik des ungarisch-amerikanischen Komponisten Jen\u0151 Z\u00e1dor, der nach seiner Emigration in die USA den Namen Eugene Zador annahm. Eine sehr positive \u00dcberraschung!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jen\u0151 Z\u00e1dor wurde 1894 in S\u00fcdungarn nahe der Grenze zu Kroatien geboren. Zur historischen Einordnung: Z\u00e1dor ist damit einige Jahre j\u00fcnger als B\u00e9la Bart\u00f3k und Kod\u00e1ly. Musikalisch war er jedoch weniger progressiv, blieb stets in einem sp\u00e4tromantischen Duktus, den er allerdings mit seinen zum Teil hoch dramatischen Kompositionen bis an die Grenzen der Tonalit\u00e4t aufplusterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Z\u00e1dor war in Wien Student Max Regers und wurde dort 1921 selbst Musikprofessor. Sp\u00e4ter wechselte er an die Franz-Liszt-Musikakademie Budapest und kehrte somit in sein Heimatland zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Zuge der Bedrohung Ungarns durch das Terrorregime der Nazis ereilte ihn dasselbe Schicksal wie zahllose andere osteurop\u00e4ische Musiker und Komponisten: Er musste in die USA emigrieren. Wie viele andere Komponisten bestritt Z\u00e1dor dort sein Leben mit Filmmusik. Allerdings komponierte er sie nicht, wie uns die englischsprachige Wikipedia weismachen will (einen deutschen Wikipedia-Eintrag f\u00fcr Eugene Zador gibt es \u00fcbrigens noch nicht), sondern er war mit der Orchestrierung der Musik anderer, namhafterer Komponisten besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und so arbeitete Zador flei\u00dfig mit an etwa Mikl\u00f3s R\u00f3zsas Jahrhundertsoundtrack \u201eBen Hur\u201c sowie am Soundtrack anderer Monumentalfilme der 1960er-Jahre wie \u201eEl Cid\u201c oder \u201eK\u00f6nig der K\u00f6nige\u201c, ohne dass sein Name je im Abspann dieser Filme aufgetaucht w\u00e4re. Denn f\u00fcr die Nennung im Abspann waren Leute wie Z\u00e1dor den Studios von Hollywood scheinbar schlicht nicht wichtig genug. Zador war also einer der vielen Lohnarbeiter, die sich mit musikalischer Routinearbeit herumplagen mussten, und das zu einem h\u00f6chstwahrscheinlich sehr kargen Sal\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Abseits der Filmmusik war der Ungar wohl in erster Linie Opernkomponist. Aber seine mindestens 12 Opern (die so spannende, Neugier erregende Namen tragen wie \u201eYehu, eine Weihnachtslegende\u201c, \u201eX-mal Rembrandt\u201c, \u201eDie scharlachrote M\u00fchle\u201c oder \u201eDer magische Stuhl\u201c) werden heute nicht mehr gespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Naxos hat inzwischen aber einige Alben mit Instrumentalmusik Eugene Zadors im Programm. Dieses brandneue ist jedoch das erste, durch das ich auf diesen interessanten Komponisten aufmerksam wurde. Es enth\u00e4lt mit der Festouvert\u00fcre von 1963 ein Sp\u00e4twerk des 1977 in Hollywood verstorbenen Komponisten, ein Fr\u00fchwerk (Variationen \u00fcber ein ungarisches Volkslied von 1919) und ein sinfonisches Hauptwerk (\u201eTanz-Symphonie\u201c \u2013 in der Z\u00e4hlung der Symphonien Zadors die Nummer 3 \u2013 von 1936) aus seiner Zeit als Musikprofessor in Budapest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Musik Zadors wirkt f\u00fcr uns, denen der musikalische Blick in den R\u00fcckspiegel mit einer Fernsicht offensteht, die Generationen vor uns logischerweise nicht hatten, eigentlich von Beginn seiner Karriere an sehr filmmusiktauglich: Bei seinem Studium in Wien hatte sich Zador offenbar stehenden Fu\u00dfes in neckische Geigerglissandi verliebt, die bis zuletzt ein Markenzeichen seiner Musik blieben und die der spieltechnisch oft mit h\u00f6chsten Schwierigkeitsgraden einhergehenden Sinfonik dieses Komponisten eine verschmitzte Leichtigkeit verliehen. Selbst in der mit haarstr\u00e4ubend schwierigen Orchesterparts einhergehenden \u201eTanz-Symphonie\u201c von 1936 scheint der Himmel voller Geigen zu h\u00e4ngen \u2013 w\u00e4hrend den Musikern wahrscheinlich die Schwei\u00dfperlen auf der Stirn stehen. Vor dem inneren Auge des H\u00f6rers l\u00e4uft dazu ein nie gedrehter Schwarz-Wei\u00df-Film ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Selbst Zadors fr\u00fche \u201eVariationen \u00fcber ein ungarisches Volkslied\u201c klingen schon wesentlich kosmopolitischer als es Bart\u00f3k oder Kod\u00e1ly bei ihren \u00e4hnlich gelagerten Werken je waren. Trotzdem begeistert diese Musik auch durch einen Personalstil. Hat man sich in den quirlig-verspielten und irgendwie \u201ezackig\u201c klingenden Stil Zadors erst einmal hineingeh\u00f6rt, f\u00e4llt es schwer, Vergleiche zu ziehen. \u201eKlingt wie\u2026\u201c funktioniert hier nicht. Zador hat seine eigene musikalische Handschrift gehabt, und das offenbar von Beginn seiner kompositorischen Karriere an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Budapest Symphony Orchestra M\u00c1V ist leider mit der komplexen Orchestrierung zum Teil deutlich \u00fcberfordert. Hier m\u00fcsste ein Spitzenorchester ran, das an allen Pulten mit exzellenten Musikern besetzt ist. Das ist das Budapest Symphony Orchestra M\u00c1V leider nicht. Dirigent Mariusz Smolj hatte wom\u00f6glich auch nicht gen\u00fcgend Probezeit zur Verf\u00fcgung, um aus seinem Orchester etwas anderes herauszuholen, als eine Art von \u201eDurchlavieren\u201c durch die mit jeder Menge spieltechnischer Untiefen gespickten Partituren. Alles in allem ist die Leistung aber noch gut und vermittelt zudem einen gewissen authentischen Charme, der mir pers\u00f6nlich manchmal viel besser gef\u00e4llt als eine blitzeblank polierte Leistung, der aber die \u201eSeele\u201c fehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Fazit: Zador war ein Meister in der Beherrschung des musikalischen Handwerks. Er hat einen ausgepr\u00e4gten Personalstil gehabt und eine eigene \u201eHandschrift\u201c. Das, in Verbindung mit der einfach spannenden und unterhaltsamen Art, die seine St\u00fccke auszeichnet, ergibt eine \u00e4u\u00dferst reizvolle Musikmixtur, die mich spontan und nachhaltig begeistert hat.<br \/>\nKompositorisch im Sinne der \u201emusikalischen Erfindung\u201c ist Zador zwar nicht zur \u201eA-Liga\u201c der Komponisten seines Landes zu z\u00e4hlen, gleichwohl geb\u00fchrt ihm eigentlich ein h\u00f6herer Rang, als er ihn heute, wo sein Name praktisch komplett vergessen ist, einnimmt. Die Einspielung durch das Budapest Symphony Orchestra M\u00c1V mag Schw\u00e4chen haben, entz\u00fcckt aber auch mit einem authentischen Charme, der ebenso liebenswert wirkt, wie die eingespielte Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Grete Catus, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugene Zador Festouvert\u00fcre (1963) Variationen \u00fcber ein ungarisches Volkslied (1919) Tanz-Symphonie (1936) Budapest Symphony Orchestra M\u00c1V Mariusz Smolj Naxos 8.573274, EAN: 747313327478 Neben vielen anderen Vorz\u00fcgen, ist das Sch\u00f6ne am Label Naxos, dass es einen immer wieder auf erstaunlich gute Musik von erstaunlich unbekannten Komponisten aufmerksam macht. 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