{"id":4470,"date":"2021-07-07T09:47:00","date_gmt":"2021-07-07T07:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4470"},"modified":"2021-07-04T23:50:38","modified_gmt":"2021-07-04T21:50:38","slug":"gegen-das-vergessen-verfolgte-komponisten-in-den-niederlanden-biographien-und-cds","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/07\/07\/gegen-das-vergessen-verfolgte-komponisten-in-den-niederlanden-biographien-und-cds\/","title":{"rendered":"Gegen das Vergessen -Verfolgte Komponisten in den Niederlanden: Biographien und CDs"},"content":{"rendered":"\n<p>Hentrich &amp; Hentrich; ISBN 978-3-95565-379-8\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Verfolgte-Komponisten-in-den-Niederlanden.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Verfolgte-Komponisten-in-den-Niederlanden.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4471\" width=\"516\" height=\"751\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Verfolgte-Komponisten-in-den-Niederlanden.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Verfolgte-Komponisten-in-den-Niederlanden-206x300.jpg 206w\" sizes=\"(max-width: 516px) 100vw, 516px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In einem bei Hentrich &amp; Hentrich erschienenen Kurzbiographien-Band erinnern Carine Alders und Eleonore Pameijer an Komponistinnen und Komponisten aus den Niederlanden, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs verfolgt und ausgegrenzt wurden. Das Buch steht in enger Verbindung mit einer bereits 2015 von Etcetera ver\u00f6ffentlichten 10-CD-Edition.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Verfemt, verfolgt, ins Exil getrieben, deportiert, ermordet: Von diesem Schicksal waren unz\u00e4hlige vorwiegend j\u00fcdische Kunstschaffende w\u00e4hrend des Nationalsozialistischen Regimes betroffen. Ihre Karriere wurde abrupt beendet und nur wenigen gelang es, in der Emigration eine neue Existenz aufzubauen oder nach dem zweiten Weltkrieg an fr\u00fchere Erfolge anzukn\u00fcpfen. Die meisten gerieten in vollst\u00e4ndige Vergessenheit. Erst in den 80er Jahren begann dank privater Initiativen, Forschungsprojekten und dem wachsenden Interesse von Musikwissenschaft und Dramaturgie die allm\u00e4hliche Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Schaffen dieser K\u00fcnstlergeneration. Eine Renaissance ihrer Werke l\u00e4utete exemplarisch die Decca-Edition \u201e<em>Entartete Musik\u201c<\/em> ein, beispielhaft sind auch die Aktivit\u00e4ten des Berliner Vereins Musica reanimata oder des Wiener exil.arte Zentrums.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich konzipiert ist die in Amsterdam ans\u00e4ssige Leo Smit-Stiftung. Schwerpunktm\u00e4\u00dfig widmet sie sich niederl\u00e4ndischen Komponistinnen und Komponisten, die nach der Besatzung durch die Deutschen 1940 Repressalien aller Art ausgesetzt waren und deren Werke nicht mehr aufgef\u00fchrt werden durften. Initiiert wurde sie 1996 von der Fl\u00f6tistin Eleonore Pameijer, nachdem sie auf Musik von Smit gesto\u00dfen war und ihre St\u00e4rke erkannt hatte. Mittlerweile integriert sie seine St\u00fccke regelm\u00e4\u00dfig in ihre Konzertprogramme. Damit erf\u00fcllt sie eines der Ziele der Stiftung: versch\u00fcttete musikalische Sch\u00e4tze zu bergen, um sie ins heutige Repertoire einzubinden. Viel Arbeit steckt dahinter:&nbsp; Nachl\u00e4sse m\u00fcssen gesichtet werden, aufgefundene, teils nur handgeschriebene Partituren eingerichtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber die bisherigen Forschungen gibt der Sammelband <em>Verfolgte Komponisten in den Niederlanden<\/em>, der 2015 von Pameijer zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Carine Alders herausgegeben und k\u00fcrzlich in deutscher \u00dcbersetzung im Hentrich &amp; Hentrich Verlag erschienen ist. Er vereint Biographien von 34 Musikschaffenden \u2013 darunter f\u00fcnf Frauen \u2013, rekonstruiert durch Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Profession, teilweise auch durch Verwandte. Diese Schilderungen, denen jeweils ein Foto vorangestellt ist, bringen zerst\u00f6rte Lebensl\u00e4ufe ans Licht, erz\u00e4hlen von individuellen Schicksalen und dem k\u00fcnstlerischen Verm\u00e4chtnis der Einzelnen, \u00f6ffnen aber auch den Blick f\u00fcr das niederl\u00e4ndische Musikleben, gesellschaftliche Querverbindungen und Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Gesamtheit ragt Leo Smit hervor, Namensgeber der Stiftung und innerhalb der \u201eJ\u00fcdischen Miniaturen\u201c desselben Verlags mit der Biographie <em>Unerh\u00f6rtes Talent<\/em> von Klaus Bertisch ausf\u00fchrlicher gew\u00fcrdigt (ISBN 978-3-95565-070-4). Bereits seine ersten Orchesterst\u00fccke, die er w\u00e4hrend des Studiums komponierte, wurden vom Concertgebouw aufgef\u00fchrt. Mitte der 20er Jahre zog er nach Paris und lernte dort die franz\u00f6sische Musikeravantgarde kennen, deren Einfl\u00fcsse fortan sein weiteres Schaffen \u2013 einiges f\u00fcr gr\u00f6\u00dferes Orchester, vorwiegend aber Kammermusiken in verschieden Besetzungen \u2013 pr\u00e4gte. Als er nach fast 10 Jahren 1937 nach Holland zur\u00fcckkehrte, hatte sich die politische Lage bereits versch\u00e4rft, so dass sich sein Wirkungskreis bald auf j\u00fcdische Institutionen beschr\u00e4nkte. Sein letztes und heute bekanntestes Werk, eine Sonate f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier, vollendete er nur einige Tage vor der Deportation\u00a0ins Vernichtungslager Sobibor, wo er Ende 1943 ermordet wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/008334.big_.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/008334.big_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4472\" width=\"345\" height=\"473\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/008334.big_.jpg 437w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/008334.big_-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 345px) 100vw, 345px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Dieses Schicksal teilte Smit mit seinem begabten Sch\u00fcler Dick Kattenburg. Er kam mit nur 24 Jahren in Auschwitz um, genauso wie der Synagogalkomponist und Chorleiter Simon Gokkes und das pianistische Wunderkind Mischa Hillesum. Dessen Schwester Etty&nbsp;hinterlie\u00df Tageb\u00fccher, die zu den bedeutendsten holl\u00e4ndischen Zeugnissen der Besatzungszeit geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gl\u00fcck, zu \u00fcberleben, hatten nur wenige. Beispielsweise Sem Dresden, Direktor des Konservatoriums in Den Haag, bedeutender Lehrer und einer der Leitfiguren des holl\u00e4ndischen Musiklebens, der untertauchen konnte. Oder der deutsche Komponist und Pazifist Wilhelm Rettich, den eine fr\u00fchere Klaviersch\u00fclerin versteckte. Er geh\u00f6rt, wie auch die ungarischen Musiker G\u00e9za Frid und Zolt\u00e1n Sz\u00e9kely zur Gruppe j\u00fcdischer Tonk\u00fcnstler anderer Nationalit\u00e4t, die hofften, in den bis 1940 neutralen Niederlanden, Schutz zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere gingen aktiv in den Widerstand: Marius Flothuis, vor und nach dem Krieg k\u00fcnstlerischer Direktor des Amsterdamer Concertgebouw, half untergetauchten Juden und wurde selbst interniert, Leo Kok, k\u00fcnstlerisch mehrfach begabt und politisch seit jungen Jahren aktiv, schloss sich der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Rosy Wertheim, die sich schon als junge Frau f\u00fcr sozial Schwache engagiert hatte, widersetzte sich den Anordnungen der Besatzung. Sie organisierte illegale Konzerte mit verbotener Musik, musste dann aber selbst untertauchen. Wertheims Biographie ist f\u00fcr ihre Zeit besonders bemerkenswert. Sie war eine der ersten Komponistinnen ihres Landes und lebte zeitweise in New York, Wien und Paris, wo sie einen K\u00fcnstlersalon unterhielt, in dem f\u00fchrende Musiker ein- und ausgingen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Forbidden Music in World War II (10 CD)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Etcetera, KTC 1530; Ean: 8711801015309<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Forbidden-Music-in-Word-War-II.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Forbidden-Music-in-Word-War-II.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4473\" width=\"478\" height=\"433\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Forbidden-Music-in-Word-War-II.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Cover-Forbidden-Music-in-Word-War-II-300x272.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Anhang der Biographien, von denen hier nur ein Bruchteil skizziert werden kann, befinden sich Auflistungen der verwendeten Quellen und der erstaunlich umfangreichen Diskographie. Aus diesen Tondokumenten, die \u00fcberwiegend bei kleineren Labels erschienen sind, stellte die holl\u00e4ndische Firma Etcetera eine Kompilation zusammen. Sie hei\u00dft <em>Forbidden Music in World War II<\/em> und ist das quasi unverzichtbare musikalische Pendant zur Lekt\u00fcre. Die Box enth\u00e4lt zehn prall gef\u00fcllte CD\u2019s mit Musik von einem Gro\u00dfteil der im Buch Portr\u00e4tierten. Die Bandbreite der zwischen 1900\u00a0und 1967 entstandenen Kompositionen reicht von gro\u00dfbesetzter Sinfonik \u00fcber Solokonzerte bis zu Kunstliedern. Meist aber sind es kammermusikalische Werke in verschiedenen Kombinationen, angepasst an die Bedingungen unter denen sie entstanden. Was ihnen gemein ist: sie spiegeln die Vielfalt der damaligen zeitgen\u00f6ssischen Str\u00f6mungen wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Dominierend ist der Blick nach Frankreich, zumal von denjenigen, die einige Zeit dort lebten und durch erste Hand inspiriert wurden. In Leo Smits farbschillernden Ballettmusik<em> Schemselnihar<\/em> sind die Impressionisten, Debussy und Ravel, allgegenw\u00e4rtig, in Rosy Wertheims Streichquartett steht&nbsp;die auf Vereinfachung und Klarheit zielende Groupe de Six Pate und Leo Kok komponierte den Gesangszyklus <em>Sept M\u00e9lodies Retrouv\u00e9es<\/em> im Stil der M\u00e9lodie francaise.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Unterhaltungsmusik f\u00fchlte sich Dick Kattenburg hingezogen. Seine Kammermusik ist\u00a0durchpulst von Jazzelementen und Tanzrhythmen, etwa in der Sonate f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier mit ihrer Melodik, den s\u00fcffigen Harmonien und dem Tangorhythmus im Mittelsatz. Andererseits setzte er sich musikalisch mit seinen Wurzeln auseinander. Lebensfreude in dunkler Zeit verspr\u00fchen seine auf hebr\u00e4ische Melodien basierenden <em>Pal\u00e4stinensischen Lieder<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lex van Delden hingegen kn\u00fcpfte in manchen Orchesterst\u00fccken an neoklassizistische Traditionen \u00e0 la Strawinsky an, scheinbar unber\u00fchrt von avantgardistischen Tendenzen. Der Komponist, der sich nach dem Krieg f\u00fcr die Belange niederl\u00e4ndischer Musikschaffender\u00a0einsetzte, erhielt selbst besondere Wertsch\u00e4tzung, als in den 60er Jahren einige seiner sinfonischen Werke vom Concertgebouw Orchester unter so bedeutenden Dirigenten wie Bernard Haitink, Eugen Jochum und George Szell aufgef\u00fchrt wurden. Die erhaltenen Life-Mitschnitte sind ein bedeutender Teil der Anthologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch viel mehr gibt es zu entdecken in dieser schier unersch\u00f6pflichen musikalischen Fundgrube, nur einiges kann als Kostprobe erw\u00e4hnt werden: Die aufs Wesentliche komprimierte Klavier-Sonate und das Streichquartett von Nico Richter, die sich in Richtung Wiener Schule orientieren und in ihrer K\u00fcrze an Anton von Webern erinnern; die freche <em>Modern Times Sonata<\/em> f\u00fcr Geige und Klavier von Ignace Lilien, die den Geist der 20er Jahre einf\u00e4ngt und mit seinem sozialkritischen Gesangszyklus <em>Mietskaserne<\/em> kontrastiert;&nbsp;eine sp\u00e4tromantische Konzertouvert\u00fcre und ein Nonett von Jan van Gilse; die fast gleichzeitig in den 50er Jahren entstandenen duftigen&nbsp;Dialoge f\u00fcr Harfe und Fl\u00f6te von Theo Smit Sibinga und Marius Flothuis; effektvolle, klangfarbenreiche Solokonzerte f\u00fcr Fl\u00f6te bzw. Klavier und Kammerorchester von Henri\u00ebtte Bosmans; franz\u00f6sische Chansons von Marjo Tal, von ihr selbst vorgetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Gro\u00dfteil der Einspielungen bestreitet ein Stamm von Musizierenden.&nbsp;An erster Stelle muss die Fl\u00f6tistin Eleonore Pameijer&nbsp;genannt werden. Sie hat sich mit Leib und Seele der Rehabilitation dieser Werke verschrieben und wirbt f\u00fcr sie mit ihrer ganzen spieltechnischen und interpretatorischen Kompetenz. Einher geht dieses Engagement mit der Partnerschaft zu einer Reihe von hochkar\u00e4tigen Instrumentalisten und Instrumentalistinnen, die in unterschiedlichen Formationen aufeinandertreffen. Zu ihnen geh\u00f6ren die Sopranistin Irene Maessen, die Geigerin Marijke van Kooten, die Cellistin Doris Hochscheid, die Harfenistin Erika Waardenburg und die Pianisten&nbsp;Frans van Ruth und&nbsp;Marcel Worms. Ihre Vertrautheit beim Zusammenspiel ist stets sp\u00fcrbar, aber auch das Wissen um feine Abstimmungen, kluge Strukturierung, Klangfarben und Phrasierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgeschlossen ist der Wiedererweckungsprozess noch lange nicht. Doch sukzessive werden L\u00fccken geschlossen und der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Ja, \u201eMusik muss erklingen\u201c. In dieser bemerkenswerten Anthologie tut sie es auf beispielhafte Weise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karin Coper [Juli 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hentrich &amp; Hentrich; ISBN 978-3-95565-379-8\u00a0 In einem bei Hentrich &amp; Hentrich erschienenen Kurzbiographien-Band erinnern Carine Alders und Eleonore Pameijer an Komponistinnen und Komponisten aus den Niederlanden, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs verfolgt und ausgegrenzt wurden. Das Buch steht in enger Verbindung mit einer bereits 2015 von Etcetera ver\u00f6ffentlichten 10-CD-Edition. 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