{"id":4467,"date":"2021-07-04T11:01:32","date_gmt":"2021-07-04T09:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4467"},"modified":"2021-07-04T23:05:50","modified_gmt":"2021-07-04T21:05:50","slug":"ein-glaubensbekenntnis-an-die-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/07\/04\/ein-glaubensbekenntnis-an-die-musik\/","title":{"rendered":"Ein Glaubensbekenntnis an die Musik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zum Neustart der Klassikreihe im B\u00fcrgerhaus Eching spielen der Violinist Denis Goldfeld und die Pianistin Sofja G\u00fclbadamova am 3. Juli 2021 ein hoffnungsvolles Programm fast ausschlie\u00dflich in Dur. Sie er\u00f6ffneten den Abend mit Schuberts Violinsonate D-Dur D 384, worauf Beethovens 8. Violinsonate in G-Dur op. 30\/3 folgte. Nach der Pause f\u00fcgten die Musiker ein modernes Werk, welches nicht auf dem Programm stand: Ein Andante Tragico der Komponistin Lera Auerbach, das f\u00fcr die K\u00fcnstler ein Sinnbild der durchlittenen Coronapandemie darstellt. Als Hauptwerk des Abends spielten Goldfeld und G\u00fclbadamova die Erste Violinsonate op. 78 von Johannes Brahms, rundeten mit dessen Scherzo aus der F.A.E.-Sonate ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Welch ein seltsamer Augenblick f\u00fcr uns Zuh\u00f6rer, auf einmal wieder im Konzertsaal zu sitzen \u2013 und wie viel seltsamer noch f\u00fcr die auftretenden Musiker, die nun teils \u00fcber ein Jahr nicht mehr vor Publikum standen. Das Erlebnis war somit in jeder Hinsicht ein Besonderes. Und dies wurde bei K\u00fcnstlern wie Zuh\u00f6rern sp\u00fcrbar: Als die Musik anhob, so waren wir wie in einer Parallelwelt, gebannt von den Kl\u00e4ngen. Es f\u00fchlte sich zugleich vertraut an und dann fast neuartig. Denis Goldfeld und Sofja G\u00fclbadamova rangen im positivsten Sinne um die aufsteigenden Emotionen, die gerade bei Komponisten wie Schubert und Brahms doppelb\u00f6diger kaum sein k\u00f6nnten. Doch gewannen sie den Kampf insofern, als dass sie sich nicht \u00fcberrumpeln lie\u00dfen von der geballten Macht der ert\u00f6nenden Gro\u00dfformen, sondern es schafften, diese zu kanalisieren und dem Publikum zu vermitteln, ja zu verk\u00fcnden. Denis Goldfeld schwelgte sichtbar auf den T\u00f6nen, kontrollierte sie empfindsam im Entstehen und stellte jede Zelle seines K\u00f6rpers in den Dienst der Musik, was seinem Spiel gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Sinnlichkeit und Purit\u00e4t verlieh: Echter, ungek\u00fcnstelter Ausdruck in jeder Schwingung. Sofja G\u00fclmadamova verk\u00f6rperte eine andere Herangehensweise: Sie n\u00e4herte sich vom Bild auf die Gesamtform den einzelnen Passagen, um nie den Zusammenhang zu verlieren. Aller \u00e4u\u00dferlichen Virtuosit\u00e4t schwor sie ab, erw\u00e4gte gar jede ihre Bewegungen, die nur der Tongebung gelten sollten. In der Symbiose der beiden K\u00fcnstler verschwammen die unterschiedlichen Grundz\u00fcge zu einer durch und durch funktionierenden Einheit. Die Musiker gaben ihr Innerstes preis, was das Erlebnis dieses Konzerts umso intensiver und intimer gestaltete, den Zuh\u00f6rer vollends in das Geschehen integrierte. Der gemeinsame Atem, der sich in 20-j\u00e4hriger Kammermusikpartnerschaft etablierte, der nach dieser Pause nun wieder au\u00dfergew\u00f6hnlich erschien, sprang auch auf das Publikum \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl dauerte es aus Sicht des Publikums teils noch, sich auf diese Situation neu einzustellen, aber sp\u00e4testens im Mittelsatz der Beethoven-Sonate war auch der Letzte vom Alltag befreit in den Wogen der Musik gefangen. Diejenigen, die sich schon fr\u00fcher aus der normalen Welt zu l\u00f6sen vermochten, erlebten vom ersten Ton an Gro\u00dfes: Die jugendliche D-Dur-Sonate Schuberts, mit 19 Jahren geschrieben, enthielt schon den Kern des sp\u00e4teren Melodik-Gro\u00dfmeisters, behielt dennoch unter den Fingern G\u00fclbadamovas und Goldfelds die jugendliche Frische und Heiterkeit \u2013 wenngleich die scheinbare Fr\u00f6hlichkeit bereits hier teils gebrochen erscheint. Der Kopfsatz von Beethovens G-Dur-Sonate brodelte und begehrte auf, konnte aber in seiner \u00fcbermannenden Energie von den Musikern geb\u00e4ndigt werden, was uns davor bewahrte, von den T\u00f6nen \u00fcberrannt zu werden. Im erw\u00e4hnten Mittelsatz blieb die Zeit stehen, so dass man sprechen m\u00f6chte: \u201eVerweile doch, du bist so sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Intimit\u00e4t noch gesteigert setzten Goldfeld und G\u00fclbadamova in der zweiten H\u00e4lfte mit einem zeitgen\u00f6ssischen Werk von Lera Auerbach an, traten in Zwiegespr\u00e4ch mit den T\u00f6nen, die teils grelle Dissonanzen aufflammen lie\u00dfen, dann aber auch wieder beschwichtigende Dur-Harmonien verwendeten, um den Kontrast aus Niedergeschlagenheit und Hoffnung zu extremisieren. Alles, was die Musiker \u00fcber die Corona-Pandemie gerne sagen wollten: Es war in diesen T\u00f6nen. Die \u201eRegenliedsonate\u201c op. 78 von Brahms folgte, die zwar in Dur geschrieben steht, wohinter sich aber ein tragisches Schicksal verbirgt, n\u00e4mlich der Tod von Brahms\u2018 Patenkind Felix Schumann. In ihrer Ansprache nannte Sofja G\u00fclbadamova sie ein \u201eL\u00e4cheln durch die Tr\u00e4nen hindurch.\u201c Diese Musik zu beschreiben, entzieht sich nun doch letztendlich dem verbal Ausdr\u00fcckbaren; es h\u00e4tte ein Foto gebraucht vom Ausdruck auf den Gesichtern der Musiker nach der letzten Note \u2013 zutiefst betroffen, aufger\u00fcttelt, ersch\u00fcttert und doch friedlich \u2013, um den entschwundenen Moment zu rekapitulieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Neustart der Klassikreihe im B\u00fcrgerhaus Eching spielen der Violinist Denis Goldfeld und die Pianistin Sofja G\u00fclbadamova am 3. Juli 2021 ein hoffnungsvolles Programm fast ausschlie\u00dflich in Dur. Sie er\u00f6ffneten den Abend mit Schuberts Violinsonate D-Dur D 384, worauf Beethovens 8. Violinsonate in G-Dur op. 30\/3 folgte. Nach der Pause f\u00fcgten die Musiker ein modernes &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/07\/04\/ein-glaubensbekenntnis-an-die-musik\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Glaubensbekenntnis an die Musik<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[268,3968,269,87,923,3970,337,3969,86,3560],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4467"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4467"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4469,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4467\/revisions\/4469"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}