{"id":4354,"date":"2021-05-07T20:51:00","date_gmt":"2021-05-07T18:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4354"},"modified":"2021-06-03T16:31:11","modified_gmt":"2021-06-03T14:31:11","slug":"struwwelpeter-kammerorchester-basel-alte-schauergeschichten-werden-zum-grossen-musikalischen-spass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/07\/struwwelpeter-kammerorchester-basel-alte-schauergeschichten-werden-zum-grossen-musikalischen-spass\/","title":{"rendered":"Alte Schauergeschichten werden zum gro\u00dfen musikalischen Spa\u00df"},"content":{"rendered":"\n<p>Solo Musica, SM 355; EAN: 4 260123 643 553<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4355\" width=\"462\" height=\"462\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Struwwelpeter-CD-768x768.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Ein Quartett des Kammerorchesters Basel musiziert den Struwwelpeter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer kennt noch die Geschichten vom <em>Struwwelpeter<\/em> \u2013 diese kleinen Schauerm\u00e4rchen mit ihrem erhobenen Zeigefinger, der eben darauf verweist, was am eben Ende f\u00fcr all Jene droht, die nicht aufessen, was auf den Tisch kommt, die mit Feuer spielen oder nicht stillsitzen k\u00f6nnen? Heute werden diese Geschichten eher humorvoll rezipiert. Den moralischen Zeigefinger erheben heute andere. Dass Aufkl\u00e4rung und Diskussion schon im Umgang mit Kindern selbstverst\u00e4ndlich sein sollte, dachte sich der Autor dieses Bilderbuches aus dem Jahr 1844. Dass es der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann nicht ganz so bierernst mit diesen Lehrgeschichten gemeint haben kann, verr\u00e4t eine Notiz des Autors im Vorwort: Die meisten anderen B\u00fccher moralisieren doch viel zu viel herum. Dem wolle er mit dem <em>Struwwelpeter<\/em> etwas entgegen setzen. Wenn ein Ensemble des Kammerorchesters Basel diese Geschichten nun musikalisch kommentiert, wird der augenzwinkernde Blickwinkel umso deutlicher. Die neue CD, die aus der Erfahrung mit zahllosen Schulkonzerten hervorgeht, ist auf jeden Fall ein gro\u00dfer musikalischer Spa\u00df \u2013 nicht nur f\u00fcr die anvisierte Zielgruppe zwischen 6 und 11 Jahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Eva Miribung (Violine und Banjo), Jan Wollmann (Trompete), Konstantin Timokhine (Horn) und Georg Dettweiler (Violoncello) gingen unter Regie von Salom\u00e9 Im&nbsp;Hof auf Tour, um die Geschichten aus diesem Bilderbuch zu einem Narrativ f\u00fcr die ausgew\u00e4hlte Musik zu machen. Der Komponist und Arrangeur Konstantin Timokhine hat damit guten konzeptionellen Weitblick bewiesen. Viele Meisterwerke aus der Musikgeschichte, aber auch Jazzanleihen vereinen sich in m\u00fcheloser Weise, schaffen einen roten Faden, verleihen den Episoden von Struwwelpeter, Zappelphilipp, Suppenkaspar, dem fliegenden Robert und Hanns Guck-in-die-Luft viel schr\u00e4gen Drive und dies auf h\u00f6chstem Niveau. Ganz am Rande ist dies auch eine leichtf\u00fc\u00dfige, zugleich gehaltvolle Antwort auf jedes weichgesp\u00fclte Easy Listening, welches ja oft schon in Kinder-Produktionen strapaziert wird, um junge Ohren von vornherein auf Mainstream zu konditionieren. Dabei stimuliert gro\u00dfe, gute, gehaltvolle und hier auch noch meisterhaft gespielte Musik doch viel nachhaltiger die Fantasie, was diese CD einmal wieder klarstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prolog aus Monteverdis Oper <em>Orfeo<\/em> untermalt das Schicksal der Titelfigur, die sich nicht die Haare schneiden l\u00e4sst und immer mehr verlottert. Ausz\u00fcge aus Schostakowitschs Cellokonzert \u2013 ohnehin eine Tonsprache von gro\u00dfer Doppeldeutigkeit \u2013 interpretieren lakonisch die Leiden des b\u00f6sen Friederich, der schlie\u00dflich seine Untaten bereuen muss. Paulinchen, die mit Feuerzeugen herumspielt und schlie\u00dflich aus Unachtsamkeit sich selber abfackelt, wird sarkastisch mit einer heiteren Swingjazz-Nummer unterlegt \u2013 das ist echter schwarzer Humor in diesem Moment! Ein gro\u00dfes Kompliment geht an die Flexibilit\u00e4t dieser Musikerinnen und Musiker vom Basler Kammerorchester. Die Geschichte vom Schwarzen Buben greift \u2013 heute wieder sehr aktuell \u2013 den Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe auf, wenn schlie\u00dflich die Mehrheit der Kinder einen Jungen wegen seiner dunklen Hautfarbe h\u00e4nseln \u2013 und daf\u00fcr schlie\u00dflich selbst in ein schwarzes Tintenfass getaucht werden. Bei der Figur des Hanns Guck-in-die Luft kommen den anwesenden jungen Zuschauerinnen und Zuschauern sofort heutige Gewohnheiten in den Blick. Mit dem Unterschied, dass der Blick heute meist nicht nach oben, sondern nach unten, aufs eigene Handy geht \u2013 aber eben auch nicht nach vorn in die Wirklichkeit. In jedem Fall entfalten die ausgew\u00e4hlten Kompositionen in diesen Kontexten ganz neue Facetten von Darstellungslust. Eine H\u00e4ndel-Arie \u00fcberh\u00f6ht die Geschichte vom Suppenkaspar auf Allerfeinste. Ironie und h\u00f6chste musikalische Finesse verstehen sich einfach gut miteinander. Richard Wagners <em>Fliegender Holl\u00e4nder<\/em> erhebt die Anekdote vom fliegenden Robert in neue Sph\u00e4ren. Die Moral von der Geschicht&#8216;: Spanne keinen Regenschirm auf, wenn es stark windet. Immer wieder mischen sich die Kinder ein, fragen und kommentieren. Mit dem Feuer spielen hat ja \u2013 metaphorisch betrachtet \u2013 auch etwas damit zu tun, mutig zu sein und etwas zu riskieren. Dem Struwwelpeter in neuer musikalischer \u201eInszenierung\u201c durch das Kammerorchester Basel haftet bei allem heiteren Spa\u00dffaktor auch etwas Aufkl\u00e4rerisches an. Und ein solches \u201eAudience Development\u201c f\u00fcr klassische Musik hat allemal etwas mit Aufkl\u00e4rung zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stefan Pieper [Mai 2021]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siehe dazu auch:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/03\/kammerorchester-basel-der-struwwelpeter-interview-die-musik-schleicht-sich-durch-die-hintertuer-ein\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/03\/kammerorchester-basel-der-struwwelpeter-interview-die-musik-schleicht-sich-durch-die-hintertuer-ein\/\">Stefan Piepers Interview mit Marcel Falk, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Kammerorchesters Basel und Initiator dieses Projekts<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo Musica, SM 355; EAN: 4 260123 643 553 Ein Quartett des Kammerorchesters Basel musiziert den Struwwelpeter. 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