{"id":4479,"date":"2021-07-16T23:54:00","date_gmt":"2021-07-16T21:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4479"},"modified":"2021-07-17T03:00:02","modified_gmt":"2021-07-17T01:00:02","slug":"eine-reise-durch-die-maerchenwelt-tatjana-uhde-lisa-wellisch-schumann-schubert-grieg-juon","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/07\/16\/eine-reise-durch-die-maerchenwelt-tatjana-uhde-lisa-wellisch-schumann-schubert-grieg-juon\/","title":{"rendered":"Eine Reise durch die M\u00e4rchenwelt"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 325; EAN: 4 260052 383254<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Maerchenbilder.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Maerchenbilder.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4480\" width=\"452\" height=\"452\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Maerchenbilder.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Maerchenbilder-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Maerchenbilder-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Tatjana Uhde (Violoncello) und Lisa Wellisch (Klavier) pr\u00e4sentieren bei Ars Produktion Schumacher ein Programm aus kammermusikalischen \u201eM\u00e4rchenbildern\u201c von Franz Schubert, Robert Schumann, Edvard Grieg und Paul Juon.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik sei die romantischste aller K\u00fcnste, sagte E.&nbsp;T.&nbsp;A. Hoffmann zu jener Zeit, als die romantischen Dichter auszogen, dem einfachen Volk M\u00e4rchen und Sagen abzulauschen, oder gleich selbst dem M\u00e4rchen- und Sagenschatz Beitr\u00e4ge aus eigener Feder hinzuf\u00fcgten. Was lag f\u00fcr die Komponisten der nachbeethovenschen Generationen n\u00e4her, als aus diesem romantischen Geist mannigfaltige Anregungen f\u00fcr ihr Schaffen zu entnehmen? Aus freier Phantasie im Volkston M\u00e4rchenerz\u00e4hlungen, Balladen und Romanzen zu komponieren, war eine Spezialit\u00e4t Robert Schumanns, der damit wiederum zahlreichen j\u00fcngeren Tonsetzern zum Leitbild wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Violoncellistin Tatjana Uhde und die Pianistin Lisa Wellisch haben f\u00fcr ihre CD <em>M\u00e4rchenbilder<\/em> aus dem Fundus entsprechender St\u00fccke ein Programm zusammengestellt, das durch seine ausgewogene Komposition besticht: Es beginnt und endet mit einem Miniaturenzyklus von Robert Schumann (den titelgebenden <em>M\u00e4rchenbildern<\/em> op.&nbsp;113, urspr\u00fcnglich f\u00fcr Bratsche geschrieben, und den <em>Fantasiest\u00fccken<\/em> op.&nbsp;73, die urspr\u00fcnglich der Klarinette zugedacht waren). Das umfangreichste Werk steht im Mittelpunkt: Franz Schuberts Sonate f\u00fcr Arpeggione und Klavier D&nbsp;821. Sie mag keinen romantisch-poetischen Untertitel besitzen, harmoniert aber mit ihren eing\u00e4ngigen, nicht selten sehnsuchtsvoll anmutenden Melodien und ihren schweifenden Harmoniefortschreitungen stilistisch ausgezeichnet mit den sie umgebenden Charakterst\u00fccken. (Auch mag das Instrument, f\u00fcr das sie eigentlich geschrieben ist, \u2013 der gambenartig klingende, im Bau Eigenschaften von Gitarre und Violoncello vereinende Arpeggione \u2013 dem heutigen H\u00f6rer so entr\u00fcckt vorkommen wie ein sagenumwobener Gegenstand aus der M\u00e4rchenwelt&#8230;). Zwischen diesen mehrs\u00e4tzigen Werken sind zwei Einzelst\u00fccke eingeschoben, die aus dem deutschen Sprachraum hinausf\u00fchren: Auf die nordische Sagenwelt wird mit <em>Solvejgs Lied<\/em> aus Edvard Griegs <em>Peer-Gynt-Suite<\/em> Nr.&nbsp;2 (in der Transkription von Orfeo Mandozzi) verwiesen, stammt es doch urspr\u00fcnglich aus der Musik zu einem Drama, das Henrik Ibsen nach Vorlagen norwegischer M\u00e4rchen geschrieben hat. Paul Juons <em>M\u00e4rchen<\/em> op.&nbsp;8 stellt die einzige Originalkomposition f\u00fcr Violoncello und Klavier im Rahmen dieser CD dar. Es handelt sich um ein Fr\u00fchwerk des bedeutenden Russlandschweizers, das noch ganz unter dem Eindruck des russischen Folklorismus steht. Entstanden sein d\u00fcrfte es der Opuszahl nach Mitte der 1890er Jahre, also ein paar Jahre bevor Nikolai Medtner begann, mit seinen zahlreichen M\u00e4rchenst\u00fccken (\u0421\u043a\u0430\u0437\u043a\u0438) eine eigene Untergattung der russischen Klavierminiaturistik zu kultivieren. Zusammengehalten wird das Programm nicht nur durch Tonfall und Thematik der St\u00fccke, sondern auch durch ihre Tonarten, denn s\u00e4mtliche Werke stehen entweder in D (Schumann op.&nbsp;113, Grieg) oder dem nahe quintverwandten A (Juon, Schubert, Schumann op.&nbsp;73), wobei das Mollgeschlecht \u2013 bei romantischer Literatur wenig verwunderlich \u2013 dominiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Tatjana Uhde und Lisa Wellisch spielen vorz\u00fcglich aufeinander abgestimmt. Uhde besitzt ein sicheres Gef\u00fchl f\u00fcr melodische Entwicklungen. Sie h\u00e4lt sich streng an die Phrasierungsvorschriften der Komponisten, verliert sich aber nicht in einem blo\u00dfen Aneinanderreihen der einzelnen Phrasen, sondern erfasst stets auch die l\u00e4ngeren Verl\u00e4ufe der Melodieb\u00f6gen, in denen sie den Wechsel der Schwer- und Leichtpunkte sorgf\u00e4ltig herausarbeitet. Exemplarisch h\u00f6ren l\u00e4sst sich das etwa bei Grieg, oder im letzten Satz der Schubert-Sonate, in welchem Uhde die Achtel nach Vorschrift eng an die punktierten Viertel gebunden spielt, es aber nicht vers\u00e4umt, aus diesen Motiven eine lange Melodie zu entfalten. Wellisch macht dem H\u00f6rer durchweg deutlich, dass das Klavier ebenb\u00fcrtiger Partner des Cellos und nicht nur Begleitung ist. Sie versteht es, die jeweilige Aufgabe zu erf\u00fcllen, die sich in einer bestimmten Situation stellt, h\u00e4lt sich zur\u00fcck, wenn das Cello die f\u00fchrende Rolle innehat, tritt bestimmt hervor, wenn das Klavier an der Reihe ist, ohne dass sie das Spiel ihrer Partnerin ungeb\u00fchrlich \u00fcberdeckte. Die Ausgewogenheit, die zwischen den beiden Instrumenten herrscht, wird namentlich anhand der Schumann-St\u00fccke deutlich, in denen sich zahlreiche kontrapunktische Duette einkomponiert finden. Einschr\u00e4nkend w\u00e4re nur Eines zu erw\u00e4hnen: Eigentlich spricht es f\u00fcr Wellisch, dass sie zu Beginn des langsamen Satzes der Schubert-Sonate danach strebt, in den ihr zugeteilten Achtel-Figurationen die darin verborgene breite Melodie hervorzuheben; allerdings ger\u00e4t ihr das Ergebnis zu wenig <em>legato<\/em> (hier ausdr\u00fccklich verlangt).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie halten es die beiden Musikerinnen mit dem romantischen Ton dieser M\u00e4rchenmusiken? Sie vertrauen offenbar darauf, dass er sich von selbst einstellt, wenn man die Musik durch sorgf\u00e4ltige Ausf\u00fchrung zum Leben erweckt \u2013 und sie tun gut daran! Aufgesetzte Romantizismen h\u00f6rt man von ihnen nicht. Uhde geht nicht verschwenderisch mit dem Vibrato um, sondern setzt es ma\u00dfvoll ein, um bestimmte Stellen hervorzuheben. Auch vermeiden Uhde und Wellisch willk\u00fcrliche Schwankungen des Zeitma\u00dfes; falsches espressivo durch \u00fcbertriebenes Verlangsamen und Beschleunigen kommt unter ihren H\u00e4nden nicht vor. Stattdessen freut man sich an der stringenten Gestaltung der Tempi und am gelegentlichen, von beiden K\u00fcnstlerinnen sicher ausgef\u00fchrten Rubato, das den H\u00f6rer nie das Grundtempo vergessen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer also eine kleine Reise durch die M\u00e4rchenwelt der romantischen Kammermusik unternehmen m\u00f6chte, der kann sich getrost Tatjana Uhde und Lisa Wellisch anvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Juli 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 325; EAN: 4 260052 383254 Tatjana Uhde (Violoncello) und Lisa Wellisch (Klavier) pr\u00e4sentieren bei Ars Produktion Schumacher ein Programm aus kammermusikalischen \u201eM\u00e4rchenbildern\u201c von Franz Schubert, Robert Schumann, Edvard Grieg und Paul Juon. Die Musik sei die romantischste aller K\u00fcnste, sagte E.&nbsp;T.&nbsp;A. Hoffmann zu jener Zeit, als die romantischen Dichter auszogen, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/07\/16\/eine-reise-durch-die-maerchenwelt-tatjana-uhde-lisa-wellisch-schumann-schubert-grieg-juon\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Eine Reise durch die M\u00e4rchenwelt<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[388,23,87,4001,44,93,4000],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4479"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4481,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4479\/revisions\/4481"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}