{"id":4326,"date":"2021-04-04T19:20:20","date_gmt":"2021-04-04T17:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4326"},"modified":"2021-04-04T19:20:25","modified_gmt":"2021-04-04T17:20:25","slug":"nikolai-tscherepnin-ein-russisches-erfolgsballett-aus-dem-fruhen-20-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/04\/nikolai-tscherepnin-ein-russisches-erfolgsballett-aus-dem-fruhen-20-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Ein russisches Erfolgsballett aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.573657; EAN: 7 47313 36577 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/NikolaiTscherepnin.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/NikolaiTscherepnin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4327\" width=\"479\" height=\"475\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/NikolaiTscherepnin.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/NikolaiTscherepnin-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/NikolaiTscherepnin-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Als Wiederver\u00f6ffentlichung einer CD des Labels Marco Polo aus dem Jahre 1995 bringt Naxos Nikolai Tscherepnins Ballett \u201eLe Pavillon d\u2019Armide\u201c neu heraus. Es spielt das Moskauer Sinfonieorchester unter der Leitung von Henry Shek.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heute werden Sergei Djagilews legend\u00e4re <em>Ballets Russes<\/em> in erster Linie mit Igor Strawinski, Claude Debussy, Maurice Ravel und anderen in Verbindung gebracht. Die erste Spielzeit im Jahre 1909 wurde jedoch mit Musik eines deutlich weniger prominenten russischen Komponisten er\u00f6ffnet, n\u00e4mlich Nikolai Tscherepnin (1873\u20131945) mit seinem Einakter <em>Le Pavillon d\u2019Armide<\/em>. Choreographiert von Michel Fokine und mit Vaslav Nijinsky in einer der Hauptrollen, feierte dieses Ballett damals einen rauschenden Erfolg und sorgte daf\u00fcr, dass das neue Ensemble auf einen Schlag gro\u00dfe Ber\u00fchmtheit erlangte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war die Wahl des <em>Pavillon d\u2019Armide<\/em> keinesfalls zuf\u00e4llig, denn erst zwei Jahre zuvor war dieses Ballett am Mariinski-Theater (bereits dort mit Fokine und Nijinsky) aus der Taufe gehoben worden und erfreute sich in Russland gro\u00dfer Popularit\u00e4t. Die Idee zu diesem Werk stammte von Alexandre Benois, seit 1901 szenischer Leiter des Mariinski-Theaters, auf Basis einer Novelle von Th\u00e9ophile Gautier rund um einen Wandteppich, dessen Figuren zum Leben erwachen, als ein Vicomte eine Nacht in besagtem Pavillon verbringt. Auf der Suche nach einem geeigneten Komponisten fiel Benois\u2019 Wahl auf den jungen Tscherepnin, der mit Benois\u2019 Nichte verheiratet war und ohnehin bereits am Mariinski-Theater besch\u00e4ftigt war. Offenbar war die Komposition bereits 1903 abgeschlossen, aber aufgrund eines Zwists zwischen Benois und dem Direktor des Mariinski-Theaters war an eine Inszenierung zun\u00e4chst nicht zu denken. Tscherepnin stellte jedoch eine Suite zusammen, die noch 1903 uraufgef\u00fchrt wurde und in den Folgejahren mit so gro\u00dfen Erfolg gespielt wurde, dass 1907 schlie\u00dflich doch zun\u00e4chst ein Teil, wenig sp\u00e4ter dann das gesamte Ballett inszeniert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Tscherepnin, \u00e4ltester Vertreter einer bis heute aktiven Musikerfamilie (sein Sohn Alexander sowie seine Enkel Ivan und Serge waren bzw. sind ebenfalls Komponisten), war Sch\u00fcler Rimski-Korsakows. Die Stationen seines Lebens waren seine Heimatstadt St. Petersburg, ab 1918 f\u00fcr kurze Zeit Tiflis und schlie\u00dflich von 1921 bis zum Ende seines Lebens Paris; ein besonderer Schwerpunkt seines Wirkens lag auf seinen Lehrt\u00e4tigkeiten, so etwa f\u00fcr Dirigieren am St. Petersburger Konservatorium, wo Prokofjew zu seinen Sch\u00fclern z\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Tscherepnins \u0152uvre finden sich zahlreiche Genres, ein Schwerpunkt liegt aber zweifelsohne auf Musik illustrativer Natur, und besondere Bekanntheit erlangte er durch seine Ballette. Seine Musik ist l\u00e4ngst nicht vollst\u00e4ndig diskographisch erschlossen, aber die ersten drei Ballette sind (wenigstens in Teilen) auf CD erschienen, und an ihnen lassen sich Grundz\u00fcge und Entwicklung seines Stils recht gut nachvollziehen. \u00dcber seinen Erstling, den <em>Pavillon d\u2019Armide<\/em>, wird noch zu sprechen sein; <em>Narcisse et Echo<\/em> verr\u00e4t deutlich seine Begeisterung f\u00fcr franz\u00f6sische Musik und den Impressionismus (nicht umsonst wurde er scherzhaft \u201eDebussy Ravelowitsch\u201c genannt), w\u00e4hrend <em>Die Maske des roten Todes<\/em> (auf CD verf\u00fcgbar in Form der auf dieser Ballettmusik basierenden sinfonischen Fragmente <em>Le Destin<\/em>) noch einmal deutlich moderner, expressionistischer, von der Harmonik Skrjabins und den damals brandneuen Partituren Strawinskis und Prokofjews gepr\u00e4gt erscheint, die Tonalit\u00e4t wird hier mindestens weit gespreizt. Gleichzeitig verleugnen aber in Teilen selbst diese Partitur und st\u00e4rker noch <em>Narcisse et Echo<\/em> nicht, dass hier ein Komponist aus der traditionellen russischen Schule am Werk ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat zeigen die wenigen sp\u00e4teren Werke Tscherepnins, die \u00fcberhaupt in Aufnahmen erh\u00e4ltlich sind, dass er den Weg in die Moderne offenbar nicht weiterverfolgte, sondern sich eher in Richtung Neoklassizismus bewegte. Man darf Nikolai Tscherepnin somit als einen im Kern traditionell orientierten, modernen Tendenzen gegen\u00fcber aber aufgeschlossenen Repr\u00e4sentanten der russischen Schule seiner Generation betrachten, dessen Schaffen eine Reihe von zeitgen\u00f6ssischen Tendenzen rezipiert, ohne mit seinen Wurzeln zu brechen. Eine besonders ausgepr\u00e4gte eigene Tonsprache ist dabei eher schwer auszumachen, aber seine st\u00e4rksten Werke (zu denen seine Ballettmusiken z\u00e4hlen) sind aber fraglos gut gemachte, h\u00f6renswerte Musik.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Zeitalter der Schallplatte begann, erfreute sich <em>Le Pavillon d\u2019Armide<\/em> l\u00e4ngst nicht mehr seiner fr\u00fcheren Ber\u00fchmtheit, aber wenigstens die Suite ist dennoch mindestens zweimal eingespielt worden. Die einzige M\u00f6glichkeit, das weitgehend vollst\u00e4ndige Ballett zu h\u00f6ren, bietet indes die vorliegende Aufnahme. Ein paar Nummern wurden auch hier ausgelassen (ein entsprechender Hinweis findet sich im Beiheft der CD, nicht jedoch auf Vorder- oder R\u00fcckseite), aber im Vergleich zur Suite verdoppelt sich die Spieldauer immerhin. Mitte der 1990er Jahre entstanden und zun\u00e4chst bei Marco Polo ver\u00f6ffentlicht, ist die Aufnahme nun bei Naxos wieder erh\u00e4ltlich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Le Pavillon d\u2019Armide<\/em> ist Tscherepnins erstes Ballett, und von moderneren Einfl\u00fcssen ist hier noch kaum etwas zu h\u00f6ren. Eigentlich ist nicht einmal der Einfluss von Tscherepnins Lehrer Rimski-Korsakow, der Tscherepnins fr\u00fchen Werken gerne nachgesagt wird, sonderlich dominant; vielmehr ist <em>Le Pavillon d\u2019Armide<\/em> vor allem deutlich an den Balletten Tschaikowskis geschult, hier und da h\u00f6rt man auch etwas Glasunow (der ja seinerseits Einfl\u00fcsse der Gruppe der F\u00fcnf und Tschaikowskis vereinigte). In manchen der 15 Nummern tritt die Anlehnung an das Vorbild Tschaikowski besonders offen zutage, so etwa im <em>Grande Valse noble<\/em>, der (auch melodisch) an den Walzer aus <em>Schwanensee<\/em> ankn\u00fcpft; vermisst man hier noch dessen Moll-Abschnitte, so wird man ihre Nachkl\u00e4nge sp\u00e4ter im <em>Danse des bouffons<\/em> wiederfinden, dessen Schluss wiederum den Schluss des Cz\u00e1rd\u00e1s aus <em>Schwanensee<\/em> zitiert. Dagegen ruft die zweite Nummer, bezeichnet mit <em>Courantes. Danse des heures<\/em>, eher den Nussknacker in Erinnerung, nicht nur wegen der delikaten Orchestrierung unter Einbeziehung der Celesta. Vor dem Hintergrund all dieser Reminiszenzen verbl\u00fcfft es umso mehr, wenn man in <em>Bacchus et les bacchantes<\/em> mit seinen stampfenden B\u00e4ssen in e-moll auf einmal an Prokofjews <em>Tanz der Ritter<\/em> aus <em>Romeo und Julia<\/em> denken mag \u2013 vielleicht seinerseits eine Hommage Prokofjews an seinen Lehrer?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gesamtbeschau ist das Ballett eher locker gef\u00fcgt, auch die vorliegende Fassung besitzt nach wie vor einen gewissen Suitencharakter. Es dominieren kurze Szenen, farbige T\u00e4nze und Charakterstudien, die Dramaturgie der Handlung steht demgegen\u00fcber eher im Hintergrund. Ein vergessenes Meisterwerk liegt hier sicher nicht vor, wohl aber klangsch\u00f6ne, farbenfrohe und attraktive Musik in der Nachfolge Tschaikowskis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Interpretation durch das Moskauer Sinfonieorchester (gegr\u00fcndet 1989 und eines der Standardensembles von Marco Polo bzw. Naxos) unter der Leitung von Henry Shek ist solide, aber nicht herausragend. Shek l\u00e4sst diese Musik eher fl\u00e4chig und mit breitem Pinsel spielen, was zu Lasten der Detailarbeit und inneren Spannung der Musik geht. Dies zeigt sich insbesondere im Vergleich zur Einspielung der Suite mit Viktor Fedotow am Pult der Leningrader Philharmoniker (zun\u00e4chst auf einer Melodija-LP herausgebracht, sp\u00e4ter auf diversen CDs wiederver\u00f6ffentlicht). Gleich in der Introduktion l\u00e4sst Fedotow erheblich nuancierter, akzentuierter und spannungsvoller musizieren; hier flie\u00dft die Musik nicht einfach dahin, sondern vollzieht viel st\u00e4rker die melodischen und dynamischen Linien nach und zeigt zus\u00e4tzlich zahlreiche Nebenstimmen und harmonische Verl\u00e4ufe auf. So wird dann auch der Sturm, den die Einleitung offensichtlich darstellen soll, deutlich erfahrbarer. Aber auch insgesamt wirkt sich ein solcher Ansatz positiv auf die Musik aus, weil er die dramaturgischen Schw\u00e4chen der Partitur ein wenig zu kompensieren vermag, w\u00e4hrend bei Henry Shek vieles zu einheitlich wirkt, korrekt, aber blass und eher temperamentarm. Der Klang der Aufnahme ist (wie viele Aufnahmen aus dem Mosfilm-Studio) prinzipiell gut, aber etwas auf der matten Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beiheft von Keith Anderson (in englischer Sprache) befasst sich neben einigen Eckdaten zu Tscherepnin vorwiegend mit der Entstehungsgeschichte des Balletts und seiner Handlung, die anhand der Tracks dieser CD nachvollzogen wird. Die Musik selbst wird dabei auch angerissen, aber insbesondere die Einordnung von Tscherepnins Tonsprache allgemein ger\u00e4t zu knapp. Passenderweise ist auf dem Cover ein Gem\u00e4lde zu sehen, das eine Szene aus einer Inszenierung von <em>Le Pavillon d\u2019Armide<\/em> (vermutlich der ersten, zumal 1907 als Jahreszahl angegeben ist) zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch mehr als 25 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist diese Einspielung der (beinahe) vollst\u00e4ndigen Ballettmusik ohne Konkurrenz geblieben, und bereits deshalb ist ihre Wiederver\u00f6ffentlichung zu begr\u00fc\u00dfen. Vielleicht entschlie\u00dft sich Naxos ja, auch die Marco Polo-Einspielung zweier Orchestersuiten von Tscherepnins Generationskollegen Sergei Wassilenko (in der gleichen Besetzung) neu aufzulegen; auch dies w\u00e4re in Bezug auf den Repertoirewert verdienstvoll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, April 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.573657; EAN: 7 47313 36577 7 Als Wiederver\u00f6ffentlichung einer CD des Labels Marco Polo aus dem Jahre 1995 bringt Naxos Nikolai Tscherepnins Ballett \u201eLe Pavillon d\u2019Armide\u201c neu heraus. Es spielt das Moskauer Sinfonieorchester unter der Leitung von Henry Shek. 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