{"id":4455,"date":"2021-06-26T00:02:00","date_gmt":"2021-06-25T22:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4455"},"modified":"2021-06-26T11:44:45","modified_gmt":"2021-06-26T09:44:45","slug":"enno-poppe-subtile-und-komplexe-neue-kammermusik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/06\/26\/enno-poppe-subtile-und-komplexe-neue-kammermusik\/","title":{"rendered":"Subtile und komplexe neue Kammermusik"},"content":{"rendered":"\n<p>Wergo 7395 2; EAN: 4 010228739527<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4456\" width=\"473\" height=\"469\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo-768x761.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Poppe-Stoff-Wergo.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Neben zwei Solowerken \u2013 \u201eFell\u201c f\u00fcr Drumset und \u201eHaare\u201c f\u00fcr Violine \u2013 erklingen auf der neuen Wergo-CD mit Kammermusik von Enno Poppe noch drei St\u00fccke f\u00fcr Ensembles von 5, 7 bzw. 9 Spielern: \u201eBrot\u201c, \u201eZug\u201c und \u201eStoff\u201c. Der Komponist dirigiert hier das Ensemble Musikfabrik; die Solisten sind Hannah Weirich (Violine) und Dirk Rothbrust (Drumset); eine gelungene Zusammenstellung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Enno Poppes (Jahrgang 1969) Entwicklung zu einem der bedeutendsten, lebenden deutschen Komponisten l\u00e4sst sich am besten mit Kammermusik dokumentieren: Auch wenn die hier eingespielten Werke nur ein knappes Jahrzehnt (2007\u20132016) abdecken, sind sie hervorragend geeignet, die Spezifika seiner Musik gut erkennbar werden zu lassen. Ohnehin hat der Komponist wie kaum jemand seiner Generation mittlerweile einen wirklich unverkennbaren Personalstil etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Poppes Eigenheiten geh\u00f6rt vor allem, sich beim Ausgangsmaterial f\u00fcr seine Kompositionen auf wenige, kleinste musikalische Bausteine zu beschr\u00e4nken. Dies findet schon in den Titeln seiner St\u00fccke ersten Ausdruck \u2013 fast immer ein- oder zweisilbige deutsche Substantive. Wenn die beiden Solost\u00fccke hier <em>Fell <\/em>bzw. <em>Haare <\/em>hei\u00dfen, wird dadurch nat\u00fcrlich sofort der Bezug zum jeweiligen Instrument (Drumset und Violine) deutlich. Au\u00dferdem ist Poppe einer der wenigen Komponisten, die sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum eine sehr eigenst\u00e4ndige \u201eHarmonik\u201c im mikrotonalen Raum erarbeitet haben, die halbwegs konsistent erscheint und daher h\u00f6rend erstaunlich gut erlebbar ist \u2013 so absurd schwierig deren genaue Realisation f\u00fcr die ausf\u00fchrenden Musiker auch sein mag.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fell <\/em>ist ein artistisches Solo (souver\u00e4n: <em>Dirk Rothbrust<\/em>), das sich aus einer einzigen rhythmischen Zelle speist, aber sofort zu einer \u201einszenierten Herzrhythmusst\u00f6rung\u201c (Martina Seeber in ihrem wirklich vorbildlichen Booklettext) ger\u00e4t; die Gro\u00dfform mit ihren klaren Abschnitten \u2013 deutlich gemacht u.a. durch Instrumentierungswechsel \u2013 erschlie\u00dft sich hingegen sofort. <em>Haare <\/em>baut auf zwei entgegengesetzten Glissandobewegungen auf \u2013 ebenfalls ganz typisch f\u00fcr Poppe \u2013, zun\u00e4chst fast wie ein Vogelruf, aber sp\u00e4ter immer expressiver und enorm beeindruckend in seiner Farbvielfalt. <em>Hannah Weirich<\/em> spielt das einfach gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<p>Das zentrale und auch mit knapp 20 Minuten l\u00e4ngste St\u00fcck dieser Ver\u00f6ffentlichung ist <em>Stoff <\/em>f\u00fcr 9 Spieler. Und die \u201eNeun\u201c hat zentrale Bedeutung f\u00fcr das ganze Werk \u2013 eigentlich bauen alle Strukturen, nicht etwa nur die \u00e4u\u00dferlich formbildenden, auf Potenzen von 9 auf: So hat <em>Stoff <\/em>eine L\u00e4nge von (9&#215;9) x 9 Takten (=729). Man kann deshalb mehrfach proportionale Vergr\u00f6\u00dferungen und ein Netzwerk von (Selbst-)\u00c4hnlichkeiten, mithin fraktale Prinzipien, erkennen. Auch f\u00fcr andere Parameter spielen 81er-Matrizen (=9\u00b2) durchg\u00e4ngig eine Rolle. Und die Harmonik des Werkes baut mehr als sonst auf spektralen Akkorden auf \u2013 stilbildend ist weiterhin eine typische Art von mikrotonalen Akkordfortschreitungen \u00e4hnlich einer Shepard-Skala. Trotz dieser starken Strukturzusammenh\u00e4nge stehen am Schluss dieses in Poppes Schaffen hochbedeutenden St\u00fcckes letztlich doch eher Aufl\u00f6sungserscheinungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am vielleicht \u00fcberzeugendsten findet der Rezensent allerdings die 5er- bzw. 7er-Ensembles von <em>Brot <\/em>und <em>Zug. Brot <\/em>(f\u00fcr drei Blechbl\u00e4ser, Schlagzeug und Klavier) entstand quasi als instrumentale Auskopplung aus Poppes Oper <em>\u201eArbeit Nahrung Wohnung\u201c <\/em>(2008)und erinnert an eine Freejazzsession, trotz der im Innern herrschenden Strenge. <em>Zug <\/em>f\u00fcr sieben Blechbl\u00e4ser ist, oberfl\u00e4chlich betrachtet, klanglich am homogensten \u2013 zwischendurch scheint ein paar Male beinahe so etwas wie echter Brass Groove durch \u2013, geht jedoch auch wieder an die Grenzen des technisch \u00fcberhaupt Machbaren (eine der zwei Trompeten ben\u00f6tigt etwa ein Vierteltonventil), was Mikrotonalit\u00e4t und eine verbl\u00fcffende Farbigkeit betreffen. Der H\u00f6reindruck ist hier aber geradezu angenehm und von einer eher unerwarteten Nat\u00fcrlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die hochspezialisierten Musiker des in K\u00f6ln beheimateten <em>Ensembles Musikfabrik <\/em>hier leisten, verdient gr\u00f6\u00dften Beifall. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der hier die hochdifferenzierte Harmonik Poppes dargeboten wird, und auch Poppes Leitung, unter der diese enorm komplexe Musik fasslich, \u00fcber Strecken gar wohlklingend geschmeidig erscheint, sind zwar nicht wirklich \u00fcberraschend (Poppe leitet in Berlin das \u00e4hnlich ambitionierte <em>ensemble mosaik<\/em>), aber allemal \u00e4u\u00dferst erfreulich. Die Aufnahmen \u2013 teilweise von WDR bzw. Deutschlandfunk Kultur produziert \u2013 klingen brillant, r\u00e4umlich perfekt und dynamisch gut ausbalanciert. Fazit: Eine aufschlussreiche CD, die man Freunden Neuer Musik nur weiterempfehlen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wergo 7395 2; EAN: 4 010228739527 Neben zwei Solowerken \u2013 \u201eFell\u201c f\u00fcr Drumset und \u201eHaare\u201c f\u00fcr Violine \u2013 erklingen auf der neuen Wergo-CD mit Kammermusik von Enno Poppe noch drei St\u00fccke f\u00fcr Ensembles von 5, 7 bzw. 9 Spielern: \u201eBrot\u201c, \u201eZug\u201c und \u201eStoff\u201c. 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