{"id":4357,"date":"2021-05-10T03:51:00","date_gmt":"2021-05-10T01:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4357"},"modified":"2021-05-01T03:54:56","modified_gmt":"2021-05-01T01:54:56","slug":"marcel-poot-ein-belgischer-sinfoniker-in-beeindruckender-gesamtdarstellung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/10\/marcel-poot-ein-belgischer-sinfoniker-in-beeindruckender-gesamtdarstellung\/","title":{"rendered":"Ein belgischer Sinfoniker in beeindruckender Gesamtdarstellung"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.574292-93; EAN: 747313429271<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Marcel-Poot.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Marcel-Poot.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4358\" width=\"462\" height=\"458\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Marcel-Poot.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Marcel-Poot-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Marcel-Poot-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Naxos hat den in den 90er Jahren von Marco Polo begonnenen, damals unvollendet gebliebenen Zyklus der Sinfonien Marcel Poots (1901\u20131988) neu aufgelegt und durch die erstmalige Ver\u00f6ffentlichung historischer Rundfunkaufnahmen vervollst\u00e4ndigt. Es musizieren: Moscow Symphony Orchestra unter Fr\u00e9d\u00e9rick Devreese (Sinfonien 3, 5, 6 und 7), Antwerp Philharmonic unter L\u00e9once Gras (Sinfonie Nr. 4), Belgian National Radio Symphony Orchestra unter Franz Andr\u00e9 (Sinfonie Nr. 2) und BRTN Philharmonic Orchestra unter Hans Rotman (Sinfonie Nr. 1).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des belgischen Komponisten Marcel Poot lief rein so gar nicht nach dem typischen Drehbuch ab, das wir von anderen Komponistenbiografien kennen. Meistens h\u00f6ren wir da ja von Pers\u00f6nlichkeiten, die leidenschaftlich f\u00fcr die Musik brannten und alle Hebel in Bewegung setzten, um trotz mancherlei Widerst\u00e4nde ihrer Leidenschaft professionell nachgehen zu k\u00f6nnen. Nicht so bei Marcel Poot! Vielmehr scheint es nach seiner eigenen Aussage bei ihm genau anders herum gewesen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Komponist \u00e4u\u00dferte im Gespr\u00e4ch mit dem Autor David Ewen in den 1970er-Jahren: <em>\u201eObwohl ich sehr mittelm\u00e4\u00dfig war, sollte ich schon fr\u00fch Musik studieren. Mein Vater lie\u00df mich bei den Klarinettisten einer Gruppe in unserer Stadt mitspielen, in der er Saxophonist war. Da ich aber weniger begabt als meine jungen Freunde war, musste ich diese Position bald wieder aufgeben. \u2026 Mein Vater war jedoch fest entschlossen, aus mir einen Musiker zu machen. Wir versuchten es dann mit dem Klavier. Der Stadtorganist, Gerard Nauwelaerts, brachte mir Tonleitern und Czerny-Et\u00fcden bei. Das hat mir \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df gemacht. Aber das m\u00fchsame Studium wurde fortgesetzt, bis ich in der Lage war, zusammen mit meinem Professor Ouvert\u00fcren von Supp\u00e9 f\u00fcr vier H\u00e4nde zu spielen. Mein Vater beschloss dann, mich am Br\u00fcsseler Konservatorium zu immatrikulieren. Beim ersten Mal wurde ich abgelehnt. Aber eine weitere Runde \u00dcben mit Czerny, und ich wurde schlie\u00dflich zugelassen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge studierte Marcel Poot bei einer ganzen Reihe von Lehrern, unter denen der namhafteste der franz\u00f6sische Komponist und einflussreiche Musikp\u00e4dagoge Paul Dukas war, aus dessen Schule unter anderem auch so unterschiedliche Komponisten wie Olivier Messiaen, Joaqu\u00edn Rodrigo und Carlos Ch\u00e1vez hervorgingen. Am Konservatorium zeigte sich auch bereits Marcel Poots F\u00e4higkeit der Organisation und des \u201eNetworkings\u201c wie man es heute wohl nennen w\u00fcrde. 1925 gr\u00fcndete er die Gruppe \u201eLes Synth\u00e9tistes\u201c, die eine Art belgische Antwort auf die Gruppe \u201eLes Six\u201c in Frankreich darstellen sollte. Charakteristisch f\u00fcr seinen fr\u00fchen Stil, der sich u.a. auch in der ersten Sinfonie aus dem Jahr 1929 abbildet, ist in der Tat eine N\u00e4he zum Stil Poulencs und eine Besch\u00e4ftigung mit den M\u00f6glichkeiten der Jazz-Musik im Kontext des Sinfonieorchesters. Parallel zu seiner kompositorischen T\u00e4tigkeit wirkte er als Musikjournalist und Rezensent.<\/p>\n\n\n\n<p>1934 konnte Poot mit seiner <em>Fr\u00f6hlichen Ouvert\u00fcre<\/em> einen europaweiten Erfolg feiern, und es sah wohl einige Zeit danach aus, als w\u00fcrde der Komponist gro\u00df herauskommen. Doch Poot entschied sich lieber f\u00fcr eine akademische Karriere, wurde 1939 Professor am Br\u00fcsseler Konservatorium, bevor die sogenannte \u201eWestoffensive\u201c der deutschen Wehrmacht allen weiteren Pl\u00e4nen vorerst ein Ende machte. Nach dem Krieg galt Poots Musik (wie die von so vielen tonalen Komponisten) als stilistisch \u00fcberkommen, und Poot konnte sich wohl gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, in dieser Zeit das Amt des Direktors des Br\u00fcsseler Musikkonservatoriums \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Komponisten wie Henri Pousseur nun in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die belgische Musikmoderne standen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besch\u00e4ftigung als Konservatoriumsleiter scheint Poot ein stilistisch weitgehend unbeeinflusstes Komponieren erm\u00f6glicht zu haben, w\u00e4hrend f\u00fcr den Lebensunterhalt gesorgt war. 1960 gr\u00fcndete Poot die Union der belgischen Komponisten und wurde ihr Vorsitzender, und auch beim Concours Reine Elisabeth (bis heute einer der namhaftesten Musikwettbewerbe der Welt) war er einflussreich, leitete 17 Jahre lang bis 1980 die Jury und schrieb mehrere Werke f\u00fcr den Wettbewerb. 1988 verstarb Marcel Poot \u2013 in seiner Heimat hoch angesehen, im Rest Europas mehr oder weniger vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch in den 1990er-Jahren startete das Label Marco Polo eine ebenso verdienst- wie qualit\u00e4tvolle Edition der Orchesterwerke Marcel Poots, zumeist in Weltersteinspielungen durch das seinerzeit frisch gegr\u00fcndete Moscow Symphony Orchestra unter der Leitung des Poot-Sch\u00fclers Fr\u00e9d\u00e9ric Devreese, der zu der Zeit bereits ein einflussreicher Komponist, vor allem von Filmmusik, war. Die Edition war sowohl klanglich als auch interpretatorisch gelungen, sie hatte nur einen Haken: Sie war in Bezug auf die Sinfonien leider nicht komplett. Es fehlten Einspielungen der ersten, zweiten und vierten von Poots insgesamt sieben Sinfonien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zur selben Firma wie Marco Polo geh\u00f6rende Label Naxos schafft diesem Umstand nun Abhilfe und hat die alten Marco Polo-Aufnahmen in einem veritablen Coup durch historische Aufnahmen, \u00fcberwiegend aus dem Archiv des belgischen Rundfunks, erg\u00e4nzt und sie so zu einem vollst\u00e4ndigen Zyklus komplettiert. Es ergibt sich dadurch ein bunter Strau\u00df an Aufnahmen unterschiedlicher Herkunft, angefangen mit einer Mono-Aufnahme von 1960 (Sinfonie Nr.&nbsp;2) bis hin zum Rundfunkmitschnitt der Ersten Sinfonie aus dem Jahr 1996, der die neueste Aufnahme auf dieser Doppel-CD markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleicherma\u00dfen erfreulich wie erstaunlich ist es, dass dabei kein Flickenteppich herausgekommen ist. Die Toningenieure des belgischen Rundfunks waren offenbar stets auf der H\u00f6he der Zeit, was die Tontechnik anbelangt. Die Mono-Aufnahme von 1960 m\u00f6chte ich klanglich sogar als \u00fcberdurchschnittlich f\u00fcr diese Zeit einstufen. Sie steht auch besten Schallplattenaufnahmen aus dieser Zeit in nichts nach und beeindruckt bis heute durch eine angenehme W\u00e4rme, K\u00f6rperlichkeit und Brillanz. Auch die Aufnahmen der Ersten Sinfonie von 1996 (die einzige, die abgesehen von den Marco Polo-Aufnahmen schon einmal auf CD ver\u00f6ffentlicht worden war) und 1971 f\u00fcgen sich ebenfalls gut in das Klangbild ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Interpretationen sind durch die Bank gut bis herausragend, wobei die Einspielung der zweiten Sinfonie von 1960 durch das Belgian National Radio Symphony Orchestra unter Leitung von Franz Andr\u00e9 klar die beste ist: Hier stimmt einfach alles, von A bis Z \u2013 ein offenbar akribisch vorbereitetes Orchester musiziert hier in vorbildlichster Weise und mit einer Spielfreude und Akribie, wie es den besten Orchestern dieser Zeit sicherlich nicht besser gelungen w\u00e4re. Es ist dies die unbestreitbare Referenzaufnahme auf diesem aber auch sonst durch und durch empfehlenswerten Doppelalbum.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch ist der Werdegang Marcel Poots anhand seiner Sinfonien sch\u00f6n nachzuvollziehen. Die ersten beiden Sinfonien wurden noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Die Dritte Sinfonie setzt 1952 wieder ein, aus den 1960er-Jahren hat Poot keine Sinfonien hinterlassen, und die Sinfonien Nr.&nbsp;4 bis 7 stammen aus den Jahren 1970 bis 1982. S\u00e4mtliche Kompositionen sind kompakt (Spielzeit durchschnittlich etwa 20 min.), dreis\u00e4tzig und einem eher neoklassizistischen Formmodell verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeigt die charmant-beschwingte Erste Sinfonie (1929) wie erw\u00e4hnt noch eine gewisse N\u00e4he zum Pariser Stil der 1920er-Jahre und zur ausgelassenen Erkundung des Jazz, so findet schon in der Zweiten Sinfonie (1937) eine Entwicklung hin zu einem ernsteren und im engeren Sinne auch sinfonischeren Charakter statt. Die Dritte Sinfonie, das erste Nachkriegswerk, ist deutlich expressiver und dissonanter als beide Vorkriegssinfonien, am Ehesten vielleicht mit der Zweiten Sinfonie Arthur Honeggers vergleichbar, ohne jedoch deren Meisterhaftigkeit zu erreichen. Der quasi expressionistische Stil blieb fortan Marcel Poots Idiom, auch in den Werken der 1970er-Jahre, die zunehmend Elemente des Sp\u00e4tstils von Schostakowitsch zu adaptieren scheinen, ohne jedoch die eigene Handschrift zu verlieren. In allen Sinfonien der 1970er-Jahre scheinen die Ideen aber nicht mehr so frisch und unwillk\u00fcrlich zu sein wie in den beiden Vorkriegssinfonien, die ich pers\u00f6nlich f\u00fcr die interessantesten und lohnenswertesten in dieser Gesamtaufnahme halte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Fazit l\u00e4sst sich ziehen, dass Naxos hier einen sehr interessanten und guten Weg gefunden hat, um eine Gesamtschau der Sinfonien des Komponisten Marcel Poot vorzulegen. Es w\u00e4re manch einem Label zu empfehlen, diesem Beispiel zu folgen und die Rundfunkarchive der europ\u00e4ischen L\u00e4nder dahingehend zu durchforsten, ob sich mit dort vorhandenen Aufnahmen nicht wom\u00f6glich komplette Werkzyklen zusammenstellen lassen. Selbst, wenn dies doch einmal in \u201eSt\u00fcckwerk\u201c ausarten sollte, so erscheint mir der Vorteil, eine Gesamtschau eines Zyklus aus dem \u0152uvre eines Komponisten klingend zur Verf\u00fcgung zu haben, zun\u00e4chst einmal wichtiger zu sein, als eine wie auch immer geartete \u201eEinheitlichkeit\u201c zu gew\u00e4hrleisten. Bei diesem Set der Sinfonien Marcel Poots, das sich aus vier verschiedenen Quellen speist, ist es jedenfalls auf beeindruckende Weise gelungen. Gl\u00fcckwunsch ans Label und klare Kaufempfehlung f\u00fcr jeden, der sich f\u00fcr Sinfonien des 20. Jahrhunderts begeistern kann!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ren\u00e9 Brinkmann [Mai 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.574292-93; EAN: 747313429271 Naxos hat den in den 90er Jahren von Marco Polo begonnenen, damals unvollendet gebliebenen Zyklus der Sinfonien Marcel Poots (1901\u20131988) neu aufgelegt und durch die erstmalige Ver\u00f6ffentlichung historischer Rundfunkaufnahmen vervollst\u00e4ndigt. 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