{"id":4336,"date":"2021-04-18T03:24:39","date_gmt":"2021-04-18T01:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4336"},"modified":"2021-04-18T03:24:44","modified_gmt":"2021-04-18T01:24:44","slug":"die-vielfalt-der-ostinati-cembaless","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/18\/die-vielfalt-der-ostinati-cembaless\/","title":{"rendered":"Die Vielfalt der Ostinati"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.551439; EAN: 7 30099 14393 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Cembaless.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Cembaless.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4337\" width=\"487\" height=\"487\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Cembaless.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Cembaless-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Cembaless-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 487px) 100vw, 487px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Mit seiner bei Naxos erschienenen CD Passacaglia della Vita ruft das vokal-instrumentale Ensemble Cembaless auf h\u00f6chst lebendige Weise die Herkunft der Passacaglia aus der Tanzmusik in Erinnerung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Kompositionsprinzip, das unter dem Namen \u201eChaconne\u201c oder \u201ePassacaglia\u201c Eingang in den Formenschatz der \u201eabsoluten Musik\u201c gefunden hat, stammt bekanntlich aus der Praxis des Tanzes. Die best\u00e4ndig wiederholte Basslinie und die immer neuen Figurationen der Oberstimmen hatten die Aufgabe, den Tanz in Bewegung zu halten. Es sollte Gleichma\u00df gestiftet und f\u00fcr Abwechslung gesorgt werden. Zu letzterer trugen auch die verschiedenen Strophen der Liedtexte bei, wenn zum Tanz gesungen wurde. In fr\u00fchen Passacaglia-Kompositionen zeigt sich der Ursprung im Tanzlied noch deutlich. Einige von ihnen sind ausdr\u00fccklich als Gesangsst\u00fccke gedacht, w\u00e4hrend die rein instrumentalen Werke in ihren Oberstimmen eigentlich nur fixieren (und dabei satztechnisch veredeln), was von den Musikanten w\u00e4hrend des Tanzes improvisiert zu werden pflegte. Im Notenbild festgehalten wurde eine stilisierte Tanzszene, die allerdings dem Vorbild von der Stra\u00dfe (\u201ePassacaglia\u201c hei\u00dft nichts anderes als \u201edie Stra\u00dfe entlang gehen\u201c) noch sehr \u00e4hnlich war. Wie \u00fcberhaupt im Generalbasszeitalter lange Zeit ein flie\u00dfender \u00dcbergang zwischen Komposition und Improvisation herrschte, sodass der Komponist h\u00e4ufig nur den Ger\u00fcstsatz notierte und die Ausf\u00fchrenden im Moment der Darbietung spontan verzieren konnten, so setzten auch die Komponisten fr\u00fcher Ostinato-St\u00fccke auf mitdenkende, mitgestaltende Musiker. Das kahle Notenbild der Kompositionen zeugt von diesem Vertrauen: Die Musik war nicht das, was auf dem Papier stand, sondern das, was in der konkreten Musiziersituation daraus gemacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Alte-Musik-Ensemble Cembaless hat sich dies zu Herzen genommen. Wie bereits der Name sagt, kommt die siebenk\u00f6pfige Formation ohne Cembalo aus. Um die Sopranistin Elisabeth von Stritzky gruppieren sich David Hanke und Annabell Opelt an den Blockfl\u00f6ten, Shen-Ju Chang an der Gambe, Stefan Koim an Barockgitarre bzw. Erzlaute, Robbert Vermeulen an der Theorbe und Syavash Rastani, der verschiedene persische Trommeln erklingen l\u00e4sst \u2013 eine ideale Besetzung, um jene Atmosph\u00e4re des Tanzes zu erzeugen, aus der Passacaglia, Ciaconna und andere Ostinatoformen einst hervorgingen. Ihr vorliegendes Album, das nahezu ausschlie\u00dflich St\u00fccke dieser Art enth\u00e4lt, haben die Musiker \u201ePassacaglia della Vita\u201c genannt. Der von einer hier eingespielten Komposition Stefano Landis entlehnte Titel ist in mehrfacher Hinsicht Programm: Zum einen beschw\u00f6ren Cembaless die konkrete Lebenssituation, die zur Entstehung der musikalischen Form gef\u00fchrt hat, zum andern zeigt das Ensemble, auf welch vielf\u00e4ltige Weise das von den Komponisten Notierte klingend ins Leben treten kann. Auch auf die verschiedenen Erscheinungsformen fr\u00fchbarocker Ostinatomusik kann der Titel bezogen werden, denn neben Passacaglie und Ciaccone umfasst das Programm auch einen Fandango (von Santiago de Murcia), eine Bergamasca (von Marco Uccellini), eine \u00fcber gleichbleibendem Bass aufgebaute Solokantate (<em>Accenti queruli<\/em> von Giovanni Felice Sances) und einen einfachen strophischen Gesang (<em>Si dolce e&#8217;l tormento<\/em> von Claudio Monteverdi).<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand des letzteren St\u00fcckes zeigt sich besonders gut, wie Cembaless die sp\u00e4rliche Notation als Aufforderung nehmen, eigenverantwortlich t\u00e4tig zu werden. Monteverdi hat hier lediglich Singstimme und Bass notiert und f\u00fcr letzteren keine Besetzung vorgeschrieben. Auch deutet im Original nichts darauf hin, dass der Komponist daran dachte, eine Variationenreihe zu schreiben. Cembaless zeigen aber, wie man eine daraus machen kann: Zuerst erklingt in der Theorbe das Thema instrumental, dann beginnt die S\u00e4ngerin mit der ersten Strophe, alles Weitere ist Alternieren zwischen Instrumental- und Gesangsabschnitten, jeweils mit verzierenden Kontrapunkten und in neuer Instrumentation. Das vom Komponisten Niedergeschriebene bleibt durchaus als Richtlinie erhalten, aber die Musiker bereichern es geschmackvoll durch eigenes Zutun. In Uccellinis<em> Aria sopra la Bergamasca<\/em>, einem hinsichtlich seiner Dramaturgie bereits streng auskomponierten Werk, wagen sie sogar einen behutsamen Eingriff in den Verlauf und f\u00fcgen, den Ostinato-Bass beibehaltend, einen vokalen Mittelteil ein, in welchem Elisabeth von Stritzky die Melodie mit jenem Text vortr\u00e4gt, unter dem sie auch Johann Sebastian Bach bekannt war: \u201eKraut und R\u00fcben haben mich vertrieben\u201c (vgl. <em>Goldberg-Variationen<\/em>, Quodlibet). An einer Stelle in breiten Notenwerten kurz vor Schluss versch\u00e4rft das Ensemble eigenm\u00e4chtig Uccellinis Dissonanzen \u2013 ein frappierender Effekt, der aber in dieser humorvollen Bearbeitung am rechten Platze ist und, da die Akkorde ihre harmonischen Funktionen beibehalten, auch formal \u00fcberzeugt!<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht in allen Programmnummern sind alle Ensemblemitglieder zu h\u00f6ren. Beinahe durchweg folgt ein instrumentales Werk auf ein vokales. Einige St\u00fccke sind st\u00e4rker, andere sp\u00e4rlicher besetzt. Die Stellen, an denen sich alle Ausf\u00fchrenden zum Tutti verbinden, finden sich geschickt \u00fcber den Verlauf des Programms verteilt. Nicht nur in dieser Hinsicht erweist sich die Abfolge der St\u00fccke als von Cembaless streng \u201edurchkomponiert\u201c. Die einzelnen Nummern scheinen aufeinander zu reagieren. Einmal \u2013 im Falle der Solokantate von Sances \u2013 wagt das Ensemble, das Ende des St\u00fcckes wegzulassen und mittels einer Lautenkadenz direkt zum n\u00e4chsten \u00fcberzuleiten. Auch ergeben sich Symmetrien durch zwei Ciaccone von Tarquinio Merula (Nr.&nbsp;4) und Allessandro Piccinini (Nr.&nbsp;13), denen das gleiche Thema zugrunde liegt, und durch die Gestaltung der Programmmitte: Hier spielt Trommler Syavash Rastani zwischen zwei St\u00fccken in Tutti-Besetzung ein selbstkomponiertes Solo, das seine Fertigkeit, auf tonh\u00f6henlosen Instrumenten mittels unterschiedlicher Tongebung Polyphonie anzudeuten, trefflich demonstriert. In den umrahmenden Kompositionen \u2013 Stefano Landis <em>Passacaglia della Vita<\/em> und Juan Ara\u00f1\u00e9s&#8216; <em>Chacona: A la vida bona<\/em> \u2013 wird ein weiterer Instrumentationseffekt geschickt platziert, indem die Instrumentalisten gegen Schluss pl\u00f6tzlich anfangen zu singen: Das Miteinander von M\u00e4nner- und Frauenstimmen sorgt daf\u00fcr, dass auch im Vokalen ein Tutti-Klang entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Einfallsreichtum der Bearbeitungen entspricht die Frische und Lebendigkeit der Darbietungen von Cembaless. Um den Ursprung der Ostinato-Variationen in Tanz und Lied wissend, gestalten die Ensemblemitglieder ihre Stimmen kantabel und mit t\u00e4nzerischem Schwung, sodass der Zusammenhalt der musikalischen Ereignisse stets gewahrt bleibt und ein Moment auf dem vorangegangenen aufbaut. Die virtuosen Figurationen meistern alle tadellos, nicht zuletzt die Sopranistin, die in den lebhafteren Abschnitten manch \u201einstrumental\u201c anmutende Passage vorzutragen hat. Die zahlreichen kleinen Verzierungen, vokal wie instrumental, wirken durchaus nicht aufgesetzt, sondern aus der Spontaneit\u00e4t des Musizierens geboren. Cembaless nennen ihre CD \u201eeine Hommage an die Facetten des Lebens\u201c. Dem l\u00e4sst sich ohne Einw\u00e4nde zustimmen, denn Facettenreich sind das Programm wie seine Umsetzung, und lebendig klingt hier alles, vom ersten bis zum letzten Ton.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, April 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.551439; EAN: 7 30099 14393 6 Mit seiner bei Naxos erschienenen CD Passacaglia della Vita ruft das vokal-instrumentale Ensemble Cembaless auf h\u00f6chst lebendige Weise die Herkunft der Passacaglia aus der Tanzmusik in Erinnerung. 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