{"id":4350,"date":"2021-05-04T23:50:00","date_gmt":"2021-05-04T21:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4350"},"modified":"2021-05-01T02:12:03","modified_gmt":"2021-05-01T00:12:03","slug":"ein-einblick-in-die-welt-von-grieg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/04\/ein-einblick-in-die-welt-von-grieg\/","title":{"rendered":"Ein Einblick in die Welt von Grieg"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Mein-erster-Grieg.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"494\" height=\"648\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Mein-erster-Grieg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4351\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Mein-erster-Grieg.jpg 494w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Mein-erster-Grieg-229x300.jpg 229w\" sizes=\"(max-width: 494px) 100vw, 494px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wilhelm Ohmen pr\u00e4sentiert in seinem Band \u201eMein erster Grieg\u201c die laut ihm \u201eleichtesten Klavierwerke\u201c von Edvard Grieg mit einer Auswahl aus den Lyrischen St\u00fccken (op. 12: 1, 2, 3, 4, 6, 7, 8; op. 38: 2, 5, 7; op. 43: 1, 2; op. 47: 3; op. 54: 4; op. 68: 1; op. 71: 3, 7) und Ausschnitte aus den Peer-Gynt-Suiten in Griegs eigenem Arrangement (Morgenstimmung vierh\u00e4ndig; \u00c5ses Tod; Solveigs Lied).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kaum eine Musik wirkt so nat\u00fcrlich, ungek\u00fcnstelt, so schillernd lyrisch und so malerisch wie die von Edvard Grieg. Besonders sein Hauptinstrument, das Klavier, bedachte er mit einer Vielzahl an Kompositionen, von schlichten Miniaturen hin zu gro\u00dfen Konzertwerken wie der <em>Sonate<\/em> op. 7 oder der <em>Ballade<\/em> op. 24. Um den Umfang einzusch\u00e4tzen: F\u00fcr seine Gesamtaufnahme teilte der Pianist Einar Steen-N\u00f8kleberg das Klavierwerk Griegs auf 14 CDs auf. So ist es sehr zu begr\u00fc\u00dfen, einen pianistisch einfachen Einstieg in dieses \u0152uvre zu gewinnen, was Wilhelm Ohmen mit vorliegendem Band versucht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Auswahl an St\u00fccken orientiert sich Ohmen alleinig an den 66 <em>Lyrischen St\u00fccken<\/em> sowie Griegs eigenen Klavierversionen der <em>Peer-Gynt<\/em>-Suiten. Schade, denn viele andere gro\u00dfartige Sammlungen (mit auch spielbaren und teils sogar noch leichteren St\u00fccken) bleiben vollkommen au\u00dfen vor, so unter anderem die Opera mit Volksliedbearbeitungen, wovon besonders op. 17 und op. 66 einen guten Einstieg geben w\u00fcrden; nicht zu vergessen die zahlreichen kleineren, weniger Popularit\u00e4t genie\u00dfenden Opera, Einzelst\u00fccke und Liedbearbeitungen.<br \/>Die Auswahl in \u201eMein erster Grieg\u201c beginnt mit dem ber\u00fchmten ersten Band der <em>Lyrischen St\u00fccke<\/em>, dem Opus 12: Dies mag nicht verwundern, schlie\u00dflich komponierte Grieg diese Sammlung zu p\u00e4dagogischen Zwecken f\u00fcr seine Sch\u00fcler. Dieses Opus wurde bis auf die Nummer f\u00fcnf vollst\u00e4ndig abgedruckt, was jedoch irritiert, ist dies schlie\u00dflich die technisch einfachste und zumal eine der ansprechendsten Nummern aus dem Zyklus. Statt dieser h\u00e4tte man eher verzichten k\u00f6nnen auf die sperrige Nummer acht, <em>Vaterl\u00e4ndisches Lied<\/em>, oder die wesentlich anspruchsvollere Nummer vier, <em>Elfentanz<\/em>.<br \/>Aus dem Zweiten Band, dem op. 38, sparte Ohmen alles aus, was triolische gegen duolische Spielweise verlangt, was auch mit die Hauptschwierigkeit dieses Opus ist. <em>Springdans<\/em> ist aufgrund der Geschwindigkeit (von Ohmen immerhin von Vierteltempo 180 auf 132\u2013140 heruntergesetzt) dennoch ein kniffeliges St\u00fcck; m\u00f6glicherweise w\u00e4re die <em>Elegie<\/em> eine Alternative hierf\u00fcr gewesen trotz der Konfliktrhythmik, die hier jedoch erstaunlich gut in die H\u00e4nde geht.<br \/>Eine technisch neue Liga betritt der Band mit op. 43, einem Zyklus mit fr\u00fchlingshaften und heimatverbundenen Charakterst\u00fccken. Hier entschied sich Ohmen f\u00fcr die ersten zwei Nummern, wobei ich die Wahl des <em>Schmetterlings<\/em> op. 43\/1 nicht nachvollziehen kann, da es sich um eine der vertracktesten und technisch wie musikalisch diffizilsten Nummern der <em>Lyrischen St\u00fccke<\/em> handelt. Um einen Halbton von <em>fis<\/em> nach <em>f<\/em> oder <em>g<\/em> versetzt, w\u00e4re <em>In der Heimat<\/em> op. 43\/3 pr\u00e4destiniert f\u00fcr solch eine Sammlung gewesen.<br \/>Die Auswahl aus den B\u00e4nden opp. 47 und 54 macht durchaus Sinn, hier gibt es wenig \u201eleichte\u201c St\u00fccke; h\u00f6chstens das <em>Glockengel\u00e4ute<\/em> op. 54\/6 h\u00e4tte den Band noch bereichern k\u00f6nnen: Dieses bricht erstmals in Griegs Schaffen mit der Funktionsharmonik und weist klar in Richtung Debussy, was ihm besondere Bedeutung verleiht.<br \/>Die Opera 57, 62 und 65 sparte der Herausgeber vollkommen aus, was insofern verwundert, als hier einige hinrei\u00dfende wie spielbare Nummern zu finden w\u00e4ren: aus dem Opus 57 die Nummern zwei, drei, vier und sechs und aus 62 und 65 jeweils die Nummern zwei und f\u00fcnf.<br \/>Zu den leichtesten Opera geh\u00f6rt neben dem Ersten Band auch das Opus 68, woraus h\u00f6chstens die letzte Nummer ein h\u00f6heres technisches Niveau verlangt. Hier w\u00e4hlte Ohmen lediglich das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck.<br \/>Der von Grieg auch als solches intendierte letzte Band op. 71 endet, wie alles begann: In <em>Nachkl\u00e4nge<\/em> zitiert er die <em>Arietta<\/em> op. 12\/1. Ohmen nahm dieses in \u201eMein erster Grieg\u201c auf, neben diesem f\u00fcgte er noch den <em>Kobold <\/em>hinzu, der nicht nur technisch enorm diffizil ist, sondern zudem sechs b-Vorzeichen vorschreibt. Statt diesem h\u00e4tte ich eher die Nummer sechs, <em>Vor\u00fcber<\/em>, gew\u00e4hlt.<br \/>Aus Griegs eigenen Klavierarrangements der <em>Peer-Gynt<\/em>-Suiten k\u00f6nnen hier <em>\u00c5ses Tod<\/em> und <em>Solveigs Lied<\/em> gespielt werden sowie, technisch im Primo komplex, im Secondo sehr leicht, die <em>Morgenstimmung<\/em> vierh\u00e4ndig. Diese Auswahl trifft also die \u201eHits\u201c der \u201eHits\u201c der gewichtigen B\u00fchnenmusik, deren st\u00e4rkste Passagen man leider so gut wie nie zu Geh\u00f6r bekommt. So sehr die Orchesterversion schillert, so plump wirken die Bearbeitungen leider auf dem Klavier, geben selbst bei exzellenter Darbietung h\u00f6chstens einen schwachen Abglanz der grandiosen Instrumentation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Edition orientiert sich an der Ausgabe der <em>Edition Peters<\/em> durch Dag Schjelderup-Ebbe. Die meisten Fingers\u00e4tze wurden \u00fcbernommen, lediglich einige wenige erg\u00e4nzt oder ver\u00e4ndert, wobei ich bei diesen keine merklichen Verbesserungen ebenso wenig wie Verschlechterungen beobachte: beide zeigen g\u00fcltige Alternativen. Auch bez\u00fcglich des Layouts wird die <em>Edition Peters<\/em> gr\u00f6\u00dftenteils kopiert, was die Aufteilung auf Seiten und Systeme betrifft: Der <em>Puck<\/em> wird etwas anders auf die Systeme verteilt und die <em>Melodie<\/em> teilt die Edition auf vier statt wie bei <em>Peters<\/em> auf drei Seiten auf. Insgesamt sieht diese neue <em>Schott<\/em>-Edition durch den Neusatz freilich moderner und sauberer aus als die alte, nachgedruckte <em>Peters<\/em>-Edition.<br \/>Einzige Unterschiede liegen in den Metronomangaben, die Ohmen teils merklich ver\u00e4nderte, sowie einer Tempobezeichnung. Der Fehlerteufel schlich sich ein beim Albumblatt op. 12\/7, wo der Vorschlag in T. 6 (sowie den Parallelstellen T. 30, und 54) ein e\u201c statt ein fis\u201c abbildet, was s\u00e4mtliche andere Edition negieren; ein Staccato in T. 4 wurde vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurzes Vorwort des Herausgebers leitet in die Edition ein, welches leider wenig fundiert erscheint. Zum einen wurde der Violinist Ole Bull als zentralster Einfluss Griegs und dessen Weg hin zur Nationalromantik ausgespart: Bull erst empfahl ihm, Musiker zu werden und nach Leipzig zu gehen, wo er sein Handwerk erlernte. Sp\u00e4ter war er es, der Grieg riet, sich von Nils Gade und den europ\u00e4ischen Komponisten fortzurei\u00dfen und einen eigenen Weg zu betreten. Zum anderen hei\u00dft es, dass Grieg \u201ebewusst einen Gegenpol zur deutschen Romantik\u201c bildet, was falsch ist, da er sich eben dieser Tradition bewusst war und sie pflegte, was nicht zuletzt das popul\u00e4re, an Schumann angelegte <em>Klavierkonzert a-Moll<\/em> op. 16 beweist, ebenso einige klar an Mendelssohn und an Chopin gemahnende Opera.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass sich der Band \u201eMein erster Grieg\u201c durchaus als Einf\u00fchrung in die Welt des Norwegers lohnt, wenn man noch \u00fcberhaupt nicht vertraut ist mit dessen Werk, zumal der Band mit einem Preis von 14,50 \u20ac erschwinglicher ist als die Gesamtausgaben von <em>Peters<\/em> (Lyrische St\u00fccke komplett: 32,95 \u20ac; op. 12 alleine: 9,95 \u20ac). Wer allerdings tiefer eindringen will und auf eigene Faust die Tiefen des Grieg\u2018schen Kosmos (bzw. allein der <em>Lyrischen St\u00fccke<\/em>!) erkunden will, dort auf einige leichter spielbare und m\u00f6glicherweise noch lohnenswertere Kompositionen sto\u00dfen will, der wird weiterhin nicht um die B\u00e4nde der <em>Peters<\/em>-Gesamtausgabe herumkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, April 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Ohmen pr\u00e4sentiert in seinem Band \u201eMein erster Grieg\u201c die laut ihm \u201eleichtesten Klavierwerke\u201c von Edvard Grieg mit einer Auswahl aus den Lyrischen St\u00fccken (op. 12: 1, 2, 3, 4, 6, 7, 8; op. 38: 2, 5, 7; op. 43: 1, 2; op. 47: 3; op. 54: 4; op. 68: 1; op. 71: 3, 7) &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/04\/ein-einblick-in-die-welt-von-grieg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Einblick in die Welt von Grieg<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[100],"tags":[23,3848,3903,3905],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4350"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4350"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4353,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4350\/revisions\/4353"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}