{"id":4430,"date":"2021-06-10T06:05:45","date_gmt":"2021-06-10T04:05:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4430"},"modified":"2021-06-12T04:35:17","modified_gmt":"2021-06-12T02:35:17","slug":"ein-tongemaelde-zum-fest-josef-gabriel-rheinberger-wallenstein-sinfonieorchester-liechtenstein-florian-krumpock","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/10\/ein-tongemaelde-zum-fest-josef-gabriel-rheinberger-wallenstein-sinfonieorchester-liechtenstein-florian-krumpock\/","title":{"rendered":"Ein Tongem\u00e4lde zum Fest"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 284; EAN: 4 260052 382844<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Rheinberger-Wallenstein.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Rheinberger-Wallenstein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4431\" width=\"460\" height=\"460\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Rheinberger-Wallenstein.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Rheinberger-Wallenstein-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Rheinberger-Wallenstein-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Zur Feier des 300-j\u00e4hrigen Bestehens des F\u00fcrstentums Liechtenstein hat das Sinfonieorchester Liechtenstein unter seinem Chefdirigenten Florian Krump\u00f6ck 2019 f\u00fcr Ars Produktion Schumacher Josef Gabriel Rheinbergers Erste Symphonie, das \u201eSymphonische Tongem\u00e4lde\u201c <\/em>Wallenstein<em> op.&nbsp;10, eingespielt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Josef Gabriel Rheinbergers <em>Wallenstein<\/em> op.&nbsp;10, eine viers\u00e4tzige Symphonie in d-Moll, wurde 1866 komponiert und im folgenden Jahr unter der Gattungsbezeichnung \u201eSymphonisches Tongem\u00e4lde\u201c (statt: \u201eSymphonie\u201c) ver\u00f6ffentlicht. Ungew\u00f6hnlicherweise tragen die verschiedenen Ausgaben des Werkes unterschiedliche Widmungen: W\u00e4hrend die zuerst erschienene Bearbeitung f\u00fcr Klavier zu vier H\u00e4nden der Ehefrau des Komponisten, der Schriftstellerin Franziska von Hoffnaa\u00df, zugeeignet ist, dedizierte er den Partiturdruck dem Landesherrn seiner Heimat, F\u00fcrst Johann II. von Liechtenstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem fast gleichaltrigen F\u00fcrsten verband Rheinberger, der nach K\u00f6nnen und Ansehen gewisserma\u00dfen der F\u00fcrst unter den Liechtensteinischen Musikern war, der Umstand, dass sie beide den Gro\u00dfteil ihres Lebens au\u00dferhalb des F\u00fcrstentums Liechtenstein zubrachten. Die Liechtensteinischen F\u00fcrsten residierten seinerzeit noch in \u00f6sterreichischen und b\u00f6hmischen Schl\u00f6ssern, von wo aus sie \u00fcber riesige L\u00e4ndereien geboten, deren Fl\u00e4che diejenige ihres souver\u00e4nen Staates um ein Vielfaches \u00fcbertraf. Das F\u00fcrstentum, zur Zeit von Rheinbergers Geburt 1839 ein g\u00e4nzlich b\u00e4uerlich gepr\u00e4gtes Land, betraten die Herrscher nur selten: Johann II. besuchte es in den 70 Jahren seiner Herrschaft insgesamt siebenmal (sorgte aber auch aus der Ferne so umsichtig f\u00fcr seine Untertanen, dass sie ihm den Beinamen \u201eder Gute\u201c verliehen). Das Musikleben im damaligen Liechtenstein bestand im Wesentlichen aus der Begleitung der Gottesdienste und aus Tanzmusik. Wenige Familien, darunter die Rheinbergers, pflegten anspruchsvollere Hausmusik. Eine seiner Begabung angemessene musikalische Ausbildung konnte Josef Rheinberger, der in seinem Geburtsort Vaduz bereits mit sieben Jahren Organistendienste versah, zu dieser Zeit aber nur im Ausland erhalten. So ging er zw\u00f6lfj\u00e4hrig nach M\u00fcnchen, wo ihn u.&nbsp;a. Franz Lachner unterrichtete. Hier lebte er bis zu seinem Tode im Jahr 1901, und von dieser Stadt aus verbreitete sich schlie\u00dflich sein Ruhm als Komponist und Kompositionslehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den Zeiten Rheinbergers und Johanns II. haben sich in Liechtenstein nicht nur die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse grundlegend gewandelt, sondern auch die musikalischen. 1988 formierte sich unter dem Dirigenten Albert Frommelt ein Liechtensteinisches Kammerorchester, das bald zum Sinfonieorchester Liechtenstein anwuchs. 2012 in einen professionellen Klangk\u00f6rper umgewandelt, wurde es wesentlich von Florian Krump\u00f6ck gepr\u00e4gt, der im gleichen Jahr zum Chefdirigenten und K\u00fcnstlerischen Leiter ernannt wurde. Als das F\u00fcrstentum 2019 den 300. Jahrestag seiner Gr\u00fcndung beging, hatte das Sinfonieorchester Liechtenstein soeben das 30. Jahr seines Bestehens vollendet. Die nationalen Feierlichkeiten mit dem eigenen Jubil\u00e4um verbindend, wurde eine besondere Aufnahme produziert. Um die F\u00e4higkeiten liechtensteinischer Musiker in Vergangenheit und Gegenwart zu dokumentieren, konnte kaum etwas geeigneter erscheinen als eine Einspielung von Rheinbergers <em>Wallenstein<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Orgel- und Chorkomponist ist Rheinberger im Musikleben stets pr\u00e4sent gewesen. Auch die beiden Orgelkonzerte erfreuen sich einer kontinuierlichen Auff\u00fchrungsgeschichte und zahlreicher Einspielungen auf Tontr\u00e4ger. Zu erw\u00e4hnen ist weiterhin, dass Rheinbergers Klavierkonzert im Laufe der Jahre mindestens viermal den Weg auf die Platte gefunden hat; die ersten beiden Aufnahmen datieren noch aus der Zeit vor Einf\u00fchrung der CD. Die beiden Symphonien des Komponisten wurden dagegen erst in den 1990er Jahren kommerziell aufgenommen: Nikos Athin\u00e4os spielte mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) den <em>Wallenstein<\/em> ein, Alun Francis mit der Nordwestdeutschen Philharmonie die <em>Florentiner Symphonie<\/em> F-Dur op.&nbsp;87. Soweit mir bekannt, blieb es im Falle der F-Dur-Symphonie bislang bei dieser einen Einspielung, w\u00e4hrend <em>Wallenstein<\/em> durch das Sinfonieorchester Liechtenstein unter Krump\u00f6ck seine zweite Aufnahme erfahren hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die relativ geringe Resonanz, die Rheinbergers Symphonien nach seinem Tode fanden, steht in Kontrast zur Wertsch\u00e4tzung dieser Werke zu Lebzeiten des Komponisten und erscheint gerade angesichts der Tatsache verwunderlich, dass Rheinberger der internationale Durchbruch als Symphoniker gelang \u2013 eben mit dem <em>Wallenstein<\/em>. Der Rheinberger-Forscher Hartmut Schick konnte 2001 in seinem Aufsatz \u00fcber <em><a href=\"https:\/\/epub.ub.uni-muenchen.de\/16275\/1\/Schick_16275.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/epub.ub.uni-muenchen.de\/16275\/1\/Schick_16275.pdf\">Rheinbergers Wallenstein-Sinfonie op. 10. Ambivalenzen in der Konzeption und Rezeption eines Erfolgsst\u00fccks<\/a><\/em> feststellen, dass das Werk in den zehn Jahren nach seiner Urauff\u00fchrung 1866 mindestens 23mal in 19 verschiedenen St\u00e4dten in- und au\u00dferhalb Deutschlands gespielt worden ist; \u201ehinzu kommen 15 Auff\u00fchrungen von einzelnen S\u00e4tzen, vor allem des beim Publikum besonders beliebt gewordenen 3.&nbsp;Satzes <em>Wallensteins Lager<\/em>.\u201c Unter den zeitnah entstandenen Symphonien erreichten nur Anton Rubinsteins Nr.&nbsp;2 <em>Ozean<\/em> und Joachim Raffs Nr.&nbsp;3 <em>Im Walde<\/em> h\u00f6here Auff\u00fchrungszahlen. Man kann also sagen, dass <em>Wallenstein<\/em> seinen Komponisten mit einem Schlag ber\u00fchmt gemacht und \u2013 zumindest aus Sicht des damaligen Publikums \u2013 in die erste Reihe der Symphoniker seiner Zeit gestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wallenstein<\/em> geh\u00f6rt, wie die erw\u00e4hnten Werke Raffs und Rubinsteins, zu einer Sondergattung, deren Bl\u00fctezeit in der Mitte des 19.&nbsp;Jahrhunderts die in schlechten Musikgeschichtsb\u00fcchern zu findende Behauptung, es habe damals einen un\u00fcberwindlichen Gegensatz zwischen \u201eabsoluter Musik\u201c und \u201eProgrammmusik\u201c gegeben, L\u00fcgen straft. Tats\u00e4chlich wurden zahlreiche \u201echarakteristische Symphonien\u201c komponiert, die auf au\u00dfermusikalischen Anregungen fu\u00dfen, ohne im engeren Sinne Programmmusik zu sein. Nicht wenige dieser St\u00fccke sind erz\u00e4hlerisch gedacht und reflektieren eine bestimmte Handlung. Neben Rheinbergers <em>Wallenstein<\/em> w\u00e4ren etwa zu nennen: Johann Joseph Aberts <em>Columbus<\/em>, Joachim Raffs und August Klughardts Werke nach B\u00fcrgers <em>Lenore<\/em>, Carl Reineckes <em>Hakon Jarl<\/em>, Heinrich Hofmanns <em>Frithjof<\/em> und Hans Hubers <em>Tell-Symphonie<\/em>. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die traditionelle viers\u00e4tzige Form beibehalten. Das Programm ordnet sich ihr unter, dient als Ideengeber zu bestimmten Stimmungen, schl\u00e4gt sich auch gelegentlich in Besonderheiten innerhalb des musikalischen Verlaufs nieder, wird jedoch nie zum Anlass genommen, die \u00fcberkommenen Formen grunds\u00e4tzlich in Frage zu stellen. Angesichts dessen verwundert auch die traditionalistische Stilistik der betreffenden Symphonien nicht. Die Verbindung poetischer Gedanken mit einer eing\u00e4ngigen, an bew\u00e4hrten Vorbildern orientierten Tonsprache wurde von Publikum und Kritik goutiert. Dass gleichzeitig der Programmsymphoniker Franz Liszt so umstritten war, lag nicht daran, dass er sich von Au\u00dfermusikalischem inspirieren lie\u00df, sondern am ungewohnten, \u201eunklassischen\u201c Stil seiner Werke. Der <em>Hakon-Jarl<\/em>-Komponist Reinecke sperrte sich als Gewandhauskapellmeister gegen Liszts Symphonische Dichtungen, f\u00fcr eine Auff\u00fchrung des <em>Wallenstein<\/em> \u00fcberlie\u00df er Rheinberger bereitwillig sein Orchester.<\/p>\n\n\n\n<p>Als programmatische Vorlage diente Rheinberger in erster Linie Schillers <em>Wallenstein<\/em>-Trilogie, gro\u00dfen Eindruck hinterlie\u00df aber auch Carl Theodor von Pilotys Gem\u00e4lde <em>Seni vor der Leiche Wallensteins<\/em>. In wie fern die musikalischen Ereignisse der Symphonie programmatisch auszulegen sind, stellte allerdings bereits die Zeitgenossen vor R\u00e4tsel. Bei den drei letzten S\u00e4tzen scheint vordergr\u00fcndig Klarheit zu herrschen: Der langsame Satz hei\u00dft <em>Thekla<\/em> (Wallensteins Tochter bei Schiller), der dritte zeigt <em>Wallensteins Lager<\/em> (Scherzo) einschlie\u00dflich <em>Kapuzinerpredigt<\/em> (Trio), und am Ende steht wie bei Schiller <em>Wallensteins Tod<\/em>. Rezeptionsprobleme bereitete vor allem der Kopfsatz. Wiederholt wurde versucht, ihn als Charakterportrait des Titelhelden zu deuten, wobei dann h\u00e4ufig eingewendet wurde, die Musik w\u00fcrde diesem Anspruch nicht gerecht. Nun beginnt der Satz zwar mit einer herrischen Geste, enth\u00e4lt jedoch auch ausgedehnte Abschnitte, die sich nur schwer als Darstellung eines kriegerischen Machtmenschen deuten lassen. Eine solche lag anscheinend auch nicht in Rheinbergers Absicht, denn \u00fcberschrieben hat er das St\u00fcck mit <em>Vorspiel<\/em>. Der Satz ist somit wohl am ehesten als Ouvert\u00fcre zu verstehen, die, wie in einer Oper, das sp\u00e4tere Geschehen andeutet, ohne zu viel vorwegzunehmen. So erscheint mitten in der Durchf\u00fchrung ein neues Thema, das sp\u00e4ter den Mittelteil des langsamen Satzes bestimmt; am Schluss steht die Trauer- und Erl\u00f6sungsmusik, mit der auch der vierte Satz schlie\u00dft. Auch in Hinblick auf diese beiden S\u00e4tze wurden \u00dcberlegungen angestellt, wie sie mit Schiller in \u00dcbereinstimmung zu bringen seien \u2013 mit unterschiedlichen Ergebnissen. Lediglich der dritte Satz erschien unter diesem Gesichtspunkt nie problematisch. Wie Hartmut Schick herausgearbeitet hat, d\u00fcrften die Eigenheiten des Werkes mindestens ebenso sehr auf die privaten Umst\u00e4nde des Komponisten zur Zeit der Entstehung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein wie auf Schillers Drama: Rheinberger komponierte <em>Wallenstein<\/em> 1866 auch zur Freude der damals lebensgef\u00e4hrlich erkrankten Franziska von Hoffnaa\u00df, die im folgenden Jahr (nach ihrer Genesung und der Urauff\u00fchrung der Symphonie) seine Ehefrau werden sollte. Manche Stelle im Werk verdankt wohl gar nicht in erster Linie Schiller ihr Dasein, sondern besitzt eine versteckte Bedeutung, um die nur der Komponist und seine Frau wussten, und die aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden nicht an die \u00d6ffentlichkeit gelangte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von rein musikalischen Standpunkt aus betrachtet, kann man Rheinbergers <em>Wallenstein<\/em> als ein Meisterst\u00fcck jener Symphonietradition des oberdeutschen Sprachraums bezeichnen, die mit Franz Schubert anhebt und in der Generation vor Rheinberger in Franz Lachner und Johann Rufinatscha w\u00fcrdige Repr\u00e4sentanten gefunden hat. Auch die Symphonien Anton Bruckners sind vor diesem Hintergrund entstanden. Es ist eine Symphonik der Expansion. Die Komponisten streben nicht nach m\u00f6glichster Knappheit der Aussage, sondern denken in ausgedehnten Perioden, lassen ihre Gedanken sich in Ruhe entfalten, gern unter Zuhilfenahme aparter Harmoniefortschreitungen, was dann in den besten Werken dieser Richtung die \u201ehimmlische L\u00e4nge\u201c hervorbringt, die Robert Schumann an Schuberts Gro\u00dfer C-Dur-Symphonie r\u00fchmte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wallenstein<\/em> ist gleichfalls kein kurzes Werk: Unter Florian Krump\u00f6cks Dirigat dauert er 50 Minuten, Nikos Athin\u00e4os l\u00e4sst ihn in 55 Minuten spielen. Eine lange Symphonie, aber keine langweilige \u2013 im Gegenteil: Rheinberger erweist sich als stupender musikalischer Architekt, der mit gro\u00dfen Bl\u00f6cken fest zusammenhaltende Bauwerke errichtet, wobei ihm seine Fertigkeit im Kontrapunkt \u2013 die sich nirgendwo im Werk in akademische Demonstrationen verliert \u2013 zu Hilfe kommt. Die Spannung zwischen klassischer Form und programmatischer Aussage l\u00f6st er gl\u00fccklich: Die formal au\u00dfergew\u00f6hnlichen Momente, denen man anmerkt, dass sie eine au\u00dfermusikalische Ursache haben (sie hei\u00dfe \u201eWallenstein\u201c oder \u201eFranziska\u201c), verteilt er auf jene Stellen des musikalischen Verlaufs, an denen solche \u00dcberraschungen gut am Platze sind: Auf Durchf\u00fchrung und Coda des Kopfsatzes und auf Einleitung, Durchf\u00fchrung und Coda des Finales. (Man bedenke, wie gern auch Beethoven und Schumann an entsprechenden Stellen \u201eabsolut musikalischer\u201c Sonatens\u00e4tze neue Themen einf\u00fchren!) Die exponierenden und rekapitulierenden Abschnitte bleiben von diesen \u201eexterritorialen\u201c Einf\u00e4llen unber\u00fchrt und bilden auf klassische Weise Symmetrien aus. Wer das Programm Programm sein lassen will, kann das \u201eSymphonische Tongem\u00e4lde\u201c also ohne Weiteres auch als \u201eabsolute\u201c Symphonie auf sich wirken lassen. Gerade das Adagio l\u00e4dt dazu ein. Thekla gibt dem Satz ihren Charakter, Geschehnisse, zu deren Erl\u00e4uterung Schiller herangezogen werden m\u00fcsste, enth\u00e4lt er jedoch nicht. Die Gesanglichkeit des St\u00fcckes kommt nicht von ungef\u00e4hr: Das Thema, das Rheinberger im Mittelteil verwendet (und das im Kopfsatz schon vorweggenommen worden war), entstammt einem Klavierlied des Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze <em>Wallenstein<\/em> ist f\u00fcr das Orchester dankbar geschrieben, die Instrumentationskunst des Komponisten kommt aber im dritten Satz besonders gut zur Geltung, wo es galt, das ausgelassene Treiben der S\u00f6ldner in Wallensteins Lager zu schildern. Ein Glanzst\u00fcck musikalischer Charakterisierung (oder Karikatur) gelingt Rheinberger im Trio: Der Kapuziner beginnt seine Predigt effektvoll mit larmoyanten Klagerufen in Oboen und Violinen, Posaunenakkorde wirken wie ein Ausrufezeichen, dann folgt in tieferer Stimmlage (Klarinetten, Fagotte, Bratschen) die eigentliche Rede, der die unabl\u00e4ssig begleitenden Achtel in den Streicherb\u00e4ssen einen eifernden Tonfall verleihen. Eingestreute Melodiefetzen aus dem Scherzoteil verraten indes, dass die Soldaten den M\u00f6nch nicht ganz ernst nehmen. Die plastische Darstellung, die den ganzen Satz auszeichnet, wirkt unmittelbar und l\u00e4sst verstehen, warum gerade <em>Wallensteins Lager<\/em> ein solcher Publikumserfolg gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Rheinbergers Symphonisches Tongem\u00e4lde war das erste Werk eines liechtensteinischen Komponisten, das internationale Anerkennung erfuhr. Deshalb erscheint es nicht verwunderlich, dass das Sinfonieorchester Liechtenstein gerade dieses St\u00fcck aufs Programm gesetzt hat, um zur 300-Jahr-Feier des F\u00fcrstentums seinen Beitrag beizusteuern. Krump\u00f6ck und seinen Musikern gelang dabei eine Auff\u00fchrung, die ihrem Anlass w\u00fcrdig ist und die Qualit\u00e4t der Komposition trefflich zur Geltung bringt. Gegen\u00fcber der \u00e4lteren Einspielung durch Athin\u00e4os hat die neue Aufnahme rein tontechnisch ein klareres, sch\u00e4rfer konturiertes Klangbild voraus. Im Hinblick auf die Darbietung unterscheiden sich beide zum Teil betr\u00e4chtlich voneinander. Unter Krump\u00f6ck dauert die Symphonie rund f\u00fcnf Minuten weniger. Die Abweichungen betreffen dabei vor allem die Mittels\u00e4tze und das Allegro des Finales. Im <em>Thekla<\/em>-Satz ist Krump\u00f6ck rund zwei Minuten schneller als Athin\u00e4os, <em>Wallensteins Lager<\/em> wird in nur zehn Minuten besichtigt (bei Athin\u00e4os sind es 11 \u00bd) und im Finale reitet der Titelheld seinem Ende merklich lebhafter entgegen. Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) scheint st\u00e4rker besetzt zu sein als das Sinfonieorchester Liechtenstein, jedenfalls klingen bei Athin\u00e4os die Tutti-Stellen kr\u00e4ftiger. Krump\u00f6ck dagegen l\u00e4sst differenzierter artikulieren und erreicht gerade im langsamen Satz, der bei Athin\u00e4os recht z\u00e4h anmutet, mehr Stringenz und Spannung. Das h\u00f6here Tempo der Liechtensteiner im Finale ist nicht einfach ein schnelleres Abspielen der Noten, sondern ergibt sich tats\u00e4chlich aus einem besseren Sinn ihres Dirigenten f\u00fcr die Dramaturgie dieses Satzes. Am deutlichsten unterscheiden sich Athin\u00e4os und Krump\u00f6ck im dritten Satz. Man meint beinahe zwei verschiedene St\u00fccke zu h\u00f6ren: Athin\u00e4os interpretiert \u201eAllegretto\u201c offensichtlich eher als Moderato, w\u00e4hrend es f\u00fcr Krump\u00f6ck fast ein Allegro ist. Durch das m\u00e4\u00dfige Tempo kommen in der Frankfurter Aufnahme die pittoresken Einzelheiten des Scherzos st\u00e4rker zur Geltung; manche Effekte unterstreicht Athin\u00e4os demonstrativ. Der H\u00f6rer erlebt gewisserma\u00dfen hier eine F\u00fchrung durch das Lager. Hingegen bietet ihm Krump\u00f6ck eine Ansicht desselben aus der Totale, aus der man zwar alles \u00fcberblicken kann, die einzelnen Ereignisse jedoch nicht so deutlich zur Geltung kommen. Rein musikalisch wirkt der Satz unter Krump\u00f6ck freilich zusammenh\u00e4ngender.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem haben wir hier in der Liechtensteinischen Jubil\u00e4umsfestgabe eine Aufnahme des <em>Wallenstein<\/em> vor uns, die der \u00e4lteren Einspielung wenigstens ebenb\u00fcrtig und ihr in mancher Hinsicht vorzuziehen ist. F\u00fcr den gegenw\u00e4rtigen Stand des Musiklebens im F\u00fcrstentum legt sie vorteilhaft Zeugnis ab. Zugleich handelt es sich um ein \u00fcberzeugendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen lange Zeit vernachl\u00e4ssigten Symphoniker von Rang. Ob man nun auch auf eine Einspielung der <em>Florentiner Symphonie<\/em> durch Krump\u00f6ck und das Sinfonieorchester Liechtenstein hoffen darf? Willkommen w\u00e4re eine solche durchaus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Norbert Florian Schuck [Juni 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 284; EAN: 4 260052 382844 Zur Feier des 300-j\u00e4hrigen Bestehens des F\u00fcrstentums Liechtenstein hat das Sinfonieorchester Liechtenstein unter seinem Chefdirigenten Florian Krump\u00f6ck 2019 f\u00fcr Ars Produktion Schumacher Josef Gabriel Rheinbergers Erste Symphonie, das \u201eSymphonische Tongem\u00e4lde\u201c Wallenstein op.&nbsp;10, eingespielt. 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