{"id":4404,"date":"2021-05-24T04:26:42","date_gmt":"2021-05-24T02:26:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4404"},"modified":"2024-03-15T00:23:07","modified_gmt":"2024-03-14T23:23:07","slug":"sibelius-vierte-symphonie-in-vorbildlicher-ausgabe-breitkopf-und-haertel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/05\/24\/sibelius-vierte-symphonie-in-vorbildlicher-ausgabe-breitkopf-und-haertel\/","title":{"rendered":"Sibelius&#8216; Vierte in vorbildlicher Ausgabe"},"content":{"rendered":"\n<p>Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, SON 635; ISMN: 979-0-004-80370-7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4405\" width=\"440\" height=\"587\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Sibelius-4-Gesamtausgabe-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit der Ausgabe von Jean Sibelius&#8216; Vierter Symphonie, die Tuija Wicklund im Rahmen der bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel erscheinenden textkritischen Sibelius-Gesamtausgabe als Band 5 der Serie I vorgelegt hat, haben wir eine editorische Meisterleistung vor uns. Bereits optisch nimmt der 25&nbsp;x&nbsp;32&nbsp;cm messende blaue Leinenband f\u00fcr sich ein. Der Notentext ist vorbildlich gesetzt. Das Druckbild wirkt angenehm entspannt: \u00dcberall wurde den Noten, Vorzeichen und Vortragsanweisungen der n\u00f6tige Platz geg\u00f6nnt; nirgends dr\u00e4ngen sich die Zeichen unsch\u00f6n zusammen. Auch die gew\u00e4hlten Abst\u00e4nde der einzelnen Notenlinien wie die der Systeme zueinander unterst\u00fctzen den lesefreundlichen Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausgeberin hat dem Band ein umfangreiches Vorwort vorangestellt (die deutsche \u00dcbersetzung h\u00e4tte besser lektoriert werden m\u00fcssen), das ausf\u00fchrlich \u00fcber die Geschichte der Symphonie informiert: von den ersten Einf\u00e4llen w\u00e4hrend eines Ausflugs zum Berg Koli im Herbst 1909 bis zu den Anf\u00e4ngen ihrer internationalen Verbreitung. Man erlebt mit, wie das Werk in den Gedanken seines Autors Gestalt annimmt, wie es zeitweise zu Gunsten eines letztlich aufgegebenen Projekts zur Vertonung von Poes <em>The Raven<\/em> zur\u00fcckgestellt wird, wie Sibelius auch nach der Urauff\u00fchrung am 3.&nbsp;April 1911 um die endg\u00fcltige Gestalt ringt und wie er auf die Kritiken der ersten Auff\u00fchrungen reagiert, namentlich auf Versuche programmatischer Deutungen, die ihn \u00e4rgern (ein pseudonymer Kritiker, der um die Anf\u00e4nge auf dem Koli wusste, nahm diese zum Anlass, das St\u00fcck als \u201eTouristenmusik\u201c zu bezeichnen).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anhang erh\u00e4lt man Gelegenheit, einen Blick in die Werkstatt des Meisters zu werfen. W\u00e4hrend Sibelius den ersten Satz zwischen Urauff\u00fchrung und Drucklegung nur in Einzelheiten ver\u00e4nderte, unterzog er die \u00fcbrigen drei S\u00e4tze umfangreicheren Revisionen. Die Herausgeberin hat f\u00fcr die vorliegende Ausgabe die ersten Fassungen des Scherzos (16 Takte k\u00fcrzer als die Endfassung) und des langsamen Satzes (mit einem instrumentatorisch und auch rhythmisch von der Endfassung abweichenden Schluss) sowie f\u00fcnf vom endg\u00fcltigen Text abweichende Abschnitte der Erstfassung des Finales rekonstruiert. Faksimiles zweier Skizzenbl\u00e4tter und mehrerer Seiten aus der ersten Partiturniederschrift und dem bei der Urauff\u00fchrung benutzen Stimmensatz erg\u00e4nzen diesen Teil des Bandes.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kritische Bericht enth\u00e4lt eine gr\u00fcndliche Dokumentation des vorhandenen Quellenmaterials nebst vergleichender \u00dcbersicht. Vor allem aber muss lobend erw\u00e4hnt werden, dass Tuija Wicklund hier auch die \u00fcberlieferten auff\u00fchrungspraktischen Hinweisungen des Komponisten zusammengetragen hat. Anhand derselben wird wieder einmal bewusst, dass jede Auff\u00fchrung eines Werkes ein einmaliges Ereignis ist, das man nicht wiederholen, h\u00f6chstens durch eine Aufnahme dokumentieren kann. Sibelius wurde wiederholt um Metronomangaben und Spielanweisungen f\u00fcr die Vierte Symphonie gebeten. Seine Anmerkungen geben klare Richtlinien f\u00fcr den Grundcharakter des Ganzen: Er w\u00fcnscht keine Sentimentalit\u00e4t, keine schwerf\u00e4lligen Tempi und m\u00f6chte den Schluss \u201eso ernst wie m\u00f6glich und ohne ritardando (tragisch, ohne Tr\u00e4nen, unwiderruflich)\u201c gespielt wissen. Was allerdings die Metronomzahlen betrifft, so macht er zu verschiedenen Zeiten verschiedene Angaben und schreibt einmal daneben, es sei unm\u00f6glich sie exakt festzuhalten. Beispielsweise gibt er f\u00fcr das Finale 1935 ein Grundtempo von Halbe=132 an, 1937 Halbe=108 (ge\u00e4ndert aus Halbe=104), 1942 schlie\u00dflich Halbe=126\u2013132. Die Coda des Satzes denkt er sich etwas langsamer (1935: ab Buchstabe S \u201enach und nach ruhiger\u201c, Halbe=100 ab Buchstabe U). Diese Bem\u00fchungen um pr\u00e4zise Vortragsanweisungen sind vor allem Ausdruck der Auseinandersetzung des Komponisten mit den ersten Einspielungen des St\u00fcckes. Als Walter Legge ihn 1935 im Vorfeld einer Aufnahme der Vierten durch Thomas Beecham um Tempovorschriften bat, lagen bereits zwei Einspielungen der Symphonie durch Leopold Stokowski bzw. Georg Schn\u00e9evoigt vor, auf welche Sibelius mit seinen Hinweisungen an Beecham reagierte. H\u00f6chst interessant erscheint eine 1942 von Sibelius&#8216; Schwiegersohn Jussi Jalas aufgezeichnete Bemerkung zum Vortrag des Schlusses (auch Jalas vermerkt die Forderung <em>senza ritardando<\/em>!): \u201eWegen der Metronomangaben h\u00f6rten wir eine von Beecham dirigierte Aufnahme, die Sibelius sehr mochte. Weil Beecham das Ende exakt im Tempo dirigiert, sagte Sibelius, dass es so dirigiert in unge\u00fcbten H\u00e4nden tot klingen k\u00f6nnte, Beecham aber seine Seele hineingetan hat.\u201c \u00dcbrigens fand die Verwendung von R\u00f6hrenglocken im Finale, wie sie bei Stokowski zu h\u00f6ren sind (dort im Wechsel mit dem Glockenspiel), nicht die Zustimmung des Komponisten. Er fand, sie kl\u00e4ngen \u201ezu orientalisch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem vorz\u00fcglich pr\u00e4sentierten Notentext und der Edition der Erstfassungen zweier S\u00e4tze sind es vor allem die hier mitgeteilten \u00c4u\u00dferungen Sibelius&#8216; zur Auff\u00fchrungspraxis, die diese Ausgabe in h\u00f6chstem Grade empfehlenswert f\u00fcr Jeden machen, der sich eingehend mit der Vierten Symphonie besch\u00e4ftigen m\u00f6chte. Mit einem Preis von 168,00&nbsp;\u20ac mag sie nicht die billigste sein, doch ihr Geld ist sie wert!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Mai 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, SON 635; ISMN: 979-0-004-80370-7 Mit der Ausgabe von Jean Sibelius&#8216; Vierter Symphonie, die Tuija Wicklund im Rahmen der bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel erscheinenden textkritischen Sibelius-Gesamtausgabe als Band 5 der Serie I vorgelegt hat, haben wir eine editorische Meisterleistung vor uns. Bereits optisch nimmt der 25&nbsp;x&nbsp;32&nbsp;cm messende blaue Leinenband f\u00fcr sich ein. 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