{"id":4340,"date":"2021-04-25T23:07:38","date_gmt":"2021-04-25T21:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4340"},"modified":"2021-04-25T23:07:43","modified_gmt":"2021-04-25T21:07:43","slug":"ungarische-streichtrios-der-ersten-haelfte-des-20-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/25\/ungarische-streichtrios-der-ersten-haelfte-des-20-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Ungarische Streichtrios der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.551406; EAN: 7 30099 14063 8<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ungarische-Serenade.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ungarische-Serenade.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4341\" width=\"440\" height=\"440\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ungarische-Serenade.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ungarische-Serenade-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ungarische-Serenade-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Unter dem Titel \u201eHungarian Serenade\u201c spielt das Offenburger Streichtrio f\u00fcr Naxos selten geh\u00f6rte Werke von S\u00e1ndor Veress, G\u00e9za Frid, Ferenc Farkas, L\u00e1szl\u00f3 Weiner sowie Rezs<\/em><em>\u0151<\/em><em> K\u00f3kai ein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Denkt man an ungarische Serenaden f\u00fcr Streichtrio, so f\u00e4llt einem wom\u00f6glich zuallererst Ernst von Dohn\u00e1nyis wunderbarer, kultiviert-delikater Gattungsbeitrag ein. Die vorliegende CD befasst sich jedoch mit der Generation ungarischer Komponisten, die auf Bart\u00f3k und Kod\u00e1ly folgte; vier der f\u00fcnf Komponisten sind nahezu gleichaltrig (Jg. 1904 bis 1907), und auch sonst fallen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf: S\u00e1ndor Veress (1907\u20131992), G\u00e9za Frid (1904\u20131989) sowie L\u00e1szl\u00f3 Weiner (1916\u20131944) waren Sch\u00fcler Kod\u00e1lys, Veress und Frid verbrachten einen Gro\u00dfteil ihres Lebens im Exil, Frid und Weiner hatten j\u00fcdische Wurzeln, und w\u00e4hrend es Frid in den Niederlanden gelang, sich vor den Nationalsozialisten zu verstecken, kam Weiner 28-j\u00e4hrig im Konzentrationslager \u0141uk\u00f3w ums Leben. Ferenc Farkas (1905\u20132000) und Rezs\u0151 K\u00f3kai (1906\u20131962) hingegen verbrachten ihr ganzes Leben in Ungarn.<\/p>\n\n\n\n<p>Abseits biographischer Fakten stehen sich die Kompositionen dieses Albums aber auch stilistisch nahe, was nicht zuletzt damit zusammenh\u00e4ngt, dass es sich beim Gro\u00dfteil der hier versammelten Trios um fr\u00fche Werke (aus Studientagen) handelt. Speziell gilt dies f\u00fcr Veress\u2019 <em>Sonatine f\u00fcr Violine und Violoncello<\/em> (um 1926\/27 entstanden und als einziges Werk auf dieser CD nicht f\u00fcr Streichtrio), aber auch noch seine erst in den 1970ern entstandenen <em>T\u00e4nze aus Szatm\u00e1r bzw. Somogy<\/em> (sein 1954 entstandenes meisterhaftes Streichtrio, hier nicht enthalten, ist dagegen wesentlich avancierter), Frids <em>Streichtrio op. 1 (1926)<\/em> sowie Farkas\u2019 <em>Notturno f\u00fcr Streichtrio op. 2 (1927)<\/em>. Tats\u00e4chlich gehen die \u00c4hnlichkeiten bis hin zu den verwendeten Tonarten (es dominieren stets die Grundt\u00f6ne A, D und G, was sicher nicht zuf\u00e4llig mit den leeren Saiten der Streichinstrumente korrespondiert). Alle diese Werke sind deutlich von ungarischer Volksmusik beeinflusst, und selbstverst\u00e4ndlich sind Kod\u00e1ly und Bart\u00f3k die zentralen Leitbilder. Dabei ist es eher der gem\u00e4\u00dfigte Bart\u00f3k, der hier Pate steht: so sind etwa seine <em>Rum\u00e4nischen Volkst\u00e4nze<\/em> insbesondere mit den beiden T\u00e4nzen von Veress vergleichbar, aber die Radikalit\u00e4t und den expressiven Gestus von Bart\u00f3ks Streichquartetten findet man in den Werken auf dieser CD eher nicht. Ein echtes fr\u00fches Meisterwerk ist Frids kraftvolles, ambitioniertes Trio, das nicht nur vom Titel her keine Serenade ist. Besonders hervorzuheben ist der dunkel get\u00f6nte, intensive Mittelsatz mit einem konflikthaften Mittelteil, in welchem die Instrumente vor dem Hintergrund gebrochener Akkorde erregt zu dialogisieren scheinen. Veress\u2019 Sonatine ist (obwohl erheblich k\u00fcrzer) mit der gro\u00dfen Duosonate von Kod\u00e1ly vergleichbar, zumal im Finale. Der Titel von Farkas\u2019 Notturno ist eher im Mozart\u2019schen Sinne als eine Art kurzes Divertimento zu verstehen, ein reizvolles und eing\u00e4ngiges Werk in zwei knappen S\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiners <em>Serenade f\u00fcr Streichtrio<\/em> (nicht zu verwechseln \u00fcbrigens mit dem Streichtrio des \u00e4lteren Le\u00f3 Weiner) entstand 1938 und ist sein fr\u00fchestes \u00fcberliefertes Werk, sicherlich ebenfalls Kod\u00e1ly verpflichtet, aber insgesamt lyrischer, poetischer als die vorherigen Werke auf dieser CD. Speziell im Kopfsatz sorgt die lydische Einf\u00e4rbung der Melodik f\u00fcr eine latent sehnsuchtsvolle Note, aber auch der langsame Satz ist innig empfunden, bevor das fugierte Finale f\u00fcr einen frischen Kehraus sorgt. K\u00f3kai schlie\u00dflich war Sch\u00fcler Hans Koesslers, kam somit per Ausbildung eher von der Sp\u00e4tromantik her und entwickelte zun\u00e4chst nicht im Gefolge von Kod\u00e1ly und Bart\u00f3k einen eigenen Ansatz eines nationalen ungarischen Stils. Die <em>Serenade f\u00fcr Streichtrio<\/em>, wohl bereits 1949\/50 entstanden (die CD gibt 1956 an), ist ein reifes Werk, das nur hier und da noch sp\u00e4tromantische Wurzeln verr\u00e4t. Der in den schwungvollen Ecks\u00e4tzen, speziell im Finale, manifeste Serenadencharakter wird im langsamen Satz (als <em>Recitativo. Notturno e Canzone<\/em> bezeichnet) in Frage gestellt, und tats\u00e4chlich steht dieser Satz einem Nachtst\u00fcck im Wortsinne n\u00e4her als Farkas\u2019 im Grunde genommen weitgehend unbeschwertes Werk diesen Titels.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Offenburger Streichtrio setzt sich mit dieser CD also insbesondere f\u00fcr selten gespieltes Repertoire ein. Im Falle der Werke von Veress scheinen keine Alternativeinspielungen zu existieren (die Sonatine erschien erst posthum im Druck), und die Serenade von K\u00f3kai gab es bislang nur auf einer Hungaroton-LP. Die \u00fcbrigen drei Werke liegen zus\u00e4tzlich in CD-Einspielungen j\u00fcngerer Zeit vor (Farkas auf Toccata, Weiner auf Hungaroton sowie Cobra Records, Frid auf Cedille Records). Dabei schneidet das Offenburger Streichtrio insgesamt sehr gut ab. Besonders hervorzuheben ist der homogene Gesamtklang des bereits seit 40 Jahren bestehenden Ensembles. Speziell die lyrischen, (titelgebend) serenadenhaften Seiten der Musik gelingen sehr gut, wie etwa in Farkas\u2019 Notturno. Hier und da w\u00fcrde den Interpretationen allerdings eine etwas differenziertere, die Spannungsb\u00f6gen der Musik deutlicher nachvollziehende Herangehensweise gut bekommen, gerade in einem (vom Anspruch her) gro\u00dfformatigeren Werk wie dem Trio von Frid oder dem Finale von Weiners Serenade, das einen kr\u00e4ftigeren Zugriff mit mehr Temperament vertragen k\u00f6nnte. Insgesamt handelt es sich aber um durchwegs sehr solide Interpretationen. Die Tonqualit\u00e4t der CD ist tadellos.<\/p>\n\n\n\n<p>Das vom Cellisten Martin Merker verfasste Beiheft liefert kurze und b\u00fcndige Informationen zu Komponisten und Werken, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Hier und da w\u00e4re bei n\u00e4herem Hinsehen etwas Differenzierung n\u00f6tig: Farkas kann zwar sicherlich als experimentierfreudiger Komponist bezeichnet werden, aber auf Basis eines folkloristisch gepr\u00e4gten, konzisen Neoklassizismus; inwiefern K\u00f3kai im kommunistischen Ungarn Repressalien ausgesetzt war, w\u00e4re ebenfalls einer genaueren Erl\u00e4uterung w\u00fcrdig (immerhin war er dreifacher Erkelpreistr\u00e4ger der Jahre 1952, 1955 und 1956). Andererseits ist derlei vielleicht in der gebotenen K\u00fcrze eines Begleittextes nicht unbedingt erwartbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt eine erfreuliche Ver\u00f6ffentlichung, die ganz besonders f\u00fcr ihre nicht allt\u00e4gliche Repertoirezusammenstellung gelobt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Holger Sambale, April 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.551406; EAN: 7 30099 14063 8 Unter dem Titel \u201eHungarian Serenade\u201c spielt das Offenburger Streichtrio f\u00fcr Naxos selten geh\u00f6rte Werke von S\u00e1ndor Veress, G\u00e9za Frid, Ferenc Farkas, L\u00e1szl\u00f3 Weiner sowie Rezs\u0151 K\u00f3kai ein. Denkt man an ungarische Serenaden f\u00fcr Streichtrio, so f\u00e4llt einem wom\u00f6glich zuallererst Ernst von Dohn\u00e1nyis wunderbarer, kultiviert-delikater Gattungsbeitrag ein. Die vorliegende &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/04\/25\/ungarische-streichtrios-der-ersten-haelfte-des-20-jahrhunderts\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ungarische Streichtrios der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3893,3894,3895,200,3897,3896,3892],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4340"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4340"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4344,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4340\/revisions\/4344"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}