{"id":4487,"date":"2021-08-01T21:23:06","date_gmt":"2021-08-01T19:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4487"},"modified":"2021-08-01T21:23:11","modified_gmt":"2021-08-01T19:23:11","slug":"der-symphoniker-jan-hanus-1915-2004","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2021\/08\/01\/der-symphoniker-jan-hanus-1915-2004\/","title":{"rendered":"Der Symphoniker Jan\u00a0Hanu\u0161\u00a0(1915\u20132004)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hanus4.png\"><img loading=\"lazy\" width=\"338\" height=\"428\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hanus4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4488\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hanus4.png 338w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Hanus4-237x300.png 237w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Smetana, Dvo\u0159\u00e1k, Jan\u00e1\u010dek und Martin\u016f haben der tschechischen Musik zu Weltgeltung verholfen und sind aus dem Repertoire des abendl\u00e4ndischen Musiklebens nicht mehr wegzudenken. Dennoch ist der reiche Schatz an Meisterwerken, die tschechische Komponisten hinterlassen haben, mit diesen gro\u00dfen Namen noch lange nicht ersch\u00f6pft. Der nachfolgende Beitrag widmet sich einem der herausragenden Tonsetzer der j\u00fcngeren tschechischen Musikgeschichte: Jan Hanu\u0161. 1915 gegen Ende der Habsburgermonarchie geboren und 2004 im modernen Tschechien gestorben, schuf er Opern, Ballette, geistliche Werken, Kammermusik und Orchesterkompositionen, darunter sieben Symphonien.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jan Hanu\u0161 wurde am 2.&nbsp;Mai 1915 in eine hochmusikalische Prager Familie hineingeboren: Die Mutter war Klaviersch\u00fclerin Zden\u011bk Fibichs gewesen, der Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, Franti\u0161ek Urb\u00e1nek, pr\u00e4gte als bedeutendster tschechischer Musikverleger seiner Zeit das Musikleben Prags entscheidend mit. Durch ihn kam Jan Hanu\u0161 bereits als Kind mit dem Verlagswesen in Kontakt, eine Verbundenheit, die auch sein weiteres Leben bestimmen sollte. Das Familienunternehmen rettete er \u00fcber die Zeit der deutschen Besatzung und den Zweiten Weltkrieg hinweg, bevor es 1949 von der kommunistischen Regierung verstaatlicht wurde. Seine dort erworbenen editorischen F\u00e4higkeiten halfen Hanu\u0161 jedoch, sich auch unter den neuen politischen Verh\u00e4ltnissen \u00fcber Wasser zu halten. Er wirkte an der Reihe Musica Antiqua Bohemica mit und war Gr\u00fcndungsmitglied der kritischen Gesamtausgaben der Werke Dvo\u0159aks, Fibichs und Jan\u00e1\u010deks, au\u00dferdem Mitbegr\u00fcnder des Panton-Musikverlags (heute zu Schott geh\u00f6rig), dem er von 1963 bis 1975 als Direktor vorstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine kompositorische Ausbildung erhielt Hanu\u0161 in den fr\u00fchen 30er Jahren von Otakar Jeremi\u00e1\u0161, dem Dirigenten des Prager Rundfunkorchesters. Fr\u00fchzeitig entwickelte er ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an der Musik seiner Zeitgenossen und trat 1939 dem Vorstand der <em>Gegenwart<\/em> bei, der f\u00fchrenden Gesellschaft zur Pflege neuer tschechischer Musik. Damit begann sein lebenslanges Engagement als Musikvereinsmann. 1955 berief ihn der neugegr\u00fcndete Tschechische Komponistenverein zu seinem Sekret\u00e4r, was er vier Jahre lang blieb. Daneben setzte sich Hanu\u0161 als Mitglied der Foerster-, Fibich- und Ostr\u010dil-Gesellschaften auch f\u00fcr das Andenken dieser fr\u00fcheren Meister ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jan Hanu\u0161 Leben beginnt mitten im Ersten Weltkrieg. Seine Jugend f\u00e4llt in die Zeit der von Toma\u0161 G. Masaryk gepr\u00e4gten Tschechoslowakischen Republik. Der Zweite Weltkrieg begann, als er 24 war. Zu Beginn der kommunistischen Herrschaft war er 33, an ihrem Ende 74 Jahre alt. Der Gro\u00dfteil seines Schaffens entstand also unter politischen Bedingungen, die Hanu\u0161, der sich zur katholischen Religion und zum Humanismus bekannte, wenig g\u00fcnstig geneigt waren. Sein beruflicher Erfolg war vor allem in den fr\u00fchen Jahren des Kommunismus offenbar das Ergebnis geschickter Ballanceakte und pers\u00f6nlicher Beziehungen. So vollendete er eine nachgelassene Oper seines jung gestorbenen Kollegen V\u00edt Nejedl\u00fd und sicherte sich dadurch das Wohlwollen von dessen Vater, des Kultusministers Zden\u011bk Nejedl\u00fd. Er verstand es, den Herrschern zu geben, was sie wollten, und gleichzeitig sein Gesicht zu wahren. Die biographische Musikgeschichtsschreibung hat Jan Hanu\u0161 noch nicht f\u00fcr sich entdeckt. Sie d\u00fcrfte hier auf einen Lebenslauf sto\u00dfen, der Parallelen zu demjenigen Schostakowitschs aufweist. Auch bei Hanu\u0161 lassen sich anscheinend versteckte Botschaften finden. So tragen seine Symphonien laut dem Werkverzeichnis in der MGG \u00dcberschriften, nach denen man in den zeitgen\u00f6ssischen Druckausgaben vergeblich sucht. Dass etwa der Komponist seine 1957 vollendete Dritte Symphonie \u201eDie Wahrheit der Welt\u201c nannte, wurde in der Partitur nicht vermerkt, ebenso wenig erw\u00e4hnt das nicht von Hanu\u0161 stammende Vorwort, das dem Werk eine Inhaltsangabe im Sinne der sozialistisch-realisitschen Kulturdoktrin beilegt, ihren Entstehungshintergrund und den Widmungstr\u00e4ger: Rudolf Margolius. Der Jurist und Jugendfreund des Tonsetzers, der nach dem Krieg in die Kommunistische Partei eingetreten und zum stellvertretenden Au\u00dfenhandelsminister aufgestiegen war, wurde im Rahmen einer der letzten stalinistischen S\u00e4uberungen 1952 verhaftet und nach einem Schauprozess geh\u00e4ngt. Hanu\u0161 war der erste, der Margolius&#8216; sozial ge\u00e4chtete Witwe unterst\u00fctzte. Auch bewies er Mut, indem er als einziger Kollege mit dem 1954 in die USA gefl\u00fcchteten und in der Heimat als Unperson erkl\u00e4rten Komponisten Karel Husa weiterhin Briefkontakt hielt. Nichtsdestoweniger erhielt Hanu\u0161 hohe staatliche Auszeichnungen, so wurde er 1954 Verdienter K\u00fcnstler und 1988 Nationalk\u00fcnstler der Tschechoslowakei. Beide Titel gab er dem Staat 1989 aus Protest gegen die repressive Behandlung demonstrierender Studenten zur\u00fcck und beteiligte sich daraufhin an der Samtenen Revolution. V\u00e1clav Havel ehrte ihn 1999 mit der h\u00f6chsten tschechischen Verdienstmedaille \u201eZa z\u00e1sluhy udeleni\u201c. Jan Hanu\u0161 starb 89-j\u00e4hrig am 30.&nbsp;Juli 2004 in seiner Heimatstadt Prag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die k\u00fcnstlerisch aktive Zeit Hanu\u0161s dauerte etwa sechs Jahrzehnte, von seinen ersten kleineren Chorwerken aus den mittleren 30er Jahren bis zu seinem 1995 vollendeten Requiem. Angesichts dieser Zeitspanne verwundert der quantitative Umfang seines Schaffens, der sich auf \u00fcber 120 Opuszahlen bel\u00e4uft, nicht. Hanu\u0161 war nahezu auf allen Gebieten der Komposition t\u00e4tig, von der Klavierminiatur bis zur abendf\u00fcllenden Oper. Auch der Filmmusik hat er sich zugewandt und etwa den franz\u00f6sisch-westdeutschen Abenteuervierteiler <em>Die Schatzinsel<\/em> untermalt. Die weiteste Verbreitung d\u00fcrften seine geistlichen Werke a cappella gefunden haben, insbesondere das Magnificat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusAncerl.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusAncerl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4489\" width=\"366\" height=\"322\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Komponist Hanu\u0161 ist grunds\u00e4tzlich Traditionalist. Versucht man, ihn stilistisch einzuordnen, so lohnt ein Blick auf die tschechischen Meister der vorangegangenen Generationen. Als markanteste K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts darf Leo\u0161 Jan\u00e1cek gelten, der mit seinen kurzen, der Sprache abgelauschten Phrasen eine v\u00f6llig neue Schreibweise in die tschechische Musik einf\u00fchrte. Seine zur aphoristischen Formulierung und Repetition tendierende Musik bot einen Gegenentwurf zu Smetanas und Dvo\u0159aks breit ausgef\u00fchrten Melodieb\u00f6gen und der klassizistischen Verlaufsgestaltung vor allem des letzteren. Allerdings blieb Jan\u00e1\u010dek, obwohl er rasch zu Ansehen gelangte, zun\u00e4chst k\u00fcnstlerisch weitgehend isoliert, da seine j\u00fcngeren Zeitgenossen Josef Bohuslav Foerster (1859\u20131951), Vit\u011bslav Nov\u00e1k (1870\u20131949), Josef Suk (1874\u20131935) und Otakar Ostr\u010dil (1879\u20131935) auf den Errungenschaften Smetanas und Dvo\u0159\u00e1ks aufbauten. Auch Hanu\u0161s Lehrer Otakar Jeremi\u00e1\u0161 (1892\u20131962) f\u00fchlte sich dieser Traditionslinie verpflichtet, w\u00e4hrend der Weg Jan\u00e1\u010deks vor allem bei Pavel Haas (1899\u20131944) und Miloslav Kabel\u00e1\u010d (1908\u20131979) eine Fortsetzung fand. Hanu\u0161 scheint am st\u00e4rksten von Ostr\u010dil gepr\u00e4gt worden zu sein, dessen Musik zeigt, dass Gustav Mahler seine eigentlichen Nachfolger weniger in Wien als in Prag gefunden hat: Ostr\u010dils symphonische Werke kn\u00fcpfen in ihrer polyphonen Anlage und Orchesterbehandlung direkt an die letzten Werke Mahlers an, sind dabei aber deutlich knapper gefasst als diese; melodisch dominieren lange, chromatische Linien, die die Tonarten eher umschreiben als best\u00e4tigen; die Harmonik ist entsprechend dissonant. All diese Eigenschaften zeichnen auch Hanu\u0161s Schaffen aus. Ausgehend von Ostr\u010dils Methoden erkundet er die M\u00f6glichkeiten der Dissonanzen weiter, jedoch bleibt der Bezug zum Dur-Moll-System stets wirksam. Ebenso arbeitet er meist mit traditionellen Verlaufsmodellen wie Sonate, Variationen, Fuge etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich einem roten Faden zieht sich die Reihe seiner sieben Symphonien durch Hanu\u0161s Schaffen. Die Erste, op. 12, <em>Dolorosa<\/em> genannt, datiert von 1942 und steht den Angaben des Werkverzeichnisses zufolge in E-Dur, wovon man allerdings wenig h\u00f6rt. Die chromatisch durchsetzte Melodik tendiert bis kurz vor Schluss nahezu durchg\u00e4ngig zu Moll. Kopfsatz, Scherzo und Finale des viers\u00e4tzigen Werkes werden von Marschrhythmen und Fanfarenmelodik beherrscht. Man kann dies der Entstehungszeit zuschreiben, allerdings bleibt die Vorliebe f\u00fcr den Marsch im symphonischen Schaffen des Komponisten bis zum Schluss erhalten. Es ist der Marsch Mahlerschen Typus&#8216;, der es Hanu\u0161 angetan hat, der unerbittliche Marschtritt der <em>Revelge<\/em> und der Sechsten Symphonie, der zahlreiche Symphonies\u00e4tze des tschechischen Meisters in Gang bringt. Die Besonderheit der Hanu\u0161schen Ersten liegt im dritten Satz, einer Vertonung des Stabat Mater, zu der das Orchester um eine Mezzosopranstimme erweitert wird. Die deutschen Zensoren bemerkten die Botschaft des jungen Symphonikers und untersagten die Auff\u00fchrung. Das Werk konnte erst nach Kriegsende erklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Nr. 1 erf\u00fcllt Nr. 2 op. 26 v\u00f6llig die Erwartungen, die ihre Tonartangabe weckt: G-Dur dominiert das Werk, das nahtlos an die Musik Dvo\u0159aks und Suks anzukn\u00fcpfen scheint, nahezu unangefochten. Die Symphonie, zu der der Komponist vom Sonnengesang des Franz von Assisi inspiriert wurde, steht als verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig dissonanzarm und diatonisch unter ihren Geschwistern einzig dar. Sie ist ein Dokument aus dem f\u00fcr tschechische K\u00fcnstler sehr ung\u00fcnstigen Jahr 1951. Hanu\u0161 begab sich hier in die Schranken der sozialistisch-realistischen \u00c4sthetik, mit Erfolg, denn das Werk wurde preisgekr\u00f6nt. Freilich hielten die Kulturfunktion\u00e4re den leisen Schluss des finalen Variationssatzes sehr zu Unrecht aus dogmatischen Gr\u00fcnden f\u00fcr schwach. Unabh\u00e4ngig von den Entstehungsumst\u00e4nden handelt es sich hierbei um eine ebenso meisterliche Komposition wie die Erste Symphonie. Der marschartige Kopfsatz ist nicht weniger gegl\u00fcckt, nur der Tonfall ist ein anderer. Gleiches gilt von dem Andante und dem von Furiantrhythmen gepr\u00e4gten Scherzo. Motivisch wird das Werk vom zweiten Thema des Kopfsatzes zusammengehalten, das dort nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber in den Folges\u00e4tzen mehrfach auftaucht und schlie\u00dflich das Finale v\u00f6llig dominiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bereits erw\u00e4hnte Dritte Symphonie d-Moll op. 38, zu Beginn der Entstalinisierung 1957 geschrieben, stellt in mancherlei Hinsicht einen Gegenentwurf zur Zweiten dar, der sie formal auff\u00e4llig \u00e4hnelt. Auch hier steht eine Variationenreihe am Schluss, die auf ein Nebenthema des Kopfsatzes zur\u00fcckgreift. W\u00e4hrend Nr. 2 jedoch still und beruhigt ausklingt, m\u00fcndet die Musik hier in einen grellen Blechbl\u00e4serchoral. Hinsichtlich der Behandlung von Melodik und Harmonik geht Hanu\u0161 in der Dritten auf dem Weg weiter, den er in Nr. 1 eingeschlagen hatte. Charakteristisch ist gleich der Beginn des Werkes, wo \u00fcber einem grundierenden D ein b-Moll- und ein verminderter C-Septakkord als Vorhalte zur Haupttonart genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab seiner Vierten Symphonie, seinem 1960 fertiggestellten op. 49, verzichtet Hanu\u0161 auf Tonartangaben. Scherzo und Finale des wie seine Vorg\u00e4nger viers\u00e4tzigen Werkes stehen stilistisch der Ersten und Dritten Symphonie noch sehr nahe, w\u00e4hrend der Komponist im Kopfsatz und besonders im langsamen dritten Satz \u00fcber diese hinausgeht. Besonders letzterer zeigt eine Intensivierung seiner Schreibweise. Der Satz beginnt mit einem Fugato, dessen chromatische Linien die Harmonik in einem permanenten dissonanten Schwebezustand halten, was durch einen Mittelteil in klarem Dur, der an den Stil der Zweiten Symphonie erinnert, noch unterstrichen wird. Die Vierte tr\u00e4gt laut MGG den Titel <em>Das Lied von Bernadette<\/em>, d\u00fcrfte also von Franz Werfels religi\u00f6sem Roman gleichen Titels inspiriert sein. Wie die \u00dcberschriften der \u00fcbrigen Symphonien Hanu\u0161s l\u00e4sst er sich kaum im Sinne eines Programms verstehen und verweist wahrscheinlich nur auf den au\u00dfermusikalischen Schaffensansto\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Waren die bisherigen Symphonien viers\u00e4tzig, schreibt Hanu\u0161 1965 seine F\u00fcnfte Symphonie op. 58 in f\u00fcnf S\u00e4tzen, von denen die ersten vier den traditionellen Satztypen entsprechen. Den Abschluss bildet allerdings ein knappes Adagio, das als Fugato beginnt, dann in eine Passacaglia \u00fcbergeht und nach einem Tutti-H\u00f6hepunkt leise ausklingt. Die Harmonik der F\u00fcnften ist auf Grundlage der in der Vierten angestellten Erkundungen gestaltet. Trotz aller Chromatik sticht Es als tonales Zentrum in den Ecks\u00e4tzen hervor. Das metrisch sehr unregelm\u00e4\u00dfige Werk kann als Hanu\u0161s schroffste Symphonie gelten. Inspirationsquelle war diesmal die Bergpredigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 1978 vollendete Sechste Symphonie op. 92, betitelt <em>Nacht ohne Mond<\/em>, hat nur zwei S\u00e4tze, und das ist nicht das einzige ungew\u00f6hnliche Merkmal dieses Werkes. Hanu\u0161 zeigt sich hier von einer zuvor nicht gekannten experimentierfreudigen Seite, sowohl was den Verlauf, als auch was die Klanglichkeit betrifft. So wird der langsame Kopfsatz \u00fcber weite Strecken von einer elektrischen Gitarre grundiert. Auch das Flexaton kommt zum Einsatz. Der bewegte zweite Satz entwickelt nicht die gleiche Antriebskraft anderer Allegros\u00e4tze Hanu\u0161s und wird mehrmals von langsamen Episoden unterbrochen, die auf den Kopfsatz zur\u00fcckgreifen. Eine solche Reminiszenz beschlie\u00dft auch das Werk. Zweifellos tr\u00e4gt diese Symphonie originelle Z\u00fcge, der Komponist scheint mit ihr allerdings weniger zufrieden gewesen zu sein als mit seinen \u00fcbrigen, was vor allem angesichts des Finales verst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner siebten und letzten Symphonie <em>Die Schl\u00fcssel des K\u00f6nigreichs<\/em> op. 116 bringt Hanu\u0161 1990 zum ersten Mal seit seinem Erstling wieder die menschliche Stimme ins Geschehen, diesmal allerdings in Gestalt eines Chores nebst Solisten. Das dreis\u00e4tzige Werk ist mit einer Spieldauer von etwa 45 Minuten die l\u00e4ngste Symphonie des Komponisten \u2013 die \u00fcbrigen dauern ungef\u00e4hr 30 bis 35 Minuten \u2013 und nicht nur hinsichtlich Besetzung und Ausdehnung offenbar als kr\u00f6nender Abschluss seines symphonischen Schaffens konzipiert. Es beginnt mit einem rein instrumentalen Sonatenallegro, einem Marschsatz, der in Umfang und Intensit\u00e4t alles \u00fcbertrifft, was Hanu\u0161 vorher an \u00c4hnlichem geschrieben hat. Er verklingt \u00fcberraschend im Pianissimo. Nun ergreift der Chor das Wort und stimmt das Te Deum an. Als Finale folgt diesem eine Vertonung der Seligpreisungen. In beiden S\u00e4tzen zeigt der Komponist auf vielf\u00e4ltige Weise seinen Einfallsreichtum in der Verwendung des Chorklangs. Anders als man es angesichts der geistlichen lateinischen Texte meinen k\u00f6nnte, fehlt es auch nicht an humoristischen Z\u00fcgen, etwa wenn Hanu\u0161 auf dem H\u00f6hepunkt der Passage \u201eDominus Deus Sabaoth\u201c den Chor mit einem Glissando in die Tiefe st\u00fcrzen l\u00e4sst. Das Werk endet mit dem Preis der Friedfertigen, doch scheint der Frieden angesichts der den Schlussteil bestimmenden Chromatik und Dissonanzen eher erw\u00fcnscht als bereits vorhanden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusEbenHaas.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusEbenHaas.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4490\" width=\"365\" height=\"365\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusEbenHaas.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HanusEbenHaas-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Diskographisch steht es um Jan Hanu\u0161s Werk zur Zeit sehr schlecht, womit er unter den tschechischen Komponisten seiner Generation keineswegs allein dasteht. So ist von den Symphonien nur die Zweite auf CD greifbar, allerdings in einer musterg\u00fcltigen Einspielung Karel Ancerls. Der als Folge 42 in der Karel-Ancerl-Edition von Supraphon erschienene Tontr\u00e4ger enth\u00e4lt au\u00dferdem noch die Orchestersuite aus dem Ballett \u201eSalz besser als Gold\u201c. Auf Folge 11 dieser Reihe findet sich (zusammen mit zwei grandiosen Orchesterwerken Miloslav Kabel\u00e1\u010ds) die Konzertante Symphonie f\u00fcr Orgel, Harfe, Streichorchester und Pauken, die ebenfalls aus den fr\u00fchen 50er Jahren stammt. Supraphon hat weiterhin zwei Kammermusikwerke, die Oboensonate und das Trio f\u00fcr Oboe, Harfe, und Klavier herausgebracht. Von anderen Firmen sind der Liederzyklus <em>H\u00f6lzerner Christus<\/em> (\u010cesk\u00fd Rozhlas) und die gemeinsam mit Lubo\u0161 Sluka geschaffene Filmmusik zur <em>Schatzinsel<\/em> (BSC Music) noch erh\u00e4ltlich. Angesichts der zahlreichen Rundfunkmitschnitte, die dem Verfasser dieser Zeilen vorliegen, ist dies eine bemerkenswert magere Ausbeute. Auch sind die offenbar nicht wenigen Supraphon- und Panton-LPs aus der Zeit des Ostblocks nicht ins CD-Format \u00fcbertragen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem tschechischen Musikleben ist Hanu\u0161 vor allem dank seiner Chorwerke nicht verschwunden. Auch wurden in den letzten Jahren einige seiner Symphonien erfolgreich wieder zu Geh\u00f6r gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass das zunehmende Interesse an traditionalistisch ausgerichteter Musik des 20. Jahrhunderts auch Hanu\u0161s Schaffen zu gr\u00f6\u00dferer Aufmerksamkeit verhelfen wird. Au\u00dferhalb der tschechischen Grenzen kann dabei von einer Wiederentdeckung nicht gesprochen werden. Es gilt, diesen Meister erst richtig zu entdecken! Ihn gerade als Symphoniker dem Repertoire der gro\u00dfen Orchester zuzuf\u00fchren, w\u00e4re durch die Qualit\u00e4t seines Schaffens zweifellos gerechtfertigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, August 2021]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Smetana, Dvo\u0159\u00e1k, Jan\u00e1\u010dek und Martin\u016f haben der tschechischen Musik zu Weltgeltung verholfen und sind aus dem Repertoire des abendl\u00e4ndischen Musiklebens nicht mehr wegzudenken. Dennoch ist der reiche Schatz an Meisterwerken, die tschechische Komponisten hinterlassen haben, mit diesen gro\u00dfen Namen noch lange nicht ersch\u00f6pft. 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