{"id":4443,"date":"2021-06-17T09:04:00","date_gmt":"2021-06-17T07:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4443"},"modified":"2021-06-12T04:30:13","modified_gmt":"2021-06-12T02:30:13","slug":"warum-wir-mozart-zwei-mal-aufnahmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/17\/warum-wir-mozart-zwei-mal-aufnahmen\/","title":{"rendered":"Warum wir Mozart zwei Mal aufnahmen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Interview mit Sebastian Bohren, Mai 2021 \u2013 gef\u00fchrt durch Oliver Fraenzke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Aufnahme korrigierend zu wiederholen darf als gewagter Schritt bezeichnet werden: gerade in der heutigen Zeit, die charakterisiert wird einerseits durch eine Vielzahl an M\u00f6glichkeiten technischer Nachbearbeitung, andererseits durch eine Schnelllebigkeit und dadurch eine gewisse \u201eZweckm\u00e4\u00dfigkeit\u201c des Musikmarktes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der junge Schweizer Violinist Sebastian Bohren lie\u00df sich davon nicht abhalten. Unzufrieden mit seiner Aufnahme der Violinkonzerte in G-Dur KV 216 und A-Dur KV 219 von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahr 2018, entschloss sich Bohren nach dem ersten Corona-Lockdown, die beiden Konzerte am selben Ort und mit den selben Mitstreitern erneut einzuspielen. So entstand im Juni 2020 gemeinsam mit den CHAARTS Chamber Artists unter Leitung von G\u00e1bor Tak\u00e1cs-Nagy die nun erscheinende Neuaufnahme. Im Interview mit Oliver Fraenzke erz\u00e4hlt er von Mozart und dem steinigen Weg zu seiner neuesten CD.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Nun geh\u00f6ren die Solokonzerte Mozarts ja zum viel gespielten und oft aufgenommenen Standardrepertoire, so dass bereits eine gro\u00dfe Anzahl beachtlicher bis herausragender Aufnahmen existiert. Wieso haben Sie sich angesichts dessen entschieden, sie dennoch einzuspielen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Ja, tats\u00e4chlich. Ich glaube, ein junger Musiker muss sich zwar mit Rarit\u00e4ten, mit unbekanntem oder neuem Repertoire eingehend besch\u00e4ftigen, darf sich aber auch nicht scheuen, die ganz gro\u00dfen Werke des Kanons fr\u00fch und mit hohen Ambitionen anzugehen. Es geht letztlich bei jedem Repertoire um die Qualit\u00e4t und die Ernsthaftigkeit, die man als Interpret erreichen kann. Wie sehr schafft man es, der Musik gerecht zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Allgemein gefragt, was macht Mozart so einzigartig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Mozart war die gr\u00f6\u00dfte musikalische Begabung, die je gelebt hat. Das ist einzigartig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Haben Sie gewisse Idole, was die Darbietung der Violinkonzerte betrifft? Und was hebt Ihre Anschauung dieser St\u00fccke von jenen ab?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Idole sind oft zu stark einschr\u00e4nkend, weshalb ich versuche, mich dahingehend zur\u00fcckzuhalten und mich unbefangen der Musik zu n\u00e4hern. Christian Tetzlaffs Spiel empfand ich im Konzert als passend zu Mozart. Ich versuche vor allem durch die Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk Mozarts einen Schl\u00fcssel zu seinen Violinkonzerten zu finden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: An Ihrer Seite befinden sich die CHAARTS Chamber Artists, ein Ensemble ausschlie\u00dflich aus profilierten Streichquartettspielerinnen und <\/strong><strong>-sp<\/strong>ielern. Wie wirkt sich dies auf den Gesamtklang aus?<\/p>\n\n\n\n<p>SB: Durch ein intensiveres \u201eAufeinanderh\u00f6ren\u201c. CHAARTS ist ein Ensemble mit sehr starken Pers\u00f6nlichkeiten, das schafft Profil und kommt der Musik zugute. Jeder f\u00fcr sich ist ein individueller Charakter mit besonderen St\u00e4rken, gleichzeitig durch das Quartettspiel f\u00e4hig, den eigenen Klang in den Dienst des Ensembles zu stellen und mit diesem zu verschmelzen. Die fehlende Routine eines permanent spielenden Kammerorchesters k\u00f6nnte sich nat\u00fcrlich auch negativ auswirken zum Beispiel bei der Balance im vierstimmigen Satz und der allgemeinen Homogenit\u00e4t. Um dem entgegenzuwirken, versuchen wir vor gemeinsamen CD-Aufnahmen immer, Konzerte zu spielen, damit wir dann wirklich wie ein gro\u00dfes Streichquartett klingen. Das Streben nach Qualit\u00e4t in allen Aspekten steht im Zentrum.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Und auch Dirigent G\u00e1bor Tak\u00e1cs-Nagy etablierte sich zun\u00e4chst als Violinist und Primarius des Tak\u00e1cs-Quartetts. Welche Einsichten bringt er vom Pult aus in die Musik? Welche Verbindung hat er zu Mozart?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: G\u00e1bor Tak\u00e1cs-Nagy ist f\u00fcr mich ein musikalisches Ph\u00e4nomen. Er geht au\u00dferordentlich belebend an die Musik heran, was extrem gut zu Mozart passt. Die Musiker werden permanent stimuliert, aus jeder einzelnen Begleitung und jeder noch so unscheinbaren Wendung das Augenzwinkern Mozarts herauszukitzeln. Der unberechenbare, \u00fcberm\u00fctige Mozart, wie wir ihn aus den Briefen kennen, wird hier lebendig. Er wird nicht zu einem Monument des Sch\u00f6nklangs \u201eversteinert&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Eine Aufnahme nach zwei Jahren zu wiederholen, das ist ein wagemutiger Schritt. Was gab den Ausschlag f\u00fcr diese Entscheidung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: F\u00fcr mich war klar, dass ich keine Kompromisse in der Qualit\u00e4t meiner Arbeit machen werde; ich muss da meinen eigenen Anspr\u00fcchen treu bleiben. Das alles noch einmal auf die Beine zu stellen, war f\u00fcr mich eine ungemein kraftvolle Erfahrung. Es hat mich tief ber\u00fchrt, wie sehr meine Entscheidung und meine Klarheit diesbez\u00fcglich von meinem Umfeld, den Musikern und einem sehr breiten G\u00f6nnerkreis sofort verstanden und unterst\u00fctz wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Wie unterscheiden sich die Aufnahmen von 2018 mit denen von 2020? Inwieweit haben Sie sich selbst in dieser Zeit weiterentwickelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: 2018 war ich \u2013 wie ich im Nachhinein feststellte \u2013 geigerisch nicht gen\u00fcgend vorbereitet. Entsprechend klang die Aufnahme zwar korrekt, aber nicht ausreichend durchdrungen und dadurch gezwungenerma\u00dfen angepasst. Ich wusste von meinen guten Erfahrungen mit Schubert, dass mir Mozart eines Tages liegen w\u00fcrde, habe die St\u00fccke damals allerdings noch nicht zu Ende gearbeitet. Im Lockdown 2020 nahm ich das dann mit einer Vehemenz in Angriff, die mich sehr stolz macht. Nat\u00fcrlich ist man als K\u00fcnstler niemals ganz zufrieden und denkt immer, man k\u00f6nnte es noch besser machen. Aber hinter dem jetzigen Resultat kann ich wirklich stehen: Da ist jeder Takt mit Liebe gespielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Auf welche Weise lie\u00df sich solch ein Unterfangen \u00fcberhaupt realisieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Ich habe die Idee in Windeseile unter meinem Konzertpublikum verbreitet und innerhalb weniger Tage ca. 20\u2019000 CHF sammeln k\u00f6nnen. Es war einfach genau der richtige Zeitpunkt. Wir hatten auch Gl\u00fcck, die gleichen Musiker am gleichen Aufnahmeort versammeln zu k\u00f6nnen. Das war Wahnsinn!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Sie sprechen vom \u201erichtigen Zeitpunkt\u201c: Wie beeinflussen die Lockdowns denn das Spielen wie auch das H\u00f6ren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Ich spiele zurzeit viel lieber, weil ich weniger spiele. Auch in Zukunft will ich mehr ausw\u00e4hlen, was ich spielen m\u00f6chte: Die Qualit\u00e4t ist das einzige Kriterium. Wie sich das Publikum nach der Pandemie entwickeln wird, das wei\u00df ich noch nicht. Ich bleibe aber Optimist!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>OF: Was denken Sie: Wie k\u00f6nnte das Konzertieren nach der Pandemie weitergehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>SB: Ich glaube, Vieles wird sehr schnell wieder sein wie vorher. Die, die gerne klagen, werden weiterklagen; daf\u00fcr werden aber auch die, die immer einfach versuchen, die Dinge in die Hand zu nehmen und L\u00f6sungen zu finden, es ebenso weiter tun.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Das Interview f\u00fchrte Oliver Fraenzke]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Sebastian Bohren, Mai 2021 \u2013 gef\u00fchrt durch Oliver Fraenzke Eine Aufnahme korrigierend zu wiederholen darf als gewagter Schritt bezeichnet werden: gerade in der heutigen Zeit, die charakterisiert wird einerseits durch eine Vielzahl an M\u00f6glichkeiten technischer Nachbearbeitung, andererseits durch eine Schnelllebigkeit und dadurch eine gewisse \u201eZweckm\u00e4\u00dfigkeit\u201c des Musikmarktes. 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