{"id":4396,"date":"2021-05-17T10:20:00","date_gmt":"2021-05-17T08:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4396"},"modified":"2021-05-24T04:29:41","modified_gmt":"2021-05-24T02:29:41","slug":"fritz-brun-adriano-brilliant-classics-ein-schweizer-bergmassiv-mit-zehn-gipfeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/17\/fritz-brun-adriano-brilliant-classics-ein-schweizer-bergmassiv-mit-zehn-gipfeln\/","title":{"rendered":"Ein Schweizer Bergmassiv mit zehn Gipfeln"},"content":{"rendered":"\n<p>Brilliant Classics, 99784; EAN: 5 028421 957845<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Brilliant.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Brilliant.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4397\" width=\"539\" height=\"539\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Brilliant.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Brilliant-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Brilliant-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 539px) 100vw, 539px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Brilliant Classics pr\u00e4sentiert das gesamte Orchesterwerk des bedeutenden Schweizer Symphonikers Fritz Brun (1878\u20131959) in einer preiswerten 11-CD-Packung. In den urspr\u00fcnglich bei Guild und Sterling erschienenen Aufnahmen sind das Moscow Symphony Orchestra und das Bratislava Symphony Orchestra unter der Leitung von Adriano zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Schweizer Dirigent Adriano ist ein Musiker, der ganz aus dem Studio heraus wirkt. Ohne je im Konzertsaal aufgetreten zu sein, hat er seit den 1980er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Symphonie-Orchester des Slowakischen Rundfunks, dem Bratislava Symphony Orchestra und dem Moscow Symphony Orchestra ein umfangreiches diskographisches Werk geschaffen, das \u00fcberwiegend bei Marco Polo\/Naxos, Sterling und Guild erschienen ist. Sein besonderes Augenmerk galt dabei stets der F\u00f6rderung vernachl\u00e4ssigter Kompositionen. Bei einem nicht geringen Teil der Aufnahmen Adrianos handelt es sich um Ersteinspielungen, und wiederholt ist es vorgekommen, dass der Dirigent das Orchestermaterial anhand unver\u00f6ffentlichter Manuskripte selbst erstellt hat. Schwerpunkte in Adrianos Diskographie bilden das Schaffen Ottorino Respighis, von dem er mehrere fr\u00fche Orchesterwerke sowie die Opern <em>La bella dormente nel bosco<\/em> und <em>Lucrezia<\/em> als erster auf CD brachte, Filmmusik (u.&nbsp;a. jeweils vier Arthur Honegger und Georges Auric gewidmete CDs) und Werke schweizerischer Komponisten. In letzterer Kategorie leistete er Pionierarbeit f\u00fcr \u00c9mile Jaques-Dalcroze (3 CDs), Pierre Maurice, den v\u00f6llig \u00fcbersehenen Wagnerianer Albert Rudolph F\u00e4sy, den in der Schweiz lebenden Amerikaner George Templeton Strong (3 CDs), sowie f\u00fcr Hermann Suters gro\u00dfartige d-Moll-Symphonie. Zu nennen w\u00e4ren weiterhin die Ersteinspielung der Symphonie Nr. 1 des N\u00fcrnberger \u201eMetamorphosen-Symphonikers\u201c Martin Scherber und zwei CDs mit Werken des jung gestorbenen Italieners Mario Pilati. Den H\u00f6hepunkt von Adrianos Wirken als Dirigent und musikalischer Entdecker markiert dabei zweifelsohne seine Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Fritz Brun, die er zwischen 2003 und 2015 mit dem Moscow Symphony Orchestra und dem Bratislava Symphony Orchestra auf zehn CDs festhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Fritz Brun war Schweizer. 1878 in Luzern geboren, ging er 19-j\u00e4hrig nach K\u00f6ln, um bei Franz W\u00fcllner Komposition und Dirigieren zu studieren. Nach kurzen Intermezzi als Hauspianist des kunstsinnigen Prinzen Georg von Preu\u00dfen in Berlin, sowie als Klavierlehrer in London und Dortmund, kehrte er 1903 in die Schweiz zur\u00fcck und lie\u00df sich in Bern nieder, wo ihn die Bernische Musikgesellschaft 1909 zum Generalmusikdirektor berief. Als Dirigent des Berner Stadtorchesters, der Liedertafel und des C\u00e4cilienvereins war Brun \u00fcber drei Jahrzehnte der wichtigste Musiker der Stadt und eine der herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten im Musikleben der Schweiz. Gastspiele u.&nbsp;a. in Paris und Rom belegen sein Ansehen auch im Ausland. 1941 trat er in den Ruhestand und lebte in Morcote am Luganer See bis zu seinem Tode 1959 nur noch seinem Schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinem Haus in Morcote hat Brun den Namen <em>Casa Independenza<\/em> gegeben. Das ist durchaus auch als Programm f\u00fcr sein kompositorisches Lebenswerk zu verstehen, denn ein Unabh\u00e4ngiger war Fritz Brun als sch\u00f6pferischer K\u00fcnstler von Anfang an. Gewiss kann man ihn einen Traditionalisten nennen und jedes seiner Werke ein Klang gewordenes Bekenntnis zu einer gro\u00dfen Tradition \u2013 namentlich zur durch tonale Beziehungen gegliederten instrumentalen Gro\u00dfform, wie sie beispielhaft von Johannes Brahms repr\u00e4sentiert wird \u2013, doch hat sich Brun nie von Vorbildern abh\u00e4ngig gemacht und l\u00e4sst sich entsprechend auch keiner \u201eSchule\u201c zurechnen. Den Meistern der Vergangenheit gegen\u00fcber nimmt er die Haltung eines dankbaren Erben ein, aber eines, der mit dem \u00fcberkommenen Gut nach eigenen Vorstellungen waltet. Die entspannte Haltung eines souver\u00e4nen Charakters zeigt sich auch in seinem Verh\u00e4ltnis zu den modernistischen Str\u00f6mungen seiner Zeit. So besch\u00e4ftigte er sich in den 1920er Jahren intensiv mit dem \u201eProblem der atonalen Auflockerung\u201c, zu welcher er meinte: \u201eIch stehe ihr feindlich gegen\u00fcber, wenn sie sinnlos, phantasielos dem Schreiben einer \u00f6den Papiermusik verf\u00e4llt, sie fesselt mich in hohem Grade, wenn sich K\u00f6pfe wie Strawinsky und Schoeck mit ihr befassen.\u201c Was Brun hier als \u201eatonal\u201c bezeichnet, ist \u2013 die Erw\u00e4hnung Igor Strawinskys und Othmar Schoecks deutet bereits darauf hin \u2013 eine freie Dissonanzbildung und Stimmf\u00fchrung, die sich vom Funktionsakkorddenken und schulm\u00e4\u00dfig kontrapunktischen Regelwerk des 19.&nbsp;Jahrhunderts l\u00f6st, jedoch keine wirkliche Atonalit\u00e4t im Sinne harmonischer Beziehungslosigkeit. Seine St\u00fccke anhand klarer tonaler Zusammenh\u00e4nge aufzubauen, blieb ihm eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, auch wenn er, gerade in den Werken seiner mittleren Schaffensperiode um 1930, eine an scharfen Dissonanzen reiche Harmonik kultivierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-dirigiert-Guild.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-dirigiert-Guild.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4398\" width=\"332\" height=\"353\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-dirigiert-Guild.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-dirigiert-Guild-283x300.jpg 283w\" sizes=\"(max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Brun war vor allem Orchesterkomponist. Im Zentrum seines sch\u00f6pferischen Lebenswerkes stehen zehn Symphonien, die zwischen 1901 und 1953 vollendet wurden. Sie bilden das R\u00fcckgrat der vorliegenden, nunmehr von Brilliant Classics in einer Box zusammengefassten 11-CD-Edition. Hinzu kommen vier eins\u00e4tzige Orchesterwerke, von denen die Symphonische Dichtung <em>Aus dem Buch Hiob<\/em> dem Fr\u00fchwerk angeh\u00f6rt; der Symphonische Prolog und die <em>Ouvert\u00fcre zu einer Jubil\u00e4umsfeier<\/em> stammen aus sp\u00e4teren Jahren, die Rhapsodie von 1957 ist Bruns letztes Werk \u00fcberhaupt. An konzertanten Kompositionen hinterlie\u00df Brun ein Violoncello- und ein Klavierkonzert sowie ein eins\u00e4tziges Divertimento und einen Variationszyklus f\u00fcr Klavier und Streichorchester. Auch alle diese St\u00fccke geh\u00f6ren seinem Sp\u00e4twerk an. Auf Vollst\u00e4ndigkeit bedacht, hat Adriano nicht nur Bruns orchestrale Instrumentalmusik eingespielt, sondern sich auch seinen beiden Chorwerken mit Orchester gewidmet: <em>Verhei\u00dfung<\/em> f\u00fcr gemischten Chor, Orgel und Orchester (Bruns gr\u00f6\u00dftbesetztes Werk) und <em>Grenzen der Menschheit<\/em> f\u00fcr M\u00e4nnerchor und Orchester, beide auf Texte von Goethe. Au\u00dferdem sind in der Werkschau f\u00fcnf Lieder f\u00fcr Altstimme und Klavier enthalten, die Adriano f\u00fcr Streichsextettbegleitung arrangierte (Liedbearbeitungen dieser Art sind eine Spezialit\u00e4t des Dirigenten), sowie drei Klavierlieder von Othmar Schoeck, denen Fritz Brun zu einem orchestralen Klanggewand verholfen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Blick auf Schoeck lohnt sich, will man H\u00f6rern, die Brun noch nicht kennen, eine ungef\u00e4hre Vorstellung davon geben, was sie in dessen Musik erwartet, handelt es sich doch bei Schoeck um denjenigen unter Bruns komponierenden Zeitgenossen, dem dieser sich k\u00fcnstlerisch und menschlich besonders eng verbunden f\u00fchlte. Beide Komponisten widmeten einander Werke, dirigierten Auff\u00fchrungen der St\u00fccke des jeweils anderen, und verbrachten, seit 1908 gut befreundet, auch privat regelm\u00e4\u00dfig Zeit zusammen, wanderten beispielsweise in jungen Jahren zweimal nach Italien (auf der zweiten Reise zusammen mit Hermann Hesse). Ihre fr\u00fchen Briefe pflegten sie, nach ihren Lieblingskomponisten, mit \u201eJohannes\u201c (Brahms = Brun) und \u201eHugo\u201c (Wolf = Schoeck) zu unterschreiben. Die Namen verraten, wie beide sich selbst sahen \u2013 und es ist der Freundschaft gewiss nicht abtr\u00e4glich gewesen, dass sie einander nicht als Konkurrenten betrachteten: Schoeck schrieb, wie Wolf, keine Symphonien und \u00fcberhaupt vergleichsweise wenig Instrumentalmusik, Brun, wie Brahms ein ausgesprochener Sonatenkomponist, keine Opern und nur sehr wenige Lieder. Die \u0152uvres beider erg\u00e4nzen einander, als handelte es sich um zwei Seiten einer Medaille. Gewisserma\u00dfen haben Brun und Schoeck die gleiche stilistische Haltung in unterschiedlichen Genres kultiviert: Brun in der instrumentalen Gro\u00dfform, Schoeck in der Oper und der lyrischen Miniatur. Beide nehmen auch eine ganz \u00e4hnliche stilistische Entwicklung, schaffen ihr Fr\u00fchwerk in direkter Nachfolge der Meister, nach denen sie ihre Freundschaftsnamen gew\u00e4hlt haben, durchlaufen in mittleren Jahren eine Phase \u201eexpressionistischer\u201c Dissonanzballungen (Schoeck: <em>Penthesilea<\/em>) und finden schlie\u00dflich zu einem vergeistigten, abgekl\u00e4rten Sp\u00e4tstil, der die Errungenschaften der fr\u00fchen und mittleren Werke gleichsam transzendiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Schoeck ist Brun ein ungemein einfallsreicher Harmoniker, der sich auf feinste \u00dcberg\u00e4nge versteht, den Einzugsbereich einer Tonart mit zahlreichen Nebenharmonien und Zwischenstufen vielfarbig auszugestalten wei\u00df, und dissonante Vorhalte in verschiedenen Spannungsgraden dazu nutzt, das Geschehen reizvoll in der Schwebe zu halten. Hinsichtlich der Melodiebildung und des Periodenbaus neigt Brun schon fr\u00fchzeitig zu dem, was Arnold Sch\u00f6nberg \u201emusikalische Prosa\u201c nennt. Auch liebt er den polyphonen Tonsatz, gerade die mittleren und sp\u00e4ten Werke sind gepr\u00e4gt von einem fein ver\u00e4stelten Miteinander der Stimmen, in welchem die Hauptmotive best\u00e4ndig variiert werden. Bruns Musik ist, wie Max Reger gesagt h\u00e4tte, \u201ebis in die \u00e4u\u00dfersten Zweiglein durchgebildet\u201c. W\u00e4hrend jedoch manche seiner Zeitgenossen unter \u00e4hnlichen Voraussetzungen einen \u00fcppig-geschmeidigen \u201eJugendstil\u201c kultivieren, wirkt Brun sehr bodenst\u00e4ndig, mitunter geradezu urig. Auch liebt er starke Stimmungskontraste: Schattige Idyllen, gemalt in exquisitem harmonisch-instrumentatorischem Chiaroscuro, gibt es in seinen Werken ebenso wie steile, schroffe Felsw\u00e4nde und hoch aufragende Gipfelzinnen. Den ersten Satz der Dritten Symphonie charakterisierte der Komponist gar selbst als \u201eanorganisches, einsames, feindliches\u201c Hochgebirge.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen guten Einstieg in Bruns Welt bietet die Achte Symphonie von 1942, in deren Anfangstakten man die Kunstgriffe des Komponisten wunderbar in nuce nachvollziehen kann. Der Kopfsatz beginnt heftig bewegt mit irregul\u00e4r periodisierten Fanfarenkl\u00e4ngen. Der unharmonisierte erste Ton ist E, Dominante der angegebenen Haupttonart A-Dur. Bevor diese eintritt, erscheinen als erste Harmonien Mollkl\u00e4nge: cis, f, d. Letzteres f\u00fchrt als Subdominante in eine Kadenz nach A-Dur, doch nach einem einzelnen kurzen Tonika-Akkord geht es sofort unruhig weiter. Brun gelingt hier das Kunstst\u00fcck eine Musik zu schreiben, die fest in A-Dur verankert ist, sich aber \u00fcber weite Strecken in Nebenharmonien der Haupttonart bewegt und, da die Phrasen h\u00e4ufig Moll-Akkorde als Ziel ansteuern, eher Moll- als Dur-Charakter aufweist. Den vier S\u00e4tzen der Symphonie liegt als Idee die Abfolge der Tageszeiten zugrunde. Der erste Satz mit seiner unruhigen Stimmung gibt das treffliche Bild eines betriebsamen Tagesgeschehens. Dem weit ausgesponnenen zweiten Satz liegt als Refrainthema das alte Berner Volkslied \u201eSch\u00f6nster Abest\u00e4rn\u201c zugrunde, das in mehreren Zwischenepisoden auf vielf\u00e4ltige Weise verwandelt wird. An dritter Stelle folgt \u2013 vom Tempo her ein weiterer langsamer Satz, doch nach dem zweiten durchaus beschwingt wirkend \u2013 ein bezauberndes Notturno mit einem beinahe konzertanten Solo f\u00fcr die Bassklarinette. Das Finale steht in a-Moll, hebt in m\u00e4\u00dfiger Bewegung an und entwickelt nach und nach immer mehr Aktivit\u00e4t, bis es, wie der Morgen in den Mittag, in die Er\u00f6ffnungsfanfare des Kopfsatzes einm\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruns Symphoniestil erscheint erstmals in der 1930 uraufgef\u00fchrten F\u00fcnften Symphonie zu voller Reife ausgepr\u00e4gt. Dieses St\u00fcck kann mit Fug und Recht ein Extremwerk genannt werden. In Bruns Schaffen nimmt es einen \u00e4hnlichen Platz ein wie die <em>Penthesilea<\/em> bei Othmar Schoeck, oder auch die ein paar Jahre sp\u00e4ter entstandene Vierte Symphonie von Ralph Vaughan Williams im Werk ihres Komponisten. Wenn man liest, die Symphonie stehe in Es-Dur, so lasse man am besten jeden Gedanken an Beethovens <em>Eroica<\/em>, an Schumanns <em>Rheinische<\/em> oder an Bruckners <em>Romantische<\/em> beiseite! Das Thema der er\u00f6ffnenden Chaconne ist so stark von Chromatik gepr\u00e4gt, dass die Melodie als solche keinen Dur-Eindruck aufkommen l\u00e4sst. Auch in der Harmonisierung vermeidet Brun lange Zeit die Festigung der nominellen Haupttonart. Geschickt baut er in den Variationen Spannung auf und ab, doch handelt es sich um Abstufungen von Dissonanzgraden. Es brodelt best\u00e4ndig in diesem von grellen Kontrasten gepr\u00e4gten Satz, die nerv\u00f6se Unruhe verschwindet nicht. Erst ganz am Ende erscheint das Thema in eindeutiger Es-Dur-Harmonisierung glanzvoll im Tutti. Man g\u00f6nne der Tonart diesen Triumph, denn es bleibt der einzige im ganzen Werk! Die Siegesstimmung wird umgehend durch ein schattenhaft dahinhuschendes Scherzo durchkreuzt. Auch der langsame Satz bringt keine Aufhellung: Brun schrieb ihn als Trauermusik im Gedenken an seinen Freund, Kapellmeisterkollegen und Mitsymphoniker Hermann Suter. Der Finalsatz ist eine Fuge, deren Thema aus einem Motiv des dritten Satzes gewonnen wurde. \u00c4hnlich Beethovens Gro\u00dfer Fuge und den Fugen des deutschen Brun-Zeitgenossen Heinrich Kaminski verwandelt sich das Thema im Verlauf des St\u00fcckes, sodass das wiederkehrende Chaconne-Thema des Kopfsatzes als weitere Variation des Fugenthemas erscheint. \u201eKontraste, Konflikte\u201c hei\u00dft eine geniale Symphonie des eine Generation j\u00fcngeren ostdeutschen Meisters Ernst Hermann Meyer. Dies w\u00e4re auch ein passender Titel f\u00fcr das Finale von Bruns F\u00fcnfter. Die Konflikte der ersten drei S\u00e4tze werden in diesem St\u00fcck nicht gel\u00f6st, sondern mittels intensivierter Kontrapunktik noch versch\u00e4rft, bis in es-Moll ein Ende mit Schrecken gemacht wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Guild.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Guild.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4399\" width=\"344\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Guild.jpg 500w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Guild-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Guild-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcber weite Strecken behandelt Brun in der F\u00fcnften Symphonie das Orchester wie ein gro\u00dfes Kammermusikensemble. Diese Tendenz setzt sich in der Sechsten (C-Dur) fort, die in vielerlei Hinsicht wie ein lichtes Gegenst\u00fcck zu dem Vorg\u00e4ngerwerk wirkt. Begann dieses mit einem Variationssatz, so dient in der Sechsten ein solcher als Finale. Trotz der Moll-Tonart macht er verglichen mit dem Kopfsatz der F\u00fcnften einen geradezu freudigen, zuversichtlichen Eindruck, und m\u00fcndet auch folgerichtig in eine strahlende Dur-Coda. Wie Nr.&nbsp;6 so hat auch Nr.&nbsp;7 in D-Dur einen relativ knappen, vergleichsweise leichtgewichtigen Kopfsatz in m\u00e4\u00dfig langsamem Tempo. Lie\u00df Brun die Sechste ausdr\u00fccklich mit einem \u201ePr\u00e4ludium\u201c beginnen, so er\u00f6ffnet er die Siebte mit einem \u201eNachklang\u201c: Was nachklingt, ist ein Motiv aus Schoecks Oper <em>Venus<\/em>, das Brun nicht w\u00f6rtlich verwendet, sondern \u2013 eben wie es in ihm nachgeklungen hat \u2013 bereits in verwandelter Form verarbeitet. Nach dem spukhaften Scherzo der F\u00fcnften und dem derb stampfenden der Sechsten, k\u00f6nnte man den entsprechenden Satz der Siebten Symphonie eine phantastische Jagdszene nennen. An dritter Stelle folgt, \u00e4hnlich der Sechsten, ein zartes St\u00fcck in melancholischem Serenadenton. Wie die Symphonien Nr. 5, 6 und 8, die alle nominell in Dur-Tonarten stehen, besitzt auch die Siebte ein Finale in Moll. Fast doppelt so lang wie der Kopfsatz, ist es fraglos der gewichtigste Abschnitt der Symphonie und zeigt seinen Komponisten vom unruhigen, zur\u00fcckhaltenden Beginn bis zum choralartigen Schluss, der wahrhaft \u201ehochgebirgig\u201c klingt, als Meister des weitr\u00e4umigen Spannungsaufbaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden letzten Symphonien, die Brun als \u00fcber 70-J\u00e4hriger komponierte, setzen sich recht deutlich von den vorangegangen ab und wirken wie zwei unterschiedliche Entw\u00fcrfe zu einem \u201ealtersweisen\u201c symphonischen Schlusswort. Die Neunte (F-Dur) ist wie Nr. 5\u20138 eine ausgesprochene Finalsymphonie, l\u00e4sst jedoch dem viertelst\u00fcndigen, ernsten Andante, mit dem sie schlie\u00dft (\u201eGlaube und Zweifel \u2013 Lob Gottes und der Natur\u201c), vier ziemlich kurze S\u00e4tze voller pittoresker Elemente vorangehen (\u201ePr\u00e4ludium\u201c, \u201eSerenade\u201c, \u201eLiebesruf\u201c, \u201eIm Kreis der Freunde\u201c) \u2013 die Monumentalsymphonik fr\u00fcherer Jahre erscheint ins Idyllische sublimiert. In der Zehnten (B-Dur) schlie\u00dflich, der k\u00fcrzesten aller Symphonien Bruns, verschwindet auch die Gewichtung des Finalsatzes. Alle Monumentalit\u00e4t bleibt beiseite; das Werk pr\u00e4sentiert sich durchweg als heiter-abgekl\u00e4rtes Musizieren eines gereiften, feinsinnigen Komponisten, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Brun seine Erste Symphonie bereits mit 23 Jahren schrieb, entwickelte sich sein Personalstil vergleichsweise langsam. Die ersten vier Symphonien bilden gleichsam die Wegmarken dieser Entwicklung. Nr.&nbsp;1 in h-Moll verh\u00e4lt sich zu den sp\u00e4teren Werken ungef\u00e4hr wie Bruckners Erste zu dessen sp\u00e4teren Symphonien: Der Komponist schreibt noch nicht in seinem sp\u00e4teren Stil, aber er schreibt mit unverkennbar individueller Note. Es handelt sich um Bruns Abschlussarbeit am K\u00f6lner Konservatorium, seine erste Orchesterkomposition \u00fcberhaupt, doch spricht aus dem Werk kein Anf\u00e4nger, sondern ein junger Meister. Brun stellt sich merklich in die Tradition von Brahms, auf den er mehrfach direkt anzuspielen scheint. Gerade diese Ankl\u00e4nge zeigen Bruns Souver\u00e4nit\u00e4t im Umgang mit dem Vorbild: Er imitiert nicht, er kommentiert. Man h\u00f6re sich etwa den Beginn des Finales an und vergleiche ihn mit den entsprechenden Stellen in Brahmsens Zweiter und Dritter Symphonie! Auch in der Instrumentation geht er eigene Wege, weist etwa den Blechbl\u00e4sern gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu als Brahms dies tat. Bereits in dieser Symphonie neigt Brun zu schroffen Kontrasten. Besonders originell ist der Schluss: Die Musik scheint einen kraftvollen Ausklang anzustreben, f\u00e4llt jedoch binnen wenigen Takten in sich zusammen, als w\u00fcrde sie pl\u00f6tzlich in einem Abgrund versinken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Sterling.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Sterling.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4400\" width=\"354\" height=\"362\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Sterling.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Brun-Sterling-294x300.jpg 294w\" sizes=\"(max-width: 354px) 100vw, 354px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Symphonien Nr. 2\u20134 wirken weniger stringent als dieser sehr gelungene Erstling, schlagen jedoch pers\u00f6nlichere T\u00f6ne an. Das Vorbild Brahms ist in der lyrischen Zweiten (B-Dur) mit ihrem volkst\u00fcmlich-verspielten Finale nur noch an wenigen Stellen pr\u00e4sent. In der dreis\u00e4tzigen Dritten (d-Moll) sch\u00e4rft sich Bruns individuelles Profil bedeutend. Namentlich im Rhythmischen steckt das \u00fcber einst\u00fcndige Werk voller interessanter Einzelheiten. Zwar ist Nr.&nbsp;3 tats\u00e4chlich Bruns l\u00e4ngste Symphonie, doch klingt sie auch deutlich l\u00e4nger als die \u00fcbrigen \u2013 der Schwung der Ersten ist nahezu ganz verschwunden, selbst die \u201eAllegro\u201c-Ecks\u00e4tze schleppen sich mit der Schwerf\u00e4lligkeit eines Alpengletschers voran. Auch in der Vierten (E-Dur) dominieren beh\u00e4bige Zeitma\u00dfe, doch schreibt Brun hier wieder fl\u00fcssiger. Einen selbstst\u00e4ndigen langsamen Satz enth\u00e4lt das Werk nicht, dessen Funktion wird gewisserma\u00dfen auf das Trio des Scherzos und die langsame Einleitung zum Finale verteilt. Der Stil der sp\u00e4teren Werke k\u00fcndigt sich schon deutlich an, namentlich in den dissonanten Harmonien und stampfenden Rhythmen des Scherzos. Brun war im Bezug auf diese Symphonie \u00fcbrigens der Meinung, sie sei insoweit \u201emangelhaft\u201c, als dass er sie \u201emit Bruckner im Nacken\u201c niedergeschrieben habe. Ein seltsamer Selbstvorwurf, denn weder klingt das Werk stilistisch uneigenst\u00e4ndig, noch besonders brucknerisch \u2013 bestenfalls ganz entfernte Ankl\u00e4nge an Bruckners Siebte Symphonie lie\u00dfen sich anf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier eins\u00e4tzigen Orchesterwerke Bruns unterscheiden sich deutlich voneinander. <em>Aus dem Buch Hiob<\/em>, seine einzige Symphonische Dichtung, datiert aus den Jahren zwischen der Ersten und Zweiten Symphonie. Anscheinend versuchte sich der Komponist, gerade weil er in der Ersten Symphonie auf Brahmsens Spuren wandelte, nun in programmatischer Musik. Das Werk ist im Wesentlichen ein dunkel get\u00f6ntes gro\u00dfes Adagio mit belebteren Episoden. Auf einer H\u00f6he mit den mittleren und sp\u00e4ten Symphonien steht der monumentale Symphonische Prolog von 1944, ein ausgedehnter Allegrosatz mit langsamer Einleitung. In der <em>Ouvert\u00fcre zu einer Jubil\u00e4umsfeier<\/em> verarbeitet Brun geistreich und unterhaltsam ein Berner Volkslied, das aber erst am Ende in seiner Originalgestalt erklingt. Der Effekt \u00e4hnelt dem Schluss der <em>Akademischen Festouvert\u00fcre<\/em> von Brahms, zu welcher Bruns Werk ein w\u00fcrdiges Gegenst\u00fcck darstellt. Als letztes Werk \u00fcberhaupt komponierte Brun mit fast 80 Jahren eine zehnmin\u00fctige Rhapsodie. Adriano scheint mir das Werk in seinem Kommentar zu untersch\u00e4tzen, denn ein Nachlassen der Sch\u00f6pferkraft vermag ich hier nicht festzustellen. Rhapsodisch im Sinne von \u201eaus heterogenen Elementen zusammengesetzt\u201c ist das Werk nicht, vielmehr zeigt sich Fritz Brun hier ein letztes Mal als Meister in der Kunst motivischer Verwandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Komponist konzertanter Werke ist Brun erst sp\u00e4t t\u00e4tig geworden. Die beiden dreis\u00e4tzigen Konzerte f\u00fcr Violoncello und f\u00fcr Klavier datieren aus der Zeit zwischen der Achten und Neunten Symphonie, ebenso die Variationen f\u00fcr Streichorchester und Klavier. Das Divertimento f\u00fcr Klavier und Streicher geh\u00f6rt zu seinen letzten Werken. Wie Brahms blo\u00dfer Effekthascherei abhold, vermeidet Brun \u00e4u\u00dferliche Brillanz in der Gestaltung der Solopartien. Soloinstrument und Orchester agieren stets eng miteinander verzahnt als gleichberechtigte Partner in einem teils symphonisch, teils kammermusikalisch anmutenden Geschehen. Die Variationen und das Divertimento sind hochwertige Beitr\u00e4ge zur konzertanten Literatur f\u00fcr Kammerorchester. Die beiden gro\u00dfen Konzerte d\u00fcrften zu den technisch und musikalisch anspruchsvollsten ihrer Art geh\u00f6ren und stellen gerade die Solisten vor gro\u00dfe, aber auch durchaus lohnende Herausforderungen im Hinblick auf die Erfassung motivischer Zusammenh\u00e4nge, denn da Brun das best\u00e4ndige Variieren liebt, l\u00e4sst er die Themen in den Solostimmen in immer neuen Varianten auftreten.<\/p>\n\n\n\n<p>An Vokalmusik hat Brun vor allem A-cappella-Ch\u00f6re hinterlassen, w\u00e4hrend er nur selten instrumental begleitete Gesangsst\u00fccke schrieb. Die f\u00fcnf Klavierlieder, deren Begleitung Adriano sehr ansprechend f\u00fcr Streichsextett gesetzt hat, stellen nichts weniger als etwa die H\u00e4lfte der Beitr\u00e4ge des Komponisten zu dieser Gattung dar. Es m\u00f6gen Nebenwerke sein, und sie m\u00f6gen eine Vergleichung mit den drei Liedern Othmar Schoecks, die in Bruns Orchesterfassung ebenfalls Teil der Brilliant-Edition sind, nicht eigentlich aushalten, doch sind es nichtsdestoweniger Nebenwerke eines Meisters. Als Hauptwerke auf vokalem Gebiet k\u00f6nnen dagegen die beiden orchesterbegleiteten Goethe-Ch\u00f6re gelten, die sich durch kr\u00e4ftige Kontraste und eine herbe, aus linearer Polyphonie gewonnene Harmonik auszeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Lebzeiten war Fritz Brun in seiner Heimat ein sehr angesehener Komponist, was sich nicht nur an verschiedenen Preisen zeigt, die ihm verliehen wurden, sondern auch daran, dass seine Symphonien stets kurz nach ihrer Vollendung uraufgef\u00fchrt wurden, um anschlie\u00dfend von verschiedenen Schweizer Orchestern nachgespielt zu werden. Illustre Dirigenten nahmen sich der Werke an; insbesondere auf Volkmar Andreae und Hermann Scherchen konnte Brun z\u00e4hlen. So war etwa die F\u00fcnfte Symphonie 1930 innerhalb von sechs Wochen nach ihrer Urauff\u00fchrung durch Andreae in Z\u00fcrich auch in Winterthur unter Scherchen und in Bern unter Brun selbst zu h\u00f6ren. Auch leitete Scherchen 1933 eine Probeauff\u00fchrung der Sechsten Symphonie in Winterthur und dirigierte das Werk, nachdem es im Folgejahr durch Andreae in Z\u00fcrich offiziell uraufgef\u00fchrt worden war, an drei aufeinanderfolgenden Tagen in Winterthur und Bern. Weit weniger Gl\u00fcck hatte Brun allerdings mit der Drucklegung seiner Werke. Es ist angesichts der Originalit\u00e4t und Qualit\u00e4t seiner Werke v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, warum bis zum heutigen Tage seine s\u00e4mtlichen Symphonien, mit Ausnahme der Nummern 2 bis 4, lediglich Manuskript geblieben sind! Auch von den Konzerten gibt es keine gedruckten Partituren. Einzig die von Adriano erstellten Klavierausz\u00fcge des Cello- und des Klavierkonzerts sind ver\u00f6ffentlicht. Insofern ist diese Gesamtaufnahme auch als ein Pl\u00e4doyer zu verstehen, all diesen St\u00fccken zu einer angemessenen Verbreitung durch den Druck zu verhelfen; ein Pl\u00e4doyer, dem sich der Verfasser dieser Zeilen gern anschlie\u00dfen m\u00f6chte. Verleger hervor! Wer traut sich? Hier gibt es Ehre zu erwerben!<\/p>\n\n\n\n<p>Adriano hat seine zehn CDs umfassende Gesamteinspielung innerhalb von 13 Jahren mit zwei Orchestern durchgef\u00fchrt. Abgesehen von der Achten, ist in allen Symphonien das Moscow Symphony Orchestra zu h\u00f6ren, ebenso in den eins\u00e4tzigen Orchesterwerken. In den drei zuletzt entstandenen Produktionen \u2013 der Achten Symphonie und den drei Schoeck-Liedern, den Werken f\u00fcr Klavier und Orchester, sowie dem Cellokonzert und den Vokalwerken \u2013 spielt das Bratislava Symphony Orchestra. Die erste CD, die Einspielung der Dritten Symphonie, war urspr\u00fcnglich bei Sterling erschienen, die \u00fcbrigen CDs bei Guild. Die Wiederver\u00f6ffentlichung durch Brilliant vereint somit zum ersten Mal den ganzen Zyklus unter einem gemeinsamen Dach. Will man die Leistung der Ausf\u00fchrenden richtig einsch\u00e4tzen, so sollte man bedenken, dass es sich um eine Pioniertat handelt. Adriano hat mit den Orchestern Werke einstudiert, die nicht nur durch ihre weitgehend polyphone Beschaffenheit und mitunter komplizierte Rhythmik h\u00f6chste Anforderungen an die Musiker stellen, sondern die auch \u00fcber keine besondere, teilweise auch gar keine Auff\u00fchrungstradition au\u00dferhalb der Schweiz verf\u00fcgten. Die Orchester in Moskau und Bratislava betraten mit Bruns Musik v\u00f6lliges Neuland. Adriano hat es vermocht, sie mit den Gegebenheiten dieser Werke vertraut zu machen und zu handwerklich sehr soliden, musikalisch \u00fcberzeugenden Darbietungen anzuspornen. Bruns Rhythmen sind bei Adriano in sicheren H\u00e4nden, auch wahrt er stets die \u00dcbersicht \u00fcber das Zusammenspiel der Orchestergruppen. Mit dem Cellisten Claudius Herrmann und dem Pianisten Tom\u00e1\u0161 Nemec stehen ihm in den Instrumentalkonzerten f\u00e4hige Solisten zur Verf\u00fcgung, denen sich die Mezzosopranistin Bernadett Fodor in den Liedern w\u00fcrdig anschlie\u00dft. Der Bratislava Symphony Choir erledigt seine Aufgabe in den Chorst\u00fccken gut, wenn auch nicht ohne Probleme bez\u00fcglich der Textverst\u00e4ndlichkeit. Nur im Falle einer einzigen Aufnahme, n\u00e4mlich des Klavierkonzerts, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, die Musiker h\u00e4tten sich (in den Ecks\u00e4tzen, weniger im Mittelsatz) mit der blo\u00dfen technischen Bew\u00e4ltigung des (offenbar sehr schweren) St\u00fcckes zufrieden gegeben. Dass ich mir noch stringentere, die Feinheiten der Brunschen Musik noch genauer herausarbeitende Darbietungen als die hier aufgezeichneten vorstellen kann, besonders wenn Orchester und Dirigent Erfahrungen mit den Werken im Konzert gemacht h\u00e4tten, sei nicht verschwiegen; Adriano hat allerdings f\u00fcr zuk\u00fcnftige Konkurrenzeinspielungen die Messlatte hoch gelegt. Im Gro\u00dfen und Ganzen kann man den Dirigenten und seine Mitstreiter nur begl\u00fcckw\u00fcnschen, ein solches Projekt \u00fcber einen so langen Zeitraum weitergef\u00fchrt und erfolgreich zum Abschluss gebracht zu haben. Das Ergebnis ist ein Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte eines bedeutenden Symphonikers.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Packung enth\u00e4lt insgesamt elf CDs, denn als Bonus ist den zehn von Adriano dirigierten eine weitere Scheibe mit historischen Aufnahmen aus dem Jahr 1946 beigegeben. Sie enth\u00e4lt das einzige \u00fcberlieferte Tondokument von Fritz Brun als Orchesterdirigent, eine Aufnahme seiner Achten Symphonie mit dem Studio-Orchester Berom\u00fcnster, sowie eine Einspielung der Variationen f\u00fcr Streichorchester und Klavier durch das Collegium Musicum Z\u00fcrich und den Pianisten Adrian Aeschbacher unter der Leitung Paul Sachers, der das Werk in Auftrag gegeben hatte. Auch diese Bonus-CD war urspr\u00fcnglich bei Guild herausgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Platzgr\u00fcnden konnte der Edition als Begleittext lediglich der siebenseitige Aufsatz beigegeben werden, mit welchem Peter Palmer 1996 in der britischen Musikzeitschrift <em>Tempo<\/em> auf Brun aufmerksam gemacht hatte; ein guter, auf den Punkt gebrachter Text, dem man stellenweise anmerkt, dass er auf ein britisches Publikum zugeschnitten ist (Brun wird vorrangig mit britischen Zeitgenossen verglichen). Brilliant Classics stellt jedoch auf seiner Netzpr\u00e4senz zus\u00e4tzlich einen \u00fcber 80-seitigen Text bereit, der s\u00e4mtliche Einf\u00fchrungen Adrianos zu den originalen Ver\u00f6ffentlichungen enth\u00e4lt. Sie enthalten nicht nur eine F\u00fclle an Informationen \u00fcber Bruns Biographie und sein Schaffen, sondern vermitteln auch vom Schweizer Musikleben zur Zeit des Komponisten ein sehr lebendiges Bild.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Mai 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brilliant Classics, 99784; EAN: 5 028421 957845 Brilliant Classics pr\u00e4sentiert das gesamte Orchesterwerk des bedeutenden Schweizer Symphonikers Fritz Brun (1878\u20131959) in einer preiswerten 11-CD-Packung. In den urspr\u00fcnglich bei Guild und Sterling erschienenen Aufnahmen sind das Moscow Symphony Orchestra und das Bratislava Symphony Orchestra unter der Leitung von Adriano zu h\u00f6ren. Der Schweizer Dirigent Adriano ist &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/17\/fritz-brun-adriano-brilliant-classics-ein-schweizer-bergmassiv-mit-zehn-gipfeln\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Schweizer Bergmassiv mit zehn Gipfeln<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3931,2291,3926,3924,2286,2080,3927,3932,3923,3617,3790,3933,3930,3925,3929,3928],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4396"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4396"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4407,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4396\/revisions\/4407"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}