{"id":438,"date":"2016-01-19T10:37:16","date_gmt":"2016-01-19T09:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=438"},"modified":"2016-01-21T23:08:27","modified_gmt":"2016-01-21T22:08:27","slug":"brahmsche-poesie-fuer-violoncello-und-klavier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/19\/brahmsche-poesie-fuer-violoncello-und-klavier\/","title":{"rendered":"Brahms&#8217;sche Poesie f\u00fcr Violoncello und Klavier"},"content":{"rendered":"<p>NAXOS 8.573489, EAN: 7 47313 34897 8<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Brahms_Cover.jpg\" rel=\"attachment wp-att-411\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-411\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Brahms_Cover-300x300.jpg\" alt=\"Brahms_Cover\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Brahms_Cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Brahms_Cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Brahms_Cover.jpg 353w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Neben den beiden Cellosonaten von Johannes Brahms spielen der junge, preisgekr\u00f6nte Cellist Gabriel Schwabe und dessen nicht weniger namhafter Klavierpartner Nicholas Rimmer erstmals sechs Lieder des Komponisten, bearbeitet f\u00fcr ihre Besetzung, ein. Gef\u00f6rdert wurde die von Radio Bremen koproduzierte Aufnahme durch die Deutsche Stiftung Musikleben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den vielen Aufnahmen der beiden Sonaten f\u00fcr Violoncello und Klavier Op. 38 in e-Moll und Op. 99 in F-Dur tendieren nicht wenige dazu, entweder sehr pauschal schwelgerisch die Solostimme herauszustellen oder schnell und trocken bis hin zu nichtssagend zu sein. Umso erfreulicher ist es, wie der noch nicht einmal drei\u00dfigj\u00e4hrige Schwabe und der nicht minder kompetente Rimmer beide Sonaten in ihrer Essenz klug und mit viel Innenleben deuten: Allgemein heben sie die Eigenst\u00e4ndigkeit jeder Stimme klar hervor, gestalten die Themen, Verl\u00e4ufe und das Tempo so, dass sich immer eine geschlossene Struktur hieraus ergibt, ohne dabei jemals akademisch zu wirken. Dank dieser durchdachten Herangehensweise klingen beide Sonaten gr\u00f6\u00dftenteils \u201eperfekt\u201c, als ob es selbstverst\u00e4ndlich und leicht w\u00e4re, so zu musizieren \u2013 was es nat\u00fcrlich nicht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prinzipiell gilt das auch f\u00fcr die eigentliche Novit\u00e4t dieser CD, die sechs ausgew\u00e4hlten Lieder aus verschiedenen Schaffensphasen des Komponisten in Cello-Arrangements. Dadurch, dass Brahms, dessen Liederzyklen immerhin ein Drittel seines gesamten Schaffens ausmachen, diese eher knapp und klanglich homogen schrieb, hatten die beiden Musiker sowohl in ihrer Bearbeitungspraxis als auch in ihrer Ausf\u00fchrung leichtes Spiel. Anders gesagt, erscheint es f\u00fcr Schwabe und Rimmer keine gro\u00dfe Herausforderung, den Liedbearbeitungen Charakter zu verleihen und sie in ihrer individuellen Stimmung auszudeuten. Interessant ist die Auswahl der Lieder, welche die K\u00fcnstler vornahmen und wor\u00fcber der ausf\u00fchrliche und musikwissenschaftlich kompetente Booklettext von Oliver Fraenzke bestens informiert. Wie er schreibt, arbeitete das Duo daran, bewusst Lieder mit weiter entstehungszeitlicher Bandbreite (aus den Jahren 1866 bis 1885) zu w\u00e4hlen, die sich zudem in Melodief\u00fchrung und Transponierbarkeit eignen und nach Bearbeitung f\u00fcr Cello und Klavier eigenst\u00e4ndige, aber dennoch urtexttreue Werke bilden w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<em> Mainacht <\/em>(Op. 43, Nr. 2) wird zu einer dreiteiligen Nocturne, in deren Mittelteil sie das Pathos des originalen melancholischen Liedtextes (\u201e \u2026aber ich wende mich, \/ Suche dunklere Schatten\u201c) angemessen zum Ausdruck bringen. Schwungvoll klingt die <em>Botschaft<\/em> (Op. 47, Nr. 1), was bisweilen auch f\u00fcr die <em>Liebesglut<\/em> (auch Op. 47, Nr. 2) gilt, wobei das Duo auch hier auf Klarheit der Stimmen setzt. Sind diese nun Werke aus den 1860er Jahren, so entstand <em>Verzagen <\/em>(Op. 72, Nr. 4) 1877. Dieses Lied beinhaltet eine noch komplexere Faktur sowohl durch die st\u00e4ndige 32stel-Bewegung als auch durch den weniger strophischen als entwickelnd durchkomponierten Aufbau. Und hier schaffen es Schwabe und Rimmer, ein vergleichsweise gemessenes Tableau aus diesem Lied zu formen, das in seiner Originalgestalt oftmals zu affektiert und dramatisch vorgetragen wird. Die in den 1880er Jahren entstandenen Lieder <em>Sommerabend<\/em> (Op. 85, Nr. 1) und <em>Nachtigall<\/em> (Op.97, Nr. 1) haben sowohl einen pastoralen Text als auch einen eher lyrischen Klangcharakter gemein. Auch hier kann man das Spiel der beiden Musiker und deren Sinn f\u00fcr die richtige Atmosph\u00e4re einfach nur makellos nennen, selbst in einigen wenigen Spitzent\u00f6nen des Cellos, die um keinen Deut intensiver vibriert werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den mehr herausfordernden Sonaten spielen beide K\u00fcnstler \u00e4u\u00dferst sicher und mit vollem Ton, nicht ohne Risiken einzugehen. Im <em>Allegro non troppo <\/em>der ersten Sonate erklingt das Grundthema sicher und gemessen, wogegen die \u00dcberleitung zum Seitenthema in h-Moll mit sehr viel Emotion durchdrungen ist. Bisweilen bewegen sie sich klanglich an der Grenze aller Sicherheit, behalten aber dennoch die Kontrolle und sorgen so beim Zuh\u00f6rer f\u00fcr einige Spannung. Erfreulicherweise wird das Cello selbst in den lauteren Passagen nie zugedeckt. Auch die heiklen Akkordspr\u00fcnge beider Instrumente in der Durchf\u00fchrung gl\u00fccken vollkommen. Die \u00dcberleitung zur Reprise zeichnet sich durch Ruhe und Beherrschung im Zusammenspiel aus und bekr\u00e4ftigt wiederum die Ausgewogenheit zwischen klanglichen Gegens\u00e4tzen. Im <em>Allegretto quasi menuetto <\/em>heben Schwabe und Rimmer das T\u00e4nzerische des Themas deutlich hervor, ohne je ins Vulg\u00e4re zu verfallen. Charakteristisch f\u00fcr dieses Menuett ist mithin die Leichtigkeit, die das Duo dem St\u00fcck angedeihen l\u00e4sst, w\u00e4hrend das fis-Moll-Trio deutlich sensibler, jedoch gefasst wiedergegeben wird. Bez\u00fcglich des finalen <em>Allegros <\/em>kl\u00e4rt Fraenzke dar\u00fcber auf, dass Brahms lange kein passendes Finale einfiel und die schlie\u00dflich komponierte Fuge und ihr komplexes Gewebe problematisch f\u00fcr die Durchh\u00f6rbarkeit werden k\u00f6nne. In der Tat geben auch Schwabe und Rimmer sich h\u00f6rbar M\u00fche, ein zudeckendes Klangvolumen zu vermeiden, wobei sie auch hier ihr oftmals kraftvolles Spiel beibehalten. Allerdings nutzen sie geschickt die weniger kontrapunktischen Passagen, um dynamische wie auch artikulatorische Abwechslung einzubringen, wodurch dieses Finale, fernab jeglicher polyphonen Et\u00fcde, zu einem lebendigen Kehraus wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich souver\u00e4n gestaltet das Duo die zweite Sonate: das er\u00f6ffnende <em>Allegro vivace <\/em>klingt in den Tremoli des Klaviers vital, Schwabe verzichtet in den Cellosynkopen zu Satzbeginn auf pathetische Gesten, beh\u00e4lt aber seinen ausdrucksstarken Ton bei. Da dieser Kopfsatz, im Vergleich zum Vorg\u00e4ngersonate, viel mehr auf Motivkombinationen setzt, macht ihn das in seiner Struktur auch zerkl\u00fcfteter. Schwabe und Rimmer verstehen es, einen erlebbaren Gesamtzusammenhang herzustellen, nicht ohne die verschiedenen Facetten und Klangfarben des Satzes ausgiebig auszuloten. Im <em>Adagio affettuoso <\/em>schreiten die Pizzicati des Cellos gemessen, dabei weder zu langsam noch zu forciert voran, was der melancholischen Stimmung sowie der Formbalance sehr zugute kommt. Obgleich der folgende Satz ein <em>Allegro passionato <\/em>ist, heben die Musiker weniger das Leidenschaftliche als das Geschwinde hervor. Schwabe rei\u00dft gar einzelne T\u00f6ne seiner Stimme nur noch scharf an und verleiht diesem Scherzo somit einen zus\u00e4tzlich makabren Charakter. Die Cellomelodie des Trios wird zwar kantabel hervorgehoben, das Tempo jedoch drosseln Schwabe und Rimmer kaum. Und: niemals klingt es irgendwo \u00fcberhetzt. Die wohl gr\u00f6\u00dfte Herausforderung dieser Sonate ist das abschlie\u00dfende <em>Allegro molto<\/em>: Die absichtliche Belanglosigkeit des F-Dur-Themas fordert viele Kammermusiker insofern, diesem eine tiefere Bedeutung abzugewinnen. Nun nehmen Schwabe und Rimmer die Satzbezeichnung ziemlich w\u00f6rtlich, sprich, auch hier wird der Kehrauscharakter nachdr\u00fccklich betont. Das Nebenthema in a-Moll hat auch etwas Ironisches (wie vielerorts bei Schostakowitsch). Auch hier setzen die beiden Musiker die Kontraste klug ein, indem sie z. B. die erste Episode dieses Rondos im Tempo drosseln, um mehr Tiefe hineinzubringen. Schlussendlich dominiert jedoch das Motorische des Satzes (zumal aufgrund der omnipr\u00e4senten Klaviertriolen), ohne jedoch mechanisch zu wirken. So setzt auch dieser Schlusssatz ein Markenzeichen f\u00fcr zwei junge Musiker, die die Cellosonaten durch ihr lebhaftes und bewusstes Musizieren in angemessener Gestalt und Individualit\u00e4t entstehen lassen und diese CD zu einem sehr empfehlenswerten Ereignis innerhalb der reichen Diskographie machen.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NAXOS 8.573489, EAN: 7 47313 34897 8 Neben den beiden Cellosonaten von Johannes Brahms spielen der junge, preisgekr\u00f6nte Cellist Gabriel Schwabe und dessen nicht weniger namhafter Klavierpartner Nicholas Rimmer erstmals sechs Lieder des Komponisten, bearbeitet f\u00fcr ihre Besetzung, ein. Gef\u00f6rdert wurde die von Radio Bremen koproduzierte Aufnahme durch die Deutsche Stiftung Musikleben. 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