{"id":442,"date":"2016-01-21T22:49:41","date_gmt":"2016-01-21T21:49:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=442"},"modified":"2016-01-22T00:07:13","modified_gmt":"2016-01-21T23:07:13","slug":"bach-im-guckglas-des-19-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/21\/bach-im-guckglas-des-19-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Bach im Guckglas des 19. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>SWR Music, 93.338, EAN: 4 010276 027997<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Bachiana_Cover.jpg\" rel=\"attachment wp-att-440\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-440\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Bachiana_Cover-300x296.jpg\" alt=\"Bachiana_Cover\" width=\"300\" height=\"296\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Bachiana_Cover-300x296.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Bachiana_Cover.jpg 402w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Infolge der im 19. Jahrhundert einsetzenden Bachpflege setzten sich viele Musiker auch produktiv mit dem barocken Meister auseinander, so Ignaz Moscheles in seinen Arrangements von Pr\u00e4ludien aus dem Wohltemperierten Klavier (WTK) mit einem concertierenden zweiten Klavier Op. 137b, Carl Reinecke in seinen vierh\u00e4ndigen Bach-Variationen Op. 24 oder Robert Schumann in seinen Sechs Fugen \u00fcber den Namen BACH Op. 60. Diese Sch\u00f6pfungen pr\u00e4sentiert das Duo d\u00b4Accord (Lucia Huang und Sebastian Euler) in der vorliegenden SWR-Produktion. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass Johann Sebastian Bach ab etwa 1828 vor allem seit Felix Mendelssohn-Bartholdys Leipziger Wiederauff\u00fchrung der Matth\u00e4us-Passion eine bis heute andauernde Renaissance erfuhr, ist bekannt. Was jedoch die k\u00fcnstlerischen Ergebnisse der Besch\u00e4ftigung mit Bach angeht, hat in vielen F\u00e4llen die heutige H\u00f6rerschaft noch nicht erreicht. Umso ehrenwerter ist das Experiment, welches die ARD-Preistr\u00e4ger Huang und Euler, als Duo seit 1999 bestehend, sich in der vorliegenden CD vorgenommen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gezielt w\u00e4hlten die beiden K\u00fcnstler Moscheles, Reinecke und Schumann aus, die man in dem breiten Pool der Bachbearbeiter und \u2013nachahmer als durchaus selbstkritische, gleichwohl entschlossene Verehrer des barocken \u00dcbervorbildes sehen kann. Der Booklettext, den Huang und Euler selbst beisteuern, zeichnet sich durch Facettentiefe und einen klaren strukturellen Faden aus: Von allgemeinen Anmerkungen zur einsetzenden Bachpflege und deren Eigenheiten f\u00fchren sie \u00fcber Ignaz Moscheles zu Carl Reinecke, stellen hier den Zusammenhang zu Schumann her, um schlie\u00dflich ihre Bearbeitung von dessen Fugen Op. 60 f\u00fcr vierh\u00e4ndiges Klavier und ihre eigenen Absichten zu erkl\u00e4ren. Kurzum, ein Text von Niveau, Eloquenz und Informationswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders interessant ist im Booklet der Hinweis auf die Marotte jener Zeit, Transformationen Bach\u2019scher Kompositionen bzw. Werke auf Bach\u2019scher Basis mit theatralischen Effekten, \u00fcbersch\u00e4umender Dynamik und jeder Menge Rubato anzureichern. Bereits in den ersten beiden Tracks dieser CD ist erfahrbar, wie Moscheles diese Methoden in seinen Huldigungen an Bach anwandte. Prachtvoll klingt zu Beginn die Bearbeitung des 5. Pr\u00e4ludiums D-Dur aus WTK II (BWV 874), welchem der Salieri-Sch\u00fcler in seinem Op.137b (auch betitelt als <em>Melodisch-kontrapunktische Studien<\/em>) ein konzertantes Klavier mit gehobenen technischen Anspr\u00fcchen hinzuf\u00fcgt. Die K\u00fcnstler betonen den Schwung dieses nachgeschaffenen Pr\u00e4ludiums, hetzen jedoch nie, was ja auch die Tempobezeichnung <em>Allegro non troppo<\/em> nahelegt. Ihr Spiel zeichnet sich durch eher sachlichen Ton, einen manchmal sehr scharfen Anschlag, gerade bei vollen Akkorden, sowie eine durchkalkulierte Strategie der Dynamik aus. Es folgt eine weitere Bearbeitung Moscheles\u2019, n\u00e4mlich des 24. Pr\u00e4ludiums in h-Moll aus WTK I (BWV 869), mit dem Untertitel <em>Erste Bearbeitung im strengen Styl<\/em>. Der Notentext zeichnet sich mehr durch Verhaltenheit als Strenge aus, gleichzeitig sorgt Moscheles f\u00fcr subtil gesteigerte Komplexit\u00e4t, die sich aus filigran miteinander verzahnten Rhythmen beider Klaviere ergibt. Hier erzeugt das Duo einen durchgehenden Fluss (Tempo <em>Andante<\/em>), l\u00e4sst es sich aber nicht nehmen, deutliche Ritardandi gegen Ende auszukosten sowie die Schlussakkorde lange verklingen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erstmals folgt eine Schumannsche Fuge aus Op. 60, n\u00e4mlich die erste in B-Dur. Es handelt sich bei diesen Fugen, im Gegensatz zu Moscheles und Reinecke, um keine Bearbeitung, sondern um ein originales Werk, welches sich freilich stilistisch und motivisch h\u00f6rbar am Leipziger Meister orientiert. Erkl\u00e4rterma\u00dfen bem\u00fchten sich Euler und Huang darum, mit dem Original Schumanns f\u00fcr Orgel sehr behutsam umzugehen und es nur da zu ver\u00e4ndern, wo es aus instrumentalen Gr\u00fcnden unumg\u00e4nglich ist. Das Ergebnis ist ein einziges Accelerando und Crescendo in dieser ersten Fuge, von Behutsam-Dunkel bis hin zu Wuchtig-Scheppernd, im abschlie\u00dfenden B-Dur Akkord gar etwas detonierend, was wohl am Subkontra-B liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach diesem Tripelmuster 2x Moscheles \u2013 1x Schumann ist die ganze CD (bis auf eine Ausnahme!) aufgebaut, was vielschichtige dramaturgische Gr\u00fcnde hat, die der H\u00f6rer zwar nicht unbedingt kennen muss, deren Sinn sich jedoch innerhalb der Gruppierung intuitiv erschlie\u00dft. Die Pr\u00e4ludien sind in ihren Stimmungen und strukturellen Eigenschaften jeweils sehr \u00e4hnlich zueinander, um stets von einer Fuge Schumanns erg\u00e4nzt zu werden. Die Ergebnisse sind zumeist unterhaltend und erfrischend (so etwa in der Bearbeitung des popul\u00e4ren Pr\u00e4ludiums Nr. 1 in C-Dur, WTK I, BWV 846), k\u00f6nnen aber auch zugleich sehr herausfordernd werden. Dies trifft zuweilen auf die komplexen Gebilde Schumanns zu, die der ausgefeilten Kontrapunktik eines Anton Bruckner in nichts nachstehen. Doch auch hier gibt es Beispiele, die f\u00fcr angenehme Kontraste sorgen, wie die dritte Fuge in g-Moll, die keinerlei \u00e4u\u00dferlichen Effekt pr\u00e4sentiert \u2013 und deren ruhigen Fluss das Duo d\u00b4Accord \u00fcberzeugend r\u00fcberbringt (Bezeichnung: <em>mit sanften Stimmen<\/em>). Monotonie kommt keine auf, da Huang und Euler jede dieser Tripel-Gruppen auf eigene Weise gestalten. Allgemein spielen die beiden K\u00fcnstler mit Sinn f\u00fcr Gleichm\u00e4\u00dfigkeit, Logik in der Formentwicklung, bisweilen einer Tendenz zum knalligen Anschlag sowie klanglicher Hintergr\u00fcndigkeit. Selbst in der letzten Fuge Schumanns in B-Dur, deren Massivit\u00e4t schon ins Extreme geht, merkt man das qualitative Zusammenspiel sowie das musikalische wie missionarische Engagement, mit dem die beiden vorgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nun ist Reinecke ganz am Ende nur mit einem Werk vertreten, n\u00e4mlich mit den <em>Variationen \u00fcber eine Sarabande von Bach Op. 24<\/em> (aus der 1. Franz\u00f6sischen Suite in d-Moll, BWV 812). Doch f\u00e4llt sein Werk umso mehr ins Gewicht, da es sich von den teils besonders das Sinnliche beschw\u00f6renden Klangwelten seiner beiden Vorl\u00e4ufer distanziert und damit einen weiteren, umso differenzierteren Blickwinkel auf Bach offen legt. Gleichwohl finden sich in den acht Variationen Merkmale des 19. Jahrhunderts, wie eine teils auff\u00e4llig ausgekl\u00fcgelte Harmonik, kompakte Akkorde, eine anspruchsvolle Technik sowie entwickelnde Variationen. Obwohl es zu einer gro\u00dfangelegten Stretta kommt, bleibt Reinecke in seiner Orientierung konsequent und l\u00e4sst seinen Zyklus so ruhig enden, wie er begonnen hat. Das Duo d\u00b4Accord betont auch hier in jeder Variation deren Eigenst\u00e4ndigkeit und zeigt abermals seine F\u00e4higkeit, Klangfarben und Stimmung intensiv zu exponieren. Damit entspricht auch dieses Werk dem Grundsatz, dem sich das Duo Euler\/Huang verschrieben hat: Klangfreude am Alten durch das Neue zu erzeugen. So bietet diese CD einen lohnenswerten Blick auf eine wom\u00f6glich immer noch bel\u00e4chelte und umstrittene, aber seinerzeit sehr innovative Praxis, die sich zu erkunden lohnt: Bach in eigener Weise zu huldigen, sei es durch Neubearbeitung oder Neukomposition.<\/p>\n<p><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Januar 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SWR Music, 93.338, EAN: 4 010276 027997 Infolge der im 19. Jahrhundert einsetzenden Bachpflege setzten sich viele Musiker auch produktiv mit dem barocken Meister auseinander, so Ignaz Moscheles in seinen Arrangements von Pr\u00e4ludien aus dem Wohltemperierten Klavier (WTK) mit einem concertierenden zweiten Klavier Op. 137b, Carl Reinecke in seinen vierh\u00e4ndigen Bach-Variationen Op. 24 oder Robert &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/01\/21\/bach-im-guckglas-des-19-jahrhunderts\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Bach im Guckglas des 19. 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