{"id":4440,"date":"2021-06-14T09:39:00","date_gmt":"2021-06-14T07:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4440"},"modified":"2021-06-15T01:17:48","modified_gmt":"2021-06-14T23:17:48","slug":"enno-poppe-ueberzeugt-mit-ganz-fetter-mikrotonalitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/14\/enno-poppe-ueberzeugt-mit-ganz-fetter-mikrotonalitaet\/","title":{"rendered":"Enno Poppe \u00fcberzeugt mit ganz \u201efetter\u201c Mikrotonalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>BR-Klassik 900636; EAN: 4 035719006360<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4441\" width=\"441\" height=\"441\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Fett-BR-Klassik-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Zwei der relativ seltenen St\u00fccke Enno Poppes mit ganz gro\u00dfer Besetzung dokumentiert der Bayerische Rundfunk auf Folge 36 der Reihe \u201emusica viva\u201c, die nun von NEOS auf das hauseigene BR-Klassik Label umgezogen ist. Chor &amp; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelingen beeindruckende Interpretationen von \u201eIch kann mich an nichts erinnern\u201c (unter Matthias Pintscher) sowie \u201eFett\u201c (unter Susanna M\u00e4lkki). An der Orgel h\u00f6ren wir Bernhard Haas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Enno Poppe (Jahrgang 1969) hat sich in den letzten zwanzig Jahren unaufhaltsam zu einem der wichtigsten und in seinem systematischen Umgang insbesondere mit Mikrotonalit\u00e4t best\u00e4ndigsten Komponisten Deutschlands entwickelt. Kaum jemand seiner Generation erarbeitet sich so konsequent einen pr\u00e4gnanten und sogleich wiedererkennbaren Personalstil. Das beginnt schon mit seinen auff\u00e4lligen St\u00fccktiteln \u2013 fast nur ein- bzw. zweisilbige Substantive \u2013 wie <em>Stoff, Fell, Rad, Haare, Holz\u2026 <\/em>usw.; bereits ein Hinweis auf die vom Komponisten akribische betriebene Ph\u00e4nomenologie, bei der sich aus scheinbar simplen musikalischen Grundmaterialien \u00e4u\u00dferst komplexe Strukturen entwickeln, die eine immense innere Logik zusammenh\u00e4lt, jedoch gleichzeitig f\u00fcr den H\u00f6rer an jedem Punkt unvorhersehbar bleiben. Gerade dies zwingt die Rezipienten von Poppes Musik, bei der Stange zu bleiben, und dabei gelingt es dem Komponisten, durch immer neue mikrotonale Klangkombinationen nicht nur die Aufmerksamkeit tats\u00e4chlich auf h\u00f6chstem Niveau aufrecht zu erhalten; er wei\u00df auch sehr genau, wie lange er dieses Spiel mit dem jeweiligen Material treiben kann, ohne zu erm\u00fcden. So haben seine St\u00fccke stets irgendwie die \u201erichtige\u201c L\u00e4nge \u2013 im Gegensatz etwa zu seinem \u00f6sterreichischen Kollegen <em>Georg Friedrich Haas<\/em>, dessen ebenfalls mikrotonale Werke h\u00e4ufig allzu sehr ausufern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden hier vorgestellten St\u00fccke Poppes fallen allerdings durch die f\u00fcr ihn eher ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen Besetzungen aus dem Rahmen \u2013 in der Regel schreibt Poppe f\u00fcr \u00fcbersichtliche Ensembles. Die Textgrundlage f\u00fcr <em>Ich kann mich an nichts erinnern <\/em>(2005\u201315), f\u00fcr Chor, Orgel &amp; Orchester (mit dreifacher Bl\u00e4serbesetzung) stammt von B\u00fcchner-Preistr\u00e4ger <em>Marcel Beyer <\/em>(*1965), mit dem Poppe bereits mehrere Musiktheater-Projekte realisiert hat. Die <em>F\u00fcnf Zeilen <\/em>aus dessen Gedichtband <em>Erdkunde <\/em>erforschen die Umgebung eines grenznahen (?) Stra\u00dfenstrichs irgendwo in Osteuropa, wobei das Augenmerk des lyrischen Ichs geradezu zwanghaft auf in der Landschaft zur\u00fcckgelassene Autoreifen f\u00e4llt \u2013 in allen neun Strophen, mit denen Poppes Vertonung pr\u00e4zise korrespondiert. Das dann irgendwie beklemmend endzeitliche Szenarium wird durch ein wirklich \u00fcberzeugendes mikrotonales \u201eharmonisches\u201c System etabliert, wo es wieder so etwas wie \u2013 verst\u00e4ndliches \u2013 Sequenzieren, Modulieren oder Kadenzieren gibt \u2013 ebenso Verbindungsglieder zwischen den Welten von Halb-, Viertel- und Achtelt\u00f6nigkeit, die aber nicht im Spektralen liegen. Es entstehen auch mitunter immerhin typische Wendungen \u2013 etwa, versimplifiziert: R\u00fcckungen von mikrotonal modifizierten Dominantseptakkorden, was dann manchmal wie eine Verbindung von Barbershop und <em>Teufelsm\u00fchle<\/em> klingen kann. So gewinnt Enno Poppe dem \u00fcber Strecken zun\u00e4chst banal und gef\u00fchlskalt wirkenden Text Beyers eine Tiefe ab, die tats\u00e4chlich nur durch Musik erreichbar ist. Die Leistung des BR-Chores (Einstudierung: <em>Florian Helgath<\/em>) ist grandios und gleicherma\u00dfen begeistert Matthias Pintscher, der als Dirigent mit seiner Pr\u00e4zision, aber noch mehr mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden emotionalen Durchdringung komplexester Neuer Musik zu so etwas wie einem w\u00fcrdigen Nachfolger von Pierre Boulez herangereift ist, ohne jeden Abstrich.<\/p>\n\n\n\n<p>In eine etwas andere Richtung als bei Poppes \u00fcblicher Herangehensweise \u2013 von elektronenmikroskopischen Details hin zu klar umrissenen Gro\u00dfformen \u2013 scheint <em>Fett <\/em>(2018\u201319) zu gehen: Mit einem traditionell <em>gro\u00dfen Orchester<\/em> (4-fache Bl\u00e4ser), jedoch ohne Schlagwerk, werden aus zun\u00e4chst kleinsten Bewegungen zwischen Einzelt\u00f6nen \u2013 es gibt keine Figuren! \u2013 bald riesige Akkordt\u00fcrme aufgeschichtet, dabei deren mikrotonale Struktur selbst schon als Klangfarbe fungierend. Das St\u00fcck hat w\u00e4hrend des Kompositionsvorganges quasi seine eigene Teleologie entwickelt: Der Schluss ist von fast apokalyptischer Intensit\u00e4t, wohl ohne so im Voraus geplant gewesen zu sein. Im Konzert \u2013 der Rezensent war bei beiden hier aufgezeichneten Mitschnitten auch live anwesend \u2013 hat dies das Publikum beinahe erschlagen. Man wird die wie immer genaue Sachwalterin des Klanggeschehens, die Finnin <em>Susanna M\u00e4lkki <\/em>nicht um die anstrengende Probenarbeit an diesem St\u00fcck beneiden \u2013 das Ergebnis kann sich jedenfalls h\u00f6ren lassen \u2013, und ein besonderes Bravo gilt nat\u00fcrlich dem Symphonieorchester des BR. Die Aufnahmetechnik des Senders bildet den Herkulessaal zudem hervorragend ab und das exzellente Beiheft mit Interviews zu den St\u00fccken mit dem Komponisten tut ein \u00dcbriges. Insgesamt ist dies die bisher \u201egewaltigste\u201c CD mit Musik Enno Poppes und geh\u00f6rt zweifelsohne zu den absoluten H\u00f6hepunkten der <em>musica viva <\/em>Reihe. Wenn es so etwas wie zukunftsweisende Musik gibt, \u2013 ganz sicher f\u00fcr den Komponisten selbst \u2013 dann genau hier: h\u00f6chst beeindruckend!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BR-Klassik 900636; EAN: 4 035719006360 Zwei der relativ seltenen St\u00fccke Enno Poppes mit ganz gro\u00dfer Besetzung dokumentiert der Bayerische Rundfunk auf Folge 36 der Reihe \u201emusica viva\u201c, die nun von NEOS auf das hauseigene BR-Klassik Label umgezogen ist. 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