{"id":4389,"date":"2021-05-14T07:00:00","date_gmt":"2021-05-14T05:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4389"},"modified":"2021-05-16T02:39:46","modified_gmt":"2021-05-16T00:39:46","slug":"ueberzeugend-in-sinfonik-und-big-band-stil-ein-livestream-konzert-des-sinfonieorchesters-liechtenstein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/14\/ueberzeugend-in-sinfonik-und-big-band-stil-ein-livestream-konzert-des-sinfonieorchesters-liechtenstein\/","title":{"rendered":"\u00dcberzeugend in Sinfonik und Big-Band-Stil: Ein Livestream-Konzert des Sinfonieorchesters Liechtenstein"},"content":{"rendered":"\n<p>Konzertkritik des Streamingkonzerts (2. Abo-Konzert) des Sinfonieorchesters Liechtenstein am 12.05.2021 in Schaan (Liechtenstein) im Saal am Lindaplatz, Live-\u00dcbertragung via youtube:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Johannes Brahms (1833\u20131897)<\/strong><br \/>Akademische Festouvert\u00fcre, op. 80<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Astor Piazzolla (1921\u20131992)<\/strong><br \/>Aus \u201eL\u2019Histoire du Tango\u201c: II. Caf\u00e9 1930<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Artie Shaw (1910\u20132004)<\/strong><br \/>Klarinettenkonzert<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Johannes Brahms (1833\u20131897)<\/strong><br \/>Klavierquartett in g-Moll, op. 25, f\u00fcr Orchester gesetzt von Arnold Sch\u00f6nberg (1874\u20131951)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sebastian Manz<\/strong>, Klarinette<br \/><strong>Kevin Griffiths<\/strong>, Dirigent<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sinfonieorchester Liechtenstein ist ein hierzulande noch (zu) wenig bekannter Klangk\u00f6rper. Das erst 1988 gegr\u00fcndete Orchester hat in seiner kurzen Geschichte bereits einige Wandlungen durchlaufen und ist erst seit 2012 von einem Projektorchester zu einem professionellen Sinfonieorchester mit einer Besetzung von mehr als 80 Musikerinnen und Musikern gewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung des Orchesters seitdem ist bemerkenswert: Es richtet Abonnementskonzerte aus, in dem akustisch offenbar hervorragenden Saal am Lindaplatz im liechtensteinischen Schaan, die seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig ausverkauft sind, n\u00e4hert sich auch ungew\u00f6hnlicheren Konzertprogrammen an und kann immer wieder durch die Verpflichtung sehr namhafter Gastsolisten begeistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eausverkauften Konzerten\u201c ist es in Zeiten der Corona-Pandemie nun so eine Sache\u2026 Zwar erlaubt die liechtensteinische Regierung inzwischen auch wieder Konzerte mit Beteiligung von Publikum, aber es sind nur wenige Zuschauer zugelassen, und das auch erst seit Kurzem. In Liechtenstein hat man deswegen aus der Not eine Tugend gemacht und hat im Januar 2021 damit begonnen, alle Konzerte professionell zu filmen und live ins Internet zu \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert am 12.05. aus Schaan habe ich mir auf diese Weise (Streaming via youtube) angeschaut. Zun\u00e4chst ist die professionelle Qualit\u00e4t des Angebots hervorzuheben, die sowohl in Belangen von Bildregie als auch in Bezug auf den Sound des Mitschnitts keinerlei W\u00fcnsche offen l\u00e4sst: Hier sind Voll-Profis am Werk, die ihr Handwerk verstehen, und es wird h\u00f6chster Aufwand betrieben, um eine \u00dcbertragung zu gew\u00e4hrleisten, die jener von \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in nichts nachsteht. Das ist hochgradig beeindruckend, und mit so einer Qualit\u00e4t l\u00e4sst sich sicherlich auch au\u00dferhalb der Landesgrenzen des kleinen F\u00fcrstentums ein Publikum f\u00fcr das Livestreaming von Konzerten begeistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm stand in der ersten H\u00e4lfte des Konzerts nach der obligatorischen Konzertouvert\u00fcre (die wunderbar satirisch-sarkastische <em>Akademische Festouvert\u00fcre<\/em> von Johannes Brahms, bestehend aus kunstvoll kontrapunktisch verarbeiteten studentischen Rauf- und Saufliedern) ganz im Zeichen des Solisten des Konzerts: Sebastian Manz. Dieser vielfach ausgezeichnete Klarinettist, u.a. ARD-Preistr\u00e4ger, kam mit einer solch \u00fcberbordenden Energie und einem solchen Empfindungsreichtum auf die B\u00fchne, dass einem schier der Atem stockte: Bereits beim Programmpunkt \u201ePiazzolla\u201c mit dem St\u00fcck <em>Caf\u00e9 1930<\/em> aus der <em>L\u2019Histoire du Tango<\/em>, bearbeitet f\u00fcr Streichorchester und Soloklarinette, war alles dabei \u2013 vom zartesten, wirklich hauchzarten, Pianissimo bis hin zu energischsten Ausbr\u00fcchen. Das h\u00e4tte so manchem Argentinier vor Freude die Tr\u00e4nen in die Augen getrieben, ungeachtet der Tatsache, dass dieses Konzert von Alpengipfeln umrahmt stattfand.<\/p>\n\n\n\n<p>Im nachfolgenden Klarinettenkonzert der Jazz-Legende Artie Shaw konnte es nicht nur Sebastian Manz mal so richtig krachen lassen und zeigen, dass auch ein Jazz-Talent par excellence in ihm steckt, sondern auch die Bl\u00e4sersektion des Sinfonieorchesters Liechtenstein geb\u00e4rdete sich auf das Unterhaltsamste als \u201eBig Band\u201c und gab Soli zum Besten: Alt- und Sopransaxophon, Trompete, Posaune, usw.: Hier durfte jeder ein Solo beisteuern. Was so manches Top-Sinfonieorchester oft nicht so \u00fcberzeugend hinbekommt, wenn es um jazzbeeinflusste Werke geht (oft genug h\u00f6rt man ja staubtrockene <em>Rhapsody-in-Blue<\/em>-Darbietungen), haben die Bl\u00e4ser des Sinfonieorchesters Liechtenstein so \u00fcberzeugend dargeboten, als w\u00e4ren Sie gerade einer professionellen Big-Band entstiegen. Das sp\u00e4rlich anwesende Publikum dankte es den Musikern mit einem tosenden Beifall, als w\u00e4re der Saal rappelvoll gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar, dass Sebastian Manz angesichts dieses Beifalls eine Zugabe geben musste. Dabei handelte es sich um Manz\u2018 eigene Bearbeitungen von Klezmer-Kompositionen Helmut Eisels, auf die der Klarinettist im Zuge seines Studiums aufmerksam geworden war. Um den \u201eorientalischen Effekt zu verst\u00e4rken\u201c (wie Manz sich im interessanten und launigen Konzertpausen-Interview \u00e4u\u00dferte), wurde hierbei auch ein Cajon auf die B\u00fchne gestellt \u2013 etwas ulkig anzusehen, wie der in schwarzem Anzug gekleidete Perkussionist des Sinfonieorchesters dann auf diesem Holzkasten Platz nahm und sich mit grooviger Geste dem levantinischen Rhythmus widmete.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Konzertpause gab es Interviews mit Sebastian Manz und Dirigent Kevin Griffiths zu sehen. Letzterer hat seine Aufgabe hier \u00fcbrigens sehr \u00fcberzeugend gemacht, dies zumal bei rhythmisch anspruchsvollen Werken, die unter Beteiligung von Schlagzeug (Artie Shaw) und Cajon durchaus das Potenzial zu rhythmischer Verwirrung und Verzettelung besessen h\u00e4tten, w\u00e4re da nicht Griffiths gewesen, der alles mit angenehm unauff\u00e4lliger aber eindeutiger Schlagtechnik und Gestik steuerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Konzerth\u00e4lfte stand wieder ganz unter dem Banner des geb\u00fcrtigen Hamburgers Brahms. Arnold Sch\u00f6nbergs Bearbeitung von Brahms&#8216; Klavierquartett Nr. 1 op. 25, gesetzt f\u00fcr gro\u00dfes Orchester, stand auf dem Programm. Das viers\u00e4tzige Mammutwerk entwickelte sich in Sch\u00f6nbergs Bearbeitung im Prinzip zu einer Sinfonie. Letztendlich war dies aber mehr Sch\u00f6nberg als Brahms, auch wenn Griffiths im Pauseninterview versicherte, Sch\u00f6nberg habe sich so genau wie m\u00f6glich an Brahms\u2018 eigene Orchestrierungen gehalten und versucht, den Stil des Altvorderen in seine Bearbeitung zu \u00fcbernehmen. Die insgesamt trocken klingende Orchestrierung wirkte auf mich so wie ein Bauhaus-Anbau an einer Gr\u00fcnderzeitvilla \u2013 um es einmal bildlich zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00f6chst anspruchsvolle Werk verlangte dann noch einmal alles ab von einem Orchester, das bedingt durch die Corona-Auflagen mit sehr gro\u00dfen Abst\u00e4nden auf der B\u00fchne sa\u00df und es somit sicherlich nicht einfach hatte bei diesem Brahms-typisch mit allen Finessen durchsetzten, komplexen Werk. So wirkte dann auch manche Phrasierung nicht ganz schl\u00fcssig, und ob es nach dem heiter-be-swingten ersten Konzertabschnitt so klug war, im zweiten Teil des Konzerts \u00fcber eine geschlagene Dreiviertelstunde so fordernde Musik feilzubieten, die im Prinzip h\u00f6chste Konzentration auch bei den H\u00f6rern beansprucht, das lasse ich hier mal dahingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem war dies aber ein sehr gelungener Konzertabend, und die Streamingkonzerte des Sinfonieorchesters Liechtenstein sind ein Beispiel daf\u00fcr, wie man einerseits auch aus der musikalischen Provinz \u00fcberregional als Klangk\u00f6rper ein Publikum erobern kann, wenn die musikalische und technische Umsetzung so \u00fcberzeugend gelingt, wie an diesem Abend in Schaan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ren\u00e9 Brinkmann [Mai 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konzertkritik des Streamingkonzerts (2. 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